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Die Stimme · 1928-04-19 · Heft 16 (19.4.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 16 (19.4.1928)
Date
1928-04-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nf. 16 „HANSA“ WIEN I.f FRANZ JOSEFS-KAI 13 TELEPHON 75-409 Militär, Büros, Wohitungofi, Hypotheken, Verwaltungen Unter wenigen Tagen beste Resultate Eigene Kredltebtellung nur tflr grofie Transaktionen ratung in New York abgehalten. Jacob de Haas, Robert S z o 1 d und andere Redner übten scharfe Kritik an dem gegenwärtigen Stand der Dinge in Palästina, an der Leitung der zionistischen Weltorganisation und an der Führung des amerikanischen Zionismus. Jacob de Haas erklärte, er sei wohl ein Gegner der Jewish Agency-Idee, glaube aber, daß, wenn heute eine neue Administration gewählt werden würde, diese das nun einmal mit den Nichtzionisten getroffene Abkommen nicht wird annullieren können. Die Opposition werde sich fetzt auf das Ziel konzentrieren, eine Aenderung in der Leitung der zionistischen Organisation Amerikas herbeizuHihren. um dann den Kampf um die Vertretung beim Zionisten-Kongreß zu einem guten Ende zu führen. Eine Konferenz repräsentativer Zionisten ganz Amerikas wird zusammentreten, um den Ruf nach einem Wechsel der Leitung autoritativ ertönen zu lassen und die Vorbereitungen für die zionistische Jahreskonvention zu treffen. Das Datum der von de Haas angesagten Konferenz war für den 15. April angesetzt; jetzt verlautet aber, daß die Konferenz erst am 29. April in Washington stattfinden wird. Zu dieser Konferenz, bei der Brandeis selbst das Wort ergreifen wird, wird auch die zionistische Frauenorganisation „Hadassah“ eine Delegation entsenden. Diskret Prompt Kischinew und weiter... Ein grausiges Jubiläum Am Ostersonntag, den 19. April 1903 (6. April des julianischen Kalenders) — es war der siebente Pessachtag und in der bessarabischen Hauptstadt Kischinew gingen, wie im ganzen Gebiet jüdischer Massensiedlung in Rußland, die Juden zur Mittagsstunde aus den Bethäusern nach Hause — begann jäh und unvermittelt jene grauenvolle Judenverfolgung in der Stadt, die als „Pogrom von Kischinew" die ganze zivilisierte Welt mit Entsetzen erfüllte. Durch dreißig Stunden (bis zum Ostermontag um 6 Uhr abends), war die Judenschaft von Kischinew vogelfrei, ohne Schutz und ohne Wehr. 24 B a nd e n zu 10 bis 15 Plünderern, Räubern und Mördern ausgeliefert, die, von einer Schenke aus organisiert und dirigiert, in 24 Teilen der Stadt zu gleicher Zeit systematisch ihr Schreckenswerk begannen. Und im Stadtgarten von Kischinew konzertierten Musikkapellen; das Gebrüll der vertierten Horden, denen sich die „gute Gesellschaft“, Beamte, Polizisten. Zöglinge des Priester Seminars, elegante Damen angeschlossen hatten, die Hilfe- und Todesrufe der Ueberfallenen, das gelle Klirren der zertrümmerten Fensterscheiben, das dumpfe Krachen der Möbelstücke, die aus den Fenstern auf die Straße geworfen wurden, — diese grausigen Töne vermengten sich mit den lustigen Weisen der Musik zu einer Symphonie hohnvoll-blutigen Grauens. Der Osterpogrom von Kischinew war nicht der erste in Rußland und blieb nicht der letzte. Das Geburtsjahr des methodischen Pogroms war 1881, das Jahr, in dem der finstere Dämon Alexander III. den Zarenthron bestieg mit dem Vorsatz, die „Feinde Rußlands und des Zaren“ auszurotten. Damals gab es in den südwestlichen, klein- und neurussischen Gouvernements des Zarenreiches, in den