Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1928)
- Date
- 1928-03-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 DIE STIMME Nr. 12 Die jüdische Jugend Aus dem Heimtagebuch (siehe den untenstehenden Aufsatz): Links: Originelle Ankündigung der Kasteninspektion. — Rechts: Mittagessen im Walde. Von Zufallsgemeinschaft zum Jugendbund. Von Siegfried Abeies. Vor mir liegt ein eigenartiges, verhältnismäßig starkes, handgeschriebenes Buch. Fast jeder Seite sind ein oder zwei grellfarbige Plakate eingefügt, die zum Teil flott gezeichnete Bilderskizzen aufweisen, Photographien von jugendlichen Wander- oder Sportgruppen machen dieses eigenartige Illustrationsmaterial noch vielgestaltiger. Da sind Ankündigungen von Wanderungen und Exkursionen, Vorträgen, Besprechungen, Fußball- und Schachspielen, Chor- und Theaterproben usf. und man hätte den Eindruck, die Tageschronik einer großen, in viele Sektionen geteilten Jugend Vereinigung vor sich zu haben, wenn nicht zwischendurch einmal ein Bildchen käme, „nicht so ist das Bett zu lüften, sondern so“, eine Aufforderung zur rechtzeitigen Lohnabgabe u. ä. Es ist das Tagebuch des Lehrlingsheimes „Zukunft“ vom Jahre 1927, das sich der in der jüdischen Jugendbewegung unter dem Namen Kawinar nicht unbekannte Präfekt des Heimes, Herr Paul Köser, bemüht hat, vom Standpunkte eines jugendlichen Jugendführers zu schreiben. Nur selten empfindet man aus seinem die Originalanschläge aus dem Anschlagekasten des Heimes begleitenden Text, daß er als Präfekt doch eigentlich zum Verwaltungskörper des Heimes zählt. Nur ein Jahr umfaßt das Buch, aber dem, der solche Dinge zu lesen versteht, gibt es ein vielgestaltiges und doch klares Bild des Lebens und geistigen Ringens einer eigenartigen, für unser Volk wichtigen Gruppe der jüdischen Jugendlichen, derer, die in Berufsausbildung stehen, vorwiegend Handwerker, und die durch die verschiedensten Umstände nicht in der Familie leben, sondern in einem Jugendheime wohnen müssen. Sie kamen, meist im Alter von 14 Jahren, aus Waisenhäusern, aus einer Familie vom Lande, und mancher Zögling aus dem Auslande und aus Wien mußte infolge einer Familienkatastrophe dem Heime übergeben werden. Hieraus erhellt sich schon der große Unterschied so einer Zöglingsgemeinschaft, mag sie noch so viel Freiheit genießen, von einem Jugendbund. In diesem finden sich nur Jugendliche zusammen, die Interesse für einen bestimmten Sportzweig, eine bestimmte geistige Betätigung hegen, auch sind sie meist politisch ungefähr gleichartig eingestellt. Im Lehrlingsheim leben aber neben Burschen, die früher eine streng orthodoxe Erziehung genossen haben, Jungen, die auf dem Lande bei Andersgläubigen ohne Berührung mit dem Judentum aufwuchsen, neben Kindern aus der Hilfsschule finden sich solche, die fünf, sechs Mittelschulklassen absolviert haben, neben 14jährigen mit völlig kindlicher Einstellung gibt es 19jährige, die sich schon als junge Männer fühlen. Früher, im Lehrlingsheim Baumgarten, gab es infolgedessen keinerlei aus dem Gebiete der Zöglinge selbst erwachsene Gruppen und sooft auch ein Versuch kam, von außen die Jugendbewegung in das Heim zu tragen, mußte dieser Versuch scheitern. Erst in dem neuen Heim in der Grünentorgasse wurde Gewicht darauf gelegt, bewährte, akademisch gebildete Gruppenführer von großen jüdischen Jugendvereinen als Präfekten heranzuziehen und es trat so der sonderbare Umstand ein, daß die freie jugendliche Betätigung der Anstaltszöglinge anfangs nicht so sehr von den Jugendlichen als von der Heimleitung angeregt wurde. Die Eintragung vom 25. März 1927 lautet: Erste allgemeine Heimversammlnng. 