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Die Stimme · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 16

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 DIE STIMME Nr 14 15 Yemenitische Schulkinder in Tel-Aviv. als auch ein gewisses Bestreben, Versäumtes wieder gutzumachen, heraushören ließ — und entfernte sich, indem er Machbonai zu sich heranwinkte. „Levit", sagte er, ,,wenn du Arbeit an einem Opferaltar suchst, so komm morgen nach Zora zu meiner Mutter. Sie hat ein ganzes Gemach voll Götzen. Verstehst du dich auch darauf, unserem Jehova zu dienen?“ — ,.Selbstverständlich, auch ist ja der Opferdienst der gleiche.“ — „Frag* in Zora, wo sich das Haus Hazlelponis befindet; jedermann wird es dir zeigen.“ — ,,Ich danke dir, Sohn des Hazlelponi . . .“ — Simson lächelte. — ,,Sohn des Manoa“, verbesserte er, ,.Hazlelponi ist meine Mutter, mein Vater heißt Manoa; aber wenn du in Zora fragen würdest, wo sich das Haus des Manoa befindet, so wird der Befragte einen Augenblick nachdenken und dann ausrufen: Ah, du meinst den Mann der Hazlelponi!“ *“ Paiastinensiscne^chwarmgeister Von Dr. E. M. Zweig. Juden, Christen und Muslims wenden noch heute, wie ungezählte ihrer Geschlechter vor ihnen, dem heiligen Land Augen und Herzen ehrfürchtig zu. Dort sind die Heilslehren dieser drei Weltreligionen entstanden oder haben doch von dort her ihre stärksten Anregungen empfangen. Ist nun dies Palästina bloß ein weihrauchduftendes Tabernakel, darein uralte mystische Erinnerungen zu bewahren, oder gärt dort der Boden noch von der alten Kraft, religiös-sittliche Ideen zu gebären? Ist der Schoß Palästinas verschlossen oder noch mit Fruchtbarkeit gesegnet? Der Fremdling, der im glühheißen Sommer die Steinhänge Judäas starren sieht, wird schwören, daß hier alles Leben hoffnungslos erstarb. Und doch, beim ersten Regenschauer sprießt und wuchert es auf jedem Felsenriff; viel dorniges Unkraut, doch zwischendrein die zartesten, leuchtendsten, duftendsten Blumen von einzig-schöner Eigenart. Auch auf seelischem Gebiete mag es nicht anders sein. Wäre diesem, von der Unkultur und Mißwirtschaft vieler Jahrhunderte geschändeten Boden die Kraft sittlicher Erneuerung zuzumuten? Und doch, wer das emsige Schaffen, so die neue Zeit mit der britischen Verwaltung und der zionistischen Einwanderung ins Land gebracht, wachen Blickes betrachtet, wird zwischen all der auf Hausbau und Landwirtschaft, Handel und Industrie, kurzum aufs Materielle gerichteten Betriebsamkeit manch bunte Blume der Romantik blühen sehen, die nur diesem Boden entsprießen oder doch, nur hieher verpflanzt, gedeihen kann. Und gegen die Zauberpracht des Landes scheint niemand, welch Stammes und Glaubens er auch sei, gefeit. I. Als ich und die Meinen unsere Heimstatt noch nicht in Talpioth inmitten unserer jüdischen Brüder gefunden, sondern in der Bakaa, einem arabisch-muslimischen Sprengel, der ,.Griechischen Kolonie" zu Miete wohnten, hatten wir im selben Stockwerk zu Nachbarn eine jüdische Familie, die neben dem Hebräisch auch noch das aus der alten Heimat mitgebrachte Englisch sprach. Im Haushalt dieser Familie, die das Ehepaar und zwei halbwüchsige Knaben umschloß, schaltete eine rüstige Frau, über deren Stellung man nicht gleich klug werden konnte. Sie nahm die härteste Hausarbeit willig auf sich. Von Frühmorgen bis zur sinkenden Nacht sah man sie ernst und schweigsam ihre Pflicht tun. Dabei hatte sie nicht Aussehen und Art eines Dienstboten. Ihre Züge, die übrigens gar nicht jüdisch waren, trugen den Stempel der Vornehmheit und ihre Kleider, so abgetragen sie schienen, verrieten gutbürgerliche Herkunft. Gehörte sie nun zur Familie oder nicht? Unsere Nachbarin gab gern Bescheid. Miß M. war eine Christin aus Amerika, die daheim den Ruf Gottes vernommen hatte, nach dem heiligen Land zu ziehen und ihre schwache Kraft seiner Wiederaufrichtung durch die Juden, das auserwählte Volk, zu weihen. So war sie denn in den Dienst dieser jüdischen Familie, die ihr empfohlen worden, getreten und verrichtete ihr häusliches Werk als eine Art Gottesdienst um Gotteslohn. Was man ihr gelegentlich als Geschenk au.