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Die Stimme · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 13

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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Nr. 14 15 DIE STIMME Seite 13 Marc Chagall: Das Grab des Vaters (Original aus der Kunsthandlung Würthle, Wien 1., Weihburggasse 9). •V JW* ren im wesentlichen holländisch oder deutsch oder slawisch. Es war eine westeuropäische Geste in all dieser hochstehenden Kunst. Die jüdische Malerei war jung und unselbständig. Es war eine wurzellose Kunst, es fehlte ihr an nationaler Besinnung, an starkem, ureigenem Gefühl. Assimilationskunst, im besten Falle Kunst aus jüdischem Sentiment. Kein starkes, elementares Bekennen, den Mächten der dunkeln jüdischen Seele fremd. Sie hatte im Großen und Meisterhaften nur exotischen Reiz, Duft aus fernliegenden Gärten. Aber diese echtere und eigenere jüdische Kunst, die ich meine, ist seit einigen Jahren da, ohne daß man sie sonderlich bemerkte. Auch die, die diese Kunst besonders angehen müßte, sind an ihr vorbeigegangen. Und doch: hier ist ein ganz eigener bestrickender Zauber, etwas Altes, das wieder lebendig geworden ist. Verschüttete Brunnen rauschen, eine verklungene, uralte Melodie hat wieder zu tönen und singen begonnen. Es ist die jüdische Mystik, die Klang und Farbe bekam und in der Umwandlung Kunst geworden ist. Marc Chagall, der Russe, ist dieser von tiefster Seele aus jüdische Maler. Auch vom jüdischen Geiste aus. Er ist der Mann aus dem kleinen, melancholischen Wittebsk, aus dem Judenstädtchen mit dem von schwermütigen Schleiern umwobenen Himmel, von weiten, stillen Ebenen umgeben, den geheimnisvollen dunklen Wäldern. Der Mann voll slawischen Temperaments, das in Farben jubelt, in Gleichnissen sich auslebt. Ein Ghettojude, der in Paris künstlerisch zum radikalen Europäer geworden ist. Ein Umstürzler; ein Symbolist und Moderner auf der äußersten Linie. Ein Poet der Farbe, der malerischen Stimmung, ein jüdischer Mystiker. Merkwürdigste Synthese von Uraltem und Neuem, von altem Gefühl und neuem Denken bei diesem Künstler. Marc Chagall ist kein später Abkömmling der europäischen Malerei, kein Erber; er hat ihr vielmehr ein neues Element hinzugefügt. Er ist Orientale und Westeuropäer, Slawe und Jude. Aber vor allen Dingen jüdisch. Er steht seinem Material, seinem Weltbild nicht in Distanz gegenüber. Er malt und zeichnet wie einer der bedrückten, erinnerungsschweren, unter ihrer Last und ihrem Alltag keuchenden Juden von Wittebsk. Es ist die alte Ahasversehnsucht in der dumpfen Enge, die er ausdrückt, in seiner merkwürdigen Sprache veranschaulicht. Es ist so jüdisch, daß er seine Zeichnungen mit jüdischen Lettern signiert und betitelt. Der Winter ist Chagalls landschaftliche Jahreszeit. Eine Ghetto-Landschaft, Schnee der russischen Steppe breitet sich aus, so daß die morschen, windschiefen Hütten von Wittebsk-Piskowatik in ihm förmlich versinken. Er hat dieses Dorf in seinen ,, Kindheitserinnerungen“ geschildert. Damit auch die kleine jüdische Menschenwelt, vor allem seine Eltern und Vorfahren: Leute von schwerem Beruf und drückenden Sorgen. Hier blüht keine Freude, nur zuweilen die Sehnsucht. Alte Leute, greise Juden, sind auf seinen Judenbildern zu sehen: Ahasvergestalten. Man sieht, wie sie sich vom Erdboden erheben, emporfliegen. Oder wie sie auf dem Dache, auf dem Schornstein sinnend ausruhen. Empor aus der Enge der dumpfen Judenstuben und der Judennot. Das ist das Sinnreiche der ostjüdischen Existenz, das erträumte Wunder. Denn irgendwo im Uebersinnlichen ist ihre wahre Heimat. Die Seele wandert als Dybuk, die Phantasie schweift durch Himmelsräume. Der Rabbi ist es, der ihnen diese Wunderwelt erschließt. Ein armseliges Dasein, aber reich an