Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1928)
- Date
- 1928-03-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 OIE STIMME Seite 5 Die Versammlung anerkennt die Notwendigkeit und •aterstützt alle Bemühungen der verantwortlichen Jüdischen Organisationen, die daraui gerichtet sind, von den Regierangen die restlose Unterdrückung derartiger Verfolgungen nnd die Wiederherstellung der Lehr- und Lernfretheit für die jüdische Studentenschaft zu erlangen; sie fordert gleichseitig die jüdische Jugend zu einer einmütigen und organisierten Abwehr auf. Aus all diesen Gründen und um demjenigen Teil unserer jüdischen studierenden Jugend, die reine nationale Würde am höchsten schätzt, die Möglichkeit zu geben, in einer von nationalem Geist durchdrungenen Atmosphäre seine Studien au! heimatlichem Boden vollenden zu können, erachtet es die Versammlung als eine Notwendigkeit, daß die hebräische Universität zu Jerusalem aus dem engen Rahmen eines Forschungsinstitutes in eine der Allgemeinheit zugängliche Lehr- und Lernanstalt umgewandelt werde. * Ae»hnliche Kundgebungen fanden auch von der jüdischen Studentenschaft anderer Universitätsstädte statt. Daß die Anschauung über den unzulänglichen Stand der Jerusalemer Universität auch in den Kreisen ihrer eigenen Hörerschaft herrscht, darüber gibt der Aufsatz Aufschluß, den wir nachstehend veröffentlichen: Wie steht es um unsere hebräische Universität? Von Chaim Ibn-Schamir (Jerusalem). Es wird wohl von Interesse sein, wenn ich wahrheitsgetreu, ohne Verschönerung der Tatsachen, über den gegenwärtigen Zustand unserer hebräischen Universität, deren Schüler zu sein ich die Ehre habe, schreiben werde. Es wäre gut und nützlich, wenn auch die große Welt ein wenig mit den Verhältnissen der hebräischen Studenten bekannt werden würde, vielleicht könnte ihre Beeinflussung Hilfe der studierenden Jugend des Judentums bringen. Als die hebräische Universität feierlich eröffnet wurde, glaubte die wissensgierige jüdische nationale Jugend nahe der Möglichkeit zu sein, endlich, ohne durch Rassenhaß gestört zu werden, sich in Jerusalem dem Studium widmen zu dürfen. Daher sind viele Studenten hergekommen, um ihren Wissensdurst in unserer Universität zu stillen. Diejenigen, die das Glück hatten, mit dem ersten Semester der Fakultätseröffnung ihr Studium zu beginnen, haben sich auch systematisch, mit jedem Semester, Kenntnisse angeeignet. Wir aber, die wir erst später nach Jerusalem kommen konnten, wir, die wir zuerst in antisemitischen Instituten der Diaspora gepeinigt wurden, wir können hier nicht in erwünschter Weise unsere Wissenschaft befriedigen. In unserer Universität gibt es — wie bekannt — keine Kurse. Man hat nach der Fakultätseröffnung (z. B. Judaica) mit dem Studium einiger Fächer begonnen (es ist noch keine einzige Fakultät vollständig ausgebaut), welches bis zur Gegenwart fortgesetzt wird, ohne daß die später Eintretenden die Möglichkeit erhalten, den Kurs zu wiederholen, bezw. vom Anfang beginnen zu können. Es ist doch verständlich, daß ein Schüler, der bereits zwei bis drei Jahre hindurch Hörer der Universität ist, mehr Kenntnisse hat, als einer, der erst gestern die Mittelschule verließ. Wie können nun diese zwei, im vollsten Sinne des Wortes verschiedenartig entwickelten Geiste im Seminar der Fakultät für Judaica bei einem Tische sitzen? Wie können ihre wissenschaftlichen Arbeiten das Interesse und die Verständlichkeit aller Schüler erwecken? Ist es nicht ein Vergehen am Geiste der Studenten, ihnen nur Teile von Fächern der Wissenschaft zu bieten? Ist denn eine Universität nicht dazu da, um die Lücken in den Kenntnissen der Schüler auszufüllen und den Gesichtspunkt des Studierenden zu erweitern? Wir erwarten doch, daß die hebräische Universität in Jerusalem neue jüdische Kräfte erziehen soll, die fähig sein sollen, den hebräischen Geist des Volkes in