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Die Stimme · 1928-03-29 · Heft 13 (29.3.1928) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 13 (29.3.1928)
Date
1928-03-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nf. 13 DIE STIMME Seite ii Tuchhaus Münz ’ÜÜ". I Vrtlflast« 4 und ■ KrancfgHS« 11 Zugang: Ro(«n(urmttraa« 11—13 Zarte Rücksicht auf die Höchstbesteuerten Wie das Kultuswahlprogramm der Wiener Majorität aussieht. Im Rahmen einer Versammlung der »Union österreichischer Juden« hielt Donnerstag Abend der Budgelreferent der Wiener Kultusgemeinde, Regierungsrat Dr. Oppenheim, einen Vortrag über die budgetären Verhältnisse der Wiener Judengemeinde. Der Referent erschien mit den bekannten blauen Bänden, die den Rechnungsabschluß des vergangenen Jahres und den Voranschlag für das laufende Verwaltungsjahr beinhalten und hielt im allgemeinen die gleiche Rede, die er im Plenum des Kultusvorstandes anläßlich der Budgetberatung gehalten hatte. Regierungsrat Oppenheim, der über eine hervorragende Begabung auf dem Gebiete des Finanzwesens verfügt, wartete wieder mit den gleichen Ziffern auf, von denen jede einzelne wohl genauer Prüfung standhalten wird. Nur in einem Punkte unterschieden sich die Ausführungen des Versammlungsredners Oppenheim sehr wesentlich von den Ausführungen des Budgetreferenten gleichen Namens, Mußte damals der Sprecher der Zionistischen Fraktion, Doktor Desider Friedmann, den wegen des bereits eingetrelenen und präliminierten Dcfizites in arge Besorgnis geratenen, von schwerem Pessimismus erfüllten Referenten förmlich trösten, indem er erklärte, daß ein Defizit von 260.000 S bei einem Budget von 60 Milliarden, wovon der größte Teil der Reserven gedeckt sei, eigentlich kein allzu tragischer Grund zum Pessimismus sein könne, so zeigte der Finanzreferent in der Versammlung der »Union«, die eigentlich schon als Wahlversammlung anzusehen war, eine bei weitem rosigere Stimmung. Er sagte nämlich, nach einer genauen Besprechung der budgetären Verhältnisse des abgelaufenen Jahres und des gegenwärtigen Verwaltungsjahres im Vergleich zu den früheren Jahren, wörtlich: »Es ist uns gelungen, das Defizit des Jahres 1927 und des Jahres 1928 unter Heranziehung der vorhandenen Reserven auf 40.000 Schilling herabzusetzen. Wir haben also das Gleichgewicht im Haushalt der Kultusgemeinde wenigstens auf denn Papier wiederhrgestellt." Vor Tische las man anders. Während der Budgetdebatte, von offizieller Stelle, ließ der strenge Fiskalist Oppenheim seine warnende Stimme ertönen, erging sich in bitteren Klagen darüber, daß die Finanzen der Kultusgemeinde in Unordnung geraten seien. In der Versammlung der »Union« allerdings »ist es gelungen, die Finanzen der Kultusgemeinde wenigstens auf dem Papier ins Gleichgewicht zu bringen.« Sodann befaßte sich der Redner mit den Einwendungen, die die Opposition, zu der er auch die »eigentlich in der Koalition« befindlichen Jüdischnationalen zählte, gegen die Gebarung der Majorität mache. (Die Unrichtigkeit der Behauptung von einer bestehenden Koalition hat Dr. Friedm a n n bereits in der Budgetdebatte aufgezeigt.) Zuerst ging der Redner auf die zionistische Forderung ein, auf Grund des Friedensvertrages an Bund und Gemeinde heranzutreten, um die im Staatsvertrag von St. Germain festgelegten Beitragsleistungen für die jüdischen kulturellen und religiösen Bedürfnisse anzusprechen, »Diesen Weg wollen wir nicht gehen", sagte Dr. Oppenheim, Wir haben es abgelehnt, uns auf diesen Schandvertrag zu berufen. Wir sind der Meinung, daß wir als österreichische Staatsbürger die Pflicht haben, uns nicht eines Instrumentes zu bedien&n, das uns zu unser aller Leidwesen in der größten Not aufgezwungen wurde. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß wir nur auf dem Wege des Gesetzes unsere Rechte in Anspruch nehmen, die wir uns in keiner Weise verkümmern lassen, ebenso wie wir auch unsere Pflichten voll und ganz erfüllen.« Diesen Ausführungen muß natürlich immer wieder entgegengehalten werden, daß es sich bei der Forderung nach Erfüllung der Minderheitsrechte nicht um »geminderte« Rechte handelt, daß diese Bestimmungen zum Schutze der Minderheiten nicht nur dem besiegten Oesterreich, sondern auch den Siegerstaaten, wie der Tschechoslowakei, Rumänien und Polen auferlegt wurden. Es ist auch unerfindlich, warum man von Rechten keinen Gebrauch machen soll, die in einem Vertrag enthalten sind, der einem wohl sozusagen nicht paßt, aber doch in allen Punkten genau erfüllt werden muß. Bleibt noch die Frage, auf welchem Wege Herr Dr, Oppenheim und die Gruppe, die er vertritt, diese gerechte Forderung durchsetzen will, auf welchem gesetzlichen Wege, wenn er den Staatsvertrag von St. Germain, der ein Teil der Staatsgrundgesetze ist, nicht als geeignetes Mittel ansieht. Ein wirksameres und unumstößlicheres Gesetz, als die Staatsgrundgesetze werden wohl auch die angesehensten Juristen der »Union« nicht finden. Dem Vorwurf wegen Vereitlung der Schaffung eines jüdischen Gemeindebundes in Oesterreich suchte der Redner dadurch zu begegnen, daß die österreichischen Verhältnisse nicht gut mit den Gemeindeverhältnissen in Deutschland und der Tschechoslowakei verglichen werden können, da sich in diesen Ländern Gemeinden von nahezu gleicher Größe zu einem Bunde zusammengcschlossen haben. In Oesterreich steht der Wiener Gemeinde mit über 200.000 Seelen, als nächst größte Gemeinde Graz mit 2000 Juden nach, die übrigen Gemeinden sind Kleingemeinden, die nicht als gleichwertige Vertragspartner der Wiener Großgemeinde in Frage kommen können. Im übrigen habe die Gemeinde Wien stets auch die Interessen der anderen jüdischen Gemeinden vertreten. Damit war diese hochwichtige Frage abgetan, denn daß ein jüdischer Gemeindebund die Einheit der Juden Oesterreichs nach außen dokumentiert, geht den Herren von der Majorität entschieden gegen den Strich. Den breitesten Raum in seinen Ausführungen widmete Regierungsrat Dr. Oppenheim der zionistischen Forderung nach Einführung des allgemeinen Wahlrechtes. Als Gegenargument führte er wieder die 60 Groschen ins Feld, die als Mindeststeuerleistung für die Erlangung des Wahlrechtes notwendig sind. Wer nicht einmal diesen Betrag im Jahr an Kultussteuer bezahle, der beweise dadurch ganz deutlich sein Desinteressement an den Geschicken dieser Gemeinde und könne deshalb nicht mit dem »Ehrenrecht« des Wahlrechtes belohnt werden. Es ist nicht richtig, sagte er, daß das Wahlrecht in die Kullusgemeinde reaktionär ist, ganz im Gegenteil — es ist viel fortschrittlicher als das Wahlrecht für den Nationalrat und Gemeinderat, denn für die Kultusgemeindewahlen bildet ganz Wien einen einzigen Wahlkreis, sodaß auch die kleineren Parteien, die durch die Wahlkreisgeometrie von den staatlichen Vertretungskörpern ausgeschlossen sind, in der Kultusstube ihre Vertretung finden können. Die Kultusgemeinde verfügt über keine indirekten Steuern, mit Ausnahme der Steuer für Koscherfleisch, die aber wenig in die Wagschale fällt, sodaß man auch nicht annehmen könne, daß die Nichtsteucrzahler indirekt ihrer Steuerpflicht Genüge leisten. Von den 54,000 Zensiten sind gegenwärtig 44.000 mit weniger als 10 Schilling bemessen, während die restlichen 10.000 die ganzen Lasten tragen müssen. Würde man das allgemeine Wahlrecht einführen, dann wäre dieses »Mißverhältnis« noch krasser und das müßte den Hm Hpril erscheint unsere