Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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m Nr. 1415 DIE STIMME Seite 3 aber das Wesentliche im Menschen, die Inhalte des Geisteslebens sind es nicht. Es ist nicht wesentlichst ob wir das: „Füllest wieder Busch und Tal“ Goethes oder das „il pleurt dans mon coeur“ von Verlaine in der Jugend kennen und lieben gelernt haben, dadurch wurden wir nicht zu lOOprozentigen Deutschen resp. Franzosen. Man kann solche Gedankengänge ablehnen, aber damit schafft man die Tatsache nicht aus der Welt, daß hier ein tiefes Problem liegt, was sowohl den geistigen Führern der Deutschen — die sich darüber in vielen Heften des „Juden“ geäußert haben — als jedem intellektuell redlichen Juden bewußt ist. Probleme schafft man aber nicht durch Diktate und Proklamationen aus der Welt, wie jene der Zentralvereinler, die einfach erklären, daß sie national und kulturell „ausschließlich“ zum deutschen Volk gehören und das Judentum für sie „nur“ eine Religion sei. Ja, noch mehr: eine solche Einstellung ist schon in sich ein Unsinn. Religion ist doch der tiefe Zusammenhang mit allem Seienden, der aller Kultur und aller Wertung zugrunde liegt. Wie kann man religiös Jude und „kulturell“ lOOprozentiger Deutscher sein? Sind Religion und Kultur zwei grundverschiedene, glatt teilbare Regionen? Aber die Herren sind ja gar nicht religiös und daher glauben sie ihr Judentum auf ein Stockgeleise abzuschieben. Mit Proklamationen kommt man über Kulturprobleme nicht hinweg, sagten wir eben und möchten, um dies zu illustrieren, den Deutschiuden einige Fragen zur Lösung auf geben: Gehören Zionisten, national bewußte Juden, welche die deutsche schöne Literatur bereichern, wie z. B. Max Brod. Beer-Hofmann, Arnold Zweig und viele, viele andere, „kulturell“ zum „Deutschtum“ oder zum „Judentum“? Wie ist es möglich, daß ein Mann, der sich zu „einem über die ganze Erde verstreuten, in Palästina beheimateten jüdischen Volke" bekennt, die deutsche Sprache bereichern kann, wie Buber in seiner Bibelübersetzung, indes lOOprozentige „deutsche“ Juden keinen deutschen Satz schreiben können, wie ihre eigene Resolution beweist, in der sie sich als kultu, rell ausschließlich als deutsch erklären? Der bereits daraus zitierte Satz mit dem „verstreuten“ und „beheimateten“ Volk, pardon, mit „einem .. Volke“, ist ebenso wohlklingend deutsch, wie „die Vorstellung, als gehörten wir etc.“, oder „das von den Zionisten behauptete oder angestrebte jüdische Volk“. Doch diese Polemik ist unnütz, da, wie schon erwähnt, Deutschjuden Deutsche sein wollen und weil die heutige politische Situation den Streit überflüssig macht, so daß nur Gespenster ihn wieder aufnehmen können. Denn die Lage um den heutigen Palästina-Aufbau ist doch ganz klar: Erstens sagt die Balfour-Deklaration ausdrücklich, daß den Rechten der Diasporajudenheit nicht ein Jota Abbruch getan werden darf, zweitens haben die Führer aller Völker, auch des deutschen, die Balfour-Deklaration auch in diesem Teile bejaht, ihre bewundernde Anerkennung des Palästina-Werkes ausgedrückt und sich zu seiner Förderung bereit erklärt, drittens sind ffieinV-OLUtv '-CnMOM-f. voänve. Braune Kinderschuhe Gr.: 19-25 S 4.90, 26-30 S 15.50, 31-35 S 18.50, 36-39 S 21.50. Hfidchen-Spangen Lack, braun u. feinfärb. Box* calf. Größe: 27-30 S 13.90, 31-35S15.90,3fi-38S18.90 Mädchen-Spangen rosenholz und braun Boxcalf, Lack mit hellgrauer Ia rahmengenäht, mit Crepe-» Verzierung . . . . S 21.90 Gummisohlen. 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Im Gegenteil; auf Grund der bisherigen historischen Erscheinungen in den Wechselbeziehungen zwischen den Juden und den Wirtsvölkern sollen die Völker die Judenfrage von einem anderen Standpunkte aus behandeln. In dem einen Falle wird zwar von vielen die These vertreten, daß man den Juden, die Jesu Christ gekreuzigt haben, keine gesellschaftliche Gleichberechtigung zubilligen könne, in dem anderen Falle will man in den Juden die Vernichter des Handels und der Wissenschaft sehen. Die letzten Ereignisse in der Geschichte des jüdischen Volkes, wie die Damaskusaffäre,*) die Mortaraangelegenheit**) und viele andere beweisen, wieweit die Menschheit davon entfernt ist, ihre hohen Humanitätsideale gerade den Juden gegenüber hochzuhalten. Bietet sich Gelegenheit, die Prinzipien reinen Menschentums den Juden gegenüber zum Ausdruck zu bringen, dann kennt man sie nicht mehr. Es könnte fast scheinen, daß unter den Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft eine Art Solidarität bezüglich ihrer Einstellung zu den Juden herrsche. Ja selbst Völker, wie Rumänen und Serben, die erst vor einigen Jahren um ihre nationale Freiheit kämpften, scheuen