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Die Stimme · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 14/15 DIE STIMME Seite 11 Tztüät -vt, . : :'v ' 'ßjr* '• •Sv'SI;***•.• ,? V«/ Ul UV s&rm&i N * i Ueberreste des Einganges der uralten Synagoge in Meron (Palästina), Im Vordergründe; Sdhiüler einer Talmud-Schule. so gefahrvolle Zeit, während welcher im Lauf der Geschichte Ströme unschuldig vergossenen Juden, blutes geflossen waren. Das ist ein kleines Blättchen aus der Leidensgeschichte unseres Volkes, eine sich tausendfach wiederholende Bestätigung des wehmütigen Spruches der Pessachhaggadah „belcol dor wodor”. Den Mut hat uns das nie genommen und unsere Kraft nicht gebrochen. Der treue, fromme Eljakum ist nur einer von Hunderttausenden, die für ihr Volk und ihren Gott gestorben sind. Aber begreiflich ist die Träne, die wir in den Sederabenden in den Freiheitskelch fallen lassen, begreiflich das symbolische Bitterkraut. Doch das Fest der Befreiung sieht immer wieder ein starkes Judengeschlecht. Möge eine künftige, kraftvolle Generation auf heimatlichem Boden in Erez Israel ihre Feste feiern. Ein Ghetto-Genie Von Jecheskel Kotik. Diese lebendige Schilderung einer außerordentlichen menschlichen Begabung, wie sie so häufig im östlichen Ghetto vorKommt, ebenso häufig verkommt, ist dem zwei Bände umfassenden Werk „Meine Erinnemfigen1*, von Jecheskel Kotik entnommen, das im Jahre 1913 in iiddischer Spra- . che erschienen ist. Kotiks Memoiren sind eine lebenswahre und dabei künstlerischen Geist atmende Autobiographie, die das Leben der Juden in Polen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu plastischer Darstellung bringt. Der große Scholem Alechem hat beim Erscheinen dieser Memoiren, deren Verfasser ein Warschauer Kaffeehausbesitzer war, begeistert auf den Wert des Buches hingewiesen. Einer der interessantesten Bewohner meiner Heimatstadt Kamenetz war Reb Jisroel. Er wohnte mit seiner Frau und einer Tochter im Hause meines Großvaters. Dieser Reb Jisroel war ein ausgezeichneter Kopf. Schon als Knabe galt er als Genie. Als er heiratete, erhielt er zweitausend Rubel Mitgift und fünf Jahre Kost im Hause des Schwiegervaters, eines schwerreichen Mannes, der den Wunsch hatte, einen Rabbiner zum Schwiegersohn zu haben. Er erwartete, Jisroel würde Rabbiner m einer großen Gemeinde werden .... . Doch Jisroel wurde ein Anhänger des Chassidim-Rabbi von Kozk, hängte das Studium an den Nagel und verbrachte beinahe das ganze Jahr am Hofe des Rabbi. Seine vorzüglichen Charaktereigenschaften, sein bei den Chassidim sonst sehr seltenes, gründliches Wissen, sein offenes Wesen und seine vielfältige Begabung brachten ihn bald zu einer führenden Stellung unter den Chassidim des Rabbi von Kozk. Eine seiner vielen Begabungen lag auf dem Gebiete von Gesang, Musik und Komposition, Er konnte Lieder und Gesänge komponieren. Wenn der Rabbi ihm auftrug, einen neuen Sabbatgesang zu komponieren, so brachte er stets d re i zum Vortrag und alle waren vollkommen, einheitlich und neuartig. Noten kannte Reb Jisroel nicht und doch waren seine Gesänge gut aufgebaut und bezauberten geradezu. Solange sein Schwiegervater Reb Elieser lebte, war Reb Jisroel mehr beim Rabbi als daheim. Doch nach Reb Eliesers Tode erbte Jisroels Frau sechstausend Rubel (das Erbe ihrer zwei Brüder betrug je fünfzehntausend