Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1928)
- Date
- 1928-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 DIE STIMME Seite 5 So war alles aufs genaueste vorbereitet (ein Waffenlager war im Hotel „Rossia“ in Kischinew angelegt worden), als zwei Wochen vor den Ostertagen des Jahres 1903 Flugblätter und Plakate erschienen, die wörtlich also begannen: „Auf Grund eines Ukas des Zaren ist es den Christen während der drei heiligen Ostertage erlaubt, mit den Juden blutiges Gericht zu halten«“ Diese Flugblätter, denen Illustrationen über eine angebliche jüdische Heiligenbilderschändung beigefügt waren, sind laut Druckvermerk vom Reichskomitee des Heiligen Synod in Petersburg gedruckt/ Die Juden von Kischinew vertrauten dem Schutz der Polizei und der Garnison und schenkten diesen Drohungen wenig Beachtung. Ihr Vertrauen wurde furchtbar getäuscht: als der erste Exzeß ausbrach, blieb die Polizei untätig; sie verhaftete keinen Plünderer; als jüdische Fleischer sich sammelten, um die Pogromhorden abzuwehren, wurden sie verhaftet; die Polizisten nahmen an den Untaten aktiven Anteil; der Polizeikommandant fuhr während des Pogroms als interessierter Zuschauer durch die Stadt; das Militär hatte Patrouillen aufgestellt, die reglos in den Straßen standen; sie erhielten von den Pogromisten Essen, Getränke und Wertsachen gereicht, die aus den Häusern geschleppt wurden, und steckten sie ein; die Offiziere nahmen an den Plünderungen, den Mordtaten und an bestialischen Schändungen jüdischer Frauen und Mädchen teil. Und die Banden taten ihr furchtbares Werk, tatkräftig unterstützt von der „guten Gesellschaft“, die zu Fuß, zu Rad oder zu Wagen die Straßen füllten, in denen die Mörder und Räuber „arbeiteten“, sie aufhetzte, ihnen die jüdischen Häuser zeigte, wo reiche Beute zu erwarten war (viele jüdische Häuser waren schon in der Nacht von Sonntag auf Montag durch Kreidezeichen „markiert“ worden), an Raub und an Grausamkeiten teilnahmen. Frauen und Kinder haben dabei die entsetzlichsten Beispiele der Vertierung gegeben. So weit war in der christlichen Bevölkerung von Kischinew jedes menschliche Gefühl erstickt, daß sie es nicht zuließ, Schwerverwundete in ein Spital zu bringen. In den dreißig Stunden, da die Hölle in Kischinew raste, ereigneten sich Szenen, die nicht wiederzugeben sind. Dias „Ergebnis“ waren 49 Tote, die auf dem jüdischen Friedhof in Kischinew unter einem roten Ziegelbau ruhen, unzählige Verwundete, darunter 100 Schwerverwundete, von denen 30 für ihr Leben zu Krüppeln wurden, der wirtschaftliche Ruin des größten Teiles der jüdischen Bevölkerung, hauptsächlich der Armen (die Reichen und Reichsten hatten gegen riesiges Geld „schützende“ Heiligenbilder erhalten). Der „Probepogrom“ war gut gelungen und am 20. April nach 5 Uhr nachmittags rückte Militär in Gefechtsausrüstung aus, das militärische Standrecht wurde verkündet und ohne daß ein Schuß abgefeuert werden mußte, hörte der Pogrom sofort auf. Es wurden Verhaftungen vorgenommen und einige Monate später gab es 22 Prozeßkomödien unter Ausschluß der Oeffentlichk e i t, die damit endeten, daß ein paar bedeutungslose Individuen zu geringfügigen Strafen verurteilt wurden. Die wirklich Verantwortlichen durften nicht einmal im Prozeß genannt werden, denn, wie der große russische Anwalt Karabtschewsky, der zusammen mit dem berühmten Grusenberg und den Advokaten Kalmanowitsch und Sarudny die Privatkläger vertrat, in seiner Prozeßrede sagte: „Es war einfach die Ausführung eines verbrecherischen, höheren Ortes ausgegebenen Befehles!