Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1928)
- Date
- 1928-03-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 12 Die herrlichsten Frühjahrs- Modelle aus edlem Material, feinst ausgeführt, in noch nie dagewesener Auswahl. Bekannt seriöse niedere Preise Sch u h modenhdus Dorn II, Tdborstraße 8 d zahlreiche Gummiknüppel, Schlagringe, Dolche und ein Tesching gefunden. Wegen dieser Vorfälle hatte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden die Anklage gegen 18 Nationalsozialisten wegen Landfriedensbruches erhoben. Bei der Verhandlung schilderte ein Landjäger als Zeuge die Situation an dem Versammlungssonntag. Als der Tumult im Hotel Guntrum begann, stürzte er hinein und riß einen Nationalsozialisten, der auf dem Rücken eines knienden Juden saß, von seinem Opfer weg; sofort wurde er selbst von einer Rotte Nationalsozialisten auf die Straße gezerrt und so lange geschlagen, bis er zusammenbrach. Ein anderer Landjäger habe schwere Körperverletzungen erlitten. Zwei jüdische Besucher der Abwehrversammlung sagten aus, daß sie ohne jede Veranlassung von Hakenkreuzlern geschlagen worden seien. Das Urteil lautete für elf Angeklagte auf je sechs Monate Gefängnis mit Bewährungsfrist nach Verbüßung von ein bis drei Monaten der Strafe, für sieben Angeklagte auf Freisprechung. In der Begründung führte der Vorsitzende aus, daß auf die Mindeststrafe erkannt worden sei, um keine neue Verbitterung zu schaffen und um dadurch den Frieden in das politische Leben hineinzutragen. — Die in diesem Prozeß durch Zeugenaussagen bestätigten Vorfälle offenbaren jedoch eine solche Sittenroheit, daß man wohl zweifeln darf, ob sich nicht am Ende bei den verhetzten jungen Nationalsozialisten die maßvolle Bestrafung in entgegengesetzter Richtung auswirken werde. Karneval in Tel-Aviv (Von unserem iBerichterstatter.) Das Purimfest in Ted-Aviv ihat sich nun nachgerade zu einem obligatorischen, traditionellen Karneval entwickelt. An diesem Tage „wallen" nach Tel-Aviv zahlreiche Pilger aus allen Teilen Erez Israels, sowie aus dem benachbarten Syrien und Aegypten. Von Jahr zu Jahr erhöht der palästinensische Karneval immer mehr seine glanzvolle Form — und er ist heute schon eine der stärksten Attraktionen des Fremdenverkehrs, ein bedeutsamer Faktor in der Entwicklung unserer Stadt. Dieses Fest, das bisher in der Galuth immer nur der harmlosen Lustigkeit, der gleichsam familiären Ausgelassenheit gewidmet war, erhielt in Tel-Aviv, nebst seiner traditionellen, spezifisch jüdischen Form, das moderne europäische Karnevalstempo. Gleichzeitig aber bedeutet der 'Purim hier einen gesellschaftskritischen, satyrischen „Großkampftag", .an dem alle Auswüchse unseres Gemeinschaftslebens in erbarmungsloser Karikatur erscheinen. Heuer standen im .geistigen Mittelpunkt des Karneval; das Jmmigrationsdepartement der Palästina-Regierung und sein Leiter Mr. Haymson, die Jewisii Agency, die jüdischen Großkolonisten (Anspielung auf die Vorfälle in Petach Tikwahl), die orthodoxen Trennungsapostel aus dem Lager der Agudah, der Waad Leumi. u. a. m. Das große Ereignis war jedoch der Einzug ider Purimkönigin Esther, deren Wahl schon am 15. Schewath erfolgte. Bekanntlich ging aus der heurigen Wahlschlacht das kleine, braune, yemenitische Bauernmädchen Ziporah Z ab a i c als siegreiche Königin hervor. Am Karnevalstage zog die Königin in das festlich geschmückte Gemeindebaus ein, wo der Bürgermeister von Tel-Aviv der Purimkönigin Zipor a h I im Namen der Stadtväter einen großen Blumenkorb überreichte. Als die Königin in Begleitung ihrer Hofdamen im Automobil die Stadt durchzog, huldigte ihr das versammelte Volk durch begeisterte Zurufe. Die Königin selbst trug prunkvolle orientalische Königsgewänder und orienta^lisoh-stilvoljl war auch ihr Gefolge, die Helden der Megillah; Achaschwerosch, Mordechai, die königlichen Eunuchen, Haman und seine Söhne, sowie die ganze „fröhlich-jauchzende Stadt Schuschan". Neben den politisch-gesellschaftlichen Maskengruppen beteiligten sich an dem .großen Karnevalszug auch einige Dutzend Industrie- und Handelsfirmen Erez Israels, die an diesem Tage einen großen Reklamefeldzug unternahmen. Man schätzt die Teilnehmersdhaft