Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1928)
- Date
- 1928-04-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 DIE STIMME Seite 9 e t f- B9 Palästina Brief aus Palästina Colonel Symes verläßt "seinen Posten. — Die Arbeitspolitik der Palästina-Regierung. — Vor einem Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitern. — Tagung des Arbeiter-Zentralrates. (Von unserem I. G.-Berichterstatter.) Der Chefsekretär der Palästina-Regierung Colonel Symes, welcher seit dem Amtsantritt des Oberkommissärs Lord Plumer im Jahre 1925 als Nachfolger von Sir Gilbert Clayton diese wichtige Stelle in der Regierung innehatte, verläßt in der nächsten Zeit Palästina, da er zum britischen Residenten und Oberbefehlshaber in Aden ernannt wurde. Wer sein Nachfolger in Palästina werden wird, ist noch nicht bekannt. Colonel Symes, der die maßgebendste Person für die Verwaltung Palästinas ist, hat während seiner Wirksamkeit auf das jüdische Aufbauwerk in Palästina nicht allzuviel Rücksicht genommen und seine vom reinen Verwaltungsstandpunkt geführte Tätigkeit, die sich insbesondere nach der »unparteiisch« fiskalischen Seite zeigte, hat viel zur Verschärfung der Krise in Palästina beigetragen. Es mag als Symbol der Besserung aufzufassen sein, daß jetzt, wo die Palästina-Regierung eine aktivere Tätigkeit für die Ueberwindung der Krise entfaltet, Colonel Symes seinen Posten verläßt. Die Palästina-Regierung hat den Vorschlag der palästinensischen Arbeiterzentrale auf Gewährung einer Anleihe von 15.000 Pfund an die Stadt Tel- Aviv zur Vornahme von Bauarbeiten, durch welche die restlichen Arbeitslosen der Stadt Beschäftigung finden sollen, nicht akzeptiert, dafür aber beschlossen, die Arbeiten beim Bau der Chaussee Kalkilieh— Petach-Tikwah so zu erweitern, daß die restlichen Arbeitslosen aus Tel-Aviv, etwa 500 an der Zahl, dabei Beschäftigung finden. Dadurch wird in Tel- Aviv die vollständige Einstellung der Arbeitslosenunterstützung ermöglicht. Der zionistischen Exekutive ist es möglich geworden, die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung ab 23. April einzustellen. (Von uns an anderer Stelle behandelt. Die Red.) Ein Symptom für die gegenwärtige Wirtschaftssituation auf dem Lande bietet der Umstand, daß e*r höhte Nachfrage nach landwirtschaftlichen Arbeitern bereits in der nächsten Zeit zu gewärtigen ist. Die Zahl der jüdischen Arbeiterin den privatwirtschaftlichen Kolonien beträgt heute 6304. Wenn wir von dieser Zahl die Zahl der Arbeiterfrauen, die selbst nicht arbeiten, abrechnen, erhalten wir die Zahl von 5554 Arbeitern. Von diesen Arbeitern sind 1383 bei der Bauindustrie, im Handwerk, Haushalt usw., und 4161 in der Landwirtschaft beschäftigt. Die landwirtschaftlichen Arbeiter verteilen sich wieder wie folgt: Die Zahl der das ganze Jahr beschäftigten Arbeiter beträgt 1437, in den Hilfswirtschaften sind 187 und bei Saisonarbeiten 2547 Arbeiter beschäftigt. Für die arabischen Arbeiter in den jüdischen privatwirtschaftlichen Kolonien ist es nicht gelungen, genaue Zahlen von allen Arbeitstellen zu erhalten. Laut den vorliegenden Nachrichten arbeiten jetzt in den Kolonien 1800^—2000 ständige arabische Arbeiter und außerdem 3000—3500 Saisonarbeiter. Dies zeigt, wie groß die Aufnahmsfähigkeit der Pflanzungskolonien ist. Man muß sich vor Augen halten, daß die Plantagenwirtschaft sich immer mehr erweitert und zweifellos in wachsendem Maße als Aufnahmeplatz für den jüdischen Arbeiter dienen wird. Die Angaben über die Plantagenwirtschaft bestätigen vollauf diese Annahme. Nach der englischen Okkupation wurde eine Fläche von 10.500 Dunam Orangen- und Bananenplantagen bearbeitet. In den Jahren 1923—27, als nach einer Unterbrechung von einigen Jahren mit der Pflanzung von neuen Orangegärten begonnen wurde, wurden weitere 11.000 Dunam bepflanzt. Dieses Jahr werden wieder bis 9000 Dunam gepflanzt. Wenn wir die Gewinne der Orangenplantagen in Betracht ziehen, scheint die Annahme berechtigt zu sein, daß auch im Jahre 1929 wenigstens dieselbe Fläche wie im Jahre 1928, d. h. 9000 Dunam, angepflanzt werden wird. Diese so schnell anwachsenae Pflanzungsfläche eröffnet neue Perspektiven für die Vermehrung der Anzahl jüdischer Arbeiter in den Kolonien. Wenn daher die Chaluzim-Einwanderung nicht