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Die Stimme · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME die Zionisten eben dabei, eine Form der Zusammenarbeit mit den Nichtzionisten zu finden. Sofern es sich den Herren aber darum handelt, den zionistischen Gedanken am Vormarsch zu hindern, so können wir von hier aus nicht ermessen, warum unsere deutschen Gesinnungsgenossen gezwungen sind, den Gespensterspuk so real zu nehmen. Was können jene leeren Dicta gegen das Wunder „Palästina“ ausrichten? Wenn die Herren nichts anderes dem „größten Geschehen seit dem Weltkrieg“, wie es bedeutende Nichtjuden genannt haben, entgegenzusetzen haben, als daß sie erklären, daß sie sich aus der jüdischen Einheit eximieren und gleichzeitig mit Stimmenmehrheit beschließen, national und kulturell ausschließlich „dem deutschen Volke“ anzugehören, so kann man solche seelische und geistige Armut bedauern, aber man braucht doch nicht zu glauben, daß irgend wer mit solcher Dürftigkeit den befreienden und erlösenden zionistischen Gedanken ersticken kann! Man ist nur einigermaßen neugierig, wie sich diese Nurdeutschen zum Palästina-Werk selbst stellen, das sie doch eigentlich vollkommen ablehnen müßten. Glücklicherweise wird diese Neugierde in reichlichem Maße durch ein Buch befriedigt, das der Syndikus des Zentralvereines. Dr. Alfred Wiener, unter dem Titel: „Kritische Reise durch Palästina“ vor kurzem veröffentlicht hat. Wir werden in einem zweiten Artikel über dessen tiefgründigen Inhalt berichten. Eine „sterbende“ jüdische Branche? Eine Studie zum Wirtschaftsleben der Juden in Deutschland. Von Ministerialrat Hans Goslar (Berlin). Die Wirtschaftsgeschichte der Juden in der zivilisierten Welt ist, soweit sie nicht Rechtsgeschichte, sondern wirklich ökonomische Historie ist, eines der am wenigsten ausgeschöpften Kapitel der jüdischen Geschichte überhaupt. Und doch: wie lohnend wäre es, hier mit gründlicher wissenschaftlicher Forschungsarbeit einzusetzen, auch wenn es nichts anderes gälte, als aufzuzeigen, einen wie großen Teil der Volkswirtschaft der kultivierten Länder der kleine Prozentsatz der Juden überall — war er auch noch so gehemmt und gehindert durch bürgerliche Entrechtung und Anfeindung — geschaffen und aufgebaut hat. Für uns Juden kommt aber nicht nur dieses eine in Frage: aus der geschichtlichen Fülle des Geschaffenen Stolz und Zuversicht auf die eigene Kraft zu ziehen und etwa gar mit diesen unseren konkreten und für unsere Geburtsländer oft in vieler Hin- N-G-l NAVIGAZIONE GENERALE ITAUANA GENUA DIE SÜDLICHE, EISBERGFREIE ROUTE NACH NEW YORK Luxusdampfer „ROMA“ und „DUILIO“ * * ♦ DIE SCHNELLSTE LINIE NACH BRASILIEN, URUGUAY, ARGENTINIEN, Luxusdampfer „AUGUSTUS" und „GIULIO CESARE“ * * DIE MODERNSTE LINIE NACH COLUMBIEN, PANAMA, ECUADOR, PERU, CHILE Luxusdampfer „ORAZIO" und „VIRGILIO“ * * WIEN I. KÄRNTNERRING 18 (Ecke Schwarzenbergplatz) TELEPHON 55009 sicht entscheidend wichtigen Leistungen unsere Existenzberechtigung und unseren Anspruch auf „Tolerierung" zu begründen. Sondern im Interesse der jetzt lebenden und in dem der kommenden Generation muß eine gesunde und klare „Wirtschaftspolitik" der Art getrieben werden, daß man erkennt, auf welchen Gebieten, die im wesentlichen Arbeitsbereich jüdischer Kaufleute waren und zum Teile noch sind, eine Umstellung jüdisch-privatwirtschaftlicher Arbeit notwendig ist, um zu verhindern, daß durch zu spätes Erkennen „kommender Dinge" die Arbeit vieler Generationen klug und produktiv wirtschaftlicher Juden vernichtet wird, und daß die wirtschaftliche Entwicklung einfach über unelastisch gewordene und daher blitzschnell veraltete jüdische Wirtschaftsarbeit hinweggeht. Wie notwendig es ist, daß eine solche jüdische „Wirtschaftspolitik" planvoll getrieben wird, beweist uns schon die eine unleugbare und grausame Tatsache, daß der Arbeitsmarkt für die nicht selbstän- HOTEL-RESTAURANT GUTH, Wien II, Hollandslr. 