Rubel; daß übrigens eine Tochter einen Erbanteil bekam, war damals in Litauen etwas Außergewöhnliches, denn gewöhnlich wurden die Töchter nicht testamentarisch bedacht). Als Jisroels Frau die Erbschaft erhielt, fuhr sie nach Kozk zum Rabbi, um ihn zu bitten, er möge Jisroel nach Hause fahren und ein Geschäft beginnen heißen. Tatsächlich begann das Ehepaar mit dem Tuchhandel; doch da Reb Jisroel die ganze Woche in dem chassidischen »Stübel« von Kamenetz zubrachte und vom Geschäft nichts wissen wollte, war das ererbte Geld bald angebracht. Seither lebte das Paar sehr ärmlich von Unterstützungen der Verwandten. Reb Jisroel fuhr nur mehr zweimal im Jahr, am Rosch-haschonoh und zur Schewuoth-Zeit, zum Rabbi und führte seine chassidische Lebensart daheim .... Seine Gebete verrichtete er im chassidischen »Stübel«; sie dauerten gewöhnlich nicht länger als zehn Minuten. Alles wartete, bis Reb Jisroel fertig war, und dann wurde ein wenig getrunken und Jisroel unterhielt die Chassidim, indem er seine selbstkomponierten Gesänge vortrug. Doch er konnte auch interessant über Thora- und weltliche Dinge sprechen und hatte immer einen dichten Kreis von Zuhörern um sich . .. Reb Jisroel stammte aus Siedlec in Polen, konnte gut polnisch und war ein eifriger Leser der Warschauer polnischen Blätter. Als er durch seine Heirat nach Litauen kam, erlernte er sehr rasch das Russische und las auch russische Zeitungen. Für die Politik hatte er lebhaftes Interesse und war in der hohen Politik der ganzen Welt zu Hause; er kannte den militärischen Stand aller Staaten, ihre Truppengattungen und ihre durch Kriegstaten berühmten Generale. Er besaß auch einen geographischen Atlas und gute geographische Kenntnisse. Wenn man ihn nach einer Stadt fragte, zeigte er sie sofort auf der Landkarte. Ueberdies war Reb Jisroel ein genialer Mathematiker; er löste die schwersten mathematischen Aufgaben und Berechnungen im Kopfe im Verlauf von nicht viel mehr als einer Sekunde. Stift und Papier verwendete er für Rechnungen nie. Er liebte es, bei meinem Großvater zu sitzen, wenn viele Leute dort waren, und ihren Gesprächen zuzuhören. Der Großvater schätzte Reb Jisroel sehr hoch und führte gern mit ihm Gespräche über Politik. Einmal — es waren sehr viele Gäste da, unter ihnen die besten Köpfe von Kamenetz — kam die Rede aufs Rechnen. Reb Jisroel erhob sich und erklärte, er gehe jede Wette ein, daß er die schwerste Rechenaufgabe sofort lösen und das Resultat aus dem Kopfe nennen könne. Ich erinnere mich noch der Aufgabe, die ihm gestellt wurde: »Rothschild verleiht 1,365.000 Rubel zu 2% Prozent jährlich; wieviel betragen die Zinsen eines Monats?« Reb Jisroel dachte einen Augenblick nach una nannte das Resultat. Die anderen nahmen die Bleistifte und Federn zur Hand, rechneten, verrechneten sich, runzelten die Stirnen und rechneten wieder und fanden endlich, daß die von Jisroel genannte Zahl richtig war. Die zweite Aufgabe lautete: alle Kultursprachen und noch einige andere, neuerdings erst auch ins Bulgarische und Chinesische, übertragen wurden und eine Verbreitung in der ganzen Welt gefunden haben, wie sie keinem anderen Buche der Jetztzeit zuteil geworden ist. Der Verlag der vorliegenden Uebersetzung befindet sich auch, bildlich gesprochen, in der nächsten Nachbarschaft desjenigen, der vor zwei Jahren eine völlig neue, mit weitläufigen