-drängte, behielt sie zum geringsten Teil und gab das andere an Bedürftigere weiter. Ihr Verkehr mit der jüdischen Familie war eng vertraut, doch ernst, gemessen. Das bißchen freie Zeit, das ihr blieb, verbrachte die Schwärmerin im Gebet. Nach mehrjährigem Dienst erbat sie sich schließlich Urlaub. Wieder war an sie eine überirdische Stimme ergangen, die ihr härteren Dienst auftrug. Nun wollte sie sich jüdischen Blinden widmen, die sie in ihrem Jammer hatte auf der Straße einhertappen sehen. Wer hätte der Gottbeseelten den Weg sperren können? Sie tauchte in einem jüdischen Elendsviertel Jerusalems unter und kam mir nicht mehr zu Gesicht. Segen den Gerechten der Völker, die in unseren Pfaden wandeln! II. An einem Sommertag, da mich in dem schwülen Büro des Nationalfonds-Hauptbüros zu Jerusalem die gewohnte Arbeit plötzlich anzuöden begann, lockte es mich hinaus in unsere jungen, von lebendigerer Arbeit pulsenden Dörfer. So schwang ich mich in das Dienstauto, das den Sendboten der Zionistischen Kolonisationsabteilung nach dem Galil trug, um mit den Siedlern da und dort die Pläne für das neue Landwirtschaftsjahr festzulegen. Am anderen Morgen fuhren wir von Tiberias her am Saum des funkelnden Harfensees südwärts und von der Kolonie Kinereth auf schlimmen Serpentinen nach Harkinereth empor, bis dahin, wo auf einer Lichtung inmitten des Jaar Austria ein paar baufällige Baracken im Karre standen. Gleich waren auch die vier Burschen versammelt, welche sich kürzlich nach diesem von anderen Gruppen verlassenen Platz gemeldet hatten, und wiesen uns Gäste nach dem besten Raum ihrer besten Hütte, wo wir uns auf gebrechlichen Stühlen am schwanken Tisch niederließen, um mit ihnen Rats zu pflegen. Der Sendbote besprach mit den Vieren und dann mit jedem von ihnen den Wirtschaftsplan und skizzierte, was dafür an Inventar und Bargeld nötig sei. Es waren scheue, wortkarge Gesellen. Zionisten natürlich und werkfrohe Chaluzim, hatte sie ein besonderes Ideal hieher zusammengeführt. Sie waren aus Scheu vor dem Mord an belebter Kreatur Vegetarianer geworden, und zwar solche der strengsten Observanz, die einen Lederschuh verschmähen und mit Bastsandalcn vorliebnehmen; ja, sie waren in ihrer Sehnsucht, einem natürlichen Leben recht nahe zu kommen, noch einen Schritt weiter gegangen. „Rohköstler“ waren sie nun, denen die Früchte des Landes, wie Gott sie geschaffen, als die köstlichste und allein würdige Nahrung galten. Man mochte viel über sie gelacht haben da draußen in der Welt und auch in Erez. Nun haben sie sich hieher in den Bergwinkel verkrochen. Mit dreien dieser Eremiten käm mein Freund, der Landwirt, schließlich zur Einigung, aber der letzte war besonders schwer traktabel. Ein Riese von Gestalt, der sich schon in aller Art Arbeit seit Jahren in Palästina umgetan, errötete über sein breites, kindliches Gesicht, sooft er reden sollte, und um seinen, von einem starken Schnurrbart beschatteten Mund spielte ein verlegenes Lächeln. Endlich gesteht er, Früchte wolle ei hier oben ziehen, Baum- und Erdfrüchte nach ihrer Art. Mein Reisebegleiter stimmt den Wünschen des Riesen ermunternd zu und will ihm eine „Preda", ein Maultier, für