erneuert wird, werden wir vor einem Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitern stehen. Dieses Moment wurde u. a. auch bei der jüngsten Tagung des Zentralrates der palästinensischen Arbeiterorganisation im Referate Frurakin betont, Ergänzt wurden diese Ausführungen durch das Referat H a r z f e 1 d, welches die Notwendigkeit neuer landwirtschaftlicher Kolonisation hervorhob. Harzfeld legte auch einen Plan für die Kolonisierung von 1000 Familien vor. Ueber kurz oder lang wird eben die Frage einer neuen Alijah vom Gesichtspunkt Palästinas selbst in den Vordergrund treten. Die Palästina-Regierung steuert 12.000 Pfund zum Budget von Tel-Aviv bei Der Distriktsgouverneur teilte dem Präsidium des Stadtrates von Tel-Aviv mit, daß die Regierung das Budget der Stadt Tel-Aviv für das Jahr 1928 mit kleinen Aenderungen bestätigt und beschlossen hat, zu diesem Budget 10.000 Pfund ohne besondere Zweckbestimmung und 2000 Pfund als Zuschuß für das städtische Hadassah - Krankenhaus beizusteuern. Lehrbetrieb an der Jerusalemer Universität! ilm Hinblick auf die von der jüdischen Studentenschaft in verschiedenen Zentren des Galuth erhobene Forderung mach Umgestaltung der hebräischen Universität in Jerusalem zu einer akademische Grade erteilenden L e h r-U n iversität hat, wie auis lLo«ndon berichtet wird, der Direktorenrat der Universität einen Unterausschuß eingesetzt, der sieb mit den (Fragen der zukünftigen Führung der Universität als Institut für Lehre und Forschung zu beschäftigen hat. Wie die Zeitschrift „New Judea" dazu mitteilt, hat dieser Unterausschuß auf Grund detaillierter Informationen, die von den Professoren und der Verwaltung der Universität gegeben worden sind, und mit Berücksichtigung der allgemeinen Lage der jüdischen Studierenden in Palästina und in anderen Ländern einen Bericht mit ins einzelne gehenden Vorschlägen ausgearbeitet, der der im Verlauf des Sommers 1928 stattfindenden gemeinsamen Sitzung des Akademischen (Rates und des Direktoren-Ausschusses der Universität zur Beschlußfassung vorliegen wird. Der Verein der Freunde des arbeitenden Palästina in Wien gibt seit 1. .Februar für seine Mitglieder ein Mitteilungsblatt „Erez-Jisrael-Ha owedeth“ (Das arbeitende Erez Israel) heraus. Die bisher erschienenen zwei Hefte, je 16 Seiten stark, enthaften eine Fülle gutem I n f o r m a it i o n s m a :t erials über den Stand der Arbeit in Land und Stadt Palästinas, über die Arbeiterschaft, ihre 'Organisation und ihre Institutionen sowie die Nachrichten des Vereines selbst. Das Mitteilungsblatt ist geeignet, dem Verein neue Freunde und aktive Mitarbeiter zu gewinnen. Die Republik der Kinder Das Waisendorf Ben-Schemen 'In Kow.no (Litauen) hatten Sich während der ersten Jahre nach dem Weltkriege zahlreiche jüdische Waisenkinder lamgesammelt, deren Eltern im Kriege verschollen oder in den ukrainischen Pogromen um gekommen waren. Es 'bestand die Gefahr,, daß diese 'Kinder völlig 'verwildern. Da begründete der Berliner Arzt und Pädagoge Dr. Siegfried L e h m ta n n mit einigen ianderen jüdischen Akademikern in Kowno ein K i nd e rlhau s, in welchem die Waisen, denen man weitgehende Selbstverwaltung gewährte, lamidwirtscbaftlich und handwerklich ausgebildet und so zu tüchtigen 'Menschen erzogen wurden. Später, Ende 1926, wurde der größte Teil dieser Kinder nach Palästina verpflanzt, wo sie jetzt lin idem Kinderdorf Ben Schemen leben — einer „Republik", in der es keine Erwachsenen gibt, sondern deren „Bürger" alle im Alter von 5 bis 15 Jahren stehen. Die Grundlage der 'Siedlung ist eine umfangreiche Landwirtschaft, die der Jugend eine gründliche Ausbildungsmöglichkeit in allen (Zweigen — Ackerbau, Viehzucht, Geflügelzucht, Gemüsebau usw. — gewährt, .Sämtliche Arbeiten werden in dieser Jugendfarm von den Kindern selbst ausgeführt; die Jugendlichen pflügen selbstu bauen ihre Häuser selbst, bestellen den Garten; es gibt in diesem Waisendorf keine Arbeit, die nicht vom den jungen Dorfbürgern selbst ausgeführt würde, Die exekutive Gewalt in dieser Republik liegt in dein Händen eines siebengliedrigen Direktorium s, in das fünf Knaben und zwei Mädchen gewählt wurden, vom denen jeder III FÜRS FRÜHJAHR die allerletzten Kreationen der Pariser Haute couture und eigener Schöpfungen aus edelsten Materialien ln unerreichter Auswahl zu den bekannt billigen Krupnik- Preisen in im i MIIP VII. KflllERSTR. 