“ Die diesem Befehl gehorcht hatten, waren wohlgeborgen; Sipadino wurde Bürgermeister von Kischinew, Pronin Stadtältester. Nun durfte einige Monate später der Pogrom von H o m e 1 im Gouvernement Mohilew folgen, der klar erwies, daß man es mit den probeweisen Anfängen eines grausamen Feldzuges gegen die entrechteten und pauperisierten jüdischen Massen zu tun hatte, von denen Plehwe nach seinen eigenen Worten ein Drittel ausrotten, ein Drittel zur Taufe und ein Drittel zur Auswanderung zwingen wollte. Es folgten anfangs 1905 die Pogrome von Schitomir und B i a 1 y s t o k. Und am 19. Oktober 1905, einen Tag nach der Gewährung der russischen „Konstitution“, begann abermals in Kischinew die Serie jener Oktoberpogrome, welche die organisierte politische Gegendemonstration gegen die nach dem unglücklichen japanischen Krieg aufgeflammte Revolution darstellen sollten. „Ich werde die Revolution im Judenblut ersticken“ — sagte Plehwe. Judenblut floß im Oktober 1905 und in den folgenden Monaten von Odessa bis Tomsk« die Revolution wurde nur scheinbar erstickt, denn sie war nicht mehr aufzuhalten; das Maß der Sünden war voll und das Geschick des zaristischen Systems mußte sich erfüllen. Die Politik aber ist ideenarm. Das Plehwesche Rezept des Pogroms als politische Ablenkungsmethode, das in Kischinew erprobt und dann in ganz Rußland fortgesetzt wurde, blieb weiter bestehen. Und das Grauen vergrößerte sich gigantisch. Der Osterpogrom des Jahres 1903 in Kischinew forderte 49 Todesopfer und in allen Zarenpogromen der folgenden Jahre wurden insgesamt knapp 1000 Juden getötet. Was bedeuten diese Zahlen gegen den einen Petljura-Pogrom von Proskurow. gegen die blutige Ernte von Felsztyn und Obrutsch, wo Tausende von Juden hingemordet wurden? Vor 25 Jahren, als Kischinew ein Wort des Grauens wurde, gellte ein Entsetzensschrei durch die Welt; später erstarb das sogenannte Weltgewissen in Hochachtung vor der „politischen Methode“ und der Judenschlächter Petljura wurde bündnisfähig. Kischinew hat furchtbare Schule gemacht. economicus. „Schlagt die Juden und rettet Rußland!“ Das Moskauer Organ „Prawda" widmet dem Problem des wachsenden Antisemitismus unter den russischen Kommunisten einen langen Artikel und findet es besorgniserregend, daß jüdische kommunistische Arbeiter in den Fabriken von ihren Arbeitskollegen mißhandelt worden sind. Den jüdischen Arbeitern wird das in Rußland verbotene Wort „Zsid** (herabsetzender Ausdruck für „Jude“) zugerufen, auch die alte Parole „Schlagt die Juden und rettet Rußland!" wird wieder lebendig. Antisemitische Proklamationen werden immer häufiger. In Moskau schrieb der kommunistische Beamte Kolbasin an seinen jüdischen Nachbar Rosenbaum: „Denkt an die alten Pogrome und gebt acht, daß ich nicht eure Federbetten aufschlitze und die Federn fliegen lasse!