Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 DIE STIMME Nr. 14/15 Natur ihre Gunst der sündhaften Stadt. Und wenn wallenden Gewand und erhob segnend ihre bleiche die Sühne gerecht wäre, würden sich die grauen* Hände wie ein benedeiender Priester gegen die Taft A H l*Ä aIi AlftHfl AM <4 AAM d IAMM A M A A 1 A J aa tT — ___ _ A4 _ " 1 f fl _ f % ■ 1 haften Erscheinungen in dem Schlosse nicht wieder holen. Das Volk möge sich zerstreuen, morgen sei Bußtag, Christus werde zu Grabe gelegt und man dürfe seine Ruhe bis zur Auferstehung nicht stören. Gehet und Gott sei mit euch — schloß der Priester seine Rede. Und das Volk ging — in die Judengasse. Es plünderte und wütete und schlug und mordete. Und es vollzog sich alles regelrecht, wie sonst bei derlei Ereignissen in der Weltgeschichte aller Völker und aller Zeiten, wo im Namen Gottes gemordet wurde. Zu erwähnen wäre nur, daß der Aelteste der Judengemeinde besonders feierlich erschlagen wurde. Das Volk schleppte ihn auf den Kirchplatz vor die Loggia des bischöflichen Palastes und der Bischof hatte nicht den Mut, auf die Straße zu gehen, um einen Juden aus der Hand seiner Henker zu retten. Da er die Angstrufe des Gefolterten nicht ertragen konnte, flüchtete er in das entfernteste Gemach seines Palastes, um nicht Zeuge des Martyriums zu sein und sich nicht mitschuldig zu machen an einem Mord im Namen der Christenheit. Und nachdem sich alles in herkömmlicher Weise zugetragen hatte, zerstreute sich das Volk mit schwerer Beute und leichtem Gewissen, mit dem beglückenden Gefühl, eine fromme Tat vollbracht und damit endgültig Gottes Zorn von Lobzow abgewendet zu haben. Und am Karfreitag kamen zur Grablegung dichte Scharen aus Lobzow und den umliegenden Dörfern in die alte Kirche, um ihrem Heiland das Geleite zu geben. Sie folgten der Zeremonie als Büßer, gute Christen, die des Seelenheils sicher sind. Und sie knieten, während der Priester die Christusstatue unter atemloser Stille in die unterhalb des gotisch geschnitzten Altares befindliche Nische versenkte, die das Grab symbolisierte. Er schloß die zwei eisernen schweren Türflügel mit einem großen Schlüssel, den er dem Mesner übergab. An jenem Abend war es still und traurig in der Judengasse. Es war ein freudloser Seder. den die Juden in ihren Häusern verrichteten. Die Fenster waren verhängt, um nicht die Aufmerksamkeit der Straße auf das Fest zu lenken. Leise und verschüchtert richteten die Kinder die überkommenen vier Fragen an ihre Väter. Leise und verschüchtert gaben die Väter die Antwort und feucht waren die dünnen Hagadoth von den Tränen, die auf die Blätter fielen. In dem Hause aber, wo der älteste Sohn des am Vortage erschlagenen Greises die Stelle seines Vaters auf dem Hessewbett einnahm, hing der alte Leuchter an der Decke kerzenlos. Die Familie saß stumm rings um den Tisch. Das Enkelkind konnte die Fragen nicht zu Ende sprechen. Kaum vernehmbar war das Lispeln der Hagadah, die Speisen wurden unberührt vom Tisch getragen. Als der Kelch des Eliahu gefüllt und die Türe behutsam geöffnet wurde, schrie der Sohn krampfhaft auf und donnerte in die Welt hinaus: „Gieße Deinen Zorn über die Völker, die Dich nicht kennen...!