46 Teilnehmer (es fehlten also nicht weniger als 14). Es wird beschlossen, eine neue Hausordnung zu verfassen und das Heimleben zu reformieren. Eine Arbeitsgruppe, mit der Aufgabe, Vorschläge für die Organisierung des Heimes und des geistigen Lebens auszuarbeiten, wird gewählt. Zu dieser Gruppe „Waad“ sind Vertreter jedes Schlafsaales und der Leitung genannt. Der Abend war sehr erfolgreich, die Diskussion rege und sachlich und ein ziemlicher Wille der Jungen zu einer Neuarbeit. Am 31. März beschloß dann der „Waad" einen Teil der Hausordnung, nämlich, wann aufgestanden, schlafen gegangen und gegessen werden muß. Außerdem wurde eine Kasteninspektion beschlossen und für den am schönsten geordneten Kasten dessen Besitzer ein Preis von 1 kg Orangen in Aussicht gestellt. Am 6. April wurde das Resultat der Kasteninspektion im Anschlagskasten veröffentlicht; jeder Junge war mit Namen genannt, die Punktezahl der Wertung angegeben; es gab einige Preise und vier Rügen. Bemerkenswert daran ist, daß als Kommission drei Zöglinge, als Inspektion der Direktor des Heimes gezeichnet hatten. Noch ähnliche Notizen finden sich in den Eintragungen der nächsten Wochen und es schien also, als ob sich eine Art Schulgemeinde gestalten wollte, eine Lebens-, Arbeits- und Kulturgemeinschaft der Jungen, fußend auf ein freundschaftliches, fast kameradschaftliches Verhältnis der Heimleitung und der Zöglinge. Solch ein Versuch mußte aber scheitern, denn das Schwergewicht des Lebens liegt beim jugendlichen Arbeiter, der außerhalb des Heimes in seiner Werkstätte steht, nicht mehr in der Erziehungsanstalt. Fremde Menschen, fremde Verhältnisse wirken auf ihn ein. Schon am 18. Oktober wurde eine neuerliche jKasteninspektion vom Präfekten allein ausgeschrieben und in der Resultatsveröffentlichung mußte eine Rüge wegen Nichterscheinens oder Unordentlichkeit für eine große Anzahl von Burschen erfolgen. Aus der Zusammensetzung der 60 Zöglinge des Heimes kann man ersehen, daß es manchen Jungen geben muß, der überhaupt für gemeinsame, freiwillige Zusammenarbeit, besonders aber für geistige, nicht zu haben ist. Ungefähr 15 Jungen vermag wegen ihrer Inferiorität die Anstalt nichts zu bieten als Verpflegung und Wohnung, die 45 Jungen, welche die verschiedenen Vorträge an den Freitag-Abenden besuchen, zeigen sich aber auch sonst interessiert, wenn auch ihr Interesse nach verschiedenen Richtungen geht. Sie bilden Gruppen, um ihrer Neigung gemeinsam nachzugehen. Die größte ist die Wandergruppe (32), ihr nahe steht die Fußball- und Sportgruppe (30), die Schachgruppe (24). Die Kurse für Englisch, Hebräisch und Jüdische Geschichte sind gut besucht. Besuch von Theater, Konzert, Schwimmbad, einzelne Exkursionen werden von den meisten Zöglingen frequentiert. Die Wanderer vor allem treffen sich draußen häufig mit fremden Jugendbünden, auch sonst kommen die einzelnen Gruppen mit anderen Jugendvereinen vielfach in Berührung, so daß auf dem Wege der durch Sonderinteressen