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Die Stimme · 1928-03-22 · Heft 12 (22.3.1928) · page 12

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 12 (22.3.1928)
Date
1928-03-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 12 Da« Abonnement «er yistivfime wurde durch Partelralsbeschluß fOr Jeden organisierten Zionisten zur Pflicht erklflrt! Renaissancebühne. Ein sauber gearbeitetes Niese-Stiick von Armin Friedmann, dem sich diesmal Fritz Lunzer als Mitautor zugesellte, gibt Frau Niese Gelegenheit, alle Register ihrer echten Kunst spielen zu lassen. „Die Kurpfuscherin", das ist Frau Niese, erringt sich in treuer Ausübung aller Haushälterinnenpflichten ihren unheimlich-heimlich angebeteten Professor, nachdem sie ihn von seinem „Schwarm“ für ein jugendliches Medizinermädel (von Fräulein P a n t o auf zwei sympathische Beine gestellt) geheilt hat. Die Niese läßt aus dem Lachen nicht herauskommen, übt aber auch mit einigen ernsten Akzenten starke Wirkung. In etwas losem Zusammenhang singt die Künstlerin mit echtem Empfinden das beliebte Fiakerlied (das der Jude Pick verfaßt hatte), das um eine dem Andenken Girardis geweihte und für ein Denkmal werbende Strophe vermehrt ist. Als ihr professoraler Partner ist aus der Versenkung der frühere Operettentenor Otto S t o r m aufgetaucht, der sich als geschmackvoller Schauspieler erwies. Das Publikum raste Beifall, der das sympathische Stück wohl bis zum Hunderter begleiten dürfte. —tz. Johann Strauß-Theater. »Schwarz auf Weiß« oder kurz die Baker. Sie singt einen amerikanischen Gassenhauer, den in New York alle Automaten spielen. Sie singt ihn ohne Stimme und ohne das, was man bei uns »Vortrag« nennt. Und singt das Publikum in ihren Bann und singt ihn unnachahmlich. UL Vor Macphersons „Saloon“ und Levys Eisenhandlung herrschte reges Leben. Fast das ganze Dorf war dort versammelt; man ging vom „Saloon“ ins Eisengeschäft, kaufte Patronen imd Schrot, tauschte alte Gewehre gegen neue ein und erging sich in Prophezeiungen, Ehe Jugend in grauen Flanellhemden mit umgelegten Kragen, rote Tücher um den Hals, mit Cowboy-Lassos ausgerüstet, stand in Gruppen beisammen und schloß Wetten ab. Die Menge schien Vorbereitungen für eine Jagd zu treffen. Ein Bursche hielt einen riesigen stichelhaarigen Wolfshund an der Kette, dem das Stillstehen nicht behagte; er riß nach allen Seiten und zog seinen Herrn nach. Die Umstehenden wichen in weitem Bogen aus. „Mein Rat“ — der Bursche sprach zur Menge hinüber, während er Schritt um Schritt dem Hund nachgehen mußte — „mein Rat ist, sofort eine Partie ans Ende des Waldes auszusenden, damit man ihm den Weg verstellt, wenn er hinaus will." „Er wird nicht aus dem Wald heraus!“ widersprach ein anderer. „Gewiß! Wir haben alle Farmer benachrichtigt, die in der Nähe wohnen; sie werden Wache halten." „Er wird uns nicht entkommen!“ sagte ein blutjunger Bursche mit einem uralten Gewehr, das er mit Mühe auf der Schulter halten konnte, prahlerisch zu einem Mädchen, das neben ihm stand. „Wie findet Ihr Jonny mit seiner Kanone?" — witzelte rin anderer auf Kosten des jungen Burschen, daß das Mädchen es hören mußte. — „He, Jonny! Ich sage Euch, der Junge riskiert viel!" „Sag* das noch einmal!" — Verwirrt durch die Anwesenheit des Mädchens stellte sich der junge Bursche in Kampfpositur. „Fang' nur nicht mit Jonny an, er hat eine Kanone!" „Ich fange ja nicht mit ihm an! Ich meine nur, der Nigger kann so einen Jonny fein säuberlich Zusammenlegen und in die Seitentasche stecken." Gelächter. „Wo mag sich der Nigger wohl versteckt haben?" — lenkte ein Vorsichtiger ab. „Er steckt bestimmt in den Sümpfen!“ „No, Sir!" „Bist du so sicher, daß er nicht dort ist?" „Und bist du so sicher, daß er dort ist?" „Ich fürchte, wir werden den ganzen Wald mit Posten umstellen müssen!" „Warum warten wir eigentlich noch?" „Er hat recht, worauf warten wir noch?“ „Auf den Sheriff!" „Sieh zu, Frank, daß ihr ihn lebendig bringet!" — rief ein Mädchen. „Und wenn wir ihn tot bringen?“ „Einerlei! Ein Nigger hat ohnedies keine Seele!“ „Nehmet mich mit!" — ein Mädchen in einer weißen losen Bluse, das Haar in ein Tuch eingebunden, trat auf die Gruppe zu, offenbar bereit, sogleich aufzusitzen. „Ja, Meta soll mitreiten!