des heurigen Karnevals auf etwa 50.000 In- und Ausländer. Auch die Maskenbälle, die an drei aufeinanderfolgenden Abenden stattfanden, wiesen einen großen Massenbesuch auf. Besonders eindrucksvoll waren die traditionellen Redouten, die alljährlich vom Keren Kajemeth und dem Tänzer Agadati veranstaltet werden. Ebenso halben auch das Fest der hebräischen 'Kindergärten, sowie die Kinderraatinee, die am Vormittag des Purim stattfand, zum großen, glanzvollem Erfolg des Tel-Aviver Karnevals wesentlich beigetragen. Tausonde stilvoll maskierter Kinder zogen zu 'Pferde und zu Fuß durch die belebten Straßen und gaben dem Feste ein wundervolles orientalisches Gepräge. Es war ein wirkliches Volksfest. L u c u s. Aus der Jüdischen National, und Universitätsbibliothek Das polnische Ministerium für Religion und Volksbildung hat sich an die Jüdische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem mit dem Ersuchen gewendet, eine Methode der Transkription des hebräischen Alphabetes ins Polnische vorzuschlagen. Die Bibliothek hat einen Vorschlag ausgearbeitet, der vom Ministerium angenommen wurde. Die Bibliothek erhielt von der neologen Gemeinde in Budapest eine Sendung von Büchern und Zeitschriften zur Geschichte der Juden in Ungarn, ferner hebräische Drucke (rabbinische Bücher und schöne Literatur), welche in Ungarn erschienen sind. Arbeiterzählung in Haifa Die statistische Abteilung der palästinensischen Arbeiterorganisation führte ebenso wie in Tel-Aviv und1 Jerusalem auch in Haifa eine Zählung aller beschäftigten Arbeiter durch. Es wurden 2691 Arbeiter an ihren; Arbeitsstellen verzeichnet. Von ihnen waren 619 Fabrikarbeiter i(Zementfabrik „Nesciher", Oelfabrik „Schemen", die großen Müihlen, Rutenibergs Elektrizitätswerk usw.). Von den Fabriksarbeitern waren 538 Männer, 56 Frauen, 25 Jugendliche (darunter 6 Mädchen), Ferner wurden registriert: 293 Lohnarbeiter im Handwerk, 63 in den Arbeitergenossenschaften, 94 dm Transportgewerbe, 180 Eisenbahner, 110 Bauarbeiter, 19 Hafenarbeiter, 127 Straßenarbeiter, 203 landwirtschaftliche Arbeiter, 390 Lehrer, Bankbeamte, Regierungsangestellte, Angestellte ijn privaten und öffentlichen Institutionen, Heilanstalten usw., 261 Handelsangestellte und Privatbeamte, 142 Hausangestellte und Heimarbeiterinnen, 190 in verschiedenen anderen Berufen, Von den 2691 beschäftigten Arbeitern sind 422 Frauen und 157 Jugendliche (20 Mädchen). Die Frage des Minimallohnes in Palästina Die Palästina-Regierung hat eine Kommission zur Untersuchung der Frage des Minimallohnes für ungelernte Arbeiter eingesetzt, an der als Vertreter der Arbeiterschaft Herr Ben Zwi sitzt. Das Exekutivkomitee der Arbeiterorganisation hat nun der Kommission ein Memorandum überreicht, welches ‘die Festsetzung eines •Minimalarbeitslohnes im Lande fordert, da die Senlkung der Löhne ohne gesetzliche Grenzern den Lebensstandard und das Exlstenzminimum der Arbeitenden dermaßen herabdrüdkt, daß ihre notwendigsten Bedürfnisse nicht befriedigt werden können. So wird z. B. auf dem nichtorganisierten jüdischen Arbeitsmarkt ein Lohm! von 170 Mil (ein Mil 2 Pfennig) pro Tag und auf dem städtischen arabischen Anbeitsmarkt ein solcher von 100 bis 150 Mil gezahlt. Aber sogar dieser niedrige Löhn wird nicht eingehalten. Die Frauenun'd Kinderarbeit drückt den Lohnstandard noch stärker, eine Arbeiterin erhält um 20 bis 30 Mil und ein Kind um 50 Prozent weniger, als ein erwachsener Arbeiter. Der von der Arbeiterorganisation geforderte Minimalarbeitslohn soll entsprechend den minimalen Lebensbedürfnissen festgestellt werden. Um dies zu erreichen, ist eine Einteilung des Landes in Bezirke und eine periodische Ueberprüfung des Schlüssels für die Existenzbediirfmsse notwendig. In jedem Bezirk soll ein, besonderer Minimallohn festgesetzt werden. Die Festsetzung des Minimallohnes soll Arbeiter auf allen Gebieten der Industrie und Landwirtschaft einschließen. In Anbetracht dessen, daß Schwierigkeiten vorhanden sind, diese Forderung sofort und auf einmal in vollem Umfange zu verwirklichen, soll die Kommission diese Forderung wenigstens für die Regieruings- und munizipalen Arbeiten, sowie auch für diejenigen Unternehmer, die sich um