Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14/15 OIE STIMME Seite 15 Rembrandt: Die Blendung Simsons. einst and. Der alte Gauner empfing mich nicht ein. mal — er ließ mir sagen, ich solle am nächsten Tage kommen; am nächsten Tage aber händigte mir der Pförtner ein Täfelchen mit einer Aufschrift ein. .Nimm das mit/ sagte er, ,und übergib es der Familie, so haben es Ehrwürden anbefohlen/ Auf dem Täfelchen aber stand folgendes — ich kann nämlich lesen: Wenn ich, wie einst Joseph, der Sohn Rahels, Stammesbrüder in Aemter einsetzen wollte, so würde das nochmals das gleiche Ende nehmen wie einstmals am Nil." Die Zuhörer brachen in ein Gelächter aus. ,,Dein Onkel ist ein kluger Mann", sagte Achtur. Daß Dan und die übrigen Geschlechter einstmals aus Aegypten vertrieben wurden, war in Kanaan ebenso allgemein bekannt wie die Tatsache, daß die Philister auf dem Seeweg aus Caphtor gekommen waren. „Der Glaube aber ist dennoch dumm." „Offen gestanden habe ich mir gedacht", bemerkte der Levit, sich an den Wirt des Gelages wendend, „ob. es nicht auch in Philistäa eine solche Gottheit gebe und ob du nicht ihr zu Ehren deinen. Namen Tajisch, der Bock, erhieltest." Tajisch und Achtur brachen wieder in ein schallendes Lachen aus, das diesmal so ansteckend war, daß auch die andern sich nach ihnen umwandten, sie mit bleiernen Augen ansahen und mit unsicherer Stimme fragten, was sie denn hätten. Eine Minute darauf wälzte sich die ganze Tafel vor Lachen; die einen schlugen sich auf den Kopf, andere hämmerten mit den Fäusten auf den Tisch, dritte wieder stöhnten — kurzum, man merkte, daß Machbonai eine ungemein spassige Frage gestellt hatte. „Das ist doch nur ein Spitzname", sagte schließlich Tajisch, sich die Augen wischend, „ich bin kein Philister; ich gehöre dem Stamme Dan an." „Und den Spitznamen ,Bock‘ haben wir ihm deshalb gegeben, weil er so struppig ist!" erklärte Achtur und riß seinem Tischnachbarn mit einer bebenden Bewegung die Mütze herunter. Eine Mähne dunkelbraunen, selten dichten und feinen Haars fiel ihm in die Stirn, über die Ohren und den Nacken bis herab auf die Schultern. Das Haar war an seinen äußersten Enden in sieben, etwa anderthalb Handbreiten lange feste Stränge von Daumenstärke zusammengeflochten. — Der Levit erbleichte und rückte ein wenig zurück. „Du bist also ein Nasiräer?" fragte er halblaut. „Wie aber verträgt sich das . . . mit dem da?" und er wies auf den Becher, der vor Tajisch stand, und die Weinlachen auf dem Tisch. Er war ernsthaft erschüttert. Wie die Gottheit heißt, der zu Ehren Religionsbräuche ausgeübt werden, das hielt er nicht für so wichtig; Gesetz aber bleibt Gesetz und darf nicht verletzt werden. Tajisch jedoch war hierüber anderer Meinung. Er antwortete vergnügt und laut: „In Zora bin ich Nasiräer; im Lande Ephraim ebenfalls; hier aber bin ich nicht ich. Der Oelbaum wächst im Hain, der Weizen auf dem Felde; ein jedes Ding hat seinen Platz." Und er trank seinen Wein aus, wobei Achtur zurückhaltend in seine weißen Hände klatschte. „Das ist Sünde, Herr", beharrte der Levit auf dem Seinen. Tajischs Gesichtsausdruck veränderte sich plötzlich; seine trunkenen Augen blickten streng und finster drein, die Mundwinkel hoben sich, die Nasenflügel spannten sich. Er beugte sich zum Ohr des Leviten und sagte deutlich: „Wachen und Schlafen hat seine Zeit. Dort bin ich wach; hier träume ich; dem Traum aber ist kein Gesetz vorgeschrieben. Trink und schweig!" Er wandte sich ab und begann mit seinem Gegenüber, das noch nicht endgültig betrunken war, ein Spiel. Es war der Ekronite, der das Fleisch mit dem Schwert geschnitten hatte. Dieses Spiel, uralt wie das Mittelmeer, war sehr einfach und zugleich unglaublich schwierig; beide ließen die rechte Faust gleichzeitig auf den Tisch fallen, wobei sie mehrere Finger ausstreckten; der eine der Mitspieler mußte im gleichen Augenblick, auch nicht um eine Sekunde früher oder später, die Summe der von beiden ausgestreckten Finger nennen. An den verschiedenen Tischecken wurden andere Spiele gespielt, soweit man noch Gewalt hatte über seine Hände; hier ein vereinfachtes Würfelspiel mit geraden und ungeraden Zahlen, dort so etwas Aehnliches wie unser Kartenspiel, unter Zuhilfenahme bunter Steinchen von vier Farben. Ringe, Armbänder, Anhänger — die Scheidemünze des Philisterlandes — gingen von Hand zu Hand, zuweilen unter Flüchen, zuweilen erst nach Streitigkeiten und Schiedsspruch der betrunkenen Tischnachbarn. Der Levit richtete seine Augen auf die Wirtin, und sie wechselten einen Blick. Unterdessen hatten die Mägde bereits einen Korb voll abgenagter Knochen zu den Hunden hinausgetragen, und jenseits des Zaunes erhob sich das Gewinsel und Geheul der sich in die Beute Teilenden. Nur die Stimme des Daniten schrie alle Augenblicke die abgerissenen Worte heraus: „Sechs . . . Vier! . . . Zehn! . . ." Er