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Die Stimme · 1928-04-19 · Heft 16 (19.4.1928) · page 12

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 16 (19.4.1928)
Date
1928-04-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 16 Musikleben in Palästina Von Friedrich Saphir. (Aus einem Gespräch.) Vom Musiklöben in Palästina geben die vereinzelten Zeitungsnotizen, die von Zeit zu Zeit zu lesen sind, kein erschöpfendes Bild. Und doch wäre es für die Kenntnis und Erkenntnis des jüdischen Musikschaffens von großer Wichtigkeit, auch in dieser Beziehung über Palästina auf dem Laufenden zu sein. Das Tatsachenmaterial, welches unserem Berichte zugrunde liegt, verdanken wir in erster Linie Herrn Friedrich Saphir, der seit 3 Jahren in T e 1 - Aviv lebt und kurze Zeit in Wien weilte. Saphir, welcher das hiesige Konservatorium als Cellist absolvierte, in Wien als Kammermusiker und einige Jahre hindurch im Orchester der Staatsoper wirkte, besitzt in Tel-Aviv ein großes Klavier- und Musikuntemehmen und führt daneben die Kammermusikklasse an einer Musikschule. Er sieht es als seinen höchsten ideellen Zweck an, das 'Interesse für ernste Musik in Palästina. zu wecken, regelmäßige Konzertaufführungen ins Leben zu rufen. . Die Musiker hatten und haben in Palästina hart zu kämpfen, um ihre Bestrebungen und sich selbst durchsetzen zu können. Die leitenden Stellen der zionistischen Organisation haben dringendere Aufgaben zu erfüllen, als sich mit musikerzieherischen Problemen und mit den Wünschen der jungen Musiker zu befassen. Die Stadtverwaltungen haben keine Kunstkommissionen und kein Geld für Subventionen. Alle künstlerischen Fragen, insbesondere die der Musikpflege und Musikausübung, sind der privaten Initiative einzelner überlassen odei; auf die Arbeitsfreude der Musiker selbst angewiesen. Die Verhältnisse, unter denen die heutigen Musiker in Palästina wirken müssen, sind eben noch klein und bescheiden, die Schwierigkeiten groß. Es bedurfte der Hingabe und Begeisterung, der Opferfreudigkeit und Selbstlosigkeit der dort lebenden Musiker, bis cflais wenige, welches bis heute geschaffen, erreicht werden konnte. Und das wenige ist, gemessen an der gesamten Lage, sehr viel. Tel-Aviv darf heute als musikalisches Zentrum des Landes angesehen werden. Vier Musikschulen sorgen für die musikalische Erziehung und Ausbildung der Jugend und auch der Erwachsenen. Eine, die Musikschule „Sulamith", wird von M. Hopenko geleitet, an der Joel Engel die letzten Jahre seines Lebens als Lehrer für Komposition, Theorie und Klavier wirkte. Die „L ö w i t-Musikschule‘‘ wird als Arbeitsgemeinschaft der Lehrerschaft geführt, denen Prof. D. S c h o r ein vorzüglicher Pianist und bedeutender Pädagoge, bekannt durch die seinerzeit berühmt gewordene Trio-Vererndgung (Schor- Krejn-EhrliCh), vorsteht. Ferner die Schule von Frau Bumste i n-A r b e r, einer ganz hervorragenden Klaviervirtuosin, Absolventin des Leipziger Konservatoriums, an der hauptsächlich Klavier und Kammermusik unterrichtet wird und die Musikschule von Grad, einem Komponisten und Musikschriftsteller. In Jerusalem gibt es merkwürdigerweise nur eine einzige Musikschule, die von Prof. S i 1, einem Nichtjuder (Engländer) geleitet wird. Auch sonst sind wenig Anzeichen vorhanden, daß sich dort eigene, ständige Musikpflege in nächster Zeit durchsetzen wird. Das „Quatuor de Jerusalem' das vor einigen Jahren regelmäßig konzertierte, mußte leider seine Wirksamkeit bald einstellen. Die wenigen Konzerte, die dort stattfinden, werden vor allem durch Künstler aus Tel- Aviv