Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1928)
- Date
- 1928-04-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053768--0256-3055522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 DIE SUMME Nr. 16 seilschaftsschichten angehören, lassen sich schwer unter einen Hut bringen.“ * Mit den palästinensischen Heilquellen and Kurorten befaßt sich ein palästinensischer Mitarbeiter des Warschauer „Hajnt" in nachstehender Weise: „Nach den letzten Ergebnissen der offiziellen chemischen Untersuchungen in London stehen die Tiberiasquellen unter den Heilquellen Erez Israels an erster Stelle. Es wurde festgestellt, daß die heißen Tiberiasquellen eine intensive Heilwirkung gegen Rheumatismus und Ischias, sowie gegen gewisse Arten der Haut- und Magenkrankheiten ausübt. Eine große jüdische Gesellschaft hat es unternommen, moderne europäische Heilanstalten, Hotels, Pensionen usw. an den Tiberiasquellen zu errichten und sie so dem kurbedürftigen Publikum zugänglich zu machen. Auch in der Umgebung von Tiberias gibt es zahlreiche heiße Heilquellen, die für den Kurgebrauch nutzbar gemacht werden sollten. In letzter Zeit gehen die Gemeindeverwaltungen Tel-Avivs und Haifas daran, am Meeresstrande Sanatorien und Heilanstalten für Lungen- und Nierenkranke, sowie für kranke Kinder zu errichten.“ * Ueber den Ansatz einer jüdischen Kolonisation in Frankreich schreibt der Pariser Mitarbeiter des New Yorker „Morgenjournal": „Die Ansiedlung von hundert jüdischen Familien als Landarbeiter in Frankreich kann natürlich, im Hinblick auf die Millionen notleidender Juden der ganzen Welt, nicht als Ereignis von historischer Bedeutung gewertet werden. Gleichwohl aber dürfen wir in dieser Tatsache ein Zeichen der Zeit erblicken. Die Berufsumschichtung innerhalb des Judentums macht immer größere, zielsichere Fortschritte. Die durch Jahrzehnte propagierte „Rückkehr der Juden zur Landarbeit“ hat nunmehr in verschiedenen Ländern eine Serie schöner Erfolge gezeitigt. Es sei in diesem Zusammenhänge nur auf die hohe Entwicklung der jüdischen Siedlungen in Erez Israel und Sowie trußland, Argentinien, Brasilien, Uruguay, auf die starken kolonisatorischen Ansätze bei der nordamerikanischen Judenheit, auf die jüdischen Kolonisationspläne in Polen hingewiesen, denen sich jetzt die Versuche in Frankreich anschließen. Frankreich ist ein schwach bevölkertes Land mit einer hochentwickelten Industrie — zwei Momente, die die erfolgreiche Zukunft einer rationell geführten kolonisatorischen Unternehmung gewährleisten.“ * Protest gegen Protest. Bekanntlich haben vor kurzem 31 rabbinische Autoritäten aus Sowjetrußland gegen den Protest der polnischen Rabbiner protestiert, in dem gegen die Verfolgung der jüdischen Religion durch die Bolschewiken in entschiedener Weise Stellung genommen wird. Hiezu schreibt der bekannte jüdische Publizist Benzion Katz im Warschauer „Hajnt": „Wir wollen die achtbaren religiösen Repräsentanten des russischen Judentums, die sich in einer entsetzlichen Zwangslage befinden und unter dem direkten oder indirekten Druck der „Jewsekcie"-Machthaber ihren von oben inspirierten Protest veröffentlichen, nicht beschuldigen. Aus der ganzen Fassung des Protestes, der sich besonders gegen jene wendet, die die religiösen Zustände in Rußland zum Ausgangspunkte einer „konterrevolutionären Hetzkampagne“ machen, geht lrMaLw>y~ttute Wien l Sofeniupm slvaße SVp. 22 Die beste und billigste ßinbuutsquelle Einheit» preise S 12 Ü deutlich hervor, wessen Geisteskind dieser Protest ist und welche politischen Absichten für diese höchst unfreiwillige Enunziation maßgebend waren. Wir bedauern es aufs lebhafteste, daß angesehene Rabbiner Sowjetrußlands in die traurige Lage gebracht wurden, sich für eine derart zweifelhafte Sache mißbrauchen zu lassen.