Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1928)
- Date
- 1928-03-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053766--0218-3055482- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 DIE STIMME Nr. 13 Lesen Sie am 4. April unseregroB« reichhaltige Pessach-Nummer I schwere starke Zweifel, Meine Schule war das russische Gymnasium der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Dort wurden wir unaufhörlich ,,erzogen.“ Von neun bis zwei Uhr wurden uns bestimmte Neigungen eingepaukt, Gehorsam, russischer Patriotismus, Begeisterung für die Monarchie. Auf uns jüdische Schüler konnte das wenig Wirkung haben; doch ich spreche nicht von uns, sondern von unseren christlichen Kollegen, Aus ihnen besteht jene Generation, welche die Revolution von 1905 und 1917 gemacht hat — ein erzieherischer Erfolg, um den wohl schwerlich ein Lehrer meine Lehrer beneiden wird. Man wird mir nun einwenden, daß die Schule im alten Rußland kein richtiges Beispiel ist, da sie im ganzen schlecht war und daher keinen moralischen Einfluß auf die Schüler haben konnte. Hüten wir uns vor Verallgemeinerungen! Das Gymnasium, welches ich besuchte, hasse ich bis heute; doch ich kann nicht leugnen, daß es einige gute Pädagogen hatte, zu denen wir Schüler im Verhältnis innerlicher Hochachtung standen und bei denen wir mit Interesse lernten. Geographie, Mathematik, lateinische und griechische Literatur, also positive Kenntnisse, doch nicht Neigungen, nicht Ideen, nicht Prinzipien. Wie wir nur spürten, daß ein Lehrer — mochte es auch der beste sein — uns zu ,.erziehen“ begann, es versuchte, uns nicht seine. Tatsachen, sondern seine Stimmungen und Svmpathien einzupflanzen. da verloren wir alle, Juden und Christen, vollständig das Interesse an seinem Vortrag. Der Punkt „Erziehung“ hatte eben keine Wirkung auf uns, wir ignorierten ihn einfach. So war nicht nur die russische Schule. Die vielgerühmte deutsche Schule war sicher technisch gut und sie hat tüchtig „erzogen“, und das im besten preußischen Sinn — und aus ihr sind alle intelligenten Führer der deutschen Sozialdemokratie und des deutschen Kommunismus hervorgegangen fes sei nicht erst darüber gesprochen, daß der jüdische Cheder und unsere Jeschiwoth. überaus mächtige „Erziehungs" - Anstalten, in denen der Schüler ganze Tage verbringt, die schlimmsten Atheisten hervorbrachte). Damit will ich nicht sagen, daß die Schule überhaupt keinen erzieherischen Einfluß haben kann; doch es hat den Anschein, daß der stärkste Erzieher das Leben selbst ist. dessen Einfluß gegenüber dem Einfluß der Schule (und des Hauses) gering ist. Das Haus kann uns gute Manieren beibringen, die Schule eine gewisse gesellschaftliche Disziplin; beide können — wenn Eltern und Lehrer darnach beschaffen sind — gute individuelle Beispiele von menschlicher Würde geben, was auch nicht wenig ist. Doch Ideen, Prinzipien, Anschauungen? — Ich zweifle sehr daran. 2. Doch eines kann die Schule sicher geben; es sind — Kenntnisse. Und ich bin genötigt, die Frage zu stellen: Sind wir dessen sicher, daß in dieser Hinsicht die national-jüdische Schule wirklich auf der höchsten Stufe steht? Diese Frage bezieht sich auf alle unsere Schulen, in jeder Sprache, in jedem Lande, wo Juden ihre besonderen Lehranstalten haben, in Palästina sowohl wie in der Galuth. Wird in ihnen gut, wird genug gelehrt und gelernt? Ich erinnere mich aus meiner Studentenzeit sehr genau, wie stark an den ausländischen Universitäten in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland, an denen wir „russischen“ Jünglinge unsere Ausbildung fortsetzten, die rein didaktische Schwäche der russischen Mittelschule fühlbar war. Wohl waren wir mehr „entwickelt“ als die einheimischen Kollegen, kannten Ibsen und Nietzsche besser als sie, hatten mehr „Horizont“ — doch in Mathematik, Geschichte, Botanik, Physik und Chemie waren sie, die Unentwickelten, uns turmhoch überlegen. Sie hatten eben diese Dinge intensiver, besser gelernt als wir; ich weiß wirklich nicht, ob wir in den russischen Gymnasien überhaupt „gelernt“ haben. Wir hatten wohl, wie ich bereits erwähnt habe, einige interessante Lehrer; doch das ganze System war so