14 Mittwoch, den 4. Gpril 192S gvcßev, feievlicbei? $edeF"^bend Speisen d Za carte. — Rltttxreservierung im Büro. i/m zahlreichen Zuspruch ersucht JCS€T gUTU, ‘Restaurateur erfordern würde. Es wäre daher angezeigt, vor allem diese Summe aufzubringen, um »ein seit 18 Jahrhunderten gefangenes Volk loszukaufen«. Wenn auch die von ihm genannte Summe für ein Volk, das viel ärmer als alle anderen Völker der Erde ist, imgeheuer groß erscheint, so müßte man dennoch Mittel und Wege finden, dieses Geld aufzubringen. Er glaubt, daß jeder Jude aus dem wenigen, das ihm das Elend zurückgelassen hat, mit Freuden einen Beitrag für die Befreiung hergeben und selbst die größten Entbehrungen ertragen würde, um dem Werke der Freiheit zu dienen. Denn »wenn man bedenkt, daß ein einzelner Gefangener, um frei zu werden, selbst aus größter Höhe zur Erde springt, sich in die Fluten des Meeres stürzt, durch Bajonette, die seine Brust beärohen, oder durch Geschosse, die um ihn pfeifen, sich Bahn bricht und sich den größten Gefahren aussetzt, mit dem einzigen Zweck, sich des unschätzbaren Gutes der Freiheit zu versichern, würde nun ein Volk, das die schwerste und längste Gefangenschaft erduldete, nicht die größten Opfer bringen, um schließlich seine Ketten abzulegen. Saget dem Juden, daß er, um seine Rechte und Würde zu wahren, die größten Entfernungen zu durchmessen haben würde, bevor er die Grenzen des neuen Vaterlandes erreicht, daß er die allergrößten Entbehrungen während der langen Wanderung zu tragen, die gefährlichsten Krankheiten zu erleiden haben wird und mit einem Jubelruf wird er sich dahin aufmachen, wo der Makel der Schuld, der seit Jahrhunderten sein Gesicht bedeckt, abgenommen und die Freiheit wieder gegeben würde«. Er ist daher überzeugt, daß die Juden alles tun werden, um ihre politische Unabhängigkeit zu erlangen, denn eine Nation, die die Sklaverei geduldig erträgt, erscheint in den Augen der Welt für die Sklaverei geschaffen. Er glaube aber, daß die Juden, die noch Makkabäerblut in sich haben, alles unternehmen werden, um ihre nationale und politische Freiheit zu erlangen. Zum Zwecke der Realisierung dieses Zieles schlägt er die Gründung von entsprechenden Komitees überall, wo Juden wohnen, vor; ferner beantragt er die Organisierung einer generellen Sammlungsaktion zwecks Schaffung des erforderlichen Betrages zum Ankauf des Bodens sowie die Einleitung von politischen Schritten und Interventionen bei allen jenen Faktoren, die die Wiedererrichtung des jüdischen Volkes ermöglichen können. Besonders wichtig ist es, das Territorium ausfindig zu machen, auf dem das neue jüdische Vaterland begründet werden könnte. J. Fraenkel hat, wie wir sehen, in seiner Schrift die Notwendigkeit der politischen Befreiung des jüdischen Volkes hervorgehoben, in welcher Hinsicht er von den bereits eingangs erwähnten Schriftstellern nicht unbeeinflußt geblieben war, wenn er auch im Gegensatz zu Salvador, Emil Guers, Petavel und Duhan der Frage der Wiederherstellung des jüdischen Staates in Palästina keine besondere Bedeutung zuschreibt und die Errichtung des jüdischen Vaterlandes in jedem Lande, das zur Verfügung gestellt wird, für möglich hält. Er war der Ansicht, daß