Zukunft zu führen und zu vertreten. Und was bietet man uns, den Studierenden? Ein Institut der Wissenschaft, mit welchem man herumslolziert, um äußeren Eindruck machen zu können. Dies ist alles. Denn um die Studenten kümmert sich niemand. Es wird nicht in Betracht gezogen, daß junge Menschen ihre Kräfte dem Studium opfern wollen und deshalb Tage hindurch gerne hungrig die Schwelle der Universität betreten, nur um „einmal" als Menschen der Wissenschaft im Leben weiterkommen zu dürfen. Denn nach dem gegenwärtigen Zustande unserer Universität geurteilt, ist diese nicht für Studierende, sondern für Forscher geschaffen. Wer irgendwo seine Promotion an der Fakultät für „Wissenschaften des Judentums" erlangt hat (mit den anderen Fakultäten sind wir nicht einmal so weit) und als wissenschaftlicher Forscher Weiterarbeiten will, der kann an der gegenwärtigen Universität zu Jerusalem viel profitieren. Und wir Studenten haben gar keine Hoffnung, daß sich in der nahen Zukunft die Lage ändert, weil, nach den neuesten Beschlüssen des Kuratoriums, die einzige Fakultät für Wissenschaften des Judentums bloß mit neuem Forschungskatheder erweitert werden wird. Ist dies unser Ziel? Wollen wir denn nur äußeren Eindruck machen oder sind wir bestrebt, unser geistiges und physisches Dasein in Erez Israel auf eine Basis zu bauen, auf der die Judenfrage gelöst werden soll? Alle „amerikanischen" Geldspender, die für Zwecke der Universität hohe Summen hergeben, sind Leute, die sich momentan aufsehenerregende Verdienste beim Erbau des größten jüdischen Kulturinstitutes erwerben wollen, ohne aber etwas Nützliches zu tun, das auch die Forderungen der Zeit befriedigen soll. Für die Errichtung eines Katheders zwecks Forschung des J’argon haben sich gleich „Spender" vorgefunden, weil man erwartete, daß dieses „Werk" eine ewige „Medaille" des Gründers sein wird. Aber eine Universität ohne „Eröffnungsfeier", die die Welt begeistert, ohne Phrasen und ohne „Bluff" zu erbauen, wo man aber den Studenten geistige und seelische Befriedigung bietet, hat niemand versucht. An eine solche Hilfe für unsere Brüder in Rumänien und Ungarn hat niemand gedacht. Ist denn Fallik umsonst zum Opfer gefallen? Sind denn wirklich alle Herzen verschlossen, wenn es sich darum handelt, der studierenden Jugend des Judentums durch überlegte Tat, die den Forderungen der Zeit entspricht, zu helfen? Es wäre gut und nützlich, wenn die große Welt sich nicht nur mit den momentan aufsehenerregenden offiziellen Feierlichkeiten in Erez Israel befassen würde, sondern wichtigen Fragen auch seelische Aufmerksamkeit schenken würde. Es wäre wünschenswert, daß die jüdischen Studenten des Auslandes sich die Sache der hebräischen Universität in Jerusalem zu ihrer eigenen Sache machen, um mit den hiesigen hebräischen Studenten zusammen den baldigen Ausbau wenigstens der schon vorhandenen Fakultät mit Kursen und Diplomerwerb beim Kuratorium erwirken zu können. Ein Chalukah-Skandal Die Sammlungen für die Frommen und Gelehrten, welche in Erez Israel dem Studium leben, werden in der ganzen Welt durchgeführt, und die „Rabbi Meis baalneß-Bücherei" ist überall, wo Juden wohnen, bekannt. Die Aufteilung der auf diese Weise eingehenden Chalukah-Spenden erfolgt monatlich nach Ländern durch Vertrauensmänner, bezw. Komitees, welche in den einzelnen Ländern bestehen. Schon oft haben sich bei diesem System Unzukömmlichkeiten ergeben; doch was jetzt über die Art bekannt wird, wie die Chalukah-Gelder im „Kolel Warschau" bewirtschaftet werden, übersteigt alles bisher Dagewesene, denn es hat die Linie des Unzulässigen längst überschritten und ist ins Gebiet sträflichen Mißbrauches und Verbrechens gekommen, wenn nur ein Teil wahr ist, was die Chalukah-Empfänger, die vom „Kolel Warschau" almoseniert werden, in Protestschreiben und Klagebriefen mitteilen. Diese Mitteilungen besagen: Die Geldsendungen