ausgeführt. Abgesehen von der Jerusalemer „Musik-Society", die ihre Tätigkeit auf einen geschlossenen Kreis beschränkte, gab es bis vor zwei Jahren keine einheitliche, zielbewußte Organisation, die sich die fruchtbare Aufgabe gestellt hätte, eine Verbindung zwischen Künstlern und Publikum herbeizuführen. Dieser wichtige Faktor für die Förderung des Musiklebens in Palästina ist endlich zustande gekommen, da es vor zirka eineinhalb Jahren gelang, in Tel-Aviv die „Society for Music in Palestine" zu gründen, die heute über 300 Mitglieder zählt und der Juden und Araber sowie sämtliche Regierungsvertreter angehören. Dank dem Enthusiasmus und starkem Schaffensdrang der Tel-Aviver Musiker, die sich ihrer Kulturaufgabe, die Musik in das Leben des Volkes einzugliedern, voll bewußt, keine Opfer scheuen und ihre ganze freie Zeit zur Verfügung stellen, konnte auch das erste Symphonieorchester Palästinas gegründet werden. Das unter der Leitung des begabten Dirigenten Fordhaus (Schüler von Dsimitrowsky in Kiew und des Petersburger Konservatoriums) stehende Orchester, gibt abwechselnd Konzerte in Tel-Aviv und Jerusalem. Von den gleichen Musikern werden auch Kämmermusikkonzerte veranstaltet. Freiwillig verzichteten die Musiker bisher auf jede materielle Entschädigung, um aus den Eingängen dieser Konzerte die Beschaffung der unumgänglich notwendigen Materialien zu ermöglichen und die Regien für die Orchesterabende zu decken. Die Konzerte werden unter den unmöglichsten räumlichen und pekuniären Bedingungen in einem Kinosaal, einem Ausstellungsraum oder im Beth-Am abgehalten, ' 1 Mit der Gründung dieses Orchesters und der Einführung von regelmäßigen Konzerten hat das Musikleben in Palästina seinen eigentlichen Umschwung erfahren. Es gibt noch immer viele Schwierigkeiten; so fehlen z. B. noch einzelne Instrumente, vor allem die Mittel zur Anschaffung einer Notenbibliothek. In rastlosem Eifer wird jedoch an der Vervollkommnung der Leistungen, an der Verbesserung der Verhältnisse gearbeitet. Auf Initiative der Orchestermitglieder wird mit Unterstützung einiger Privatpersonen der Bau eines Konzertsaales, der zugleich für Opernaufführungen benutzbar wäre, geplant. Damit würde eine der aktuellsten Fragen eine Lösung finden. Denn auch die Patästina-0per, die einea großen Apparat benötigt, der an ungeheure Ausgaben gebunden ist, kämpft um ihre Existenz, Ohne Subsidien von seiten der Regierung oder der Stadtverwaltungen kann die Opernfrage nie restlos gelöst werden. In keinem Lande,' in keiner Stadt vermag sich eine Oper ohne weitgehende Unterstützungen zu halten, umsoweniger in Palästina. Gegenwärtig besteht in Tel-Aviv ein Opernensemble, ebenfalls als Arbeitsgemeinschaft (Regie Daniel, musikalische Leitung Fordau), das von Zeit zu Zeit Aufführungen in Tel-Aviv und Jerusalem gibt. Das bis vor kurzem stark vernachlässigte Interesse für ernste Musdk zeigt eine erfreuliche, positive Entwicklungslinie, die sich durch eine stetig zunehmende Beteiligung an den musikalischen Veranstaltungen bekundet. Um den Bericht zu vervollständigen, seien noch einige Worte den in Palästina lebenden Komponisten gewidmet. Es sind ihrer nicht viele. Die Zeit ist noch nicht gekommen, da der jüdische Komponist in seiner „Heimat'*,, in dem Lande, mit dem sich seine Gedanken, seine Phantasien beschäftigen, leben und schaffen kann. Die auffallendste Erscheinung unter den in Palästina jetzt lebenden Komponisten ist zweifellos Dr. Sandberg. Ursprünglich Arzt, gibt er seine gutgehende Praxis auf, um sich ausschließlich der Komposition widmen zu können. Er kann sich