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Die Stimme · 1928-04-19 · Heft 16 (19.4.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 16 (19.4.1928)
Date
1928-04-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 16 jüdischer Hochschulausschuß Wien IX. Zlmmerroonnplaiz 8 Sonntag, den 22. April 1928, präzise 8 Uhr abend» Großer Pestsaal des Handelsmuseums, Wien IX., Berggasse Nr. 16 Vorfrag Prof. Dr. Theodor Lessing (Hannover) »Die Psychologie des Jüdischen Radikalismus« Reglekarten beim Jüdischen Hochschulausschuß, IX., Zimmermannplatz 8, zwischen 12 und 2 Uhr Kapitals in die wirtschaftliche Zukunft Palästinas schließen läßt. Obwohl es stets schwieriger ist, geistige Entwicklungen zu bewerten als wirtschaftliche Veränderungen, so kann doch kein Zweifel daran sein, daß der Jischuw sich allmählich daran gewöhnt, der Wirklichkeit, mag sie auch unerfreulich sein, ins Auge zu sehen, daß er es immer mehr lernt, sich auf seine eigene Kraft zu verlassen. Dies gilt in gleichem Maße von allen jüdischen Gruppen, und es ist ein Gebot primitivster Gerechtigkeit, anzuerkennen, daß es ohne die rückhaltlose und unermüdliche Hilfe und Mitwirkung der Arbeiterorganisationen nicht möglich gewesen wäre, die Arbeitslosen durch sehr schwere Zeiten einer, wie man hoffen darf, besseren und nicht allzu fernen Zukunft entgegenzuführen. Diese Aussagen über die verbesserten Aussichten in Palästina gewinnen noch an Wahrheitsgehalt, wenn man ein wenig weiter voraus in die Zukunft blickt, und an die großen Unternehmungen denkt, die aller Wahrscheinlichkeit nach demnächst in Angriff genommen werden. In 18 Monaten werden die h yd ro-elektrischen Rutenberg-Werke fertiggestellt sein. Zu Ende dieses Jahres dürften die Hafenarbeiten in Haifa beginnen. Gleichzeitig ungefähr wird wahrscheinlich mit den Arbeiten am Toten Meer angefangen werden. Ebenfalls für Ende des Jahres ist die Entscheidung über die Mossul- Oelröhrenleitung zu erwarten, und wenn, wie man hoffen darf, die Röhrenleitung über Haifa geführt wird, so wird damit möglicherweise der Bau einer Eisenbahnlinie von Haifa nach Bagdad verknüpft werden. Im Gefolge solcher Entwicklungen dürfte Palästina das Zentrum einer ansehnlichen chemischen Industrie werden, und Haifa dürfte sich zu einem der großen Oelhäfen der Welt entwickeln, zugleich zum Hafen beträchtlicher Teile von Mesopotamien und Persien. Eine Entwicklung dieser Art dürfte das ökonomische Antlitz des Landes gänzlich umgestalten, und es handelt sich hierbei durchaus eher um wahrscheinliche Aussichten für eine nicht zu ferne Zukunft, als um vage Spekulationen. Kein vernünftig denkender Mensch hat nach alledem eine Entschuldigung für pessimistische Urteile über Gegenwart oder Zukunft Palästinas und des jüdischen nationalen Heims. Im Augenblick besteht die Hauptschwierigkeit darin, daß die amerikanischen Zionisten vorläufig ihren p r o p o r t i o n e 1 1 e n Anteil zum Budget nicht beisteuern konnten. Wäre das Budget gesichert, so könnte die Zionistische Exekutive die Verantwortung für die Einstellung der Arbeitslosenunterstützungen und ihre Ersetzung durch konstruktive Arbeiten übernehmen, eine Maßnahme, die für Palästina von großer Bedeutung wäre. In früheren Jahren pflegte man als einen der Gründe für ein Nachlassen in den Anstrengungen amerikanischer Zionisten Mangel an Vertrauen in die Lage in