Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1928)
- Date
- 1928-03-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 DIE STIMME Nr. 13 ren statistischen Apparat, um in seinem Schlußteil sich auf das Gebiet der Politik zu begeben und den Zionismus als schädlich und demoralisierend zu bezeichnen: Erzeuge doch der Zionismus innerhalb der jüdischen Bevölkerung der Galuth in bezug auf „die Schaffungsmöglichkeiten daselbst einen schädlichen Pessimismus", stelle er doch die jüdische Arbeiterklasse vor solche Aufgaben, die sie „vom Befreiungskämpfe des gesamten Proletariats abzieht", fördere er schließlich doch dadurch, daß er sich „zur Volkssprache feindlich verhält", die Assimilation der jüdischen Intelligenz und verhindere, daß die jüdischen Massen „aus dem Dunkel der Kulturlosigkeit, das in ihr herrscht, herausgeführt werden“. Wir halten es für überflüssig, auf diese bis zum Ueberdruß bereits widerlegten Argumente einzugehen, oder uns mit den Ausführungen des Herrn Prof. Hersch zu beschäftigen, in denen er die Behauptung aufstellt, daß den Zionisten das Araberproblem, das nur e r sehe und erfasse, fremd sei, um mit dem Wehruf zu enden: wenn die Zionisten das Aufbauwerk in Palästina gegen die Araber, bloß „gestützt auf England" führen, dieses im gegebenen Zeitpunkt als „ersten Knochen den Arabern die jüdischen Träume“ hinwerfen wird; „wenn Gott behüte in Palästina die Zeit Chmelnickis kommen sollte, wird die Verantwortung dafür ausschließlich dem gegenwärtigen Zionismus aufzulasten sein“, wobei wir nur Herrn Professor Hersch die Gegenfrage vorlegen Wur gute Bücher in größter Auswahl zu S 1, 2, 3 BUcher«chv/emme „VIENNA“, I. Bognerg. Nr. 4 wollen, ob das von ihm gebilligte Krimprojekt ihm eine solche Gefahr nicht wahrscheinlicher erscheinen läßt. Mit diesen Fragen wollen wir uns gelegentlich bei Besprechung des Wiener’schen Buches „Kritische Reise nach Palästina" beschäftigen, da sich die politischen Ansichten dieses rechts orientierten Kritikers fast vollkommen mit den Meinungen des links stehenden Professors Libmann-Hersch decken. Mit diesen Zeilen beabsichtigen wir lediglich jene Ausführungen Prof. Herschs unter die Lupe zu nehmen, die in sein eigentliches Gebiet, das der Statistik, fallen. Der Zionismus erstrebt, wie Prof. Hersch mit Recht hervorhebt, die Schaffung eines jüdischen Staatswesens und erklärt zu diesem Zwecke die Notwendigkeit des Vorhandenseins einer Majorität in Palästina, nicht wie unter Josua „durch Ausrottung der einheimischen Bevölkerung, sondern durch Einwanderung". Die Wanderbewegung ist also das Fundament, auf welchem der ganze zionistische Bau sich stützt. Hiebei stellt Prof. Hersch ein Mißverständnis richtig, welches angeblich von den Zionisten stillschweigend geduldet wird. „Wenn man von der Schaffung einer jüdischen Mehrheit spricht, so meint man wohl nicht die gesamte Judenheit, aber doch die Mehrheit der Galuth ij\ Palästina anzusiedeln. “ Weiß Prof. Hersch nichts davon, daß in fast jeder das zionistische Problem behandelnden Arbeit immer wieder ausdrücklich hervorgehoben wird, daß der größte Teil der Judenheit in der Diaspora verbleiben wird, daß nur ein geringer, wohl aber der beste Teil des Diaspora-Judentums nach Palästina übersiedeln wird? Prof. Hersch widerlegt nun diese angeblich unter den Zionisten bestehende Ansicht mit den Argumenten, Palästina habe drei Viertel des Flächeninhaltes der Schweiz, die heute ca. 