Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 14 15 DIE STIMME Seite 9 n'Bhfi ndb Ein Seder-Abend bei Prof. Chajes Erinnerung aus dem Weltkrieg. Von Dr. Robert Weil. Frühjahr 1917. Weltkrieg, Schützengraben, Hungerblockade, Einteilung der Menschen in frontdiensttaugliche Soldaten und Enthobene im Hinterland. Auf dem Karstplateau flaute die neunte Isonzo. Offensive ab, man rüstete beiderseits zur zehnten Schlacht. Tag und Nacht standen die Beobachteroffiziere am Scheerenf^rnrohr, meldeten: „Unruhe auf Kote X .. ., unbedeutendes Infanteriefeuer eine feindliche Feldwache ausgehoben . . .“ Einzelne Tote zählten ja nicht weiter. Neben meinem Beobachtungsstand war eine Arbeiterkompagnie beschäftigt, die zweite Schützengrabenlinie zu verstärken. Diese Soldaten waren müde, ältere Landsturmleute. Plötzlich sehe ich, wie einer von ihnen Hacke und Schaufel hinlegt und abseits tritt. Der Mann zieht ein Gebetbuch aus seiner Tasche und ruft inbrünstig seinen Gott an. Als ich nähertrete, sagt er erschreckt und dabei selbstbewußt: „Heute ist doch Sabbath, ich heilige ihn auch im Felde, soweit es geht.“ Vor Pessach bitte ich meinen Kommandanten um Urlaub, den er sogleich bereitwillig erteilt. Mit zwei landesüblichen Fuhrwerken nach Triest. Der Urlaubschein wird verklausuliert unter dem Titel: Einkauf von Wein. Man fährt vier Stunden, wird schließlich beim Obelisken von Opcina von Feldgendarmen genau ausgefragt, endlich erhalten wir das Visum zur Weiterfahrt nach Triest. Der Blick vom Obelisken auf das blaue Meer und die weiße Stadt überwältigt. Man vergaß ja oben, am Karst, daß es noch Städte mit Häusern gibt, man orientierte sich doch meistens nach zerschossenen Gehöften oder verfallenen Friedhofsmauern. Jetzt sehe ich wieder eine Stadt mit Türmen, grünen Kuppeln, roten Dächern, Baikonen. Ein großes Gebäude mit schiefergrauer, turmartiger Decke fällt auf. Ein Passant erklärt: „II Tempio Israelitico“. Abends. Der schöne, neue Tempel ist gesteckt voll. Fast alle einheimischen Juden kommen zu den Feiertagen zum Gottesdienst; auch einige Soldaten folgen mit Interesse dem uralten Rituale. Mein Nachbar sagt: „Sie müssen wissen, daß unser Primo Rabbino, Professor Chajes, immer imstande ist, unsere Synagoge zu füllen. Seine Predigten sind weit berühmt, wir sind glücklich, diesen Mann als unser geistliches und geistiges Oberhaupt zu besitzen.“ Professor Chajes betritt die Kanzel, im Tempel wird es lautlos still. Vielleicht ist der Ausdruck von den „schlichten“ Reden dieses großen Juden und Menschen schon zu verbraucht, aber unvergessen bleibt mir doch die erste Predigt, die ich von diesem Weisen hörte. „Amici miei“, begann er in jenem wundervollen klassischen Italienisch, das er meisterte, wie irgend ein Unlvcrsitätsprofessor in der Toscana. Er verglich die Leiden des Weltkrieges mit den Leiden der Juden zur Zeit des Pharao. „Gott erlöste damals unser Volk und wird es bald wieder erlösen“, rief er ekstatisch, „dieser Krieg wird uns vielleicht unsere Heimstätte in Erez Israel bringen. Heute kämpfen wir Juden in allen Armeen, in der österreichischen, russischen, französischen, deutschen und italienischen. Immer und überall leisten unsere Glaubensbrüder dem Waffenruf ihres Landes unverbrüchliche Treue. Wie schön wird es erst sein, wenn der Jude als Soldat seines Volkes, als Pionier der Kultur sein eigenes Land wird verteidigen können. Moses führte die Juden 40 Jahre in der Wüste umher, bis er ihnen ihr Heim in Kanaan gab, vielleicht erleben es einige von uns, daß wir von heute in vierzig Jahren als selbständige, geachtete Nation im Land unserer Väter regieren.