anfänglich kein Instrument, kaum Notenpapier anschaffen. Von innerem Drang getrieben, ungeachtet aller Entbehrungen, schafft er unentwegt weiter, einen neuen Stil in der Musik suchend. Er sprengt die Fesseln althergebrachter Traditionen. Seine Musik wird durch den Flug seiner Phantasie, durch die umfassende Kraft seines Geistes befruchtet. Er ist Sehr modern. Hat bereits ein Quartett, zwei Symphonien (mit Chor), Oratorien und verschiedene Lieder geschrieben. Neuerdings komponiert Sandberg in Vierteltönen, reist im Lande herum und hält Vorträge mit Vorführungen über das Vierteltonsystem. Er ist wohl der einzige Musiker, der, entsprechend der hebräischen Schrift, die Noten von rechts nach links schreibt, Seine Werke sind noch selten aufgeführt worden. Bekannter ist S. R o s o w s k y, der nach dem Kriege Direktor des jüdischen Konservatoriums in Riga war und seit einiger Zeit in Jerusalem lebt, wo er eine Schule zur Erforschung der synagogalen Musik und zur Ausbildung von Kantoren begründet hat. Diese Schule ist für uns unentbehrlich. Denn gerade aus der Empfindungs- und Ausdrucksmöglichkeit, aus dem Melos und der Bewegung des Synagogen-Gesanges können die Grundlagen eines neuen Stils, neue formbildende Elemente gewonnen werden, In der letzten Zeit schrieb Rosowsky die Musik zum Schauspiel „Jaäkob und Rähel", das „Ohel" mit großem Erfolg herausgebracht hat, ferner ein Tonbild für großes Orchester „Chassidim". Augenblicklich arbeitet er an der Sammlung von Material für ein palästinensisches Liederbuch. Schließlich sei noch der junge Musiker N a r d i erwähnt, der in Wien studiert hat und vor kurzem mit einem eigenen Komipositionsabend hervorgetreten ist. Zusammenfassend läßt sich sagen: Die Situation für eine gesunde Entwicklung der jüdischen Musik ist in Palästina am besten gegeben. Die inneren Faktoren sind vorhanden, die äußeren müssen und werden dazu kommen. Von einen Tag auf den andern gelingt es freilich nicht. Auch die Reinheit eines Stils muß erst erarbeitet, durch Generationen schaffender Künstler erzeugt werden. Neue Werke von Josef Achron Der jetzt in New York lebende jüdische Komponist Josef Achron hat in letzter Zeit eine ganze Reihe neuer Werke vollendet, und zwar eine „Elegie" (auf Engels Tod), vier Improvisationen für Streichquartett, „Nach demBegräbni s", zwei Fragmente für Violine und Cello. Gegenwärtig arbeitet Achron an einem Werk für Blasinstrumente und an einigen Liedern. Dr« Israel Günzig — 60 Jahre alt Dr. Israel Günzig, der am 10. April dieses Jahres in bescheidener Zurückgezogenheit, die seinen, ganzen Werdegang kennzeichnet, den sechzigsten Geburtstag im Kreise seiner Familie und engsten Freunde gefeiert hat, ist ein Gelehrter und Schriftsteller von namhaftem Ruf. Er ist als Kind orthodoxer Eltern strengster Observanz am 10. April 1868 in Krakau geboren und genoß die übliche Erziehung in Cheder und Hamidrasch, so daß er bis zu seinem zwanzigsten Löbensjahre lediglich den falmudischen Studien oblag, allerdings mit jenem Fleiße und jener Gründlichkeit, die der heutigen Generation bereits legendär erscheinen. Die Haskalahwelle, die zu jener Zeit ganz Galizien erfaßte, ergriff auch den jungen Talmudisten Günzig. Er vertiefte sich in die Haskalahliteratur jener Zeit und begann selbst sich schriftstellerisch zu betätigen. Er ging im Jahre 1894 seinem Elternhause bei Nacht und Nebel durch, kam nach Leipzig, wo er, von dem Privatgelehrten Fabius Mieses unterstützt, an der Universität Philosophie und Orientalin inskribierte. An der Hochschule für jüdische Wissenschaft in Berlin vollendete