4 Millionen zählt, Palästina könnte also höchstens 3 Millionen fassen, es würden demnach 12 Millionen in den Galulhländcrn. verbleiben — die Entdeckung Amerikas! Was sein engerer Fachkollege, der nichtjüdische Prof. Ballod in viel objektiveren und gründlicheren Arbeiten auseinandergesetzt hat, ist Prof. Hersch vollkommen fremd. Da die Basis des Zionismus die Wanderbewegung bildet, ist er für Prof. Hersch ausschließlich ein Wanderungs- und somit Zahlenproblern. Ist Prof. Hersch nichts von der sozialen, ökonomischen, kulturellen und allgemein menschlichen Bedeutung der zionistischen Idee bekannt? Hier läßt sich wohl nicht mit Ziffern so changieren, daß ein „quod erat demonstrandum“ herauskommt. Und wie steht es mit den Argumenten der Statistik? Hersch teilt die allgemein bekannten Daten der Ein- und Auswanderung nach Palästina in Jüdische Pioniere der Afrika- und Asienlorschung (zu dem untenstehenden Feuilleton): 1. Der berühmte Emin Pascha (Eduard Schnitzer), dessen Reisen im dunkelsten Afrika volkstümlich sind. 2. Hermann Burchardt, dar das Innere Arabiens erlorscht hat, und im Jahre 1909 von Eingeborenen ermordet wurde. 3. Eduard Glaser, Erforscher Südarabiens, Entdecker bedeutsamer Inschriften in diesem Gebiet. den letzten 5 Jahren mit und berechnet ca. 12.000 Personen als jährliche Durchschnittseinwanderung nach Palästina. Diese 5 Jahre Einwanderung bedeuten für Prof. Hersch die Zeit einer „forcierten und abnormalen“ Einwanderung, es müsse daher diese Ziffer um 50 Prozent gekürzt werden; das tut er, um zu der vorgefaßten Schlußfolgerung zu kommen, daß bei einem „normalen" Gang der jüdischen Einwanderung, sich 5000—6000 Juden jährlich in Palästina ansiedeln könnten, es müßten also, um das Plus von ca. 600.000 Personen, die die nichtjüdische Bevölkerung den Juden gegenüber heute in Palästina besitzt, weflzumachen, 100 Jahre verstreichen, bis die von der zionistischen Bewegung angestrebte Majorität im Lande vorhanden sein wird. Schon das allein beweise, daß die zionistische Idee utopisch sei. Warum Prof. Hersch gerade die letzten 5 Jahre seiner Berechnung zugrundelegt, ist uns unverständlich. Warum nicht die letzten Jahre vor dem Kriege, die seine Ansicht doch viel besser unterstützen? Weiß der Professor der Statistik, der ein — übrigens ausgezeichnetes — Buch über die jüdischen Wanderungen „Le Juif errant“ geschrieben hat, nicht, daß das stärkste Einwandcrungsland der Juden vor dem Kriege, Nordamerika, noch vor ungefähr zwei Jahrhunderten lediglich 15.000—20.000 Einwanderer im Jahr aufzunehmen in der Lage war? Wie erklärt er es, daß in der Folge Amerika fast 1 Million jährlicher Immigranten absorbiert? Muß dem Professor der Statistik und Nationalökonomie ein Kolleg darüber gelesen werden, daß für die Fassungskraft eines Landes nicht die Zahl der tatsächlich in einem noch dazu so kurzen Zeitabschnitt erfolgten Einwanderung maßgebend ist, sondern daß noch Momente hinzukommen, die einen viel größeren Einfluß auf die Anziehungs- und A-bsorbierungskraft des betreffenden Landes ausüben, wie zum Beispiel: Klima, Bodenbeschaffenheit. die Möglichkeiten der Intensivierung der Landwirtschaft, der Schaffung einer Industrie, der Einführung von gewissen speziellen Erzeugnissen etc? Dieses selbe kleine Land, das vor dem Kriege kaum 500 Personen im Jahre aufzunehmen in der Lage war hat nach dem Kriege 12.000 Personen jährlich auf genommen. Dem Genfer Professor sollten doch