des „Kolel Galizien", welche monatlich nach Erez Israel überwiesen werden, betragen durchschnittlich etwa 1200 Pfund, sodaß auf jeden Chalukah-Empfänger etwa 11/4 Pfund monatlich entfällt; dagegen haben die Geldsendungen des stärker jüdisch bevölkerten „Kolel Warschau", zu dem Kongreßpolen und die Randgebiete gehören, in den letzten Monaten immer mehr abgenommen und betragen jetzt nicht mehr als 300 Pfund, sodaß auf jeden Spendenempfänger kaum e i n Zloty entfällt. Die Ursache für diese geringen Eingänge sehen die Protestschreiben aus Erez Israel darin, daß 85 Prozent der im „Kolel Warschau" gespendeten Gelder von dessen Vertrauensleuten zu anderen Zwecken verwendet werden. Die Warschauer Verwaltung entzieht sich vollkommen der Kontrolle des in Jerusalem bestehenden Aufsichtsrates, der die monatlich eingelaufenen Spenden nach genauer Prüfung zu bestätigen hat. Da dieser Jerusalemer Aufsichtsrat zum Protest gegen diese Ignorierung seiner Kontrollrechte sich weigerte, die Bestätigungen für Polen zu fertigen, ließen die Warschauer „Verwalter" solche Bestätigungen drucken und fälschten die Unterschriften des Aufsichtsrates. Diese Zustände bestehen, seit ein Günstling des bekannten „Gerer Rebben", ein gewisser Abraham Fisch aus Pinczow, die Verrechnung und Verwaltung der in Polen gesammelten Chalukah-Gelder innehat. Da die Proteste aus Erez Israel gegen die Tätigkeit dieses Fisch nicht aufhörten (auch als sechzig Personen, die eines dieser Protestschreiben unterfertigten, mit Entziehung der Unterstützung „bestraft" wurden), ließ sich dieser Fisch eine Vertrauenskundgebung von zirka 150 ob ihrer Gelehrsamkeit angesehenen Chalukah-Empfängern hersteilen; nachträglich stellte sich heraus, daß die Unterschriften auf dieser „Vertrauenskundgebung" teils durch irreführende Angaben erschlichen, teils gefälscht waren. Bisher blieben alle Proteste wirkungslos. Soweit die Mitteilungen. Sie enthüllen ein mehr als unsauberes Vorgehen mit Geldern, die fromme Spenden darstellen. Und diese Dinge führen mittelbar an den Hof des „Gerer Rebben", eines Parteigängers der Agudah; sein Geschöpf ist Abraham Fisch. Es wäre ersprießlich, wenn die für Fisch maßgebende Autorität des Rabbi so weit reichen könnte, daß man erfährt, wohin die Chalukah-Gelder geflossen sind, die den hungernden Chalukah-Empfängern entzogen wurden. Der jüdische Geburtenrückgang der für die die europäischen Großstädte bewohnenden Juden charakteristisch ist, läßt sich auch in den großen jüd, Zentn n jenseits des Ozeans konstatieren. So hat z. B. in N e w Y o i k, wo bei der letzten Zählung, wie wir bereits mitgetei't haben, eine jüdische Bevölkerung von 1,728.000 Seelen festgestellt wurde, die Zahl der Juden wohl absolut angenommen (sie betrug im Jahre 1917 rund 1,500.000, im Jahre 1920 zirka 1,645.000 Seelen), doch ist die Zunahme bei den Zufahrtsstraße zum Regierungsgebäude au! dem Oelberg in Jerusalem. r/ftSfiS* kann jeder Strenggläubige ohne Bedenken Kunerol verwenden. Die KunerokErzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Naturfettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFEU Juden geringer als bei der übrigen Bevölkerung, sodaß der prozentuelle Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung New Yorks gesunken ist. Diese verringerte Zunahme der Juden New Yorks ist nicht allein auf das fast gänzliche Versiegen der Einwanderung zurückzuführen, sondern auch auf den jetzt zum ersten Male beobachteten Geburtenrückgang, Wohl ist die Sterblichkeit 'bei den Juden New Yorks geringer als bei der übrigen Bevölkerung, doch ist auch die Zahl der Geburten unter den 'New Yorker Juden in den letzten Jahren stark zurückgegangen und heule ist die jüdische Geburtenziffer prozentuell kleiner als bei den Nichtjuden New Yorks. Es zeigen sich also auch im „gelabten Land!