die politische Unabhängigkeit viel wichtiger sei als der bloße Zusammenhang mit einem Territorium, auf dem sich einmal bereits die staatliche Unabhängigkeit abgespielt habe. Die allzu starke Betonung des Christentums ist vielleicht darauf zurückzuführen, daß Fraenkel, dessen Hauptaugenmerk auf die Unterstützung der französischen Regierung gerichtet war, sich vom Einfluß der katholischen Kirche im damaligen Frankreich bestimmen ließ, um auf diese Weise diese Kreise für die politische Befreiung der Juden leichter zu gewinnen. Es ist nicht anzunehmen, daß Fraenkel, dessen Lebenslauf uns leider unbekannt ist, den Kreisen der christlichen Judenmission nahegestanden sei. Im Gegehteil wäre Fraenkel tatsächlich mit diesen Kreisen in Verbindung gewesen, so hätte er sicherlich für die Rückkehr der Juden nach Palästina eine Lanze gebrochen, da die Judenmission vor allem in der Rückkehr der Juden nach Palästina die Verwirklichung der evangelischen Prophezeiungen erblickt. Aus dieser Tatsache allein ist zu ersehen, daß Fraenkel keinesfalls mit der propalästinensischen Strömung der Judenmission in Einklang gebracht werden kann. Jedenfalls bildet seine Schrift ein interessantes Dokument aus der präzionistischen Periode und ist ein Beweis, daß man gerade in den Sechzigerjahren, in denen die Politiker Westeuropas ihr Interesse für die Lösung der orientalischen Frage an den Tag legten, die Lösung der Judenfrage keineswegs; in der Gleichberechtigung allein erblickte. Nr. 14/15 digen Juden in Deutschland weit kleiner und enger ist als für den Nichtjuden. Weil eben der offene oder verhüllte Antisemitismus vieler aktiengesellschaftlich organisierter wie privater Betriebe den Juden als Arbeitnehmer ausschaltet. Wir haben also das allergrößte Interesse daran, daß die Geschäftszweige, in denen auf Grund besonderer psychologischer und wirtschaftstechnischer Vorbedingungen die Juden in Deutschland seit langem dominierten, nicht zur Bedeutungslosigkeit herabsinken. Diese Gedanken sind es, die uns durch den Kopf gehen, wenn wir im Jahresbericht der Berliner Handelskammer die ausführliche Abhandlung über die Entwicklung des Metallhandels lesen. Wie nur wenigen Geschäftszweigen — Privatbankiers, Konfektion, Leder, Textilwaren, Warenhäuser usw. — hat jüdische Arbeit dem Handel mit Alt- und Neumetall in Deutschland seinen Stempel aufgedrückt. Und was die Höhe der in dieser Branche arbeitenden Kapitalien anbetrifft und gar den Umfang des Anteiles der jüdischen Firmen am Gesamtgeschäft, so stand wohl bis vor dem Kriege der Metallhandel in der ersten Linie der „jüdischen" oder als „jüdisch" beeinflußt geltenden Wirtschaftszweige. Von Berlin nach Hamburg und London und dann nach Uebersee, nach den großen Metallerzeugern der Welt zogen sich die Fäden des jüdischen Handelskapitals und gingen — zentrifugal — dann von den Handelsplätzen zu den Abnehmern in allen Produktionsgebieten. Gewaltig war der Umfang des von ihnen beherrschten Geschäftes. Aber die Sabbathruhe der Londoner Kupferbörse warf ihre Feiertagsschatten bis weit auf den europäischen Kontinent. Seit dem Kriege ist in der Struktur des gesamten Metallhandels in Deutschland eine grundlegende Umwälzung vor sich gegangen. Noch dazu eine, die durchaus charakteristisch ist, unter dem Gesichtspunkt jüdischer Wirtschaftsgeschichte gesehen. Der — in erster Linie — jüdische Metallhandel hat Nackenschläge erhalten, von denen er sich nicht mehr ganz erholen kann, weil die Basis für sein Arbeiten — wohlgemerkt, im alten, umfassenden Rahmen — ganz einfach in Wegfall gekommen ist. Das