zumindest die Verhältnisse in der Schweiz bekannt sein und er sollte doch wissen, daß dieses Land, in dem ebenso wie in Palästina die „natürlichen Schätze" fehlen, doch allein zahlenmäßig in den letzten Jahrzehnten einen derartigen Aufschwung genommen hat, daß sich die Bevölkerung fast verdoppelt hat. Noch ungünstiger sieht nach Prof. Hersch die Sache aus, wenn man den natürlichen Zuwachs der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas mit dem der jüdischen vergleicht, und besonders auf eine solche Art vergleicht, wie es Prof, Hersch besorgt. In den letzten drei Jahren (1923—1926) betrug der natürliche Zuwachs der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas ca. 14.000 Seelen pro Jahr, d. i. also 5.5% , somit eine „ungeheuer große Geburtenstufe“. Weiß Prof. Hersch nichts davon, daß nach jedem Kriege, der eine Dezimierung der Bevölkerung hervorruft, die Geburtenzahl besonders stark ansteigt? Ist ihm nicht bekannt, daß Völker, die sich auf einer niedri- Jüdische Forschungsreisende in alter und neuer Zeit Von Dr, J. Salmoni. Wie auf verschiedenen anderen Gebieten der Wissenschaft, haben die Juden auch an geographischen Entdeckungen und an der Erforschung unbekannter Länder einen nicht unerheblichen Anteil gehabt. Während uns aus dem Altertum außer der berühmten Ophirfahrt zur Regierungszeit des Königs Salomon keine Unternehmung zur See oder eine Fahrt in fremde Länder gemeldet wird, so gibt uns die Geschichte des Mittelalters reichliche Kunde von Fahrten und Forschungsreisen jüdischer Männer. Nun*waren es nicht etwa Reisen, die von vornherein den Zweck hatten, neue Erdteile oder Länder zu entdecken; zu solchen Entdeckungsfahrten hatten die Juden im Mittelalter weder Veranlassung noch Möglichkeit. Sie hatten keinen Staat mehr, der überseeische Kolonien erobern wollte und sie konnten sich auch keine Vorteile erhoffen, wenn das Land, in dem sie in Ghettos, beinahe-wie Sklaven lebten, in den Besitz reicher Goldschätze aus Indien oder Amerika kam. Die Reisen, die von Juden in fremde Länder unternommen wurden, dienten anderen Zwecken, Es waren Handelsfahrten oder auch Reisen im Gefolge von Gesandtschaften verschiedener Staaten, zu denen Juden sehr oft im Mittelalter verwendet wurden. So zum Beispiel hat Karl der Große in seiner Gesandtschaft an den Kalifen Harun al Raschid, im Jahre 787, den Juden Isaak teilnehmen lassen. Oft gingen Juden hinaus, um zu erfahren, wie es ihren Brüdern in anderen Ländern erging; manchmal aber trieb sie die Not und die Bedrückung auf die Suche nach Gebieten, in die sie auswandern konnten. Erst in der Neuzeit kennen wir eine stattliche Reihe jüdischer Gelehrter und Forscher, die aus wissenschaftlichen Gründen fremde Länder bereisten. Im 12. Jahrhundert bereiste der Jude Benjamin aus Tudela im Königreiche Navarra einen großen Teil der Alten Welt. Etwa um das Jahr 1160 trat er von Saragossa seine Reise an, durchwanderte das südliche Frankreich, Italien, Griechenland, Palästina, Persien, Aegypten, einen großen Teil Arabiens und kehrte über Sizilien, Norditalien. Deutschland und Frankreich in seine Heimat zurück. Seine Reiseaufzeichnungen behandeln in der Hauptsache die Lage der Juden, insbesondere Handwerk, Handel, Bildung und Gemeindewesen in den bereisten Ländern, enthalten aber auch sonst viel wissenswertes. Sie sind allerdings, wie alle Reiseberichte aus der damaligen Zeit nicht frei von Fabeln und Uebertreibungen. Das