große reichhaltige 2*essczcli~2Vixziiz2iez>? Ruin der Kultusgemeinde nach sich ziehen. Im Interesse der Aufrechterhaltung der Gemeinde sei daher die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes abzulehnen. Ist es nicht aufrichtigere Liebe für diese Gemeinde, wenn Dr. Friedmann erklärte, daß seine Partei für die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes eintreten werde, selbst auf die Gefahr hin, daß sie aus diesem Wahlkampf auch etwas geschwächt hervorgehen könne? Ist es wirklich so demokratisch, das Wahlrecht von einer Steuerleistung abhängig zu machen, ein Standpunkt, der in der ganzen fortschrittlichen Welt überwunden ist? Ist es wirklich eine Gefahr für die Gemeinde, wenn auch die große jüdische Masse in ihr ein Wort zu reden haben wird? Vielleicht wird man auf diese Weise mehr Zensiten gewinnen und die »oberen Zehntausend«, deren sich der Budgetreferent der Kultusgemeinde so annehmen zu müssen glaubt, prozentuell entlasten. Es ist kaum anzunehmen, daß die Höchstbesteuerten gegen diesen Vorschlag ernstlich etwas einwenden werden. Worauf es einzig und allein ankommt, ist die Erfassung der breiten jüdischen Massen und dies kann nur durch Einführung des allgemeinen Wahlrechtes geschehen, das der Exponent der Majorität des jetzigen Kultusvorstandes als Ruin der Gemeinde bezeichnet. Bleibt noch zu berichten, daß im Rahmen der sich an diesen Vortrag knüpfenden Debatte der ehemalige Vizepräsident der Kultusgemeinde, Börsenrat Glück, bittere Klage darüber führte, daß die Versammlung, der auch der Präsident der 'Kultusgemeinde, Prof, Pick, sowie der Vizepräsident, Dr. Ornstein, und eine Anzahl von Kultusvorstehern der Majorität beiwohnten, so schwach besucht sei, und auf Der „Inhalt“ der Erziehung Von Wladimir Jabotinsky. 1. Bei der letzten „Tarbuth“ - Konferenz in Warschau, der ich beiwohnte, wurde u. a. sehr viel darüber debattiert, worin der besondere, spezifische „Inhalt“ einer national - jüdischen Schule bestehen soll. Viele Lehrer führten Klage darüber, daß die hebräische Schule nicht so sehr an ihrer Armut, an materiellen Mitteln leide, auch nicht so sehr daran, daß ihre Sprache nicht die Sprache des Hauses des Schulkindes ist, sondern vor allem daran, daß sich kein nationaler Inhalt herausgebildet habe, welcher die Atmosphäre der Schule völlig erfüllen und sie zu einer eigenartigen, von allen anderen Anstalten verschiedenen Bildungsstätte machen könnte. Es machte den Eindruck, die nächsten Abschnitte der Entwicklung der hebräischen Schule in Polen und allerorten, wo es hebräische Schulen gibt, müßten Import original englischer und schottischer Damen* und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen das Beispiel der Zionisten hinwies, die das ganze Jahr hindurch eifrige Propaganda betreiben und nicht erst vor Wahlen aktiv werden. Diese Entfremdung der Gemeindemitglicder — das wollen wir Herrn Glück und seinen Gesinnungsgenossen verraten — rührt eben daher, wenn man zuviel auf die »Höchstbesteuerten« gibt. Eine gesprengte Sitzung des Warschauer Kultus vor« Standes Die letzte Sitzung der Repräsentanz der Warschauer jüdischen Gemeinde wurde, wie uns von dort gemeldet wird, durch skandalöse Tumulte der Galeriebesucher verhindert. iDa sich der Beginn der Sitzung infolge von Beratungen der Fraktionen verzögerte, verließen die dem „Bund“ angekörigen Kultusräte demonstrativ den Sitzungssaal, Als nicht lange darauf der (zionistische) Vorsitzende Dr. Gottlieb diie Sitzung eröffnete, wurde von der Galerie aus, die vorwiegend von Parteigängern des „Bund" besetzt war, das elektrische Licht im Saale 'abgedreht und die 'G a ll e r i e b e s u c;h e r begannen ein Pfeif- und Trompetenkonzert. Die