Einleitungen und Kommentaren versehene Ausgabe der „Protokolle“ veranstaltet hat. Sergej Nilus wollte durch seine „Protokolle" beweisen, daß die Juden, „welche noch heute wie vor zweitausend Jahren von den Pharisäern regiert werden, von einem unauslöschlichen Haß und Rachsucht gegen den Stifter des Judentums und seine Bekenner erfüllt sind und nur darauf sinnen, sie auszurotten oder zu unterjochen". R o s a d i dagegen beweist, daß der Prozeß Jesu, der mit der Kreuzigung auf Golgatha endete, ein Werk eben dieser Pharisäer war, dieses Otterngezüchtes, dieser übertünchten Gräber, die im Neuen Testament in den abstoßenden Farben gemalt werden und deren Nachkommen, die treuen Erben ihrer Lehren und Ueberlieferungen, noch heute unter Gottes Sonne wandeln und gar nicht die Absicht zu haben scheinen, vom Erdboden zu verschwinden, sondern in frecher Gier die Hand ausstrecken nach dem Vaterlande des von ihren Vorfahren Gekreuzigten, das sie als Erbe eben dieser Vorfahren dreist in Anspruch nehmen. Sergej Nilus wollte durch die „Protokolle“ beweisen, daß die Zionisten, die, gestützt auf die Balfour-Deklaration, eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk" errichten wollen, damit nur den uralten geheimen Plan der Juden verwirklichen, der dahin gehe, „alle nichtjüdischen Völker zu unterjochen und ihre Staaten zu zerstören, um auf ihren Trümmern das jüdische Weltreich zu errichten“, das die Verewigung der Herrschaft des Bolschewismus bedeuten solle. Denn Palästina sei nur das Glacis, die Basis, von der aus die „jüdische Begehrlichkeit“ durch die Mittel des Terrors und der diplomatischen Intrige, des Goldes und der Klassenverhetzung nach und nach alle Völker umgarnen und die verhaßte christliche Kultur vernichten werde.... Die halbe Welt glaubte das Zeug. Der Papst ließ durch den Kardinal-Staatssekretär Gasparri dem französischen Protokoll-Uebersetzer seinen apostolischen Dank und Segen übermitteln und die „Times“ verlangten (am 8. Mai 1920) in einem Alarm-Artikel eine öffentliche Untersuchung gegen die jüdische „Weltverschwörung". „Hat das britische Reich zu dem Zwecke vier Jahre gekämpft, um einem deutschen Frieden zu entgehen, dafür aber schließlich der jüdischen Weltherrschaft zu verfallen?" Es hat sich nun herausgestellt, daß der Fälscher Nilus erst in der vierten, im Jahre der Balfour-Deklaration, 1917, erschienenen Auflage der „Protokolle" auf die Idee verfiel, seine mystischen „Weisen von Zion“ mit den Palästina-Zionisten zu identifizieren und daß der deutsche Uebersetzer seinerseits diese Identifikation in die früheren Auflagen hineingefälscht hat. (Vergleiche: Segel, Die Protokolle der Weisen von Zion, kritisch beleuchtet. Eine Erledigung. Berlin, Philo-Verlag 1924.) Giovanni R o s a d i betont mit Nachdruck das Moment des Hasses der Juden gegen die Person Jesu, eines Hasses, der sich bei ihnen von den Vorfahren her, die Jesum gekreuzigt, vererbt bis auf den heutigen Tag, bis in die siebzigste Generation. Die Kreuzigung Jesu auf Golgatha sei, versicherte Rosadi, ein scheußlicher Justizmord gewesen, aber nicht aus Irrtum und Verblendung begangen, sondern aus Haß. „Der Verfasser erbringt den unwiderleglichen Beweis," versichert uns der Waschzettel, „daß die Hinrichtung des Nazareners ein politisches Verbrechen, ein abscheuliches Werk der Klassenjustiz war.