Palästina anzugeben. Obschon noch keineswegs alle Schwierigkeiten in Palästina überwunden sind, so ist doch kaum ein Zeitpunkt vorstellbar, in dem ein solcher Mangel an Vertrauen weniger gerechtfertigt wäre als gerade jetzt. Der dauernde und wesentliche Erfolg jüdischer Arbeit in Palästina ist jetzt gesichert. Die internationale Anleihe der Zionistischen Organisation. Die Exekutive der Zionistischen Organisation teilt mit, daß sie keine Verantwortung für die in der letzten Zeit in der Presse erschienenen, zahlreichen Nachrichten über eine internationale Anleihe der Zionistischen Organisation übernimmt. Die Nachrichten über den Stand der Verhandlungen, über Schritte einzelner Persönlichkeiten zur Unterstützung der Anleihevorschläge usw. sind zum größeren Teil völlig aus der Luft gegriffen, zum anderen Teile irreführend und nur gejeigpetf'Vorzeitige Hoffnungen zu erwecken, die der Schwierigkeit der Situation in keiner Weise Rechnung tragen. Das siebente britische Dominium Seit Jahr und Tag tritt der bekannte englische Arbeiterführer und gewesene Minister im Ma c - Do nald-Kabin e 11 für die Schaffung eines siebenten englischen Dominium® ein, das Palästina, Transjordanien inbegriffen, umfassen soll. Wedgwood, ein überaus warmherziger Freund der zionistischen Bewegung, .glaubt, daß es nicht nur im Interesse Englands, sondern aucfh der Juden liegen würde, wenn 'Palästina nach Schaffung einer jüdischen Majorität staatsrechtlich dem britischen Imperium als autonomes Dom iniu m, ähnlich) Wie Kanada, Südafrika, Australien und Irland, einverleibt werden würde, ln alten Reden, die er in den letzten Jahren Ihielt, betonte er stets diesen Standpunkt. Auch die Wiener jüdische Öffentlichkeit hatte Gelegenheit, diesen Standpunkt Wedgwoods in seinen öffentlichen Ansprachen, die er Mer anläßlich seines vorjährigen Aufenthaltes gehalten hatte, kennen zu lernen. In einer (Reihe von Aufsätzen und Artikel versuchte Wedgwood diese seine Anschauungen in eine Art politisches System einzuordnen. Sein soeben erschienenes Buch „The seventh Dominion“ (London 1928. The Labour Publishing Comp.) bietet ums eine Sammlung von elf Aufsätzen ü'ber die Probleme Palästinas und seines jüdischen Wiede rau Eba uw e r k e s. Wedgwood geht von der Ansicht aus, daß es in der Entwioklungslinie Englands liege, einen Bund von freien Völkern im Rahmen des britischen Imperiums zu schaffen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet er die jüdische Neubesiedlung jn Palästina nicht nur als eine jüdische, sondern auch als eine Angelegenheit Englands. England habe ein eminen- Nur gute Bücher in größter Auswahl zu S 1, 2, 3 Büchemchwemme »»VIENNA**» I. Bognerg. Nr. 4 tes ipolitiscihes Interesse, gerade jetzt, nach den letzten Ereignissen in Aegypten, seinen Stützpunkt nach 'Palästina zu verlegen. Dieser Stützpunkt ikönnte für England inur dann zuverlässig werden, wenn Palästina eine ausgesprochene jüdische Majorität hat. Ein jüdisches Palästina biete England eine weitaus größere Sicherheit als ein arabisches. England habe auch naah Ansicht Wedgwoods die Möglichkeit, laut Artikel 2 des Palästina-Mandats so viele Juden ins Land zu bringen, bis die jüdische Majorität, in der Wedgwood' die Vertreterin der höheren Zivilisation und 'Kultur den Arabern gegenüber erblicikt, geschaffen werden wird. Zu diesem Zwecke müßte die englische