er seine Studien. Im Jahre 1898 übernimmt er die Leitung einer Volksschule in Bielitz, wird 1900 nach Loschitz in Mähren als Rabbiner berufen, wo er bis 1921 tätig war. Infolge der Nachkriegsverhältnisse übersiedelte er 1921 nach Antwerpen, und ist dort als Leiter der hebräischen Tachkemoni-Schule tätig. Günzig veröffentlichte in klassischem Hebräisch zahllose Aufsätze auf den verschiedensten literarischen Gebieten in den Zeitschriften Hamagid, Hasman, Haiwri, Hazefirah, Machsikei-Hadath, Ozar-Hasifruth und vielen anderen. Er selbst gab in den Jahren 1898—1914 die Jahresschrift Haeschlkol heraus, in der hervorragende Schriftsteller zu Worte kamen. Von dieser Jahresschrift sind 7 Bände erschienen, Gütaäg hat auch in deutscher Sprache einige beachtenswerte Schriften herausgegeben. Seine Werke über Abraham Ab ul aff ia, ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Kalbala des Mittelalters, „Israel ba 1 Schern" (1914) und „Pessimismus im Judentum*' (1900), fanden in literarischen Kreisen große Beachtung. Im letztgenannten Buche beschäftigt sich Günzig mit Ursache und Wirkung des Pessimismus im Judentums, wobei er die Philosophie Gabirolis, Ihn Esra's, Bederesis und Ihn Pakude‘s einer verständnisvollen Behandlung unterzieht. In seinem Bache „Wundermänner im jüdischen Volke" (1913), behandelt Güncig 21 Männer, denen von den Zeitgenossen der Name Bal-Schem beigelegt wurde, angefangen von dem Pajtan Benjamin ben Serach bis zu dem „Zweiten Bal-Schem" der Maggid von Koßienitz, Sowohl in diesem Buche als auch in dem 1926 erschienenen „Das jüdische Schrifttum über den Wert des Leben s*', zeigt der Verfasser sein umfangreiches und tiefes Wissen auf dem Gebiete der mittelalterlichen Literatur und Religionsphilosophie, Da sich der Julbilar im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte befindet, so ist von ihm noch manche Bereicherung unserer Literatur zu erwarten. Dr. D. R o t h b 1 u m. Neue Zeitschriften in Wien Der Verband der zionistisch-sozialistischen Jugend gibt seit März d. J. eine Jugendzeitschrift „Blätter der zionistischsozialistischen Jugend“ heraus. Das erste Heft der Zeitschrift, das sich in geschmackvollem Gewiande präsentiert, ist in der Hauptsadbe Martin ©über (aus Anlaß seines 50, Geburtstages) und A. D. Go r dl o n gewidmet. — „Jiddisch" (eine Monatsschrift ifür jiddische Kultur in Wien), herausgegeben vom Wiener Jiddischen iKiuliurlkreis, ist ein Organ, welches in den. an der jiddischen Sprache «und Kultur interessierten Schichten den geistigen Kontakt vermitteln soll. iDie etwa 30 Seiten starke erste Nummer Ihat reichen Inhalt an belletristischem, informatorischem und 'kulturkritischem Material. Gesellschaft „Freunde des Jüdisch-Wissenschaftlichen Institutes“. Die Leitung der 'Gesellschaft, die durch die Generalversammlung vom 31. März gewählt wurde, hat sich wie nachstehend konstituiert: Obmann Dr. Leo 'Gold1 ha mm e rr Obmann-Stellvertreter Dr. 'R. 'Glanz, Kassier David1 Klingh o f f e r, Schriftführer M. Groß, Sekretär R. S t a l e k. Neue jüdische Bühnenkunst Aeaßerungen des Leiters des Moskauer Jiddischen Kammertheaters Alexis Granowsky. Neben Tairoff und Meyerhold gehört Alexis Granowsky zu den meistgenannten Bühnenleitern Rußlands. Im Jahre 1919 wurde er beauftragt, eine jiddische Theaterschule zu gründen. Aus dieser Schule, die anfangs 30 Schüler zählte, entstand 1920 das neue jiddische Staatstheater in Leningrad, das gegenwärtig seinen Sitz in Moskau hat. Sämtliche Mitglieder kamen als Rohstoff zu Granowsky, d. h. sie waren weder Schüler anderer dramatischer Schulen