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Die Stimme · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 10

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 DIE STIMME Nr. 14/15 Doch der Trost wirkte nicht and Fedjka sah mich weiter böse an. Als er aber meine volle Tasche mit. Nüssen erblickte, da verschwand sofort der „gojische" Ausdruck von seinem Gesicht; freundlich setzte er sich neben mich und streckte die Hand nach den Nüssen aus. Einträchtig saßen wir auf dem Holzpflock und aßen Nüsse. Die Mutter tief über den Hof, und als sie mich sah rief sie: „Spiel1 nur weiter; bist wohl schon hungrig? Gleich schicke ich dir was zum Essen, es ist sofort fertig.“ Fedjka beleckte sich die Lippen, als er diese Worte hörte. Er wußte, daß ich am Erew Pessach gute Sachen bekam: Gebackene Mazzes. Mazzesknödel, süße „Latkes“. Fedjka wich keinen Augenblick von meiner Seite; er ließ mich nicht aus dem Auge und hörte nicht auf, darüber zu reden, wie gut es sei, Jude zu sein. Während er sich so in Lobpreisungen erging, kam unser Dienstmädchen und brachte mir einen Teller fetter Mazzesknödel; sie fügte hinzu, ich möge Fedjka nicht alles geben. Fedjka wandte kein Auge von den goldig glänzenden Knödeln, die vom Teller blinkten und deren Duft wohlig die Nase kitzelte. Ich schob ihm einen Knödel mit der Hand in Die Pessach.Vorbereitungen der Hausirau. Nach der Pisaner Haggadah um 1801. v/llil/L TftMÜHilMkra den Mund, damit er den Teller nicht mit seinen „chome2igen“ Händen berühre, und nahm auch mir einen. Plötzlich spürte ich einen Stoß im Nacken, der Knödel fiel mir aus dem Mund und es flimmerte mir vor den Augen. Auf mein Geschrei lief das Dienstmädchen herbei und wir beide setzten Fedjka nach; der war, den Teller mit den Knödeln in der Hand, über den Hofzaun gesprungen. Als wir ihn endlich erwisch, ten, hatte er den Mund mit Knödeln vollgestopft und der Teller war leer . . . Das Dienstmädchen prügelte ihn tüchtig, doch er ließ sich geduldig schlagen und würgte indes den vollen Mund Knödel hinunter. Dann riß er sich los, lief davon und warf einen schweren Stein nach uns . . . Damals fing ich an zu begreifen, warum mich Fedjka haßte, damals fing ich an zu verstehen, warum die Mutter so oft sagte, wir seien im Golus ... Es gibt so viele Fedjkas . . . und sie sind gar stark. An diesem Erew Pessach hatte meine Freundschaft mit Fedjka ihr Ende gefunden. Ein Märtyrer für die Juden von Nikolsburg Von Rabbiner Dr. David Feuchtwang. Freitag, am Rüsttage zum Pessach. feste des Jahres 1629, so melden mündliche Ueberlieferungen und schriftliche Aufzeichnungen, betraten einige Vornehme und Vorsteher der Gemeinde und mit ihnen der Berichterstatter in der später wiederzugebenden Urkunde Rabbi Pessach Schamesch, Jonathan Katz, Aberl Schön und Wolf Segal die Zelle des „Heiligen“ Eljakum eine Stunde vor seiner Hinrichtung durchs Schwert, um ihn zu trösten. Der heilige Mann erbat sich von den würdigen Männern eine Gnade. Seine geliebte Mutter, die ihm so viel Gutes getan hatte, sollte einst neben ihm bestattet werden. Leah hieß die beklagenswerte Frau. Unter Tränen wurde ihm diese letzte Bitte gewährt und das Versprechen der Vorstandsmitglie- Aus der Nikolsburger Judenstadt: Links der der Chewra-Kadischa schriftlich niedergelegt und unterfertigt. Um die Zeit der Darbringung des Pessachopfers fiel Eljakums Haupt. Er wurde — so erzählt die Sage — vor der Altschul enthauptet, gerade gegenüber dem abschüssigen Hügel, die Bruck genannt, an dessen Fuße die „Neuschul" steht, im ältesten Teil des Ghetto. Eljakums Haupt rollte hinab und blieb vor der Neuschul liegen. Ein Auge des Märtyrers wurde in ein Schloß getan, das bis zum heutigen Tage an einer Eisenstange über der Eingangspforte hängt; das zweite Auge wurde ebenfalls und in gleicher Weise über der Türe der „unteren Weiberschul“ der Altschul angebracht. Kein Grabhügel aber und kein Stein zeigt, wo Eljakum und seine Mutter Leah bestattet sind. Vermutlich ruhen sie dort, wo heute noch Denksteine der Familienangehörigen aufrecht stehen. Die Familie heißt Heski(s). Der