Kolonialpofitik bestimmte R i c h tii n i e n zugunsten eines jüdischen Palästina fest'legen, und ihre administrativen Körperschaften anweisen, in Palästina die jüdischen Bestrebungen nicht nur zu 'fördern, sondern auch materiell mit Staatsmitteln zu unterstützen. Denn nach Wedgwoods Ansicht, kann eine Großkolomsation nur vom Staate, aber nicht von privaten Gesellschaften durchigeführt werden. Er verlangt daher eine jüdische 'Mas s e n k ol o ni s a t io n, Tuchhaus Münz Wien I Ertlgasse 4 und Krantergasse 11 Zugangs Rotenturmstra&e 11—13 Import original englischer und schottischer Damen- und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen Welwele Zbarazers Briefe an seinen Bruder (Nach den Originalen in der Bibliothek der Wiener Kultusgemeinde.) Von Dr, Bernhard Wachstem, Wolf Eh renkranz aus Zbaraz (1819— 1892), unter dem iNatnen Welwele Zbarazer volkstümlich geworden, war ein echter Volksdiohter. Seine Lieder, deren Texte und Melodien er selbst verfaßte, wurden überall gesungen und werden es zum Teil noch» heute. 'Um nur eines der populärsten zu nennen — das Lied ..iGotts Bankrott“ war eine Art Kampflied der Aufklärer des Ostens gegen die „guten Juden", Ehrenkranz trug seine Lieder zumeist selbst vor; doch er hatte höhere (Ziele als ein „Singer" nach Art des Benl Broder zu sein. Sein künstlerischer Ehrgeiz galt der hebräischen Dichtung und) er hat auch fast alle seine jüdischen 'Gedichte gleichzeitig hebräisch verfaßt. Sein Leben war eia unstetes Wandern, das ihn durch .Galizien, Kongreiöpolen, 'Rumänien, W i e.n, .Berlin, die Türkei und ihre Hauptstadt Konstantdn<xpel führte. (Dort ist er auch gestorben. Der ausgezeichnete Historiograph Dr. Wachstem, der an d«r S|pitze der Wiener jüdischen Gemeindebibliothek steht, hat uns seine in den Publikationen dies Jüdischen wissenschaftlichen Instituts erschienenen (Briefe- Welwel Zbarazers am dessen Bruder sowie das hier reproduzierte Bild des Dichters freundlichst zur Verfügung gestellt; wir bringen nachstehend einleitende Bemerkungen Wachsteins zu den .Briefen sowie ein besonders charakteristisches Schreiben des Dichters in deutscher Uebersetzung (die Briefe sind itn Original fast durchwegs ein Gemisch aus einem sehr lebendigen Hebräisch und einem sehir deutschtümelnden Jiddisch). Die Red, Schon in frühester Jugend hörte ich von Welwele, hörte von seiner sprachgewaltigen Dichtung, aber auch von seiner Ungebundenheit, seiner Ueberheblichkeit und Respektlosigkeit gegen alles, was der ganzen Welt (soll heißen der jüdischen) heilig ist. Von all dem findet sich nichts in den Briefen an seinen Bruder — im Gegenteil, sie lassen erkennen, daß in Welwele noch ein gut Stück Bürgerlichkeit steckt. Doch in erster Linie enthüllen uns diese Briefe ein Stück von Welweles Seele, und gerade dasjenige, welches seine ganze Persönlichkeit beherrscht: sein tiefes Gesicht für Freundschaft und seine zärtliche Liebe zu seinen Angehörigen. * Solche Eigenschaften sind im allgemeinen bei Künstlern von der Art Welweles selten. .Selbstverständlich sind für einen wandernden Künstler, wie Welwele, gute Freunde wichtig, ja er braucht sie sogar fürs „Geschäft.