“ Arisch-sittlicher Tanz Bei den Völkischen in Wii e n scheint sich eine Revolution vonzubereiten, eine vollkommene Umwälzung in ihrer sittliohrtgermanisahen Weltanschauung. Herr Dr. Walter Riehl bat nämlich berausgefumden, daß deutsche Volkheit und Nacktkultur keine Gegensätze darstellen, sintemal auch die alten Germanen im Sommer nadkt umhergingen, und dlaß der Bubikopf weder unsittlich noch undeutsah wibke. Zu diesen seinen Ansichten, diie die altbewährten völkischen Grundsätze von sittsamen Kleidern, alten Tänzen und langem iHaiar über Bord werfen, suchte Herr Dr. Riehl in einer Versammlung der Völkischen, auf deren Tagesordnung der Kampf gegen Schmutz und Schund stand, seine Parteigenossen zu bekehren. Er unternahm es, seinen 'Parteifreunden die iFruraht vor der Verniggerung auszutreiben und lediglich die IFurcht vor Verjudung als Harnisch und Panzer gegen sittliche Verirrungen gelten zu lassen. Der Joseplhäne Baker schönerer Teil scheint es ihm angetan zu haben, denn er erklärte pathetisch, daß die schwarzen Tänze der schönen Negerin keine Gefahr für die deutsche Jugend bildeten; ein Kinoplakiat, das ein nacktes Weib darstelle, wirke auf die völkische Jugend viel verderblicher als die Tänze der 'Baker. Dr, Riehl bedauerte sogar, daß die hohen Eintrittspreise den Besuch dieser Tänze erschwerten. Er bekannte sich als ein ausgesprochener Anhänger der kurzen Hiaare und der modernen Tänze. Ke Behauptung, der Bubikopf sei unsittlich und uhideutsph, bezeidhnete Dr. IRiekl als lächerlich. Und hinsichtlich der modernen Tänze meinte er •mit Emphase: Warum sollten nicht in arischen Gesellschaften und bei arischen Veranstaltungen moderne Tänze getanzt werden? Ein arischer Bursche, erklärte Dr. Riehl, tanzt einen modernen Tanz sittlich, während 'ein Jude audb einen Walzer unsittlich tanzen kann. So zerpflückte Dr. Walter Riehl mit echt arischem Heldenmut ein völkisches Ideal nach dem andern, so daß von dem Programm der Völkischen lediglich der Kampf gegen das Judentum übrigblieb. Die Wiener Völkischen mit ihrem Dr. Riehl an der Spitze spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Sie scheinen sich nicht bewußt, daß sie seit Jahr und Tag einen grotesken Tanz aufführen, und zwar tanzen sie diesen Tanz — was wir ihnen fhiemit gern bescheinigen — arisch-sittlich! Das System des Numerus clausus „Vertiefen und Ausbauen“ war die Regierungsformel der Regierenden in der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. Man erinnert sich noch, was da nicht alles vertieft und ausgebaut wurde: bald der Ausgleich mit Ungarn, bald das Bü/ndnis mit Deutschland, zum Schluß sogar der Dreibund, den man achtungsvoll Tripelallianz nannte. Diesg alte Regierungsformel, die sich bekanntermaßen allenthalben so glänzend bewährt hat, will sich nun Graf B e t h 1 e n, der Chef der reaktionären Horthy-IRagierumg zu eigen machen. Er will „vertiefen und ausbauen“ — in erster Linie, versteht sich, den Numerus clauses. Er plant nichts Geringeres, als ein ganzes System des Numerus clausus auf allen Gebieten d e s öffentlichen Lebens einzuführen. Daß er dies plant, geht aus einer Erklärung hervor, die der Führer der Partei der Rassensahützder, Emil B o r b 6 1 y - M a c zik y, kürzlich 'abgegeben hat, Herr Borbely-Maczky, dessen Partei offen antisemitische Politik treibt, sagte nämlich daß die prinzipiellen Differenzen zwischen Regierung und Rassenschützlern immer geringer werden und heute bereits kein Grund vorhanden ist, der eine Vereinigung der Partei der Rassenschützler und der Einheitspartei des 'Grafen Betihlen verhindern könnte. Die Regierung habe ihren Standpunkt in der Judenfrage geändert, das beweise das neue Gesetz betreffend dien Numerus clausus, sowie die Erklärung, daß die Regie r u n g b e re i t sei, das System dies Numerus clausus auf allen Gebieten des 'ö f f e n t li c ,h e