Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 14 15 -Ich kaufe 1000 Pud Safran zu 425 Rubel pro Pud und verkaufe ihn zu 37’ j, 38T-2 und 39F>j. Wie groß ist der gesamte Gewinn?« Reb Jisroel antwortete buchstäblich sofort und wieder war das Resultat fehlerlos. Er war fast jeden Abend Gast bei meinem Vater, der auch ein Anhänger des Rabbi von Kozk war, und blieb bis nach Mitternacht. Von Freitag abends bis Sonntag morgens wohnte Jisroel nahezu die ganze Zeit bei uns. Er sang nur Sabbat-Gesänge eigener Komposition, von anderen hielt er nach Künstlerart nicht viel. Wenn er die Gesänge zusammen mit anderen Chassidim sang, so dirigierte er mit dem Finger und achtete darauf, daß die Tonart eingehalten wurde. Sang jemand falsch, so stampfte er ärgerlich mit dem Fuß auf. Seine Kompositionen waren ziemlich schwierig und enthielten komplizierte Passagen, die durch alle Lagen gingen; aber ihre echte Musik ergriff alle Zuhörer. Manchmal, wenn die Chassidim zusammensaßen, bat der Vater Reb Jisroel, eine neue Weise zu improvisieren und vorzusingen. Dann ging Jisroel einige Male im Zimmer auf und ab, bewegte dabei die Finger und nach kurzer Zeit war eine schöne Weise fertig, die alle bezauberte. Im polnischen Aufstand des Jahres 1863 war Reb Jisroel mit ganzer Seele R e b,e 11. Er war ein heißer polnischer Patriot und hegte die größte Zuversicht für das Gelingen des Aufstandes. Er war fest überzeugt, Polen würde jetzt ein viel größerer Staat werden als es früher gewesen war. Alle seine Hoffnungen setzte er auf Napoleon III. und war des sicheren Glaubens, sobald nur die Polen Rußland genügend »geschwächt« hätten, würde Napoleon mit einer Armee einrücken und den Polen helfen, ihren Staat zu errichten; und Rußland werde ein Stück seines Gebietes abtreten müssen . . . »Die Polen verfügen« — so glaubte es Reb Jisroel und sagte es auch — »über Milliarden und haben Napoleon bereits 300 Millionen Francs als Subsidiengelder für seine Hilfsarmee gegeben. (Er wußte genau, wo das russische Militär und wo die polnischen Formationen standen und kannte die Zahl der Streitkräfte auf beiden Seiten.) Das russische Heer ist schwerfällig und hat keine Ahnung von taktischer Kriegführung, die Polen haben französische Offiziere, die ihnen Napoleon schon geschickt hat, und werden ihr Ziel bestimmt erreichen.« Seine Zuversicht wurde noch verstärkt, als er in den Zeitungen las, daß die ersten verstreuten Geplänkel zugunsten der Polen ausgegangen waren. Die Freude,, die Reb Jisroel darüber zeigte, hätte nicht größer sein können, wäre Jerusalem befreit worden. Wenn er von einer Niederlage der Polen las, wurde er sehr traurig, doch er verlor seine Zuversicht nicht; seine ständige Redensart war: »So gewiß wie zwei mal zwei vier ist, so gewiß müssen die Polen den Krieg gewinnen.« Er hatte auch drei Märsche auf den Sieg der Polen komponiert; einen für den Tag, da der Zar den Vertrag über die Selbständigkeit Polens unterzeichnen und das polnische Militär seinen Einzug in Warschau halten würde. Den zweiten'für die französische Hilfsarmee bei ihrer Rückkehr nach Frankreich; den dritten zu Ehren des künftigen Königs von Polen und der neuen polnischen Verfassung. Reb Jisroel versicherte jedem, der es hören wollte, die Polen, welche die ersten Konstitutionalisten in der ganzen Welt gewesen seien, würden ihrem Staate eine sehr freiheitliche Verfassung geben. Auch in der Nähe von Kamenetz, in dem etwa zehn Werst von der Stadt entfernten Tschemery- Wald, gab es kleine Gefechte zwischen Russen und Polen und das Gewehrfeuer war in der Stadt zu hören. Unter den Führern der polnischen Aufständischen im litauischen Grenzgebiet war einer der tapfersten Graf Oginski. Er war ein geschulter und geschickter Taktiker und deshalb bei den Russen gefürchtet. Im Tschemery-Wald lagen zwei russische Regimenter mit