“ Denn sie besorgen für ihn die Reklame. Außerdem aber muß ein Mann, der kein Heim und kein Haus hat, für seine Mußestunden gute Freunde und Zechkumpane haben. Doch man würde fehlgehen, wollte man meinen, dies sei die Wurzel des Freundschaftsgefühls bei Welwele. Um hier richtig zu sehen, muß man begreifen, welche bindende Kraft die Aufklärung, die Haskalah für Welweles Generation besaß. Das Verhältnis der Aufklärer der Maskilim zu einander war ganz anders als das geistiger Gemeinschaft oder etwa der modernen Parteigemeinsamkeit. Unter den Maskilim herrschte, besonders wenn sie nicht schriftstellerten, eine wahrhaft brüderliche Freundschaft .... Sie erwuchs schon aus dem gemeinsamen sozialen Schicksal; denn zum größten Teile waren die Aufklärer „suspekt“. Das betraf natürlich, nicht den Arzt der Kleinstadt oder den Großhändler, der der Haskalah irgendwie anhing; denen wagte man sich nicht etwas zu sagen, ja man begegnete ihnen sogar mit Achtung; das Bad hatte immer nur der arme Maskil auszugießen, der Lehrer, der Schriftsteller, der junge Mann, der die verfemten Schriften las. Die Maskilim hatten auch keine Ware zu verkaufen, die dem, der sie verkauft, Gewinn bringt. Ihr Ideal, das jüdische Leben zu verschönern, Licht und Luft in die jüdischen Wohnungen zu bringen, wurde zumeist nicht verstanden. Ueberdies kostete sie dieses Ideal viel. Sich von einem alten Erbstück zu trennen, gibt stets dem Herzen einen Riß, und deshalb sprechen die Aufklärer so gern und so viel von dem alten Leben. Man hat das Gefühl, daß sie zu tiefst in dem Leben stecken, gegen das sie Krieg führen. Welwele, der Volksdichter, wurde damit überhaupt nicht fertig. Wo findet man bei den Volksdichtern der ganzen Welt solche Sujets wie in Welweles Volksdichtungen? Die Maskilim sind eine kleine Gemeinschaft, deren Mitglieder in allen Judengemeinden zerstreut sind und in ihrer Umgebung vereinsamt leben. Sie brauchen einander, um einander in den Ideen zu bestärken, die sie für wahr und. schön halten, und um das Krachen der berstenden Balken überhören zu können, das ihre feinfühligen Nerven erschreckt. Welwele 'aber ist kein Maskil in vulgärem Sinn, kein gewöhnlicher „Hebraist“. Er ist ein Dichter, ein Mensch mit starken lyrischen Stimmungen. Seine Kumpane beim Wein sind ihm mehr als Zechbrüder; sie sind für ihn wirkliche Brüder. Diese lyrische Grundstimmung ist auch in seinem Verhältnis zu seinen Angehörigen zu erkennen. Den. Mann, der die halbe Welt durchwandert, zieht es nach seiner Heimatstadt Zbaraz. Rührend ist seine treue Liebe zu seinen zwei armen Halbschwestern. Hat Weltoele (wie es zumeist der Fall ist) wenig Geld, so sucht er seine Taschen durch und schickt, was er findet, nach Zbaraz. Der Empfänger der Briefe, *) Welweles Bruder, Meier, ein Kenner des Hebräischen, steht seinem Bruder am nächsten; denn er ist der „moderne“ unter den Brüdern Welweles, selbst ein guter Kenner des Hebräischen, selbst bemüht, für die „Himmelstochter“, die hebräische Sprache, etwas zu leisten. Bald nach der Zeit des in Rede stehenden Briefwechsels, übersiedelte er — um 1879 — nach Czernowitz, wo er im Jahre 1895 verstarb. Der biographische Wert der Briefe ist nicht von der Hand zu weisen; er soll gelegentlich noch behandelt werden. Jetzt sei nur darauf hingewiesen, daß wir Welwele nach den Briefen in Bacau (Rumänien), Brody, Drohobycz, Warschau, Wien, Zbaraz, Tarnopol, Czernowitz, Lemberg, Monaster- *) Es sind1 insgesamt 37, von denen wir Brief 12 in der Ueterseitzung folgen lassen, .— Die Red.

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