entstandenen Gruppenbildung die Jugendbewegung ihren Einzug in das Heim hält. Ein wohlwollendes Gewährenlassen von Seiten der Leitung fördert die freie Betätigung. Zwei Theateraufführungen jüdischen Inhaltes — die männlichen Ausführenden waren durchaus Heimzöglinge, die weiblichen Ausführenden Schütz- Wi FRÜHJAHR die allerletzten Kreationen der Pariser Haut« coutiara und aiganar Schöpfungen aus edelsten Materialien in unerreichter Auswahl zu den bekannt billigen Krupnlk•Prellen NUR V». KflISERSTR. 115 Wir haben nirgends Fiüalenl noa w Weine u. Sliwowitz Tokayer welnhandlung w. GROSZ Hi PraterstraSe 11 (Lloydhof) Tokajrer-Szaraorodner, Palästinaweine etc. linge des Vereines Elisabethheim — zeigten von achtenswertem Können. Dieselben Zöglinge, die im Kreise einer jüdischen Arbeitervereinigung an der Feier des 1. Mai tcilnahmen, waren auch Teilnehmer am Gange zum Herzl-Grabe, an dem auch die meisten anderen Jungen sich beteiligten. Politik ist im Heime selbstverständlich ausgeschaltet, es läßt sich aber nicht umgehen, daß die Jugendlichen privat irgendwie politisch eingestellt sind. Die durchaus jüdische Einwirkung des Lebens im Heim, die sozialistische Einwirkung der Arbeitskollegen in den Arbeitsstellen wurde durch mehrere Vorträge von bekannten Zionisten, jüdischen Arbeitern und Jugendführern, die sich irgendwie mit dem Thema Judentum und Sozialismus befaßten, mit Erfolg in Einklang zu bringen versucht und man kann sagen, daß die Mehrzahl der Zöglinge, wenn sie auch nicht effektiv einer politischen Partei angehören, 'heute bewußt jüdisch-sozialistisch fühlt. Der Geist der Jugend hat den uniformierenden Anstaltsgeist überwunden, der hier allerdings nicht von der Anstaltsleitung gewünscht und gepflegt wurde, aber unwillkürlich erwachsen war. Die zionistischen Jugendvereinigungen in Wien Wir setzen heute die in unserer Nummer 1 begonnene Uebersicht über den Stand der zionistischen Jugendvereinigungen Oesterreichs fort: Verband zionistisch-sozialistischer Jugend, II., Ausstellungsstraße 19, Mitgliederzahl 50 (der Hitachduth angeschlossen). Es besteht nur eine Körperschaft, deren Mitglieder im Alter von 18—25 Jahren stehen. Doch gibt es eine kleine Gruppe Jünger. Innere Arbeit: Der Verband setzt sich als Ziel die Propagierung der zionistischen Ideen und die jüdische Erziehung seiner Mitglieder. Er steht auf sozialistischer Basis und vertritt die Anschauungen der Hitachduth. Er umfaßt im wesentlichen nur ältere Jugendliche; in wöchentlichen Zusammenkünften (Sichoth), werden aktuelle jüdische und zionistische sowie soziale Fragen behandelt. Es werden jüdische Seminare (derzeit ein Seminar für jüdische Kultur und jüdische Gegenwartskunde) abgehalten. Pfadfinderbund Hmschomer Hazalr, Mitgliederzahl 120, Heim: II., Untere Augartenstraße 35. Der Bund arbeitet in ganz Wien, vornehmlich aber im 2. Bezirk, Einteilung: Die Histadruth (Organisation) besteht aus 2 Gdudim: 1. Gdud Habogdim, Abteilung der Aelteren aus 3 Kwuzoth und Einzelleuten bestehend1; 2. der Gdud für Jüngere, aus 6 Kwuzoth bestehend. Alter von 11—20 Jahren. Alljährlich werden Ferien-, lager gemacht, Sommer 1927 Frankenhof, Station Winzendorf, Scheunenlager für 110 Leute durch 5 Wochen. Beitrag pro Kopf 70 Schilling. Innere Arbeit: Im wesentlichen gilt das gleiche, wie für den