noch Schauspieler, und durften erst nach der Bearbeitung in der Werkstätte Granowskys auftreten. Dieses jiddische Theater ist gegenwärtig auf einer Welttournee begriffen und hat sein Gastspiel soeben in Berlin begonnen. Als Grundlage der schauspielerischen Erziehung betrachtet Granowsky die Beherrschung des eigenen emotionellen Apparates durch den Schauspieler, die Ausbildung der Fähigkeit, sich als Teil dem organischen Ganzen des Schauspieles einzuordnen. Die Bühnenkunst stellt sich als ein selbständiges Gebiet dar und deshalb müssen sich alle Elemente — Mensch, Text, Musik, Dekoration, Licht — einem einzigen unerschütterlichen Gedanken: der Ausführung der Partitur des Bühnenstückes unterwerfen. Da der Schauspieler zu dieser Aufgabe erzogen wird und sich als verantwortlicher Bruchteil eines einheitlichen Ganzen fühlt, ist er imstande, ohne in seiner Schöpferkraft gehemmt zu sein, im Rahmen dieser Hauptaufgabe zu wirken. In weiterer Konsequenz stellt für Granowsky und sein Ensemble auch die dramatische Literatur nur ein Element eines zusammengehörigen Ganzen dar und darf nicht Anspruch auf selbständige Bedeutung erheben. Ganz im Sinne der kulturpolitischen Methoden Sowjetrußlands berechnet der Regisseur die gesetzmäßigen gegenseitigen Beziehungen aller Elemente und ordnet sie dem Hauptgedanken unter. Ueberaus interessant sind die Aeußerungen Granowskys über Grundideen seiner Regiearbeit: „Wenn ich irgendein Werk auf führe, will ich dem Zuschauer die ganze Welt und die ganze Atmosphäre, in der die Helden leben, zeigen, und deshalb ist es berechtigt, daß ich, wenn der Autor das Milieu nicht zeigt, meinerseits dieses Milieu aus der Inszenierung heraus schaffe, von dem Gedanken ausgehend, daß ein Bühnenstück ohne die Luft, in der die Figuren leben, für das Theater nicht existent ist." Die praktische Durchführung dieser Idee erklärt Granowsky folgendermaßen: „Ich greife bei jedem Stück zu allen dramatischen Ausdrucksmitteln, je nachdem, was dieser oder jener Bühnenmoment in den Vordergrund rückt. Wenn ich mich mit meinem Ensemble über ein Stück geeinigt habe, stelle ich ein Szenarium her, auf dessen Grundlage ich mit meinem dramaturgischen Assistenten den Text des Bühnenwerkes festlege. Dann entwerfe ich eine Skizze der Partitur des Werkes. Jeder, der an der Inszenierung beteiligt ist, der Komponist, der Maler, der Techniker, bekommt seine genau umrissene Aufgabe, die er im Rahmen des Ganzen zu erfüllen hat. Auch für die Proben habe ich meine Methode: Zuerst muß der Schauspieler den Text und die Melodien vollständig beherrschen, er muß den Grundrhythmus des Schauspieles in sich aufgenommen haben, dann erst wird er in Bewegung gesetzt. Durchschnittlich proben wir jedes Stück mindestens 150mal, aber nie über 250mal. Das hängt davon ab, wie kompliziert die Aufgabe ist und wie bald die ßchauspieler das Bild und den Zusammenhang der Teile innehaben." Das sind die Grundsätze, nach denen Granowsky arbeitet, auf denen er das Theater aufgebaut und groß gemacht hat. Es läßt sich natürlich schwer sagen, wieviel darin Eigenes steckt, wieviel spezifisch Russisches, wieviel allgemeine europäische Theatertradition. Kritisch wird man zur Methode Granowskys und der Leistung seiner Truppe erst beim Wiener Gastspiel selbst Stellung nehmen können. * Wie uns aus Berlin berichtet wird, hat das Moskauer jiddische Staatstheater sein Gastspiel am dortigen Wallnertheater am 12. April mit einem sehr großen Erfolg bei Kritik und Publikum eröffnet. Es wurde die Komödie „200.000" gege-

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