“ „Lieber nicht!" — warf ihr Bruder ein — „Boys, ihr wisset, wenn eine Lady mit von der Partie ist, kann man nicht ganz ungezwungen sein. Habe ich nicht recht?" Sie tanzt Charleston. Den bei tausend Gelegenheiten unbarmherzig auf uns losgelassenen Charleston. Sie tanzt ihn mit ihrem nackten, anmutig knabenhaften Körper, ohne die Mittel virtuoser Akrobatik und tanzmimischer Zweideutigkeiten. — Es mag hunderte Bakers geben, die, wären sie nur gleich tüchtig gemanaget, ebenso gut tanzten, besser sängen. Aber das naturhaft Zündende dieses falbfarbenen Negergirls, das, heute wenigstens noch, unverkennbar ursprünglich sich seine Wirkung schafft und das ganz Paris zu elektrisieren imstande war, ist einzigartig und bezwingend. —r. Jüdische Bühne (2. Bez., Taborstraße 12, Hotel Stephanie). Wochenprogramm: Freitag, 23. März (Premiere), Samstag, Sonntag und Montag »Josef in Aegypte n«. Biblische Operette von Lateiner. Sonntag, 3 Uhr, Nachmittagsvorstellung: »K a pital und Arbeit«, Lebensbild von Majselski. Dienstag, 27. März: »Das Zigeunermädel«, Komödie mit Gesang von Kalich. Mittwoch, 28. März: »17 Jahre Kerker«, Lebensbild von Schlieferstein. Donnerstag, 29. März: »Die jüdische Kroj n«, Operette von Tomaschewski. Beginn 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage freier Eintritt. „Er hat recht!" „Er hat recht!" Mc Clur, der Vater des Opfers, ein untersetzter Farmer mit zu breiten Schultern, einem roten Hals und schlagflüssigen Wangen, ging, ein geladenes Winchestergewehr auf dem rechten Arm, von einer Gruppe zur anderen, zerrte immer von neuem jemanden in den „Saloon“ und schlug sich unaufhörlich an die Brust: „Meine arme Carry ... meine arme Carry ... oh, wenn ich die Bestie unter meine Hände kriege! ... Nehmt euch zusammen, Boys, wir müssen ihn noch heute fangen!... Ich will Gerechtigkeit lür mein Kind, für meine Carry... Ewig werde ich euch dankbar sein... nie werde ich vergessen, was ihr für mich getan habt! Meine arme Carry... mein armes Kind!“ Der Sheriff kam. Er saß auf einem kleinen flinken Pferd. Die Menge umringte ihn. Es wurde still. Der Sheriff streckte seinen elastischen Körper und erhob sich in den Steigbügeln. So stand er, gebot mit einer Handbewegung Schweigen und sprach mit fester Stimme: „Freunde und Nachbarn! Wer den Neger lebend fängt, erhält vom Gouverneur fünfzig Dollar und eine Medaille!" „Hurra!“ — riefen alle begeistert. „Ich appelliere an euch im Namen des Gouverneurs, nicht Selbstjustiz zu üben! Versprecht ihr mir das?" „All right!" — antworteten vereinzelte Rufe. „Jetzt vorwärts, Boys, keine Zeit verlieren; sattelt eure Pferde; wir treffen uns beim Friedhof! All right?" Hastig zerstob die Menge nach allen Seiten. Nur Mc Clur und einige Burschen waren beim „Saloon“ stehen geblieben. „Er glaubt wirklich, der Sheriff, daß wir ihm den Neger ausliefern werden“ — flüsterte ein Bursche ärgerlich. „Dann kann er lange warten!“ „Warum müßt ihr euch denn jetzt schon ärgern?“ — Mc Clur sah sich um und lächelte vielsagend. — „Erst müssen wir ihn haben! Kommt herein, Boys!“ --er deutete auf die offene Tür des „Saloon“ — nWir wollen rasch noch die Kehlen durchspülen, dann wird es viel besser gehen!" Mister Levy schob sich durch die Menge und suchte seinen zwanzigjährigen Sohn. Er trat in den „Saloon" und zog den Sohn von dort heraus: „Du wirst nicht mitreitenl" „Ich werde mitreiten!“ „Und ich sage nein! Ein Jude soll sich nicht einmengen!" „Und wenn meiner Schwester dasselbe passieren wird?" — fuhr der Sohn auf. „Was denkst du an Dinge, die passieren werden? Es wird nicht passieren! Aber wenn ein Trunkenbold wie dieser Mc Clur selbst „judge" (Richaus gutem Hause mit absolvierter Volks- und Bürgerschule gesucht. Vorzustellen in der BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN, II., TtBORSTRlSSE 20 * ter) werden darf, so wird man — dessen kannst du sicher sein — heute einen Neger lynchen und morgen einen Juden!" „Noch nie ist ein Jude gelyncht worden!