Blau-Weiß, nur scheidet der Haschomer- Hazair die Elternarbeit vorläufig aus. Der Bund ist stärket sozialistisch orientiert und fordert von seinen Menschen die unbedingte Entscheidung für Palästina; er gehört dem Weltverband Brith-Hanoar an, dessen angeschlossene Organisationen alle sozialistisch organisiert sind und in engem Zusammenhang mit der palästinensischen Arbeiterschaft stehen. Jüdischer Pfadiinderbund Brith-Hamischmar. Mitgliederzahl 120, Heim: II., Ausstellungsstraße 19, arbeitet hauptsächlich im 2. und 9. Bezirk. Einteilung des Bundes: 1, Der Scout- Bund, bestehend aus Gdud Hakfirim und Gdud Hazofim. Innerhalb der Gdudim gibt es 10 Kwuzoth, 2. Gdud Haschomrim umfaßt die über 17 Jahre alten Mitglieder in Kwuzoth zusammengefaßt. Alljährliche Ferienlager veranstaltet. Sommer 1927 Dörfles (Hohe Wand), 2 Häuser, 60 Burschen und Mädchen auf 6 Wochen. Beitrag pro Kopf 50 Schilling. Subventioniert von Wiener Jugendhilfswerk und Kultusgemeinde. Innere Arbeit ist wie in allen Jugendbünden ungefähr so, wie bereits beim ersten Bunde ausgeführt wurde. Kwuzah Achwah, II., Lichtenauergasse 4 (per Adresse: Abraham Schwadron). Mitgliederzahl 20. Die Kwuzah arbeitet im 2. Bezirk und besteht aus 2 Gruppen im Alter von 17—22 Jahren. Als kleine Gruppe ist es ihr möglich, einen dauernden engen Kontakt aufrechtzuerhalten, so daß fast täglich Zusammenkünfte stattfinden, die an Inhalt zionistische, jüdische und weltanschauliche Auseinandersetzungen sind. Hebräischkurse. Wanderungen. Histadruth Noar Hamisrachi, II., Praterstraße 43, . Mitgliederzahl 70. — Der Verein arbeitet im 2. Bezirk. Er besitzt eine kleine Bibliothek von 80 Bänden zionistischen und jüdischen Inhaltes (hebräisch und deutsch). Einteilung des Bundes: Für Kwuzoth nach Altersstufen eingeteilt von 13—19 Jahren. Ferienheim 1927 Kobersdorf, Burgenland, für zirka 22 Burschen durch 4 Wochen. Beitrag 70 Schilling. Subventioniert durch die Kultusgemeinde. Innere Arbeit: Zweck: religiöse, jüdisch-nationale Erziehungsarbeit. Formen: Wöchentlich zwei Heimabende (Sichoth), Kurse aus Talmud, Bibel, Mischnah, Agadah, Jüdische Geschichte und Hebräisch. Außerdem wird Turnen, Schwimmen und event. Wandern betrieben. Wöchentlich einmal findet ein Unterhaltungsabend statt. Zionistischer Klub Blau-Weiß XIX. Sitz XVIII., Peter Jordanstraße 10. Mitgliederzahl 25. Arbeitet im 18. und 19. Bezirk. Die Mitglieder stehen im Alter von 17—28 Jahren. Die Arbeit besteht in wöchentlichen Klubabenden mit zionistischen und jüdischen Vorträgen und periodischen öffentlichen Veranstaltungen oder Unterhaltungen. Der Zweck der Arbeit ist zionistische Propaganda. Fallweise werden auch Wanderungen veranstaltet. L. D. Königsbergsche Stiftung Lele-Bondi-Helm Wien, II, Böcklinstraße 59 In dsm bsselchnetcn Heim finden acht jüdische Midchen von sehn Jahna aufwirt«, hauptsichltch au« d«m unbemittelten Mittelstand, unentgeltlich« Aufnahme, Musikalisch Begabte werden bevorzugt. Außerdem binnen gegen Bssahlung der Selbstkosten sirka fünfzehn Midchcn aufgenonunen werden. Nur schriftliche Anmeldung an obig« Adresse. - m 48482323484853482353532348485348482353535353484853532353234823532348 999999999999999999999999999999999999999999999999999^ 020102484823482348482323532348532323232353235348532348534853485348232323482323234853234848234853232323