Platz heißt der Kedeschimplatz. Aus den mündlichen Erzählungen über den Tod Eljakums läßt sich folgendes rekonstruieren: Kaiser Ferdinand II. kam im März oder April 1629 mit großem Gefolge nach Nikolsburg, woselbst damals eine hochberühmte, jüdische Gemeinde blühte. — Was den Kaiser nach Nikolsburg führte, ist nicht klar. Vielleicht machte das alte Nest der mährischen Brüder der Regierung Sorge. Es war übrigens das Jahr der Gefangennahme des Jomtob Lipmann Heller, des vormaligen Rabbiners von Nikolsburg, in welchem verschiedene Anzeichen kommende Judenverfolgungen ahnen ließen. Der Kaiser wurde festlich empfangen. Beim Zuge durch die Stadt kam ein Teil des kaiserlichen Gefolges auch in die Judengasse. Da flog ein Stein von unbekanntem Orte her und traf ein vornehmes Mitglied des Gefolges tötlich. Das Verhängnis war da. Innerhalb 24 Stunden mußte der Täter ausfindig gemacht werden, sonst drohte gänzliche Austreibung der Juden, Da meldete sich ein junger, frommer Mann, der vor kurzem ein junges Weib heimgeführt hatte und faßte den Entschluß, sich als Mörder zu stellen, der er nicht war und den Märtyrertod für seine Gemeinde zu sterben. — Es war Pessachwoche, die seit jeher mit Neuschul„Synagoge. — Rechts: Alleeplatz. rau mm „Der Prozeß Jesu“ Von Binjamin Segel. Dem Andenken des Qberraibbiners Dr. Z. P. Chajes s. A. gewidmet. Im Jahre 1904 fand ich in der „Rivista Israelitica“ eine Studie von Dr. Z. P. Chajes, damals Professor in Florenz, über das Buch des Italieners Giovanni Rosadi: „II Processo de Gesü". Mich reizte die vernichtende Kritik, das Buch kennen zu lernen. Nachdem ich mehrere Seiten in den Hauptkapiteln mir zu Gemüte geführt, legte ich das Buch beiseite: „Insipide!" Es verdroß mich eigentlich, daß Chajes soviel Zeit, Scharfsinn und Gelehrsamkeit verschwendet hatte, es zu zerpflücken, und ich schrieb ihm das. Sein Antwortschreiben klärte mich auf, daß dieses Buch eine Tendenz verkörperte, die acht Jahre zuvor, kurz nach dem Erscheinen von Herzls „Judenstaat“, innerhalb gewisser politisch interessierter Kreise der führenden Intelligenzschichten Italiens aufgetieten wäre und sich im Stillen immer mehr ausbreitete. Diese einflußreichen Kreise wären keineswegs klerikal, nicht einmal konservativ und durchaus nicht antisemitisch, aber ihr auf den Orient abzielender Imperialismus erblickte in Palästina ein künftiges Auswandererland für die Italiener und daher seien ihnen die allfälligen Pläne der Juden, dort festen Fuß zu fassen, zuwider. Rosadi habe im Jahre 1896 in Florenz einen Vortrag gehalten, in welchem er die in dem vorliegenden Buche enthaltenen Gedanken zum ersten Male entwickelte und mit großer Eindringlichkeit darauf hinwies, daß die jüdische Nation durch den Prozeß Jesu für ewige Zeiten das Recht verwirkt habe, in deip Vaterlande Jesu zu leben und zu gedeihen. Der Vortrag habe einen starken Eindruck gemacht und wäre in der gesamten Presse, auch in der orthodoxesten, z. B. der „Civiltä Cattolica", höchst beifällig besprochen worden, obwohl der Vortragende der kirchlichen Tradition und dem Neuen Testamente gegenüber einen äußerst freisinnigen Standpunkt einnehme. Allseitig wurde Rosadi aufgefordert, seinen Vortrag zu erweitern und mitsamt dem ganzen kritischen Apparat, der vorläufig ja nur angedeutet werden konnte, als Buch herauszugeben. Im Jahre 1904 nun sei dieser Forderung Genüge geschehen und da ertönte abermals in allen Zeitungen, auch in der „Civiltä Cattolica", das ungeteilte Lob dieses tiefgelehrten und patriotischen Buches.... Seither haben wir von verschiedenen Seiten ähnliche Stimmen gehört. Am lautesten tönten sie in Friedrich Delitzschs Schmähschrift „Die große Täuschung", die gewaltiges Aufsehen machte, so viele Entgegnungen hervorrief und deren Grundmotiv vom Verfasser so schlau hinter der Maske einer radikal-freisinnigen, religionsgeschichtlichen Studie versteckt wurde, die die biblische Ueberlieferung und Religion ganz im Sinne der völkischen Wissenschaft entlarven sollte. Die Wahrheit, so gestand Delitzsch in einem unbewachten Augenblick, die Wahrheit, nämlich daß