lächerlich, chaotisch, so ..russisch“, daß man ganz gut ohne Lernen auskam. Das können wohl die meisten Frequentanten russischer Gymnasien bestätigen.. Diesen „russischen“ Fehler führe ich deshalb an, weil wir Juden in allen Ländern leider mit vielen russischen Fehlern infiziert sind. Es ist nicht wahr, daß die russische Oberflächlichkeit, die Gewohnheit, eine Sache zu tun, damit sie nur getan sei. also unvollkommen und unordentlich — daß diese Gewohnheit eine jüdische Krankheit ist: es ist eine russische, eine charakteristisch russische Schwäche; sie ist in der russischen Produktion, in den russischen Schulen und in den russischen Revolutionen zu erkennen, sogar in der letzten, trotz aller Anstrengung der Bolcohewiken. diese nationale Schwäche auszurotten. Es gelingt nicht; sie sitzt zu tief. In uns Juden sitzt diese Schwäche vielleicht nicht, so tief, aber sie ist vorhanden.. Ich will — Gott bewahre — nicht behaupten, daß unsere nationaljüdischen Schulen „russisch“ seien; ich stelle nur eine Frage — wie ich gleich gestehen will — durch Beobachtungen und Eindrücke veranlaßt; ich kann nun einmal den Gedanken nicht loswerden und frag nochmals: Wie wichtig auch die Frage nach dem neuen „Erziehungs-Inhalt“ unserer Schule sein mag — haben wir die Frage ihres didaktischen Inhaltes, des Lernens, der Bereicherung des Schülers mit positiven Kenntnissen, vollständig gelöst? 3. Ich habe natürlich schon gehört, daß es in der heutigen Lehrerschaft nicht modern ist, über diese Seite des Schulproblems viel zu sprechen; man nennt das „Anstopfen der Kinder mit trockenen Kenntnissen“, „Kinder zu toten Enzyklopädien machen." Die modernen Richtungen in der Pädagogik befassen sich mehr mit anderen Zielen — mit allgemeiner Entwicklung, Vorbereitung zu selbständiger Arbeit, Kultivierung der eigenen Neigungen des Kindes. Es mag also sein, daß auf dem Gebiet der Pädagogik meine Frage nicht modern ist; doch ich kenne ein Gebiet, wo sie sehr modern, sehr aktuell ist, vielleicht sogar zu einer tragischen Lebensfrage werden kann; und das Gebiet heißt: Das jüdische Leben. Auf der ganzen Linie unseres Lebens leiden wir an dem Mangel an erstklassigen jüdischen Spezialisten. Ich bin gewiß der letzte, der die Schuld an der Krise in Palästina jüdischen Schultern auflasten will; ich habe zu oft geschrieben, daß der Hauptschuldige das Obstruktionsregime der britischen Verwaltung ist. Doch man muß taub sein, um nicht zu hören, was ganz Erez Israel einander zuflüstert: Die Krise wäre viel schwächer gewesen, unsere Position viel widerstandsfähiger, hätten wir auf jedem Posten richtige Spezialisten gehabt. Sie sind selten, in allen Schichten, bei Arbeitern ebenso wie bei Handwerkern, Fabrikanten und Technikern. Eine Ausnahme bilden natürlich Aerzte und Juristen; da haben wir das beste des besten — doch damit wird keine Wirtschaft gebaut. Heute ist die Gefahr noch klein im Vergleich zu dem, was einige Jahre später sein wird. Die nichtjüdische Bevölkerung Palästinas sieht gut zu, was wir dort schaffen, und beginnt daraus zu lernen, und sie ist fähig, ist begabt. Im Lande erwächst uns ein Konkurrent; er wird sich auch nichts daraus machen, wenn es nottut, sich Spezialisten aus dem Ausland, aus England, Deutschland, Frankreich zu verschreiben. Da wird kein jüdisches Gottvertrauen helfen, da kann nur eines helfen — Sieger wird derjenige bleiben, der Meine Reise nach Palästina Von Max Brod. (Ein Gespräch mit dem Dichter.) Das Judentum als geistiger, sittlicher, kultureller Faktor, als zentrales Erlebnis hat sich mir in den reifsten Stunden meines Lebens geoffenbart und zur Formung gedrängt. Ich bin daher in dieser Hinsicht nicht unbelastet. Eine Reihe von Büchern kann den «m Wmm Mb, 'K ’ÜÄ Max Brod, (Mit Cicnchmi*'"');.; des Verlages Paul Zsohuiy, Wien, wo lirod.s Werke erscheinen.) die besseren Spezialisten auf jedem Arbeitsgebiet haben wird. All das gilt nicht nur für Palästina. Ueberall wird die Konkurrenz in Produktion und Handel von Tag zu Tag stärker. Die Zeiten sind vorüber, da sich der Jude einen „freien Platz“ aussuchen konnte, ein Gebiet, wo es unerschöpfliche Möglichkeiten gab. Auch in seinen gegenwärtigen Wohnländern