sich nicht, in bezug auf die Juden Drangsalierungen und Anfeindungen anzuwenden. Sie schrecken selbst vor Plünderung, Verfolgungen und Morden nicht zurück. *) Im Jahre 1840, **) Im Jahre 1863. Um all dem vorzubeugen, gebe es nur ein Mittel: die Abhängigkeit der Juden von den anderen Völkern aus der Welt zu schaffen und ihren Zustand als Parias, die überall verachtet und verhaßt sind, aufzuheben. Dies könnte aber nur dann eintreten, wenn die Juden in einem eigenen Lande konzentriert — wie klein auch dieses an Ausdehnung sein mag — leben könnten. Die Juden müßten daher die größten Anstrengungen machen, ein eigenes Territorium in Besitz zu nehmen. Ein Zufluchtsort für die verfolgten Juden sei somit die einzige mögliche Lösung der Judenfrage. Die Völker der Welt sollten daher alles tun, um den Juden die Besitzergreifung eines eigenen Landes zu ermöglichen. Die Tatsache, daß die Juden eines der ältesten Kulturvölker sind, macht es überflüssig, die Einzelheiten ihrer Leistungen für die Entwicklung der Menschheit zu erwähnen und es genügt vollkommen, auf die Notwendigkeit dieser Hilfeleistung bei der Rückkehr der jüdischen Nation auf ihren eigenen Boden zu verweisen. Die Wiedererrichtung der jüdischen Nationalität würde nach Ansicht Fraenkels den christlichen Religionen ebensowenig schaden, wie die Existenz des nach Millionen Menschen zählenden Mohammedanervolkes. Der Verfasser ist zwar der Meinung, daß die Juden sich zum christlichen Glauben schon aus dem Grunde nicht bekennen könnten, weil gerade im Namen des Schöpfers dieser Religion, Jesus, ihr Blut in Strömen vergossen wurde. Er glaubt aber, daß wenn der Name Jesus für sie das Symbol der nationalen Freiheit oder eine Garantie für den Frieden werden sollte, würde sich mit der Zeit ein anderes Verhältnis ihrerseits zu Jesus und dem christlichen Bekenntnisse herausbilden. Er hält es auch für möglich, daß sie dann vielleicht auch Jesus als den Messias anerkennen würden. Bei den Juden war die Religion stets von der Politik getrennt, die staatliche Unabhängigkeit habe dagegen die erste Stelle angenommen, wodurch dann der Religion eine »verschwommene« Bedeutung zukam. Diese These versucht er nun auf Grund verschiedener Erscheinungen in der alten jüdischen Geschichte zu beweisen. Die Rolle der Religion kam erst während des Zeitalters der politischen und nationalen Abhängigkeit stärker zum Ausdruck, weil man im Wege der verschiedensten religiösen Vorschriften das Bestreben hatte, den fehlenden nationalen Zusammenhang aufrecht zu erhalten. Die rabbinische Tradition, die nach Ansicht Fraenkels während der 14 Jahrhunderte dem jüdischen Volke auch viele Neuerungen beibrachte, hatte nur das einzige Bestreben, den Zusammenhang mit der glorreichen politischen Vergangenheit zu festigen und durch Statuierung von religiösen Vorschriften immer stärker zu gestalten. Er glaubt daher, daß es unvernünftig wäre anzunehmen, daß das wiederhergestellte Israel eine Religion beibehielt, die in ihrer Gefolgschaft die Elemente eines unvermeidlichen Unterganges enthält. Man wird daher bestimmt zur Bibel, die durch ihre gesunde Moral und durch ihre gerechten und weisen Gesetze den Menschen erhebt und die Gesellschaft schützt, zurückkehren. Man wird auch vielleicht darüber nachdenken, das Christentum in seiner ursprünglichen Form anzunehmen, da das Evangelium nichts anderes als eine gekürzte Form der prophetischen Bücher sei. Doch diese Frage könnte erst in weiter Sicht gelöst werden. Vor allem aber müßte die christliche Bevölkerung alles aufbieten, um die Ungerechtigkeit, die sie den Juden zugefügt hatte, gutzumachen und »an der Wiederherstellung des unschuldigen, gemarterten Opfers teilzunehmen«. Nach einer kurzen Exkursion über die Anhänglichkeit der Juden zu Palästina gelangt Fraenkel zum Schlüsse, daß die Befreiung der Juden aus ihrer jetzigen Sklaverei keineswegs an Palästina allein gebunden sei, aber nur dann, wenn sie in jenem Lande, das ihnen zugewiesen werden sollte, ihre Nationalität entwickeln und das Gefühl erlangen könnten, daß sie dort ihr Vaterland und ihre Heimat gefunden haben. Er hält es nicht für notwendig, das Territorium anzuzeigen, wo die Juden ihre politische Freiheit zur Geltung bringen könnten, da die Welt ohnehin groß genug sei, um eine Auswahl zuzulassen und noch große Erdteile in Asien und Amerika unbewohnt und unkultiviert sind. Es wäre daher Sache der führenden Männer des jüdischen Volkes, ein solches Land für ihre Brüder ausfindig zu machen. Man müßte vor allem Boden von ungefähr acht Millionen Hektar für eine Bevölkerung von fünf Millionen Seelen (IM2 Hektar Ackerland pro Seele) ankaufen, welcher Ankauf höchstens einen Betrag von vier- bis fünfhundert Millionen Francs