die Arbeit zuweisen. Da winkt jener bescheiden ab und seine Genossen verdolmetschen uns das: „Er will nicht, daß ein Tier sich um seinetwillen müht; er fühlt sich stark genug, um alle Last auf sich zu nehmen." Sie sagen das voll Ernst und gehen wohl dabei mit sich selbst ins Gericht, ob sie nicht um der eigenen gemeinen Bequemlichkeit willen die wahre Sittlichkeit opfern, der jener allein die Ehre gibt. III. Vor ein paar Tagen hatten wir uns kennengelernt, draußen an der von Eukalyptuslaub umgrünten Triumphpforte von Beth Hakerem, das aus trostloser Steinwüste am äußersten Westrand Jerusalems als schmucke Voi^ stadt — Schchuna erstanden war. Dort harrten wir, die jüdischen Honoratioren und manch andere Bürger der Hauptstadt, des Führers Weizmann, der von weiter Werbefahrt übers Meer nun wieder ins Land kam, sich neuen Mut zu holen. Und mit uns wartet ein europäisch gekleideter, schlankgewachsener Mann, mit schwarzem Haar, Schnurr- und Spitzbart; aus dem leichtgebräunten Gesicht strahlen dunkle Augen. Er wurde mir als Dömet Asis vorgestellt. Ah, jener Araber war es also, von dem als dem Dichter des in deutscher Sprache verfaßten Dramas „Trumpeldor", unseres Nationalhelden, ich schon gehört hatte! Rasch freundeten wir uns an und er gab mir, da gerade Weizmanns Auto, laut umjubelt, vom Jaffaer Kwisch nach Beth Hakerem einbog, für den Schabbath ein Stelldichein nach seines Onkels Heim, drüben bei Schnellers Syrischem Waisenhaus. Dieser mächtige, mauerumgürtete und von einer schmucken protestantischen Kirche übertürmte Bau war vor dem Kriege die Hochburg deutscher Kulturbestrebungen. An achthundert arabische Kinder, davon ein Großteil «ls Pensionäre, genossen da eine gründliche Erziehung. Das Lehrziel war das einer europäischen Bürgeryohule, erweitert durch den Unterricht in einem bestimmten H&ndwerk. Auch Dömet hatte diese Schule absolviert« die seit dem Kriege durch Geldmangel und das Mißtrauen der Engländer verkümmern mußte. Längs des Fahrweges, der sich an der Mauer des Waisenhauses hinzieht, reihen sich im Schwarzwaldstil schmucke, aus Deutschland gestiftete Landhäuschen, in denen vormalige Zöglinge der Schule als Mieter sitzen. Von jener Altane herab begrüßt mich schon, die lange Großvaterpfeife im Mund und das betroddelte, goldgestickte Käppchen ziehend, eine Gestalt aus der „Gartenlaube": der Onkel Dömets. Und nun kommt er selbst herbei und erzählt bei Tee und arabischen Süßigkeiten in sprudelndem Deutsch von seiner Vergangenheit, seinem Wirken und seinen Zukunftsplänen. Er sei vom Haus aus Christ. Der Stammbaum reiche nachweislich auf ein französisches Adelsgeschlecht zurück, das mit den Kreuzzüglern ins Land kam und hier im arabischen Volkstum Wurzel schlug. Er aber sei auf Grund seiner Studien über die Geschichte des Lahdes, die Orts- und Familiennamen, die Sitten, Bräuche und Feste seiner Bewohner zur festen Ueberzeugung gelangt, daß die sogenannten Araber Palästinas im Wesen nichts anderes als die alten Juden seien. Deshalb habe er es sich zum Lebensziel gesetzt, über alle Hemmnisse hinweg, die von religiösem Zwist und nationaler Verhetzung gehäuft wurden, die entfremdeten Brüder, Araber und Juden, wieder zusammenzuführen. Es gälte, das Mißtrauen hier und dort abzubauen. Und wenn ihn die Araber, welche ihn wegen seiner deutschen Erziehung und seiner jüdischen Freunde als abtrünnig verdächtigen, nicht hören wollen, so werde er nun nach Europa gehen und sich an die Juden wenden. Er kam auch wirklich bald darauf nach Wien und Berlin, doch die Juden wußten nicht, ob sie seine phantastischen Verbrüderungsreden ernst nehmen sollen. Enttäuscht kehrte er nach Haifa zurück und