Reisewerk des Benjamin aus Tudela („Massaot R. Benjamin“) erschien zuerst im Jahre 1543 in Konstantinopel, erreichte eine große Verbreitung und wurde dann ins Lateinische, Französische, Deutsche und Englische übersetzt. Wenige Jahre später unternahm p e t a c h j a aus Regensburg eine große Reise, die ihn nach Osteuropa, Asien und Griechenland führte. Auch seine Reise wurde in einem hebräischen Werk niedergelegt. Etwa drei Jahrhunderte später, als die großen Entdeckungsfahrten der Spanier und der Portugiesen anfingen, finden wir unter den Teilnehmern der Expeditionen zahlreiche Juden. So soll um 1330 Jucef (Josef) F a q u i n aus Barcelona die ganze, damals bekannte Welt umsegelt haben. Abraham de B e j a und Josef Zapateiro leisteten dem König Johann von Portugal große Dienste in der Erforschung Abessiniens und der ostafrikanischen Küstenländer. 'Eine sehr wenig bekannte Tatsache ist, daß sich auch unter der Besatzung der Schiffe des Kolumbus Juden befanden. Als solche werden bezeichnet der Schiffsarzt Maestre Bemal, der Wundarzt M a r c a, der Schiffsmeister Gabriel S a n c h e z sowie die Matrosen Rodrigo S a n c h e z und Alfonso de 1 a C a 11 e. Der Matrose, der zuerst Land erblickte, war Louis de Torres, ein Marane. Er kehrte später zum Judentum zurück und ließ sich nach vielen Abenteuerfahrten auf Cuba nieder, vom spanischen Königspaar durch eine Pension ausgezeichnet. Gaspar de las Indias, ein in Alexandrien geborener Jude, wurde durch das Schicksal nach Goa in Ostindien verschlagen und dort Befehlshaber der Flotte des indischen Fürsten. Als der große Weltumsegler Vasco da Gama nach Italien kam. leistete ihm Gaspar sehr wichtige Dienste, ebenso dem portugiesischen Admiral Pedro Alvares Cabral. Für diese Verdienste wurde er vom König Manuel in den Ritterstand erhoben. Im 17. Jahrhundert bereiste der iüdische Arzt Tobias Cohen aus Deutschland Vorderasien bis an die Grenzen von China. Um das Jahr 1700 machte der Jude T e x e i r a weite Reisen durch China, die Philippinen und Amerika. Einige Jahrzehnte später beteiligte sich der jüdische Mathematiker und Astronom Israel Lyons an der Nordpolexpedition des Kapitäns Phipps (des späteren Lord Mulgrave). In der Mitte des 19. Jahrhunderts machte Josef Israel Benjamin, der sich, nach Benjamin von Tudela, Benjamin der Zweite nannte, eine achtjährige Reise, die ihn nach Aegypten, Palästina, Persien, Indien, Afghanistan und Nordafrika führte. Der Zweck der Reise war, ähnlich wie so man. eher anderer Reisen jüdischer Forscher, die Auffindung der verlorenen zehn Stämme Israels. Die Erlebnisse dieser weit ausgedehnten Reisen wurden von ihm in einem hebräisch geschriebenen und dann von ihm selbst ins Französische übersetzten Buche niedergelegt. 1795 unternahm er eine dreijährige Reise durch Amerika, die er ebenfalls in einem Buche beschrieb. Fünf Jahre darauf starb er kurz vor Antritt einer neuen Reise in London, kaum 46 Jahre alt. Während die vorhin erwähnten Reisen entweder nicht mit ausgesprochen wissenschaftlichen Zwekken unternommen oder auch nicht entsprechend organisiert und ausgerüstet waren, folgten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ganze Reihe wissenschaftlicher Expeditionen. Archäologen, die nach Ueberresten alter Kulturen fahndeten, Sprachforscher, die Dialekte und Sprachen fremder Völker studieren wollten, Naturforscher und Geographen, die Natur und Landbeschaffenheit erforschten,