* Amerika die Merkmale der abnormalen jüdischen Lage. 80.000 jüdische Farmer gibt es laut der Statistik der »Jewish Industrial and Agricultural Ide Society« in den Vereinigten Staaten, also 2 Pr ozent der etwa 4 Millionen Seelen betragenden jüdischen Bevölkerung der Union. Vor 28 Jahren, im Jahre 1900, als die erwähnte Gesellschaft gegründet wurde, betrug die Zahl der jüdischen Landwirte in U. S. A. 1000; sie hat sich also absolut fast verachtzigfacht. Im Jahre 1900 betrug die Zahl der Juden in der Union etwa 2 Millionen, hat sich also bis heute verdoppelt, so daß die Zahl der jüdischen Landwirte in den Vereinigten Staaten vierzigmal stärker gestiegen ist als die der jüdischen Bevölkerung. Die Zahl der jüdischen Farmer in U. S. A. ist genau so groß wie die Zahl der landwirtschaftlich kolonisierten Juden in Sowjetrußland, wo es eine jüdische Bevölkerung von zirka 2.6 Millionen gibt. Der Prozentsatz der landwirtschaftlich Tätigen ist also in Rußland 3% vom Hundert, Doch es gibt einige Symptome, die entschieden für die landwirtschaftliche Umschichtung in den Vereinigten Staaten sprechen. Sie geht geräuschlos, organisch vor sich; die landwirtschaftliche Ansiedlung der gleichen Zahl von Juden in Rußland erfolgte, nachdem durch rücksichtslose Wirtschaftsmethoden gerade die jüdische Bevölkerung ruiniert worden war. Dann wurde eine Riesenreklame gemacht, die Heilstrompete geblasen und von den 2Yi Millionen nicht landwirtschaftlich tätiger Juden sind 2S Millionen in den elendesten Verhältnissen (von den 80.000 Kolonisten die meisten nicht in der rosigsten Lage), Ungeheuere Geldmittel wurden aus dem jüdischen Ausland gepumpt, unter der Vorspiegelung, man werde die Judenfrage in Rußland wirtschaftlich lösen. Jetzt aber gibt es keinen Boden mehr für eine Ansiedlung von Juden im europäischen Rußland, dafür aber erhalten sie — eine Republik in Sibirien. So versichert wenigstens der neue Sowjetbotschafter in Paris, Herr D o w g a 1 o wsky in einem Interview mit dem Pariser Korrespondenten der New Yorker »World«. Die Juden sollen im sibirischen Gebiet von Bir-Bidschan, das zwischen dem Amur- und dem Bidschanfluß liegt, den Flächeninhalt etwa von Belgien hat und gegenwärtig von 27.000 Kosaken und Koreanern bewohnt ist, eine eigene Republik erhalten, wenn sie in genügender Zahl in das »neue Jerusalem« (so nennt Herr Dowgalowski in begeistertem Pathos das neue gelobte Land in Sibirien und zieht es natürlich, was ja der Zweck der Uebung ist, dem alten Jerusalem vor) ziehen. 100.000 Familien sind vorgesehen. Nach etlichen geradezu der Bibel entlehnten Schilderungen des neuen Kanaan teilt der Kundschafter, pardon, Botschafter mit, es seien bereits »500 jüdische Pioniere in das Gebiet von Bir-Bidschan entsendet« worden. War das nicht am Ende ein Konvoi von deportierten Zionisten? F riihlmgsbot schalt Der Lenz steht vor der Tür, die Pessachtage nahen und schneller als die erste Schwalbe ist — die erste Blutlüge da. Diesmäl kommt sie aus der hochkultivierten Industriestadt Lodz. In einer Vorstadtschule war Namenstagsfeier für Pilsudski; ein kleines Mädchen kam nicht nach Hause. Die Mutter läuft jammernd es suchen. Rasch verbreitet sich das Gerücht, das Kind sei von den Juden geraubt worden, um mit seinem Blut die Mazzoth zu »würzen«. Und gleich findet sich ein Zeuge, der beschwört, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie der »Rabbiner« das Kind in seine Wohnung geführt hat. Bald sammelt sich, von der Mutter des Kindes geführt, eine erregte Menge vor dem Schulgebäude und nimmt eine drohende Haltung an. Polizei zieht auf, die Menge läßt sich aber nicht beruhigen. Da kommt auf einmal das verschwundene Kind getrippelt und hängt sich an die Schürze der Mutter; es hat mit Kameradinnen auf einer entlegenen Wiese gespielt und sich versäumt... Nicht immer werden rascher die »Zeugen« so rasch überführt, oft dauert cs monatelang, wie beim Beilis-Prozeß, oft dürfen sie nicht