“ Da erschien plötzlich eine hagere Gestalt in der Türe, angetan mit einem langen, weißen, felrunde. Es war ein Mann mit weißem Bart und zwei brennenden Augen. Alles war gelähmt vor Entsetzen. Und als der Herr des Hauses sich erhob, um den Gast zu begrüßen, verschwand er wie ein Geist durch die offene Türe. „Eliahu war da“, lispelte das kleine Enkelkind, „Eliahu war da". „Er war wahrhaftig da“, antwortete einer nach dem andern. A:n nächsten Tage wurde der Fall in der Synagoge besprochen, leise, geheimnisvoll, mehr mit den Augen, als mit der Zunge. An jenem Tage aber, am Karsamstag. gab es in Lobzow ein zweites Wunder. Zahlreicher als am Vortage strömte das Volk in die alte Kirche, um Zeuge der Auferstehung seines Heilandes zu sein. Tausende von Menschen mußten auf dem Kirchenplatz verbleiben, weil sie die Kirche nicht fassen konnte. Freudige Stimmung herrschte in den Massen. Die aus Rom heimgekehrten Glocken tönten weittragend im Kirchturm. Drinnen vollzog der Bischof die Zeremonie. Die Gemeinde folgte allen seinen Bewegungen mit neugierigen Blicken. Als der Priester den Schlüssel von der Hand des Mesners nahm und sich auf die Knie niederließ, um Christus dem Grabe zu entheben und seine Auferstehung zu feiern, kniete die Gemeinde nieder, die Augen auf den Altar gerichtet. Der Bischof stieß den Schlüssel in die eiserne Tür, drehte zweimal um und zog kräftig an. Die Tür gab nicht nach. Er sperrte noch einmal ^u, dann wieder auf, die Tür gab nicht nach. Der Mesner kaut zu Hilfe, drückte den Schlüssel fest an. stemmte sich gegen die Tür, doch vergebens. Die in der ersten Reihe Knienden eilten herbei, faßten die schwere eiserne Tür an, zogen, stießen, drückten, schoben nach rechts und links — nichts half, die Tür ging nicht auf. Hinter dem Gitter lag ruhig die Statue des Christus. „Er will nicht auferstehen“, murmelte der Priester bleichen Antlitzes. „Nein, er will nicht“, murmelte der Mesner. Ein Mann aus dem Volke näherte sich mit Hammer und Zange dem Altar. Er setzte die Zange an, sie brach im nächsten Augenblick und die Tür blieb gesperrt, wie zuvor. „Göttliche Wunder!" schrie die Menge, „er will nicht auferstehen". Und die Rufe drangen bis auf die Straße. Die Menge wurde toll. „Es brennt!" schrie plötzlich jemand, „es brennt!" Es entstand ein furchtbar Gewimmel, man drängte und stieß. Frauen und Kinder fielen zu Boden. „Er will nicht auferstehen! Es brennt!" Als am nächsten Morgen der Diakon den Bischof seine Aufwartung machte und mit dem üblichen Ostergruß: „Er ist auferstanden!" in den Salon trat, antwortete der Bischof in herkömmlicher Weise: „Er ist wahrhaftig auf erstanden!" bedeckte sein Angesicht und fügte leise hinzu: „Aber nicht bei uns!" DER NARR Aus dem zweiten Kapitel des Romans „Simson“ Von Wladimir Jabotinsky. .Jabotinsky, neben seiner zionistischpolitischen Tätigkeit eine der stärksten schriftstellerischen Begabungen, welche cs heute gibt, hat in einem meisterhaft geschriebenen Roman »Simson« die Gestalt des biblischen Heros in ein neues Licht gerückt, indem er sie in eine rein menschliche Atmosphäre gestellt hat. Dieser Versuch, historische Verhältnisse zu rekonstruieren, ist ausgezeichnet gelungen. Jabotinsky hat mit kräftiger Plastik das alte ' Volksleben im Lande Kanaan in packenden Szenen dargestellt. Simson kämpft um die Befreiung Kanaans vom Joch der philistäischen Eroberer. Die Urzeit des Landes, der Menschheit wird lebendig, Urtriebe und Urgewohnheiten bestimmen das Leben der Menschen, ein hinreißendes Gemälde entsteht vor unseren Augen. Dieser Simson- Roman erscheint demnächst im Münchener Verlag Meyer & Jessen, dessen Entgegenkommen es uns möglich macht, bereits jetzt ein Kapitel des interessanten Werkes zu veröffentlichen. Es spielt in Timnata, dem Hauptsitz der Philister während ihrer 40-jährigen Herrschaft über Kanaan. Simson, ein Nasiräer aus dem Stamme Dan, in seinem Heimatdorf Zora ein strenger, ernster Jüngling, spielt bei den Philistern unter dem Namen »Tajisch« — der Bock, den ausgelassenen Zecher und närrischen Spaßvogel; wir wohnen einem seiner Gelage bei: .... Die Gäste weinten bereits vor Lachen und fuchtelten entkräftet mit den Händen: die Neger wälzten sich auf der Erde, die Wirtin und die drei Mägde bekamen