sah seinem Partner nicht auf die Hände, sondern in die Augen und nannte fast jedesmal die richtige Zahl. Plötzlich schlug er dem Ekroniten vor: „Magst du mit mir wetten? Wir spielen mit vier Händen, und ich muß dreimal hintereinander richtig raten." — „Einverstanden", sagte der Ekronite. „Und der Einsatz?" — „Der Einsatz ist einfach; alles, was ich verlangen werde — oder, wenn ich verliere, alles, was du verlangen wirst." — „Einverstanden", sagte der Ekronite. Es wurden Schiedsrichter eingesetzt; Achtur auf Seiten des Daniten und der Gast auf Asdod auf Seiten des anderen. Tajisch hob beide Fäuste hoch, sein Gegner ebenfalls, und beide hypnotisierten sich mit den Augen. Plötzlich ließen beide zugleich die vier Fäuste auf den Tisch niederfallen, und ehe sie noch auf die Tischplatte aufschlugen, brüllte Tajisch: „Vierzehn!" Die Schiedsrichter zählten nach. Tajisch hatte sämtliche Finger der linken Hand und einen der rechten ausgestreckt; der Ekronite hatte einfach beide Daumen eingebogen und je vier Finger ausgestreckt. Seine Finger zuckten leicht. — Wieder hoben sie die Fäuste. Die ganze Tafelrunde, außer den bereits Schlafenden, sah ihnen jetzt zu. Der Levit, dem vor Aufregung die Kehle ausgetrocknet war, starrte abwechselnd bald das eine, bald das andere Gesicht an. Beide Spieler waren leichenblaß geworden; aus den Augen des Ekroniten sprach äußerste Anspannung, während die Augen Tajischs sich noch tiefer unter die Brauen verkrochen hatten und gleichsam zielend oder sich zum Sprunge vorbereitend, darunter hervorlugten. — Bauz! — schon schlugen die vier Fäuste wieder auf, als wäre es nur eine einzige, indes Tajisch sicher und nicht übermäßig laut das markante Wort: „Nichts!" ausrief. Und so war es auch, die Fäuste waren zusammengeballt geblieben. Beim drittenmal war die Spannung geringer; aus irgendeinem Grunde erschien die Sache allen als entschieden. Der Ekronite blinzelte und schüttelte den Kopf, als hätte er etwas loswerden wollen; die Augen des Daniten diktierten, vielleicht aber lasen sie auch einfach in dem unkomplizierten Gehirn dieses Mannes uralter, aber unbeschnittener Rasse. „Elf!" Tajisch streckte einen Finger aus, sein Gegner alle zehn. Der Ekronite holte ein buntes Seidentuch hervor, wischte sich lange die Stirn, die Ohren und den Nacken und fragte dann: „Was habe ich verspielt?" — „Dein Schwert", antwortete Tajisch. Der Lärm, der sich eben erst an beiden Enden der Tafel erhoben hatte, brach schroff ab. Die übrigen Ekroniter rückten instinktiv näher an den Spielverlierer heran. Er schien den Kopf vollständig verloren zu haben. „Das ist unmöglich", sagte er leise. „Fordere was du willst, Simson, nur dies eine nicht — du weißt ja doch . . ." Die Nasenflügel des Daniten blähten sich wieder. „Ich will nichts davon wissen Du hast verspielt." „Unserem Freund aus Zora ist es zweifelsohne bekannt", mischte sich da der betagte Schiedsrichter aus Asdod ein, „daß es durch das Gesetz der Fünf Städte verboten ist, Eisen an Leute seines Stammes weiterzugeben. Das wäre Staatsverrat, und es steht Todesstrafe darauf." Simson war dies alles sehr gut bekannt; doch war ihm offenbar noch besser bekannt, daß in sämtlichen Bezirken der zwölf Stämme kein einziges Stück Kampfeisen vorhanden war. und er hatte viel getrunken. Langsam richtete er sich auf: die Leute aus Ekron und Geser griffen mit unsicheren Händen suchend hinter sich — aber die erfahrene Wirtin hatte schon längst durch einen Neger alle Schwerter fortschaffen lassen. Auch Achtur erhob sich, legte die Hand auf die Schulter des Freundes und sagte mit seiner herzlichen Bruststimme: ..Simson, sie sind deine Gäste . . . und ihr alle seid unsere Gäste hier in Timnata." — Taiisch senkte mürrisch das Haupt. — „Wenn du willst, geb‘ ich dir.. begann der Spielverlierer, aber schon unterbrach ihn der Danite: „Ich will nichts haben." Mitten in dem peinlichen Schweigen hörte man nur. wie die Hunde sich um die Speisereste rauften. Plötzlich brach Taiisch in ein schallendes Gelächter aus, setzte sich auf seinen Platz und brüllte: „Wollen nicht auch wir uns anzubellen anfangen? Frieden!" Er wandte sich zum Zaun Um, und nlötzlich antworteten aus der Mitte des Hofes dem Gekläffe der Hundemeute vier Köter: der eine — groß und sehr wild, der andere — ein beleidigter junger Hund, der dritte — ebenfalls ein junger Hund, aber zänkisch und frech; der vierte schließlich ließ seine Stimme nicht laut ertönen, sondern biß einfach zu, schmatzte und schnaufte. Und das alles war Tajisch ganz allein. Als er das Konzert beendet hatte, erhob er sich unter allgemeinem Gelächter — aus dem sich diesmal sowohl aufrichtige Erleichterung Oie Synagoge in Kephar Nahum in Palästina aus dem Beginn der fetzt üblichen Zeitrechnung, tot zwei Jahren zum Teilt aasgegraben. Das Bild rechts zeigt die gräadslerende Säulenornamentik.