Artillerie, die mit Oginskis Streitkräften — kaum 3000 Mann ohne Kanonen — ins Gefecht kamen. Oginski wurde geschlagen und floh zu Pferde. Drei Kosaken setzten ihm nach. Er schoß sie aus dem Sattel nieder und entkam nach Pinsk. Die Russen nahmen alle Grafen und Fürsten aus Oginskis Stab gefangen. Die polnischen Truppen waren vollständig niedergemetzelt worden, die Offiziere wurden als Gefangene nach Kamenetz gebracht; es war — ich erinnere mich noch — ein schöner Sabbattag; die Gefangenen, etwa 70 Offiziere, saßen, die Hände mit Eisen geschlossen, auf dem Marktplatz auf der Erde und wurden von russischen Soldaten bewacht. Als kurz darauf zwei Regimenter mit Artillerie in Kamenetz einrückten, war die Stadt außer Rand und Band. Reb Jisroel, der die Niederlage der Polen mit eigenen Augen mit ansehen mußte, weinte wie ein Kind. Am Abend des Sabbat war großer Besuch beim Großvater und Reb Jisroel zeichnete auf dem Tisch mit Kreide die russischen und polnischen Linien an allen Punkten, wo der Aufstand ausgebrochen war. »Das ist erst der Anfang« — sagte er — »die Niederlage im Tschemery-Wald hat nichts zu bedeuten. Gegen die Stärke und die Mittel der Polen« — fuhr er fort und wischte mit dem Finger die russischen Truppen weg, die er vorher eingezeichnet hatte — »sind die Russen nichts, rein gar nichts!« Es wurde an die Tür geklopft. Söldner, die vorübergingen und sahen, daß hier eine Schenke war, Marc Chagall: Jüdische Hochzeit (Original aus der Kunsthandlung Würthle, Wien I., Weihburggasse 9). »III "'llUj,. wollten Schnaps haben. Die Tür war verriegelt; man hatte Angst sie zu öffnen und hatte Angst sie nicht zu öffnen. Reb Jisroel stellte sich neben die Tür und ließ nicht zu, daß man den Russen öffne. Die Soldaten aber rissen wütend die Tür auf und stießen zunächst auf Reb Jisroel; dafür bekam er zwei Ohrfeigen, daß ihm das Blut aus dem Munde rann. Als die Soldaten gegangen waren, wandte sich einer der Gäste an Reb Jisroel: »Erst vorhin habt Ihr ausgerechnet, Reb Jisroel, die Russen seien nichts und es gebe überhaupt keine russischen Soldaten!?« »Sind denn das Soldaten, was? Das ist doch eine Räuberbande!« — antwortete Reb Jisroel bitter und verlegen. Als die Polen später eine Niederlage nach der anderen erlitten und es feststand, daß nichts mehr zu hoffen sei, ging das Reb Jisroel sehr nahe. Er begann zu trinken, um die trüben Gedanken zu verscheuchen .. . Seither komponierte er nur mehr im Rausch .... Der Schnaps brachte ihn früh ins Grab. Jüdische Malerei Einige Bemerkungen über Marc Chagall. Von Hermann Menkes. Es gibt Juden als Maler. Einige von diesen sind sehr bedeutend und sehr berühmt geworden. Max Liebermann steht an ihrer höchsten Spitze. Es gibt seit einem knappen Jahrhundert auch Judenmaler: Maler von jüdischen Typen und jüdischen Genrebildern. Auch da sind sehr große und sehr prominente Erscheinungen: Josef Israels obenan, Moritz Gottlieb, Isidor Kaufmann und Lesser Ury und einige andere noch. Aber all das war noch keine spezifisch jüdische Kunst, nicht aus dem eigenen Erdreich, aus dem jüdischen Geist und dem tiefsten der jüdischen Seele entkeimt. Diese Kunstwerke hatten nicht die besondere jüdische Handschrift. Waren jüdisch nur dem Vorwurf nach. Waren jüdische Bilder in einer fremden Sprache; Abzweigungen, kleine Sondergebiete der europäischen Malerei. Blieb es auch, wenn sie, wie Abel Pan, mit Herzblut, in tiefster, schmerzlichster Erschütterung gemacht wurde. Es war kaum die Kunst einer besondern Rasse, kam nicht aus dem Nationalenaus mystischen Gefilden der Seele. Die jüdischen Künstler hatten einfach von den andern das Malen erlernt, beherrschten es mit blendenden Mitteln und fügten sich so der Kultur der großen Völker an. Es ging hier dasselbe vor wie in der jüdischen Musik, wie in der Aufklärungsepoche auch in der Literatur. Tief mußte