seither wurde es still von ihm. Hat er es ehrlich gemeint? Laßt mich als Antwort von seinem Gegenstück reden, einem Juden, der Brücken zu den arabischen Brüdern sucht! IV. Als Herzls Zionismus wie der junge Föhn von Wien auch durch Galizien stürmte, schuf es großes Aufsehen, daß in Lemberg ein aus assimilatorischer Familie stammender Student, der schon als Kind unitarisch getauft worden, sich als Zionist proklamierte und alle Rechte eines solchen beanspruchte. Da man sich an seiner Konfession stieß, rief er gar den Schiedsspruch Nordaus, des Atheisten, an. Als bald nach dem Weltkriege die dritte Alijah einsetzte, war unser Mann, der inzwischen als Mitglied des Leipziger Studentenvereines „Hatechia" wieder mosaisch geworden war und sich dann als Doktor der Philosophie in Berlin niedergelassen hatte, einer der ersten, die sich beim neugegründeten Wiener Palästinaamt um die Einreise nach Erez Israel bewarb. Als ich. damals Leiter des Amtes, mißtrauisch ablehnte, fand er später doch mit ein paar gleichgesinnten Gottsuchern vom vegetarischen „Danielbund" über den Brenner einen Weg nach dem Lande seiner Sehnsucht. Als ich dort nach Jahren gleichfalls gelandet war und nach dem Schwarmgeist Umschau hielt, erfuhr ich gar kuriose Dinge. Er war zunächst mal ein Chassid geworden und hatte auf Geheiß seines sterbenden Rebbe dessen Witwe geheiratet. Aber sie wanderte bald nach Kanada aus. Er blieb Jerusalem treu und hing, bedrückt von dem Gegensatz zwischen Arabern und Juden, pansemitisch-pazifizistischen Ideen nach. Nun, da er schon Christ und Jude gewesen, lockte es ihn noch, Muslim zu werden und in seiner Person alle religiösen Gegensätze zu vereinen und aufzulösen. So nahm er denn den Turban und eilte an den Hof Emir Abdallahs nach Amman, um sich ihm als Leiter des geplanten archäologischen Museums jener Ausgrabungen aus der althebräischen Glanzzeit Transjordaniens zu empfehlen. Abdallah hielt ihn, den er wohl für einen Spion der Zionisten nahm, solange hin, bis unser Freund mißmutig nach Jerusalem umkehrte. Dort lebt er seither in großem Elend, unterrichtet europäische Sprachen und schreibt für die „Preußischen Jahrbücher“ geistreiche Artikel in fesselndem deutschen Stil. Was er aber momentan gerade ist, ob Christ, Muslim oder gar wiederum Jude, kann ich nicht bezeugen. Da habt ihr vier Exemplare palästinensischer Schwarmgeister! Ich hätte ihrer noch mehr auf Lager. Jenen biederen Deutschen etwa, der in den einsamen Feldschluchten von En Fara seine Hängematte aufspannte, um, so gebettet, die Bibel zu studieren und fern dem Lärm der Welt nach ihren ewigen Wahrheiten zu forschen. Auch einen Messias gibt es, jenen alten, persischen oder kurdischen Juden, der seit Jahren in einer Höhle bei den Königsgräbern haust, von den Stockfrommen aus Mea Schearim schwer bedroht und von den Chaluzim wohlwollend beschirmt. Oder jenen buddhistischen Inder, der den unwiderstehlichen Drang fühlt, zum Judentum überzutreten. Oder auch jenen Chinesen, der, in seiner fernen Heimat zum Christentum bekehrt, nach Palästina eilte, um an der Wiege der Religionen ihren Geist zu erfassen, der hier Hebräisch erlernte und nun von einer jüdischen Schule zur anderen zieht, um dem Unterricht der Kleinen zu lauschen. Was sind sie alle —- Gottsucher, Erleuchtete oder Narren? Es sei anderen überlassen, da Grenzen zu ziehen. Jedenfalls wirkt in ihnen und durch sie das alte Palästina mit seiner die Herzen packenden Geschichte und Ueberlieferung, mit seiner erhabenen und erhebenden, seiner lieblichen und beglückenden Landschaft, mit seiner unversieglichen Schöpfungskraft.

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