115 | Wir haben nirgends Filialen) §§ lli. TS'-: *\ vT- * Die Republik der Kinder. Oben: Ein Wohngebäude im Kinderdorf. Unten: Die jüngsten Bürger der „Kinderrepublik". ein eigenes Ressort verwaltet; der eine wacht über >d!ie „öffentliche Ordnung“, der andere über die „Volksgesundheit", ein Mädchen über die „Volkiswohllalhrt" und merkwürdigerweise ist auch für die Verwaltung der Finanzen ein Mädchen bestimmt worden. Die Direktoriums-Mitglieder erfreuen sich großer Achtung bei ihren .Mitbürgern; zur Herstellung von Ruhe im Speisesaal z. B. genügt es vollkommen, wenn idlas Mädchen, das mit der Aufsicht Ibetraut ist, lauf dien Tisch klopft. Die Gerichtsbarkeit in dem Meinen Staat wird von drei Richtern ausgeübt, die ebenfalls vom Direktorium auf ihren Platz gesetzt wurden. Erfreulich ist, daß sie im iMonat durchschnittlich nicht mehr zu tun haben, als ülber eine „Gesetzesübertretung“ zu richten, Kinder, die solchermaßen in der Ausbildung ihres Verantwortungsgefühls erzogen werden, erhalten natürlich einen ganz anderen Begriff ihrer penslönllidhen Würde, und idlas unerläßliche Gemeinschaftsgefühl wird auf das Höchste entwickelt. Freiwillig unterwerfen sie sich der Diisziplini, die sie als notwendig erkennen, und .die sie 'annehmen, ohne sie zu hassen. Und tatsächlich stehen Ordlnlung, Offenheit gegeneinander in dieser jüdischen Republik der Kinder dn höchster 'Blüte. Die Siedlung ist für 300 bis 400 Kinder angelegt, die im Laufe der nächsten Jahr« im Jugenddorf Aufnahme finden sollen. Ein Ausflug zu den Samaritanern Von Rudolf Seide». Eines der eindrucksvollsten Feste in Palästina ist wohl die Pessachfeier der Samaritaner, die sich selbst „Schpmrim“ nepnen, «Hüter und Schützer" des Glaubens. Sie sind eigentlich keine Juden, sondern Mischlinge aus jener Zeit, in der Salmanassar nach Eroberung des Landes die Juden nach Assyrien führte und Babylonier nach Palästina schickte, welche mit dem Rest des im Lande verbliebenen jüdischen Volkes verschmolzen. Seither legten die Samaritaner großen Wert auf die Erhaltung ihrer Rasse und ihrer Gebräuche, so daß sie heute noch ihre Bücher in althebr äi s c h er, d. i. in samaritanischer Schrift schreiben und Opfer bringen. Aus der Bibel' kennen sie nichts anderes als die ihnen heiligen Bücher Moses und Joauas. Jede Familie ist stolz darauf, ihre Thora, rolle selbst geschrieben zu haben; aber besonders stolz sind die Samaritaner auf eine Thora, welche 3500 Jahre alt sein soll (was freilich mehr als fraglich ist) und die nach ihren Erzählungen von Awischna, Sohn Pinchas, Enkel des Rleazar und Urenkel des Hohepriesters Aaron 13 Jahre nach Moses Tod eigenhändig geschrieben worden ist. Ihr geistiges Oberhaupt rühmt sich, ein direkter Nachkomme dieses Pinchas zu sein. Bei der Erbauung des zweiten Tempels nach der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft, wurde den Samaritanern die Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft verweigert. iSie eibauten damals nahe vom Sichern (Nablus), auf dem Berge Gerisim, einen eigenen Tempel; von den Römern wegen ihres religiösen und nationalen Fanatismus, später von den Byzantinern, den Arabern und schließlich den Kreuzfahrern arg dezimiert, schrumpfte dieses einst starke Volk immer mehr zusammen und heute nicht mehr als etwa 150 Seelen — durchwegs Handwerker und Händler — zählt, Man muß einen Tag vor unserem Pessachfest in Samaria eintreffen, denn das Fest der Samaritaner fällt nicht mit dem unsrigen zusammen. In dem Eisenbahnknotenpunkt Tulker e m haben sich Hunderte von Menschen einigefundem: von hier aus beginnt die Wanderung zum gemeinsamen Ziel. Längs der Eisenbahn führt der Weg nach Samaria (Sebastia), einem elenden Arabernest, nahe den schönen Ruinen des einst prunkvollen S c h o m r ö n, der Residenz der jüdischen Könige. Die Straße führt an Sichern (Nablus) vorbei; dort wohnen die Samaritaner, mehr als hundert Männer und kaum dreißig Frauen. Ihre Niederlassung besteht aus einem großen Hof mit umliegenden, ärmlichen Häusern, dem Tempel und der Schule, I i, r i>, it.;; ii 1;;. \;T i I 0053234853234853485323234853234823485353485323235323485353485348485323485348482348485353485348905348