“ Man muß den Mut eines Chajes bewundern, der im damaligen Oesterreich so sprechen konnte, obwohl es bekannt war, daß sich die Entente das Protektorat über Palästina Vorbehalten hatte. Zum Seder-Abend genoß ich die große Ehre, vom Herrn Oberrabbiner in sein Haus eingeladen zu werden. An der Seder-Tafel saß seine Schwester als Frau des Hauses, Professor Chajes las und interpretierte die Hagadah, ein Triester Herr, Ignazio Weiß und ich durften diese Pessach-Feier miterleben. Für Chajes bedeutete die Hagadah kein leeres, totes Buch, sondern er freute sich ihres prophetischen Inhalts, den er so wundervoll für die Gegenwart passend fand. Man glaubte ihm, daß der Prophet Eliahu einst zur Tür eintreten und unser Gast sein werde. Während des Nachtmahls erzählte Professor Chajes eine tragikomische Begebenheit: „Ich war in Wien, um vom Kriegsministerium die Bewilligung zur Einfuhr von zwei Waggon mit M a z z o t h zu erhalten. Der Minister gab den Auftrag, für die Triester Juden diese zwei Waggons abrollen zu lassen. Als der Lastzug in Triest eintraf, erfolgte gerade ein italienischer Fliegerangriff. Die Bomben richteten keinen weiteren Schaden an, aber — gerade unsere zwei Waggons mit Mazzoth wurden zerstört. 3*8*i Bibi iotbec fjfwllvr V 4 ff*** ** 4$ A&SSSS&it-- Titelblatt aus der Wiener Haggadah des kaiserl. Hofkalligraphen Aron Wolf Herrlinger, Wien 1738. (Original im Besitze des Jüdischen Museums, Wien.) Und vielleicht war gerade der Pilot, dem dieses Heidenstück gelang, ein italienischer oder englischer Jude, das ist eben die Ironie des Krieges." Ich trat in die finstere Via Donizetti, ging erschüttert, erregt zum Molo. Aus abgedunkelten Tavernen drangen Lieder, Geschrei. Ueber der Hermada blitzten Raketen. „Es war eine jener Frühlingsnächte, die zwar lau genug und hell gestirnt sind, aber doch die Seele mit seltsamem Schauer erfüllen.“ Die Mazzesknödel Von M. Spektor. Mit Fedjka wuchs ich zusammen in derselben Gasse auf und spielte zusammen mit ihm auf demselben Platz. Von den „guten Sachen“, welche mir die Mutter zusteckte, gab ich ihm ebenso viel wie meinen jüdischen Kameraden, mit denen ich spielte; und doch empfand ich, daß er Feindschaft gegen mich im Herzen trug und in seinem innersten Innern mich haßte. Oft fragte ich mich: Welchen Grund hat Fedjka, mich zu hassen? Von den „guten Sachen“, welche Fedjka von seiner Mutter bekam, nahm ich nichts, obwohl er sie mir manchmal anbot oder mir vorschlug, sie gegen meine „guten Sachen" einzutauschen. Ich aber gab ihm bloß, doch ich nahm nicht von ihm. Was hätte ich auch — Gott sei‘s geklagt — von ihm nehmen sollen? Nach seinem Stück Schwarzbrot, das er stets in der Tasche trug oder mit dem Mund benagte, gelüstete es mich nicht; unser Brot war lichter, appetitlicher und schmackhafter. Der weiße, fette Speck, den er dann und wann mitbrachte, nach dem gelüstete es mich erst recht nicht, es ekelte mich, wenn ich darauf sah; überdies durfte ich ihn ja nicht essen, weil er trefe ist. Wenn ich Sedertisch in der Ausstellung im Museum jüdischer Altertümer in Frankfurt am Main. '• 'wriwi —..! gar ein Stück Wurst bei Fedjka sah, wurde mir übef. Ändere „gute Sachen“, wie ich sie liebte, hatte Fedjka selten. Darum gab ich ihm bloß, doch ich nahm nichts von ihm. Dennoch haßte mich Fedjka im tiefsten Herzen, und wo er konnte, gab er mir mit Vergnügen heimlich einen Puff, warf tückisch einen Stein nach mir und nahm sich nie meiner an, wenn seine Kameraden gegen mich und meine Kameraden losgingen. Freundlich war Fedjka zu mir gewöhnlich nur am Freitag; denn da bekam ich ein warmes „Plätzl“ aus dem Ofen, jenen flachen Teigfladen, der so köstlich duftete, hatte wejße „Challe“ und köstlichen Bohnensalat oder Kompott. An dem Tage stand gewöhnlich Fedjka plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor mir, war sehr freundlich und bekam seinen Anteil an den „guten Sachen.