Gebieten von Kiew, Podolien, Wolhynien, Poltawa, Cherson, Jekaterinoslaw regelrecht inszenierte Judenverfolgungen, zu denen auch vereinzelte Exzesse in Russisch-Polen (am bekanntesten der von der polnischen Schriftstellerin Elise Orzeszko geschilderte Ueberfall auf die Juden in Warschau, an dem sich auch — zu ihrer ewigen Schande — die polnische „Gesellschaft“ beteiligte, sowie der vom Militär inszenierte methodische Pogrom in S i e d 1 e c) kamen. Diese Exzesse, die sicher auch organisiert waren, wenn auch ihre Regisseure im Dunkel blieben, richteten unter den Juden schwerstes Unheil an und brachten in einem weiten Gebiet des russischen Ansiedlungsrayons das wirtschaftliche Leben der Juden dem Ruin nahe. Ihnen folgte die jüdische Massenflucht aus Rußland, die den Grund zur Masseneinwanderung von Juden in die Vereinigten Staaten, zu den Anfängen der jüdischen Kolonisation in Palästina und etwa ein wmm j,' ut' >_ .ÄÜ cP TH*»,' Nach Kischinew; Agnoszierung von Toten des furchtbaren Pogroms in Proskurow, der von den Banden des berüchtigten Petljura inszeniert wurde und über 1500 Todesopfer {orderte. (Nach einer von der Untersuchungskommission gemachten Originalaufnahme,) Nach Kischinew: Die Zerstörungen in der neologen Synagoge in Großwardein bei den jüngsten Exzessen der rumänischen Studenten. (Origmalaiufnabme.) Jahrzehnt später zu der Siedlungsaktion des Barons Hirsch in Argentinien legte, Doch der Kischinewer Pogrom von 1903 war weit furchtbarer; er war organisierter Judenmord; (die Pogrome der 1880er Jahre hatten, von vereinzelten Mordtaten abgesehen, nichts derartiges aufzuweisen) und er war die Frucht langer, wohldurchdachter Vorbereitung, die mit Geld und Wohlwollen von den höchsten Stellen aus gefördert wurde, Kischinew war gewissermaßen die Generalprobe für die zwei Jahre später einsetzende politische Pogromwelle, die unter dem Namen der russischen Oktoberpogrome in die jüdische Leidensgeschichte und in das Gedenkbuch menschlicher Schmach eingegangen ist. Und der Pogrom als politische Methode hat seither grauenvoll vergrößerte Nachahmung in den Tagen des Chaos in Polen, in der Ukraine, in Rumänien gefunden. Von Kischinew bis Proskurow und Großwardein läuft eine blutige Linie. Daß der Osterpogrom von Kischinew das Werk langer Vorbereitung war, dafür gibt es einen augenfälligen Beweis: ein Entstehen einer solchen Katastrophe gerade in Kischinew, zu einer Zeit, wo man Pogrome in Rußland bereits als ein Stück Vergangenheit betrachtete, in einem Gebiet und an einem Ort, SYNAGOGALES I KONZERT ■ der bedeutendsten Oberkantoren und ■ Sänger der Wiener Tempel ■ am Donnerstagi den 19. April 1928» ■ um 7a 8 (Ihr abends» Im Tempel» ■ II» Pasmanltengasse 6 ■ Reinertrag zugunsten des Chajes-Waldes Kartens Keren Kajemeth-BUro, I, Kärntnerstraße 28, Telephon 77-4-85-86, Kartenbüro „Aida“, II, Taborstrqße 3, Bücherstube Rath, II, Taborstraße 20 a und Buchhandlung R. Löwlt, 1, Rotentprmstraßf 22 iidir bawullta Zionist saht ln das streng Hotel-Restaurant A. Barschak II.» drosse Schiffgasse 9 Vorzügliche Palästina- und ungarische Weine MSBige Preise Telephon R-40-1-E9 wo in den Jahren 1881 und 1883, als ganz Südrußland Judenexzesse hatte, die Versuche Pogrome zu mszenieren, keinen Erfolg gehabt hatten. Es bedurfte also der entsprechenden „Vorbereitung"; in Kischinew sollte es sich zeigen, ob der politische Pogrom hervorgerufen werden konnte, wenn man seiner als Ablenkungsmittel bedurfte. Die Ablenkung aber brauchte