man da schon graben um zum jüdischen Kern zu gelangen. Und es war merkwürdig: die Nichtjuden unter diesen großen Malern drangen in ihren Judenbildern viel tiefer in das Wesen des jüdischen Wesens. Rembrandt z. B. in seinen biblischen und seinen Darstellungen aus dem Amsterdamer Ghetto. Alles übrige war jüdische Anekdote, blieb gemütvolles oder humoristisches Genrebild. War erzählerische Kunst. Das begann so in der Heine- und Björne-Zeit mit Oppenheim, bekam etwas von tragischer Monumentalität bei Israels und Ury, und war noch immer keine jüdische Kunst. Jene Künstler wadeten Almosen unter Posaunenschall.“ ... Es ist ausgeschlossen, daß z. B. in Deutschland oder gar in England, dem Vaterlande von Travers Herford, heutzutage derartiges über die Pharisäer von einem halbwegs Gebildeten geschrieben werden könnte. Die bekannte Stelle in Josephus „Altertümern“, in der von Jesus in überschwänglichen Worten die Rede ist, hält Rosadi, ohne mit einer Wimper zu zucken, für echt und beruft sich hiebei allen Ernstes auf die Autorität eines Herrn Müller aus Stuttgart. Er spricht einmal von einer „angeborenen, besonders asketischen Veranlagung der jüdischen Rasse“. Das ist insoferne interessant, als wir sonst immerfort von der Lüsternheit und Genußsucht unserer Rasse zu hören bekommen. Diese Pröbchen von Gelehrsamkeit und Scharfsinn reichen aus, um die Eignung des Verfassers für die Behandlung derartiger Probleme in das richtige Licht zu setzen. Dazu kommt, daß der Uebersetzer offenbar schlecht Italienisch versteht und einen schleuderhaften Stil schreibt .. . Man denkt unwillkürlich an den Professor D r e w s, den Verfasser der „Christus-Mythe“, der die Existenz Jesu in Abrede stellt und seine ganze Lebens- und Sterbensgeschichte in das Reich der Phantasie verweist. Das ist eine alte Theorie. Und wir Juden werden dabei erinnert, daß noch kein halbes Jahrhundert seit dem Tode des R. IsraelBaal-Schem verflossen war, als seine Existenz geleugnet wurde. Wir wissen heutzutage, daß er zehn oder zwölf Vorgänger hatte, die ebenfalls „Baal-Schem" zubenannt wurden, und daß seine Anhänger das Epitheton ornans „tow" seinem Namen beifügten. Viele Legenden, die sich auf die Vorgänger bezogen, wurden dann zu jenem Sagenkreis verflochten, der die Person Israels umgab. Es dürfte sich wohl mit Jesus ebenso verhalten. — E. von H a r t m a n n hat diese Hypothese zuerst ausgesprochen. — Die Zahl der damals auftauchenden Messiasse, die meist von der Hand des römischen Usurpators ein tragisches Ende nahmen, war groß. Die dichtende Phantasie hat dann alle diese Schicksale zusammengewoben und zur Christus-Mythe vereinigt. An der in diesem Buche vorgetragenen Theorie dürfte nun soviel wahr sein, daß der jüdische Anteil an dem Prozeß und der Kreuzigung Jesu in das Reich der Fabel zu verweisen ist. Bei unbefangener Lektüre des Neuen Testamentes drängt sich die Ueberzeugung auf, daß die betreffenden Berichte sehr viel später von unwissenden, feindseligen Fremden aus überlieferten Bruchstücken kompiliert worden sind, mit der ausgesprochenen Tendenz, dem römischen Gewalthaber schön zu tun und die Juden so schwarz als möglich anzustreichen. Nur so erklärt sich das Wort der Bergpredigt: „Es wurde Euch gesagt, du sollst den Feind hassen und den Freund lieben.