jüdische Kapital in der deutschen Metallbranche ist, wie überhaupt jüdisches Kapital (und das ist zum Teil seine große Schwäche), in der Hauptsache nicht Produktionskapital, sondern Handelskapital. Alle Beteiligungen und alle selbst noch so gelungenen Kombinationen von industrieller Produktion, resp. Weiterverarbeitung mit dem Grundstock des Handels ändern an diesem vorstechendem Charakter nicht viel. So fällt heute auf die deutsch-jüdische Metallbranche ‘ mit voller Wucht die Konsequenz der wirtschaftlichen Entwicklung, die zum Zusammenschluß der Kupfer-, Zink- und Aluminium-Produzenten mit dem sicheren Bestreben auf Ausschaltung des Handels führt. Klar und deutlich kleidet das der Handelskammerbericht in die Worte: „Der Aktionsradius des Neumetallhandels ist aufs äußerste eingeschränkt . . . und der größte Teil des III avii —Fahrräder — Nähmaschinen nfll US S 5-— wöchentlich Spitzkopf, Wien, XV, Mariahilfer Gürtel 39 Vertreter gesucht! deutschen Metallverbrauches, der sich 1922 stark vergrößert hat, bedient sich heute nicht mehr wie früher der Vermittlung des freien Handels. Der Handel an Neumetallen . . . hat dadurch an Lebenskraft erheblich eingebüßt." Nicht vorübergehende Erscheinungen also, wie Konsumrückgang, verschulden den Niedergang des Neumetallhandels. Sondern bei wachsendem Konsum (!) werden ihm durch die großen, nun auch zu Großhändlern mit einer umfassenden Absatzorganisation gewordenen Produzenten (copper exporters inc., Produktionsmonopol für Aluminium, Giesche) die Geschäfte radikal entzogen. Und sieht es etwa in der alten jüdischen „Domäne", dem Altmetallhandel, besser aus? „Auch im Altmetallhandel haben sich tiefgreifende Wandlungen vollzogen, durch die die machtvolle Stellung dieses Handelszweiges, der sich vor dem Kriege werksfätte für Sessel und Tische Salongarnituren und EinzelmöbelstOcke ADLER, VII, Apollos. 18 Haimarair. IX zu leitender internationaler Bedeutung emporgeschwungen hatte, wesentlich gelitten hat. Hier ist dem Handel ebenfalls ein großer Teil seines Wirkungskreises dadurch entzogen worden, daß sehr erhebliche Mengen, die früher an den Metallhandel gingen, heute den Lieferanten der Halbfabrikate direkt in Gegenrechnung gegen die gekauften Waren gegeben werden." Das Tauschgeschäft ist an die Stelle des Einkaufes beim freien Handel getreten, Hersteller von Haib¬ und von Fertigfabrikaten — die Produzenten — verständigen sich untereinander über den Kopf des Handels hinweg. Er wird entbehrlich und daher nunmehr ausgeschaltet! Hinzu kommen stärkere Verwertung der Altmetalle im eigenen Betriebe oder doch innerhalb des eigenen Konzerns des Produzenten und der Wegfall des größten Teiles der früher an den freien Handel von Heer und Marine abgegebenen Altmetalle. Und Post- und Eisenbahn liefern auf Grund zumeist fester Verträge nur an einen engbegrenzten Händler- oder Werks-Kreis, nicht aber mehr an den freien Handel. Wenn der Bericht dann weiter betont, daß dieser Verringerung der Geschäftsmöglichkeiten keine Gewinnausgleichchance im enger gewordenen Wirkungsgebiete gegenübersteht und daher — da zu allem anderen auch noch die Spesen gestiegen sind — die Rentabilität gelitten hat, so ist auch die Schlußfolgerung klar: Da die Zahl der Metallhändler sich bisher nur unwesentlich durch Ausscheiden einiger Konkurrenten verringert hat, so — sind eben zu viele vorhanden. Eine ehemals blühende und hochrentable „jüdische” Branche mit stärksten internationalen Verflechtungen kann heute ihre Leute nicht mehr voll ernähren!

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