man: denn die revolutionären Akte häuften sich und da das Regime des' hinterhältigen Feiglings Nikolaus II. schon im Jahre 1898 (wie aus inzwischen veröffentlichten Dokumenten hervorgeht) entschlossen war, zur „Mehrung des Reiches“ um die Mandschurei Krieg zu führen, so mußten im Augenblick, da es nötig war, Störungen auf dem Wege der Ablenkung beseitigt werden. So wurde Bessarabien, das sich zwanzig Jahre vorher als „unfruchtbar“ erwiesen hatte, ausgewählt, um die Probe aufs Exempel zu machen, die dann so furchtbar gut ausfiel. Zunächst mußten die Bewohner des Gebietes von Kischinew, die mit den etwa 55.000 Seelen zählenden Juden friedlich zusammenlebten, durch intensive Verhetzung so weit gebracht werden, daß sic gegen die Juden getrieben werden konnten. Dazu wurde mit Hilfe der höchsten Stellen von dem Journalisten Pawolaki Kruschewan, einem verkommenen Moldawier, der später ein Führer des „Verbandes der echtrussischen Leute“, der berüchtigten „Schwarzen Hundert“ wurde und auch bei allen späteren Pogromaktionen seine Hand im Spiele hatte, ein Hetzblatt „Bessarabetz“ begründet, das sofort mit der wüstesten antisemitischen Propaganda begann. Es ist erwiesen, daß das Blatt des Kruschewan vom Ministerium P 1 e h w e und vom Heiligen Synod riesige Geldmittel erhielt. Es leistete aber auch vorzügliche Arbeit: zwei „RituaL mordfälle“, der letzte davon, zu Beginn des Jahres 1903, wurden erfunden, um die Bevölkerung in „Stimmung“ zu bringen. Kruschewan war auch der Begründer des Kischinewer sogenannten Wohltätigkeitsvereines „Bessarabetz“, wo die Vorbereitungen für das Ostermassaker des Jahres 1903 getroffen wurden. Einer der regsten Mitarbeiter an Kruschewans Hetzorgan war der Vizegouverneur von Kischinew, Ustrug o w, der offenbar das Exekutivorgan der „vorbereitenden Aktionen“ war (der Gouverneur General von R a a b e n berief sich während des Pogroms auf die „Instruktionen des Vizegouverneurs"). Seit Jänner 1903 „arbeitete“ ferner in Kischinew der eigens aus Petersburg entsendete Chef der Geheimpolizei, Baron Lövendal, der dann knapp vor dem Pogrom geräuschlos verschwand, aber eine Reihe von Geheimagenten zurückließ, die dann mehrfach in den Reihen der Exzedenten „aktiv“ tätig waren, aber, wenn sie verhaftet wurden, „über höheren Befehl“ sofort freigelassen werden mußten. Die Organisation des Pogroms selbst besorgte Kruschewans Gehilfe und Hauptmitarbeiter, der Russe Pronin, welcher später dadurch berühmt wurde, daß er nach dem Pogrom in der Zeitung „Snamja" Aufsätze schrieb, in denen er den Nachweis zu erbringen versuchte, der Pogrom von Kischinew sei eine Abwehraktion der Christen gegen die Juden gewesen, die einen Pogrom gegen die Christen begonnen hätten. Auch dieses Rezept wurde später häufig nachgeahmt (man erinnere sich an die Vorfälle in Lemberg nach der Gründung des unabhängigen Polen und ihre offizielle „Erklärung“). „Hauptkommandant“ der Kischinewer Pogrombanden war ein Grieche, S i p a d i n o, ein umso brauchbareres Werkzeug, als in Kischinew vor dem Auftreten Kruschewans die einzigen judenfeindlichen Elemente die Griechen (bekanntlich nebst den Aegyptern die ältesten und verbissensten Judenfeinde) waren, welche dort eine große Kolonie von Tabak- und Weinhändlern bildeten. Nach Kischinew; Die den Pogrom überlebt haben. (Nach einer Originalaufnahme aus Ow rutsch, wo die Banden des Petljura ein grauenvolles Morden veranstalteten.)

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