hysterische Anfälle; selbst der Levit, der sich seiner Stellung bewußt war und überhaupt lärmende Heiterkeit nicht billigte, vermochte sich nicht eines beifälligen Ausrufes zu enthalten. Tajisch hörte ihn; er blickte scharf in die halbdunkle Hofecke neben der Küche und rief der Wirtin zu: Bei den Kindern Palästinas: Linke oben: Schulkinder aus Recboboth mit arabischen Kindern aus dem Nachbardori, — Links unten: Baumpilenzungsiest in der Ü^|>räiscben Schule in Rechobotb. — Rechts: Frühlingsfest im hebräischen Kindergarten in Rebhobotb. „Dergeto! Was ist das für ein Wandersmann dort bei dir?“ „Ein Kaufmann“, sagte sie, an den Tisch tretend, „ein sehr anständiger Herr. Er ist aus dem Hochland, aber ein ganz eigentümlicher Mensch — spricht mit singender Stimme wie ein Priester aus Ekron.“ „Ruf den Kaufmann her“, ordnete Tajisch an. „He, Wandersmann! Ich lade dich zur Tafel. Semer, gib ihm gebratenen Fisch und einen reinen Becher. Er soll uns dafür erzählen, was es Neues gibt in der Weit.“ Der Levit streifte schnell das verspeckte Tuch vom Kopfe, glättete das Haar und verneigte sich, an den Tisch tretend, höflich nach allen drei Seiten. Er war den Umgang mit Fremdstämmigen gewohnt; mit Philistern war er allerdings noch nicht in Berührung gekommen, doch machten auch sie ihn nicht verlegen. „Ich heißp Machbonai ben-Schuni, bin aus der Familie Kehat, der ältesten des Geschlechtes Levi“, stellte er sich korrekt vor, aber niemand hörte darauf; das Gelage war bereits bei jenem Stadium angelangt, da es keine gemeinsamen Gesprächsstoffe mehr für die ganze Tafel gibt und die Tischnachbarn nur noch miteinander trinken, plaudern, sich küssen oder sich zanken. Tajisch, der ohne Umstände und offenbar auch ohne große Anstrengung seinen verdutzten linken Tischnachbarn etwas beiseite geschoben hatte, wies auf den freigewordenen Platz. Der Levit setzte sich, tauchte die Finger in eine Wasserschale und machte sich (eine halblaute Beschwörungsformel vor sich hinmurmelnd, da er schon lange oder überhaupt noch nie Fisch gegessen hatte) ans Essen; aber es war ein umständliches Speisen wegen der Schuppen und Gräten, und so erklärte er alsbald, er sei nicht hungrig, und trank nur etwas Wein, den er mit Wasser mischte. „Von wo kommst du her?“ fragte ihn Tajisch mit ein wenig stockender Zunge. Ueber seine breite Schulter hinweg sah sein rechter Tischnachbar, sich in schöner Pose aufstützend, ebenfalls den neuen Gast an; seine linke Hand ruhte leicht und nachlässig auf der behaarten Pratze des Freundes — sie waren offenbar sehr befreundet. Der Levit hatte ihm schon vorher seine Aufmerksamkeit zugewandt und sich sogar seinen Namen gemerkt: er hieß Achtur. Es war ein geckenhafter, sehr schöner Jüngling; Stirn und Nase bildeten bei ihm eine gerade Linie, ohne Ausbuchtungen oder Höcker. „Ich komme jetzt aus Jebus", antwortete Machbonai ben-Schuni, „doch ging ich auf Umwegen, über Bethlehem; ich konnte mich nicht entschließen, geradeswegs nach Kirfah-Jearim zu gehen. Die Jebussiter wollen keine Straße ins Tal anlegen — sie fürchten sich; auf den Fußpfaden aber verirrt man sich leicht, auch wimmelt es dort von Raubtieren; und die Menschen dort sind auch nicht besser." „Jebus?“ sagte Achtur, „das ist doch dort, wo die Eingeborenen einen Bock anbeten?" , Ganz richtig", antwortete Machbonai, „sie selbst nennen ihre Stadt Jerusalem. Der älteste Priester im dortigen Tempel ist übrigens mein Onkel; daium geriet ich auch nach Jebus — ich wollte eine Anstellung im Tempel finden: in unserem Stamm isc nämlich ein jeder von Kind auf mit den Bräuchen des Götterdienstes, mit Musik und Tanz vertraut. Aber jetzt sind scheinbar jene guten alten Zeiten vorüber, da ein Verwandter für den anderen