Märchen und Legenden. Sie sind diesem Traum verschworen, und kennen nichts Besseres als Sinnieren (,.Klären“ nennen sie es) und hoffen. Faust in der jüdischen Dachstube oder Hamlet. Passive oder innerlich ringende Menschen. Der jüdische Friedhof in den graphischen Bildern von Chagall ist kein friedlicher, stiller Gottesacker. Er ist etwas Zerstörtes, Gebeugtes. Er hat sein eigenes Leben. Hier webt die Trauer, ertönt die Klage. Die Toten sind nicht tot, sondern sind in ein ewiges Leben eingegangen. Und wirken geheimnisvoll noch immer in der Gemeinschaft der Lebenden. Der kleine Judenfriedhof ist voll von Geheimnissen, ist von heiligen Wundern umwittert. Diese ganze Welt Chagalls ist wie von einer kindlichen Phantasie geschaffen. Es ist die Genialität eines Kindes in all dem Malen und Zeichnen. Kein Pathos, keine Anklage, naive Kunst schlechthin. Hebräisch gemalt gewissermaßen, und doch mit der größten Witterung für neuen malerischen Ausdruck. Chagall ist ein ungemein sensibler Kolorist und seine Kunst birgt Reize über das Stoffliche und Geistige hinaus. Sie interessiert nicht nur als ethnographisches Dokument, nicht nur mit ihrem symbolischen Charakter. Sie ist eine besondere Partie in der westeuropäischen Malerei. Und sie ist jüdische Kunst wie die Dichtung von Perez, von Bergeisohn und Anski: jüdisches Neuland, Land der ostjüdischen Seele .... Die Wunder von Lobzow Eine Legende von David Rothblum. Es war in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, als sich in der kleinen Stadt Lobzow, die sich in der Nähe der alten Polenstadt Krakau befindet, ganz merkwürdige Dinge zutrugen. Die Einzelheiten aufzuzählen wäre müßig, aber es genügt darauf hinzuweisen, daß es den Anschein hatte, als geriete die Welt aus ihrer Ordnung. So gab es beispielsweise keinen Schnee im Winter, daß man die Felder um die Stadt braun und dürr daliegen sah, wie einen Gottesacker, der nicht gepflügt und nicht geeggt wird, weil die Saat, die in ihn versenkt wird, nicht zum Aufgehen bestimmt ist. Im Sommer lag der Himmel bleiern, wie eine grauenhafte Kuppel, über der städtischen Siedlung und darüber hinaus, daß Menschen und Tiere keuchten und um Atem rangen. Das Land war unfruchtbar, die Menschen hungrig. Die Einwohner der Stadt bewegten sich schwer in den Straßen wie Lastträger die selbst nach abgelegter Last die Schwere in ihren Gliedern spüren. Dazu kamen noch die Zeichen, die von Zeit zu Zeit über Lobzow erschienen; ungewohnte Stürme, unter deren Wucht die Dächer gehoben wurden, roter Hagel in der Winterszeit, wütende Kinderkrankheiten, Heuschrecken, böse, aufscheuchende Gerüchte, die kamen und gingen, Brände und allerhand seltsame Geschehnisse, dergleichen die Aeltesten der Stadt weder jemals erlebt noch vernommen hatten. Zu den unsichtbaren Gewalten gesellte sich aber eine Erscheinung, die einfach lähmend wirkte. Zu gewissen Zeiten, wenn es keinen Mond und keine Sterne am Himmel von Lobzow gab, die Gassen so finster dalagen, daß die Menschen aufeinanderstießen, flammte um Mitternacht plötzlich das königliche Schloß auf. Es war, wie wenn sich ein Pulverlager lautlos entzündete, um augenblicklich zu verlöschen, oder eine Riesenflamme aus der Tiefe aufzüngelte, um nahrungslos zu verschwinden. Ganz Lobzow erstrahlte dann in hellstem Lichte, um bald wieder in die dichteste Finsternis zu verschwinden. Die Menschen eilten aus ihren Betten zu den Fenstern und richteten, von Grauen geschüttelt, ihre Blicke nach dem unsichtbaren Palast der polnischen Könige. Drinnen aber zeigten sich zwei helle Punkte, wie zwei Sterne am finsteren Firmament, die unruhig hin- und herflimmerten, bald im oberen, bald im unteren Stockwerk, Irrlichtern gleich, die suchen und locken. Die Erscheinung dauerte minutenlang, so daß sie alle Bewohner Lobzows beobachten