energische Mahnung des Vorsitzenden zur Ruhe beantworteten sie damit, daß etwa 30 von ihnen die Barriere übersprangen und die Kultusräte von ihren Plätzen drängten. Es entstand ein unbeschreiblicher Tumult, da die Demonstranten die Tische, Stühle und die andere Einrichtung des Sitzungssaales um warfen und einen Höllenlärm aufführten; sie erklärten, sie würden die Sitzung in Abwesenheit der bundistischen Kultusräte nicht eröffnen lassen. Erst als zwei 'Polizisten eingrtiifen, gelang es die Demonstranten zum Abzug zu bewegen. Die Sitzung konnte wegen der vorgerückten Stunde nicht stattfinden. Die staatliche Subvention für die jüdischen Ge. meinden in Preußen Im Plenum des Preußischen Landtages fanden am 20. März die Abstimmungen zum Kultusetat statt. Mit großer Mehrheit hat das Plenum die vom Hauptaussdh/uß abgelehnte Position betreffend Auszählung von 200.000 Mark als Zuschüsse an die Synagogengemeindemi zur Besoldung ihrer Rabbiner, zur Versorgung der Ruhegehaltsrabbiner und der Hinterbliebenen der Rabbiner in zweiter Lesung angenommen. 'Die Position betreffend dlie Auszahlung von 400.000 Mark an die leistungsschwachen S y na ig o g engem ein den war vom Hauptausschuß nicht angefochten worden und wurde zum Beschluß erhoben. Demnach betragen die Zuschüsse des Preußischen Staates an die jüdischen Gemeinden insgesamt 600.000 Mark. Israelitischer Jugendgottesdienst. Samstag, den 31. März d. J., findet um 3 Uhr nachmittags der Jugend,- gottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks-Synagogen statt. Austritte aus dem Judentum Hilda Anna Koritschoner, 11. 5. 1896 Wien, verh., III., Rennweg 33 a; Leo Lothringer, 20. 9. 1864 Jassy i(Ruim.), HIL, Baumannstr. 5; Marie Konstant, 1. 5. 1901 Wien, Hed., XX., iPasettistnaße 45; 'Rudolf Rosenfeild, 17. 4. 1905 Wien, led,, Medizin IUI., lU-nt. Viaduktgasse 43; Kurt Philipp Bruckner, 17. 11, 1905 Wien, led., Hochschüler, UM., Rei&nerstraße 14; Elisabeth Kn a p,pii t s ch, 21. 4. 1904 Wien, led., XIX., Ilglaseestraße 40; lllsidor Zelnik, 27. 1. 1900 Wien, led,( XVIUI., Syringgasse 9; Minnie Kronfeld, 17. 7. 1904 Berlin, led., Burgschauspielerin, lIV., Argentinierstraße 8; Friedrich Gern er, 24. 2. 1897 Wien, getr., Hilfsarbeiter, XVII., Lacknengasse 26; Adele S o j k a geh. Axelrad, 9. 12. 1886 Wien, verh., XVIM., Leopold-Emst-Gasse 14; Franziska Bach rach, 24. 12. 1906 Wien, led., ViL, iRalhigasse 1; Adolf Lederer, 14. 3. 1890 Korneuburg, led., ViM., Unban-Lordtz- Platz 5; Lisetta Blaust ein geh. Wohrisühek, 5. 6. 1865 Pozsony, verw., IX., Liechtensteinstraße 107; Adolf R o s n e r, 30. 7. 1879 Klosterneuburg, gesch., lIIX., Lustkiandeägasse 29; den Bemühungen gelten, diesen „Inhalt" zu finden. Dazu nun einige Bemerkungen; diese macht ein Nichtpädagoge, der nicht „Fachmann“ ist. Aber in der Erziehung gibt es zweierlei Erfahrungen: die des Lehrers, die sicher sehr wichtig ist, und die — des Schülers, des Objektes der pädagogischen Methoden; der Wert der zweiten Kategorie von Erfahrungen darf wohl auch nicht unterschätzt werden. Schüler waren wir alle, auch ich, und ich möchte einige meiner früheren Erfahrungen Vorbringen: Die wichtigste dieser Erfahrungen ist, daß ich sehr wenig an die objektive Möglichkeit der „Erziehung“ eines Kindes in der Schule glaube. Ich unterstreiche das Wort „Erziehen" zum Unterschied von der anderen Aufgabe der Schule, dem „Lehren“. Lehren heißt dem Schüler positive Kenntnisse einpflanzen, erziehen — ihm bestimmte Neigungen einzupflanzen. Daß die Schule das erste vermag, daran zweifle ich nicht. In betreff des zweiten Zieles aber hege ich — gerade aus meiner Schüler-Erfahrung — Die jüdische Jugend

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