“ „Weißt du überhaupt, was diese Leute tun wollen?" — der Vater schlug sich mit vier Fingern an die Stirn. „Sie wollen den Neger lynchen!" „Und das sagst du so ruhig? Daß ein Mensch gelyncht wird, bedeutet dir gar nichts? Kein Wort mehr, du Dummkopf, kein Wort und sofort nach Hause! Nun, was stehst du noch? Komm!" — der Vater zog den Sohn am Aermel, Der Sohn sagte sich, der Vater sei ein Grünhorn“*) und ging ihm ärgerlich nach. Als der Vater zu seinem Laden kam, merkte er, daß der Sohn verschwunden war. Er blickte auf den leeren Platz, auf dem vor einer Weile noch so stürmische Bewegung geherrscht hatte, und machte eine resignierte Handbewegung: „Amerikas Jugend! Die neue Generationl“ 4. Die Dunkelheit nahm zu. Die Reiter trieben ihre Pferde an. Gesprochen wurde wenig. Der gemeinsame scharfe Ritt, die voranjagenden Hunde, die sich bald in Rudeln zusammenballten, bald bellend über die Felder auseinanderstoben — all' das verscheuchte auch die kleinste Spur von Furcht und erhöhte die Courage jedes einzelnen. Man hatte vergessen, daß Buckert ein Riese war, der einen vollbeladenen Wagen Heu auf seinen Schultern tragen konnte, daß er bei einer Schlägerei spielend fünf bis sechs Leute „erledigte". Jeder sah sich als den Helden der Expedition — er fängt den Neger, der Sheriff dankt ihm, heftet ihm vor dem ganzen Dorf die Medaille an die Brust. Der Vollmond holte die Bäume aus dem Wald, legte sie über den sandigen Weg, stellte sie wieder zurück, spielte in ihren Blättern. Da und dort standen plötzlich Menschen, groß, stark, knochig, Gewehre in der Hand. Der Atem der Reiter stockte, die Knie preßten sich steif an die Flanken der Pferde; die Pferde streckten sich und galoppierten an den Schatten vorüber. Stumm, ärgerlich über den Trug der Bäume, spornten die Reiter ihre Pferde zu noch größerer Eile. Ihre Schatten hüpften ihnen voraus und blendeten die Augen; im Takt der Hufe spannen die Reiter ihre Phantasien weiter. Auf seiner hohen Stute, mit dem über die Schulter geworfenen Gewehr, sah Mc Clur sehr kriegerisch aus. Sein Hirn dehnte sich schmerzhaft von dem vielen Bier, mit dem er sich gestärkt hatte. Er riß den Hut vom Kopfe und der Schmerz ließ nach. Dann hatte er das Gefühl, als schwebte er mit seinem Pferde und würde bald über den Baumwipfeln sein. Er führte unaufhörlich Selbstgespräche, fluchte in den gemeinsten Ausdrücken, malte sich in schwelgerischen Bildern aus, wie er dem Neger Glied um Glied abschneiden würde, und erzählte mit allen Einzelheiten, wie er die Schwester des Negers erwürgt und wie sie unter seinen Händen gezappelt hatte; schließlich gab er sich selbst die tröstende Versicherung, daß er durch Feuer Genugtuung und volle Gerechtigkeit für die Schmach seiner Tochter erhalten werde. Einer der Reiter legte den Finger an die Stirn und deutete auf Mc Clur: „Er ist übergeschnappt!“ „Er ist bloß besoffen!" „Was gebt ihr dafür, Jungens, wenn wir jetzt ein paar junge Negerinnen kriegen?" „A-ahl” — seufzte einer mit eindeutigem Augenzwinkern. „Sie duften zwar nicht nach dem besten Parfüm, doch der Wahrheit die Ehre — mit ihnen nimmt es keine Weiße auf, sie haben Höllenfeuer!" Aus dem Walde tönte ein wehmütiges Schreien; so schreit eine Kuh im Stall, der ihr Kalb genommen wurde. „Was ist das?“ — fragte einer der Reiter. „Ein Vogel." „Ein Hirsch röhrt." „Nein, so schreit ein Neger nach dem Tode!" „Ein Neger?" „Ja, nach dem Tode irrt der Neger in den Wäldern, in den Sümpfen umher, bis seine Seele weiß wird..." * „Hat denn der Neger eine Seele?" Niemand antwortete. Das Schreien wurde stärker, schien von verschiedenen Seiten zu kommen, wurde unheimlich. Die Reiter setzten sich straffer in ihren Sätteln und jagten stumm und nachdenklich durch die Nacht. Beim Walde angelangt, teilten sie sich in Fünferpartien und schlugen verschiedene Pfade ein, um die Sümpfe auf allen Seiten abzusperren. Sie ritten langsam, machten immer wieder Halt und horchten auf das Bellen der Hunde, das von Zeit zu Zeit dumpf die Stille zerriß und sich rasch wieder an den Bäumen zu brechen schien. Das Quaken der Frösche in den Sümpfen klang wie leises Fluchen; wenn es eine Weile schwieg, setzte es mit doppeltem Eifer *) Spottname für die Einwanderer in Amerika. Copyright by Joseph Opatovsky, New York (2. Fortsetzung.) RICHTER LYNCH Von Joseph Opatoschu. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz.) D-9B

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