n Lebens einzufülhren, — Demnach ist die Bethlen-Regierung den Rassenschützlern in weitestgehendem Maße ent’gegengekommen, Nunmehr kann die Vereinigung zwischen Regierungspartei und' Rassensohüfezlem im 'Zeichen des Antisemitismus vor sich gehen, Vor den Wahlen Deutschland steht jetzt im Zeichen der neuen Reichstagswahlen, und schon beginnen sich die unterschiedlichen, völkischen Kreise auf ihre mänmglidh bekannte Art im Wahlkampf zu rühren. Mit viel Worten und! wenig Witz holen sie alle abgeblaßten antisemitischen Ladenhüter hervor, um damit die Wähler zu ködern. Als eines der stärksten Wahlkampfmittel wenden sie das Flugblatt an; namentlich der Mittelstand, das Kleinbürgertum und die Bauernschaft werden allerorten mit völkischen 'Flugblättern überschwemmt. In diesen Manifesten wird! .der mangelnde Geist durch großkalibrige Druckschrift ersetzt. Es liegt im Wesen der Demagogen, daß sie das Sohreien und Schreiende lieben,, und1 man darf sich daher nicht wundern, daß sie auch in ihren Wabl'fluigblättern in schreienden Schriftzeichen randalieren. Zur Kennzeichnung der Art dieses völkisdh-antiisemitisohen Feldlgeschreis seien einige Proben aus dien Wahlflugblättern mitgeteilt: „Die Juden sind zwar auch Menschen, aber zugleich geheim-verschworene Feinde der nicht-jüdischen Menschheit...“ „Die Mörder des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand gestanden vor Gericht, daß sie vom Pariser Großorient für den Mord gedungen und bezahlt worden seien-eine Tagung des Großorients von 'Paris ist ,gleichbedeutend mit einer Tagung des Vorstandes der Alliance universelle israelite." „Wir Ibrauohen eine zweite, eine deutsche Revolution. Sie muß Abrechnung halten mit den Völlksbetrügern von damals, und mit ihren Hintermännern, den internationalen Geldfürsten..." „Es gibt ißeine Genesung der Völker vor der Ausscheidung des Judentums.“ „Auch die bolschewistische Bewegung war von Hebräern geleitet und finanziert...“ Besonders rührig zeigt sich der Niohtreiohsdeutsahe Adolf H i 11 e r; der 'Gründer und Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei befindet sich unausgesetzt auf Wahilagitafeionsreisen, und nach Hunderten zählen die Versammlungen und Sprechabende, auf denen entweder Hitler selber oder seine Agitatoren Stimmen werben. In einer einzigen Nummer des „Völkischen Beobachters", der regelmäßig den Versammlungskalender der Partei enthält, waren s e c h s u n dsi e b z i, g Veranstaltunigen vermerkt, die nur an zwei Tagen statfefanden. Obgleich Adolf Hitler, dem N i c lb treichsdeutschen, in großen Teilen Deutschlands das Sprechen in öffentlichen Versammlungen untersagt ist, so treibt er doCh seine Agitation in Mitgliederversammlungen und sonstigen geschlossenen Veranstaltungen. So macht jetzt Hitler allenthalben in Wahlen, — Als Wahimaohe ist auch die „Kleine Anfrage" zu 'betrachten, die die Abgeordneten Wieners- 'h aus und Dr. Koerner von der Deutschvölkisohen Freihöitspartei im preußischen Landtag eingebracht haben. Die Anfnaige lautet: „Wir fragen an: Ist das Staatsministerium bereit, bei der Reichsregierung zu beantragen, daß den Juden ■die G le i clhb e t e ch t ig ung wieder entzogen wird, und daß sie, dla sie Fremde, also keine Volksgenossen sind, unter 'Fremdenrecht gestellt werden?" Ist dies gleich barer Unsinn, so steckt doch völkisch-demagogische Methode darin. Die Führer der Deutsohivölkisahen Freiheitspartei, dlie für ihre Mandate fürchten, versprechen sich von solch demagogischem Blödsinn eine (günstige Wirkung auf die deutsche Wählerschaft. Dinter'sche Religionsgemeinschaft Der Apostel des Hakenkreuzes, Dr, Artur D i n t e r, hat, wie erinnerlich, im November 1927, „am 100. Geburtstage Paul de Legardes“, in Nürnberg eine „Geistchristliche Religionsgemeinschaft e. V.