“ Buchstäblich: „Klassenjustiz." Wie fortgeschritten diese Leute im alten Judäa schon gewesen sind.... Der Leser vermeint, moderne preußische oder italienische Gerichtshöfe vor sich zu haben. „Es war das die größte und denkwürdigste aller Ungerechtigkeiten.... Völker jeglicher Rasse und jeglichen Glaubens werden Rache darnach rufe n.“ Das ist der Grundton des Buches. Nicht ohne spekulative Absicht ist das Buch gerade in der Osterzeit so aufdringlich ausgelegt worden. Die christliche Stimmung ist zur Osterzeit von dem Kreuzestod Jesu auf Golgatha beherrscht. Auf der Rückseite des Umschlages wird die Talmud-Uebersetzung von Nivard S c h 1 ö g e 1 angepriesen, der aus eben diesem Talmud beweisen will, daß die Juden tatsächlich Christenblut zu rituellen Zwecken brauchen. Zwar tut Rosadi fürchterlich radikal und schimpft auf die Justiz überhaupt, die er als ein Unglück auf der Welt betrachtet, aber demonstriert wird diese Behauptung nicht etwa an dem Prozeß gegen Sokrates, den gerade zwei Juden, Theodor G o m p e r z und Carl Joel, jeder auf seine Art, tiefgreifend menschlich zu verstehen suchten, oder des Giordano Bruno, oder des Savonarola, oder an den Ketzer- oder Hexenprozessen des Mittelalters, oder an dem Prozeß des Hus, oder aber an dem des — Hilsner, oder an tausend ähnlichen Fällen. Für keine dieser Ungerechtigkeiten ruft irgendeine Seele in der Welt nach Rache, nur für die Ungerechtigkeit von Golgatha schreien Menschen jeglicher Rasse und jeglichen Glaubens ewig nach Rache.... Man wird es begreifen, daß C h a j e s im November vergangenen Jahres, gerade mitten in den Vorbereitungen zu der ihm vom Arzte vorgeschriebenen Reise nach Italien sich mit dem Plane trug, seinen Artikel aus der „Rivista Israelitica“ von 1904, entsprechend umgearbeitet und erweitert, neu herauszugeben. Leider ist er, anstatt nach Italien zu reisen, in jenes Land abberufen worden, von wo es keine Rückkehr gibt. Ganz leicht würde ihm die Arbeit freilich nicht geworden sein. Er hätte sehr tief heruntersteigen müssen, um sich mit dem Gegner auf eine gleiche Arena zu stellen. Die Pharisäer zum Beispiel schildert Rosadi folgendermaßen: „Indem sie sich als Hüter des mündlichen Gesetzes hinstellten, gaben sie vor, allein die Bedeutung der heiligen Texte zu verstehen, und bekriegten jeden, der sie anders auslegte, während von allen anderen Parteien das Recht auf freie Auslegung anerkannt. war. Als Sophisten, Pedanten, Heuchler, Parteigänger, Heizhälse und Formalisten waren sie nur bestrebt, das Gesetz einzuhegen, jenes Gesetz, das in ihren Händen die schlimmste Waffe der Verfolgung und des Betruges geworden war. Sie glaubten an den Kampf zwischen dem Reiche des Guten und des Bösen und betrachteten als besondere Herrschaft des Bösen die Herrschaft Roms über die Welt, über ihr Volk, nicht so sehr im Gefühle der Unabhängigkeit und der Würde, sondern lediglich, weil sie darin die ständige Sünde der Götzenanbetung sahen. Sie erschienen in der Oeffentlichkeit mit verhülltem Gesicht, einige auch mit geschlossenen Augen, um keine Frau zu erblicken, andere schleiften, um Buße zu heucheln, die Füße nach und schlugen sie gegen die Steine, wieder andere schmierten sich mit übelriechendem Pech ein, ferner beteten alle auf der Straße, nahmen in den Synagogen die ersten Plätze ein und spen- /

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