kann der Jude seine wirtschaftliche Position nur erhalten, wenn er sich als erstklassig erweist, ja — mehr als erstklassig, weil er noch mit einem anderen Stein auf seinem Wege, mit dem Antisemitismus rechnen muß. So gestatte ich mir zu bemerken, unbekümmert darum, welche Stimmung oder Strömung heute in pädagogischen Kreisen herrscht: Das Leben fordert von uns eine solche nationale Schule, die vor allem positive Kenntnisse gibt. Ich weiß, daß Elektrotechniker und Chemiker nicht im Gymnasium, auch nicht im Hebräischen, ausgebildet werden; doch das Gymnasium, ja schon die Elementarschule muß eine starke Wissensgrundlage geben. Ueberdies muß die untere und mittlere Schule dem jungen Menschen schon in jungen Jahren die Gewohnheit beibringen, zu arbeiten, gründlich zu lernen, nach Vollkommenheit in allen Dingen zu streben. Denn Oberflächlichkeit ist nicht nur Mangel an positiven Kenntnissen, sondern auch eine Geistesverfassung, Sache des Charakters und der Gewohnheit. Ich glaube also, der hauptsächliche „Inhalt“ der nationalen jüdischen Schule müßte darin bestehen, zu lernen, ausreichend, gut und gründlich zu lernen, die Jvtgend daran zu gewöhnen, keine Arbeit aus der Hand zu geben, ehe sie nicht „vollendet“ ist, in jeder Beziehung vollendet. Das ist die beste „Erziehung“, die unsere Schule der jungen Generation geben sollte, geben könnte, geben müßte. Ich bin ein Fanatiker der hebräischen Schule; ich bin stolz darauf, daß sie junge Menschen hinausschickt, welche hebräisch denken und fühlen können. Ich wäre noch mehr stolz, wenn sie dafür garantieren könnte, daß alle ihre Schüler dem nationalen Gedanken und der nationalen Heimat immer treu bleiben werden. Mein größter Stolz aber wird jener Tag sein, da ein französischer oder deutscher Professor mir sagen wird: „Die am besten vorbereiteten, die am besten vorgebildeten Schüler sind die, welche aus den hebräischen Mittelschulen kommen“; und wenn die besten Ingenieure und Aerzte, die gründlichsten „Fachleute“ auf jedem Gebiet die Absolventen einer hebräischen „Diplomf'ihrik“ auf dem Scopusberg sein werden . . . Weg zeigen, den ich als Schriftsteller, als Problemsteller und Lösungssucher gegangen bin: essayistisch die Aufrollung der religiösen Entscheidung in „H e identum, Christentum, Judentum“; in dichterischer Traditionsbildung „Reubeni"; in publizistischer Eindeutigkeit und Bekenntnisfreiheit die beiden in Dr. Prägers Löwit-Verlag erschienenen Schriften „Im Kampf ums Judentum“ und „Sozialismus im Zionismus“; schließlich politisch-philosophisch bedingt die mit Felix Weltsch gemeinsam verfaßte Schrift „Zionismus als W eltanschauung“. Solcherart innerlich bereit und gedrängt, mußte der Wunsch, nach Palästina zu reisen, die neuerstehende jüdische Welt zu sehen, reif werden. Nun wird er in Erfüllung gehen. Gemeinsam mit Dr. Felix Weltsch gedenke ich Ende Monat März abzureisen und ungefähr fünf Wochen in Erez Israel zu verbleiben. Wir begeben uns zunächst zu unserem gemeinsamen Freunde Dr. Hugo Bergmann nach Jerusalem, um mit ihm die Kolonien, alles, Land, Menschen, Atmosphäre zu studieren. Ich freue mich gerade jetzt nach Palästina zu kommen, da allem Anschein nach die Krise überwunden, die Situation wieder günstiger geworden ist. Ich habe mir vorgenommen, meine Eindrücke nicht journalistisch zu verarbeiten, es sei denn, daß ein besonderer Augenblick direkt dahin drängt. Meine Absicht ist, als Dichter Palästina zu bereisen und geduldig zu warten, in welcher Art diese Eindrücke und Erlebnisse Gestalt annehmen werden. Es geht darum, die Dinge so lange als4 möglich in sich wirken zu lassen. Meine Vorbereitungen zur Reise? Als Zionisten ist für mich die gefühlsmäßige Einstellung von vornherein gegeben. Die ständige Lektüre aller zionistischen Blätter gibt mir den informativen Rahmen. Wertvolle Vorstudien bildeten bildliche Darstellungen, Saltens Palästinabuch, Meier-Gräfes „Pyramide und Tempel“ und schließlich die intensive Beschäftigung mit der theoretischen bolschewistischen Literatur. Mir geht es auch darum, Klarheit zu gewinnen über das große soziale Problem. Und es scheint mir, daß die zwei Brennpunkte der so- Wissenschaft, Literatur, Kunst