der Judengott Jahwe ein grausamer Schandgötze, ein Gott des Hasses und der Unbarmherzigkeit, und daß die Propheten Israels blind-fanatische Demagogen waren, die sinnlos-verbrecherisch handelten, war ihm, Delitzsch, schon längst bekannt. Schon zu Ostern 1914 war er entschlossen, diese Wahrheit der Welt zu offenbaren, aber er überwand seinen inneren Drang, bis er im Jahre 1918 nicht mehr an sich halten konnte. Das wurde damals durch zwei Aufrufe bewirkt, die an ihn herantraten. Der eine war der des Pro-Palästina-Komitees, der dafür warb, daß das jüdische Volk auf dem alten, historischen Boden Palästinas eine nationale Heimstätte jüdischer Kultur und Wirtschaft errichte. Der andere ging von dem Arbeitsausschuß für Volksaufklärung des „Volkskraft-Bundes“ aus und wollte „dem gegenwärtig im ganzen Vaterlande geschürten, dem Ansehen deutscher Kultur mit völliger Vernichtung drohenden Judenhaß entgegenwirken". Friedrich Delitzsch betrachtete die eine wie die andere dieser Bestrebungen als großes Verbrechen — von seiten der Juden, und sein Buch sollte dessen Züchtigung sein. Den verwerflichen Bestrebungen, den Judenhaß zu mildern, antwortete er, indem er ihn bis zur Gluthitze schürte und u. a. z. B. den Plan des seligen Haman, die Juden auf einmal auszurotten, vollkommen rechtfertigte, „da sie eine eminente Gefahr für sämtliche Wertsvölker“ seien. Noch schärfer verdammte er aber die Bestrebungen des Pro-Palästina- Komitees. Von irgendwelchen Rechten der Juden auf Palästina könne natürlich nicht die Rede sein. Nicht einmal die alten Hebräer hatten solche Rechte. Delitzsch „weist nach", daß die israelitischen Stämme das Land Palästina ohne irgendwelches Anrecht, sondern nur durch schändliche Gewalttaten eroberten. Natürlich haben, wie männiglich bekannt, alle anderen Völker, die in altersgrauer Zeit oder auch in unseren Tagen Länder eroberten, das nur auf die Weise getan, daß sie ihre Verträge hervorholten, kraft deren sie die Länder nach strengem positiven Recht durch gütliche Vereinbarung erworben hatten und nun von ihrem rechtmäßigen Eigentum Besitz nahmen, Nie sind Kriege geführt worden, nie sind Spione ausgesandt, noch Kriegslisten angewendet worden, nie hat ein Eroberer im Feindesland getrachtet, den einen oder den anderen Einwohner auf seine Seite herüberzuziehen. Nur diese verruchten Hebräer allein haben solche Schandtaten verübt. Und nun haben ihre fernen Nachkommen nach fast viertausend Jahren noch die Dreistigkeit, Rechtsansprüche auf dieses Land zu erheben. Hatte in früherer Zeit der Glaubenssatz gegolten, der „ewige Jude" sei ob des „Verbrechens von Golgatha" zur ewigen Verdammnis im Jenseits, im Diesseits aber zur ewigen Heimatlosigkeit verurteilt, so fand Professor Delitzsch ein noch scheußlicheres, gleichfalls ewig unsühnbares Verbrechen, welches die Juden in alter Zeit, ungeiähr ein halbes Jahrtausend vor jenem von Golgatha verübt hatten und das gleich diesem letzteren auf dem Kopt des ganzen Volkes bis ans Ende der Zeiten laste: Delitzsch ist überzeugt, daß das jüdische Volk das Land seiner Väter freiwillig aufgegeben habe, ais der weitaus größte Teil der Juden aus dem babylonischen Exil nicht heimkehrte. Diese geschichtliche Tatsache gereiche den Juden zur größten Schande. Damit haben die Juden sich selbei heimatlos gemacht und auf ewig das Recht verwirkt, je wieder ein Vaterland ihr eigen zu nennen, weder in Palästina, noch in den Ländern der Zerstreuung.... Diesem allermodernsten Standpunkt gegenüber erscheint das Buch von Rosadi ein bißchen überholt, und als die erste italienische Ausgabe 1904 erschien, konnte keiner ahnen, daß mehr als ein Menschenalter später seine deutsche Uebersetzung in den Schaufenstern der Buchhandlungen aller großen Kulturzentren des deutschen Sprachgebietes herumliegen werde, mit der prunkenden Aufschrift: „In alle Kultursprachen übertragen." Im Jahre 1904 war die Zeit für derartige Geistesprodukte noch nicht günstig. Jetzt aber leben wir im Zeitalter der Protokolle der Weisen von Zion, die ja ebenfalls in

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