“ fWenn er sie aufgegessen hatte und merkte, daß nichts mehr hatte, veränderte sich sein Wesen rasch; sein Gesicht bekam wieder den „gojischen“ Ausdruck und sein Auge blickte auf mich mit Haß, Feindschaft und Neid. Fedjka war mir stets neidisch; er hielt mich für glücklich, da ich ein Judenjunge war, und beneidete mich darum, daß ich in den Cheder ging. Warum er mich als den Glücklichen und sich als den Unglücklichen ansah, das begriff ich nicht; stets hörte ich, wie meine Mutter unter Tränen aus dem Andachtsbuch vorlas: „Warum sind wir Juden bei den Christen im Golus und warum sind wir aus unserem Lande vertrieben?“ Der Vater und meine Rebbe seufzten oft, daß der Golus der Juden so. lange währe, und beteten zu Gott, die Juden mögen erlöst werden, „weil des jüdischen Leids kein Maß mehr ist, es zu tragen.“ Warum mich also Fedjka beneidete, verstand ich nicht, begriff nicht, daß er mich für glücklich hielt, weil ich ein Judenjunge war. Fedjka beklagte manchmal so sehr das Unglück, daß sein Vater ein Christ sei, daß ich mit ihm tiefes Mitleid fühlte . . . * Eines Sabbats am Nachmittag, als wir im Hof unseres Hauses, auf einem Holzpflock sitzend, aus einem Teller mein Kompott und meine Challe aßen, schüttete Fedjka mir sein gequältes Herz aus: „Weißt du, wenn mein Vater es erlaubte, ich ginge sofort mit dir in den Cheder zu deinem Rebben.“ „Wie das?“ warf ich ein, „dein Vater ist doch ein Christ?“ „Ich wollte, mein Vater wäre auch ein Jude; da würde meine Mutter Freitag auch Kuchen backen und am Sabbat würde der Vater in die „Schul“ beten gehen. Da würde ich dir auch ein Stück von meinem Kuchen und von meinem Kompott geben.“ „Du bist dumm“, antwortete ich, „wenn man einmal als Christ geboren ist, da ist nichts mehr zu machen.“ „Du hast gut reden, du bist als Jude geboren. Möchtest du, daß deine Eltern und du Christen werden?“ „Nein“, erwiderte ich bestimmt, „das darf man nicht.“ „Siehst du, du willst nicht, weil es besser ist, Jude zu sein“, antwortete er mit einem schweren Seufzer, während sein Gesicht wieder den bösen Ausdruck annahm, der so viel Haß und Neid zeigte,, daß es mir ängstlich zu Mute wurde und ich von dem Holzklotz aufstand. „Warum läufst du davon?“ fragte mich Fedjka böse, gab mir einen Stoß und lief fort. Warum t haßt er mich, was hat er gegen mich, weshalb ist er mir neidisch? fragte ich mich unaufhörlich. * Es war Erew Pessach. Die Mutter hatte mich sorgsam gewaschen, mir neue Kleider, neue Schuhe und einen neuen Hut angezogen. Sie füllte mir die Taschen mit Nüssen und schickte mich in den Hof; dort sollte ich spielen, bis der Herd angeheizt wäre. Unser Hof sah festtäglich aus; die Sonne schien warm und hell und der Boden war ganz trocken, bei den Pflöcken sonnten sich die Ziegen; eine von ihnen nickte mir mit ihrem bärtigen Kopf zu und machte mir Platz; ich setzte mich nieder, holte meine Nüsse hervor und knackte lustig darauf los. Es dauerte nicht lange, da stand Fedjka vor mir, wie aus dem Boden gewachsen; er sah mich ärgerlich an: „Na, da hat man dich ja ganz neu herausgeputzt wie einen jungen Edelmann.“ „Wir haben heute Feiertag“, antwortete ich, „da habe ich neue Kleider bekommen.“ Ich sah mir Fedjka an; sein Rock hatte zerrissene Aermel, seine Hose war alt und geflickt und auf seinen Stiefeln waren Risse. Ich tröstete ihn damit, daß er, wenn bei ihm Feiertag sein werde, sicher auch neue Kleider und Schuhe bekommen würde.