‘‘ begründet. Das Symbol dieser Dinter’schen Religionsgemeinschaft ist das übliche Christenkreuz, verbunden mit einem Hakenkreuz, das ein Strahlenkranz umrahmt. Zweck und Ziel der neuen Religionsgemeinschaft erfahren wir aus dem Abschnitt 2 der (von Dinter gezeichneten) Satzung, der wörtlich lautet: „Die völkische und politische Zerfahrenheit des deutschen Volkes hat ihre letzte und tiefste Ursache in der unheilvollen religiösen Zerrissenheit, wie sie durch die verschiedenen christlichen Kirchen und Sekten begründet ist. Diese sind dank ihrer dem arischen Geiste artfremden jüdischen Grundlagen schuld an der geistigen Verjudung und stoffanbeterischen (materialistischen) Versumpfung nicht nur des deutschen Volkes, sondern aller arischen Völker der Welt. In dieser Erkenntnis erstrebt die Geistchristliche Religionsgemeinschaft die Beseitigung dieses Zustandes durch Rückkehr zur reinen, von allem jüdischen Beiwerk befreiten Heilandslehre, wie sie von Dr. phil. nat, Artur Dinter in seinen Werken „Das Evangelium unseres Herrn und Heilands Jesus Christus nach den Berichten des Johannes, Markus, Lukas und Matthäus im Geiste der Wahrheit neu übersetzt und dargestellt" und „197 Thesen zur Vollendung der Reformation, der Wiederherstellung der reinen Heliilandlslehre" aufgezeigt worden ist... Sobald die Geistchristliche Religionsgemeinschaft durch die ganz natürliche Ausbreitung ihrer sieghaften Idee die Mehrheit der Volksgenossen für sich gewonnen hat, soll sie durch Volksentscheid zur Deutschen Volkskirche erhoben werden,“ Zu bemerken wäre, daß im Statut die Titel der Dinterschen Werke „Evangelium“ und „197 Thesen" fett gedruckt sind, woraus sich der Schluß ergibt, daß die neue Religionsgemeinschaft zugleich auch eine Propagandastelle für die Bücher Dinters sein soll. Außerdem scheint der Religionsstifter Dinter mit seiner neuen Gründung auch völkischpolitische Ziele zu verfolgen, denn gerade jetzt, vor den Neuwahlen in Deutschland, kommt er mit einer Monatsschrift heraus, die er „D ia s Gei st Christen tu m" nennt und als „Organ der Geistchristlichen Religionsgemeinschaft“ bezeichnet. Aus der vorliegenden ersten Nummer wollen wir hier nur einige Artikel-Ueberschriften anführen, durch die sich der Geist dieses Geistchristentums zu1 erkennen gibt; so z. B.: „Der Papst als Philosem.it", „Die zunehmende Macht der jüdischrömischen Kirche“, „Die Verjudung der christlichen Kirchen in Amerika“ usw. Auch die „Materie“ des ersten Heftes ist der Beachtung wert: die Artikel sind fast ausschließlich von Dinter, in der „Bücherschau" werden Dinters literarische Arbeiten besprochen, und der Inseratenteil enthält ein zweiseitiges Verzeichnis sämtlicher Dinterschen Schriften. Also: Geist und Christentum und — business. Ludendorff will nicht mehr Wie der Berliner „Vorwärts" mitteilt, hat Ludendorff seinen Anhängern „Rund um' das Hakenkreuz* einen Ukas zttgehen lassen, in dem er sich die „Inanspruchnahme seiner Person für die Partei verbittet“ und die Absicht bekundet, „außerhalb jeder Partei*1 seine politischen Feldzüge fortzusetzen. Er will also nicht mehr kandidieren. Fiür das politischparlamentarische Leben in Deutschland wird Ludendorffs Verzicht. bestimmt kein Verlust sein, wahrscheinlich nicht einmal für das Häuflein der Völkischen. Denn blendendes Aus. hängeschild und wirksames Zugmittel ist der Name dieses verwirrten Mannes nicht mehr. — Hinter diesem Ludendorff sehen Verzicht scheint sich aber auch die Furcht vor der eigenen Bloßstellung zu verbergen, Ludendorüf weiß ganz gut, daß er heute als „politischer Feldherr“ ziemlich isoliert dasteht und daß bei der geringen Zahl seiner Anhänger jede Kandidatur vollkommen aussichtslos Ist, Dieser Wirrkopf ist also verständig genug, aus der Not eine Tugend zu machen und sich rechtzeitig zum Stockmannschen Grundsatz, der stärkste Mann sei immer allein, zu bekehren.