“ „Prawda‘‘ begleitet die Mitteilung dieser Tatsachen mit einem Kommentar, in welchem sie das Steigen des Antisemitismus auf die wirtschaftliche Lage, die Konkurrenz des Privathandels, die Wohnungsnot und die jüdische Konkurrenz (J) in Jen Büros, in denen Juden in großer Zahl sitzen, zurückführt, Andere Moskauer Zeitungen wenden sich in schärfster Form gegen den antisemitischen Kurs, der in dem Moskauer großen Staatstheater herrscht. „Wetschernaja Moskwa" berichtet, daß der Hauiptregisseur des Staatstheaters, Galaw a n o w, es darauf angelegt hat, alle jüdischen Künstler aus dem Ensemble und dem Orchester hinauszuekeln. Der bekannte jüdische Geiger K r a i n hat infolge der Schikanen, denen er ausgesetzt war, .Selbstmord begangen. Galawanow weigerte sich auch, eine Oper des Komponisten W asilenko aufzuführen, weil das Textbuch von dem Juden Galpern stammt. — Als daS Bildungskommissariat den jüdischen Musiker Pasawski beauftragte, die Oper „Boris Godunow“ zu dirigieren, verbarg Qalawanow die Notenbücher und verhinderte das Debüt des jüdischen Dirigenten, Bei dieser Gelegenheit sagte er: „Wir werden in kurzem alle Juden hier los werden!** In der Tat haben bereits einige jüdische Künstler in den letzten Tagen das Theater-Orchester verlassen müssen, weil sie dem antisemitischen Verfolgungssystem Galawanows nicht gewachsen waren. In Moskau haben die Veröffentlichungen dieser Zeitungen großes Aufsehen erregt. Professor David Simonsen — 75 Jahre alt Der hervorragende jüdische Gelehrte und frühere Oberrabbiner Dänemarks, Professor David Simonsen, hat am 17. März in Kopenhagen seinen 75. Geburtstag gefeiert und war aus diesem Anlaß Gegenstand herzlicher Ehrungen seitens der Judenheit Dänemarks und anderer Länder. Professor Simonsen, ein Sohn des verstorbenen dänischen Großlbankiers Jacob Simonsen, war durch elf Jahre Oberrabbiner Dänemarks. Im Jahre 1902 legte er sein Amt nieder, um sich ganz der wissenschaftlichen Forschung und der gemeinnützigen Tätigkeit zu widmen. Er besitzt eine der großartigsten Bibliotheken auf jüdischem Gebiet, Professor David Simonsen hat in seinem Leben sehr oft die stille Forscher- und Gelehrten-Tätigkeit verlassen müssen, um mannhaft für die Ehre und die Interessen des Judentums einzutreten. Ihm und dem verstorbenen Vorsteher der Kopen- Neuorschalnung s LUDWIG DATO DIE JUDEN IM ALTEN WIEN Diese Monographie ist ein wichtiger Beitrag zur Kulturgeschichte Wiens. An Hand jetzt zugänglich gewordener Quellen werden zahlreiche historische Entstellungen berichtigt, in strenger Objektivität das Verhältnis der Habsburger zu den Juden und deren Leben und Leiden im alten Wien dargestellt. Wie ein spannender Roman liest sich der Bericht vom Kampfe dieses fremden und doch heimattreuenVolkes um Anerkennung seinerArt sowie seiner staatlichen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung. ln allen Buchhandlungen vorrätig PREIS: Broschiert S 6*60 Ganzleinen S 10*— PHALDON - VERLAG - WIEN TUCMHAND1UNO „ZUR SCHÄFBRIN“ ALBERT HARDT WIEN I, FREISINGERGASSE 1 (Ecke Bauernmarkt) Original englische Damenmäntel- und Herrenmodestoffe hagener jüdischen Gemeinde, Moses Melchior, ist es gelungen, durch Vermittlung König. Friedrichs VIII. von Dänemark, eines Onkels des Zaren Nikolaus II., den Juden Rußlands im Frühjahr 1907 drohende Pogrome abzuwenden. Als während des Krieges die Hauptstadt des neutralen Dänemark zum Mittelpunkt jüdischer Hilfsarbeit wurde, stand Professor Simonsen an der Spitze dieser Arbeit. Er ist einer der Begründer der Jüdischen Welthilfskonferenz und war deren erster Präsident. Der Heilige Stuhl gegen den Antisemitismus Das päpstliche Dekret über die Auflösung der Vereinigung »Freunde Israels«. Aus Rom wird uns gemeldet: Durch ein Dekret der Congregatio Sancti Officii wurde die Auflösung der seit 1926 bestehenden Gesellschaft »Freunde Israels« (Amici d'Israeli) angeordnet. Diese Gesellschaft, die von namhaften kirchlichen Würdenträgern unterstützt wurde, bezeichnete als ihr Ziel die Herbeiführung einer Annäherung zwischen Juden und Christen auf der Grundlage gegenseitiger Verständigung mit Ausschluß von Missionspropaganda; in Wirklichkeit aber hat die Vereinigung eine scharfe antisemitische Tätigkeit entfaltet. Das päpstliche Dekret, welches die weitere Tätigkeit der Gesellschaft verbietet, ist durch seine Stellungnahme gegen den Antisemitismus bemerkenswert; es heißt darin nach der Versicherung, daß die katholische Kirche dem jüdischen Volke immer günstig gesinnt war, weiter: »Im Geiste dieser Liebe für Israel hat der Apostolische Stuhl das jüdische Volk immer gegen ungerechte Bedrückungen geschützt. Ebensosehr wie er jeden Haß und jede Feindschaft unter den Völkern verwirft, so verwirft der Heilige Stuhl aufs schärfste den Haß gegen das erkorene Volk Gottes, jenen Haß, der im Antisemitismus in Erscheinung tritt.« Die erste zionistische Landeskonferenz Ungarns Nach einer 25jährigen Tätigkeit kielt die .Zionistische Organisation Ungarns am 8. und 9, April im (Budapest ihre erste legale Landeskonferenz ab. (Die ungarische zionistische Organisation wurde 1903 begründet, aber erst ian September 1927 wurden ihre Statuten von ider Regierung genehmigt. — Die Red.) Aus allen Teilen UmgarnS batten sich über 100 Delegierte und zahlreiche Gäste eimgefuind'em. Nach der Eröffnungsrede von Prof. Adolf Strauß ergriff Oberregierungsrat Dr. Ignaz Friedmann das Wort, um im (Namen des ungarischen Pr o - P a 1 ä s tina - V erb am des die V ersicberung a'hzugelben, daß .die Mitglieder dieses Verbundes iHiand1 in Hand] mit der Zionistischen Organisation für den ^Aufbau Palästinas arbeiten wollen. In das Präsidium der Konferenz wurden .gewählt: Doktor Josef Patai, Dr. Leop. Osztern, Dr. Adolf Strauß, Dr. Niszon Kahan, Josef Steiner und Armin Mezö. Dr. Leopold Osztern hielt im Namen des Präsidiums eine Ansprache, woraufhin Dr. Josef Scbönfeld Begrüßungstedegranwne der Zionistischen Weltorganisation iund zahlreicher ausländischer Organisationen voflas. Tiefe Wirkung übte das Begrüßungsschreiben des ältesten ungarischen Universitätsprofessors Julius Don a th, der der Hoffnung Audruck gab, daß die Verleum- •diumgem gegen das zionistische Werk in Umgarn endlich aufkören werden. (Dr. Niszon Kafoan, der Präsident der ungarischen zionistischen Exekutive, hielt ein -Referat über die Lage der zionistischen Bewegung in1 Umgarn, Dr. Josef S c h ö nf e 1 d referierte über die Bedeutung des Keren Hiajessod und des Nationalfonds, Dr. Friedrich Fried über die Organisationsarbeit. Am zweiten Tage der Landeskonferenz wurden die Berichte der einzelnen Kommissionen entgegengenommen, Es wurde beschlossen, das zionistische Organ „Zsido Szemle“, das bisher zweimal im Monat erschien, jede Woche erscheinen zu lassen. In den Debatten wurde sehr viel über die Jugendfrage gesprochen. Die Delegierten der Jugendvereine, die in einem Jugendverband konzentriert sind, der der Weltorganisation „Brith Hanoar" angehört, forderten Autonomie für den Jugendverband, die von der Konferenz auch gewährt wurde.