konnten. Dann erloschen die Lichter und alles lag ruhig und finster da, wie zuvor. Es war grauenhaft, die Erscheinung von Zeit zu Zeit mitansehen zu müssen. In jenen Nächten bekreuzigten sich die Christen, wenn sie ihr Nachtlager wieder aufsuchten und die Juden wiederholten ihr Schma. Alle aber wußten, was das Gesicht zu bedeuten habe. Die Königin Esterka, des großen Kazimirz Ehegenoß, der vor dem Tode die Augen ausgestochen wurden, suchte ihre Lichter im eigenen Schlosse. Sie konnte sich verstümmelt im Himmel nicht zeigen und stieg, wenn sie sich in finsteren Nächten unbeobachtet glaubte, aus ihrem Grabe im Schloßgarten, um sich in den Prunkgemächern ihre Augen zu holen. Ihr Kommen und Gehen blieb aber nicht unbemerkt, denn die Flamme, die der geöffneten Gruft entstieg, kündigte den mitternächtlichen Besuch ganz Lobzow an. Man braucht es natürlich nicht erst hervorzuheben, daß alle diese Geschehnisse in der Stadt Lobzow und weit darüber hinaus im polnischen Reiche besprochen und erläutert wurden. Am meisten natürlich in der Stadt selbst, die von der überirdischen Erscheinung betroffen wurde. Im Beth-Hamidrasch und in der Kirche wurde gelispelt, geflüstert, erregt verhandelt und inbrünstig gebetet. Der Marktplatz aber glich mitunter einem Hexenkessel; da schrien die Leute und stritten miteinander, erregt, aufgewühlt, ekstatisch. Und schließlich war einer ehrlich und sagte es offen heraus: Die Juden sind schuld! Eigentlich haben es ja alle Christen schon längst gewußt, daß die Juden an dem ganzen Unglück Schuld tragen; nachdem es aber einer laut ausgesprochen hatte, war es wie eine Offenbarung, an der weiter nichts zu ändern ist: Die Juden sind schuld! Da es nun einmal feststand, daß die Juden das Gottesurteil verursacht hatten, so war es natürlich nicht mehr schwer, die Beweise dafür zu erbringen. Die Jüdin aus Opoczno, deren Schönheit es gelang, das Herz des großen Königs zu erobern, war eine Hexe gewesen. Der König vermochte nicht in seiner Sündhaftigkeit dem Zauber der blendenden Jüdin zu widerstehen, nahm sie zur Frau und setzte die polnische Herrscherkrone auf ihr schwarzgelocktes Haupt, Und er zeugte Kinder mit ihr, zwei Söhne und zwei Töchter. Und das heilige polnische Reich wurde mit Judenblut besudelt. Und die Kirche sagte ja und amen zu diesem Bündnis und der Adel blieb nicht fern vom königlichen Hof. Wohl wurde die Schuld nach dem Tode des polnischen Königs gesühnt, die Nachkommenschaft beseitigt und die schöne Königin geblendet und gemordet. In den Unruhen, die nachher in Lobzow entstanden waren, kamen viele Juden um ihr Leben, viele wanderten aus, wenige blieben im Städtchen, weil sie keinen Mut gefunden hatten, die heimatliche Scholle zu verlassen. War das aber genug? Verlangte nicht der Himmel nach einer sichtbaren, ganz besonderen, der ganzen Christenheit als Warnung dienenden Sühne? Und weil es gerade Gründonnerstag war, am Tage vor der Grablegung, wurde das Volk erregter und blutrünstiger. Es bildeten sich Gruppen im Städtchen, in denen alles Unheil besprochen wurde, das durch das Judenvolk in allen Zeiten über die Welt kam. Und das Volk beschloß, die Schande nicht mehr zu tragen und wälzte sich zur bischöflichen Residenz, tun Rache zu verlangen, Rache für die Missetat der Jüdin aus Opoczno und für die Kreuzigung ihres Heilands; dann werde Gottes Zorn weichen von Lobzow und seinen Gläubigen. Der Bischof mahnte zur Ruhe. Kein Mensch, sagte er, dürfe in die Vorsehung eingreifen und über seine Mitmenschen richten, wenn er dazu nicht von Gott oder Staat berufen ist. Die Juden seien wegen des Uebermutes der Ester blutig geschlagen und gemordet worden und trotzdem entziehe die t Flucht (Nach dem Gemälde von Stanislaus Bender). ilffi iiÄ iiiiipf

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