“ Dieser Satz, eine offenkundige, ungeheuerliche Verleumdung, bildet bekanntlich eine crux interpretum. Aber er entstammt derselben Gemütsart, wie die Berichte, die die Juden als Urheber der Verurteilung und der Kreuzigung Jesu hinstellen, während Pontius Pilatus als anständiger Biedermann erscheint. Er durfte seine Hände in Unschuld waschen, während die umstehenden Juden freiwillig die Schuld an Jesu vergossenem Blute sich und ihren Nachkommen bis ans Ende der Zeiten aufluden.... Es gibt aber noch eine andere Theorie, nach der Jesus vor allem kein Jude, sondern ein Arier war, Frucht des sexuellen Vergehens eines arischen Soldaten an einem galiläischen Judenmädchen. Die diese Theorie verfechtende Literatur ist sehr ansehnlich. Ein deutscher Gelehrter hat erst vor einigen Jahren ein weitläufiges Buch veröffentlicht, in welchem sozusagen mit polizeilicher Genauigkeit jenes Ereignis und alle näheren Umstände bezeichnet werden — während die Frucht eben dieses Ereignisses — nach Drews und seiner Schule — nie existiert haben soll. Das Ekelhafte und Perverse dieser ganzen Gelehrsamkeit hindert ihre große Verbreitung nicht, denn diese Gelehrsamkeit schmiedet eine ausgezeichnete Waffe gegen den Anspruch der Juden, den Stifter des Christentums der Welt geschenkt zu haben. So oder so, der Jude kann ruhig verbrannt werden. Der Stifter des Christentums darf den Juden nicht gutgeschrieben werden, denn erstens war sein Vater ein Germane, zweitens haben ihn die Juden verurteilt und gekreuzigt, und drittens hat er nie existiert. Vielleicht erleben wir es noch, daß ein großer Gelehrter erscheint, der vermöge seines intuitiven metaphysischen Scharfsinnes alle diese „Tatsachen“ miteinander in Harmonie bringt.. . . Aber die letzte „Tatsache" war es, die uns Juden die tiefsten und breitesten Ströme Blut gekostet hat. Der Prozeß Jesus hat bis auf den heutigen Tag nicht aufgehört, gegen — uns geführt zu werden. Seit ungefähr der Mitte des XIII. Jahrhunderts glaubte die Christenheit, daß die Juden, gleich wie ihre Vorfahren, die aus Haß Jesum Christum bis aufs Blut gegeißelt, gepeinigt und schließlich gekreuzigt haben, nunmehr fortfuhren, ihn blutig zu martern und ihre Lust an seinen Qualen zu weiden — in der geweihten Hostie nämlich. Im Jahre 1215 war auf dem vierten lateranischen Konzil die Lehre von der Transsubstantiation als Dogma festgelegt worden, wonach der Leib Christi sich greifbar in die vom Priester geweihte Hostie verwandelte. Seither wurden in allen Ländern Europas jahraus, jahrein Hunderte von Juden lebendig verbrannt, gerädert, ertränkt, geschunden, gevierteilt, geköpft, unter der Beschuldigung, sie hätten sich geweihte Hostien verschafft und die feinen, pfenniggroßen Oblaten mit Hämmern, Schlachtmessern und ähnlichen Werkzeugen solange bearbeitet, bis der darin eingeschlossene Leib Christi Ströme von Blut fließen ließ. Schon eine geraume Zeit früher bestand der Glaube, daß die Juden kleine Christenkinder marterten und schlachteten, um an ihnen die Marterung und Tötung Christi zu wiederholen. Erst als die geschändete Hostie dem geschlachteten Kinde Konkurrenz machte, wurde letzterem das Motiv unterschoben, daß die Juden das Kinderblut in ihre Osterbrote kneteten und in ihren Osterwein gossen, oder daß sie sich damit von einer ekelhaften, schrecklichen Krankheit zu heilen suchten, mit der ihr ganzes Volk seit der Kreuzigung Christi behaftet war und die darin bestand, daß bei ihnen auch die Männer die monatlichen Blutungen hatten... . Noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die jüdische Gemeinde in Posen eine jährliche Strafsumme an den Fiskus zu entrichten, die ihr im Jahre 1399 auferlegt worden war gelegentlich eines Hostienschändungsprozesses, bei welchem dreizehn Juden lebendig verbrannt wurden. Gänzlich überwunden wurde dieser Glaube erst im Jahre 1849, als der Berliner Chemiker Ehrenberg in der dortigen Akademie der Wissenschaften nachwies, daß die Blutstropfen an den Hostien von einem Pilz, einem ganz gemeinen Pilz, herrührten, und „daß man auf Grund dieser Erscheinung den Juden den Vorwurf der Hostienschändung zu Unrecht gemacht hat". Der Blutaberglaube dagegen ist, wenigstens unter den breiten Massen der weniger zivilisierten Länder, noch lange nicht ausgestorben. So sühnten und sühnen wir Juden noch heute die Kreuzigung Jesu, der nach Drews überhaupt nicht existiert haben soll.