Regierungsarbeiten bewerben, behandeln. Schließlich fordert das Memorandum der Arbeiterschaft entsprechend dem internationalen Abkommen von, Washington den achtstündigen, für Kinder den siebenstündigen Arbeitstag, SIEGE KORMEIIIj, GroQfleischlianerei Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, Abteilungen für i^flslich unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien IX, Berggasse 15 XVIII, WfihrlngerstraBe 97 sowie daß bei Regierungs- und städtischen Arbeiten denjenigen Arbeitern der Vorzug gegeben werde, für die diese Arbeit die einzige Einkommensquelle diarstellt. Miszellen Das verweigerte Palästina-Visum für Schwarzbarth. Vom Einwanderungsdepartement der Palästina-Regierung wird «mitgeteilt, daß Schalom Schwarzbarth nicht aus politischen Gründen die Einreiseerlaubnis für Palästina verweigert worden sei, sondern einfach darum, weil sein Gesuch «dem Einwanderungsreglement nicht entsprach. Jeder Einwanderer muß entweder im (Besitze gewisser Mittel sein oder er muß nachweisen kön- )nen, daß er von einem Arbeitgeber als Spezialist «a n gefordert worden ist, Schwarzbarth konnte weder das eine, noch das andere nachweisen. — Der jüdische iNationalnat für Palästina, der Waad Leumi, hat sich an «den Oberkommissär Lord PI um er mit einem Gesuch um Erteilung der Einreiseerlaubnis für Schwarzbarth gewendet. Wie übrigens jetzt bekannt wird, wurde Schwarzbarth, der sich bis zur Erledigung seiner Einreise nach Palästina in Beirut aufhalten wollte, von den Landungsbehörden das Betreten syrischen Bodens verboten und er mußte sofort nach Frankreich zurückkehren. Wozu zu bemerken ist, daß Schwarzbarth französischer Staatsbürger ist und in der französischen Armee mit Auszeichnung gekämpft hat. * Erweiterung der Ruthenberg-Konzession auf Transjordanien. Das Amtsblatt «der Regierung Transjordaniens teilt mit, daß der Emir Abdullah und sein Ministernat der an den Ruthen berg-Koaizern gewährten Konzession zur Ausbeutung der Wasserkräfte des Jordans z u gestimmt h aben. Plan einer jüdischen Siedlung im Hauran. Der Palästina- Korrespondent des „Moment" berichtet von dem Plane einer jüdischen Siedlung im Hauran durch eine größere Gruppe von Mitgliedern der Skout-Organisationen „Zofei Trumpeldor". Der Hauptkommandierende der „Zofei Trumpeldor", Arber, ein angesehener Fabrikant in Palästina, habe ihm erklärt, daß die Gerüchte, wonach die französische Regierung in Syrien Boden für Kolonisationszwecke zur Verfügung stelle, nicht richtig seien. Man verhandle mit dieser nur über die Ermöglichung der Ansiedlung einer größeren Gruppe im Hauran, unweit der palästinensischen Grenze, auf Boden, der 4.5 km von der Bahnstation Zemach bei Tiberias entfernt ist, Baron Rothschild besitzt dort 80.000 Dunam Boden. Dieser Plan werde von französischen Regierungskreisen, wie auch führenden Politikern, wie de Monzie und dem früheren Oberkommissär von Syrien, de Jouvenel, warm unterstützt. Jetzt werden Verhandlungen über die Finanzierung dieser Kolonisation gepflogen. Antisemitengeld im Jerusalemer jüdischen Museum. Wie bereits berichtet, besitzt das jüdische Museum «in Jerusalem eine reichhaltige numismatische Sammlung, die nadb dem Spender des größeren Teiles der Sammlung, R«afaeli, benannt ist. Einen für die Geschichte «des Judenhasses sehr lehrreichen Teil der Sammlung bilden die Ge Id n o t e n, die während des Krieges und auch nach dem Kriege als allgemein «gültiges Notgeld o-der von bestimmten Organisationen! «als gangbare Note au&gegeben wurden. Diese in unzähligen Exemplaren ausgegebenen Geldnöten wurden von den antisemitischen Organisationen zu einem sehr wirkungsvollen Propagandamittel mißbraucht. Das Museum in Jerusalem besitzt eine «stattliche «Serie solcher antisemitischer Geldnöten in verschiedenen Sprachen. Der Waad «Leumi (Jüdischer Nationalrat) ihat über «die Zusammensetzung der Nationalversammlung (Asschath ihaniweharim) und über das Wahlrecht für dieselbe endgültige Beschlüsse gefaßt. Danach soll die Nationalversmmhing 71 Mitglieder zählen. Das «Stimmrecht ihat jeder Purimkarneval ln Tel-Aviv. Links; Der Karnevalszug im Spalier der Zuschauer; in Tel-Aviv waren am Purimtage mehr als 50.000 Menschen auf den Straßen. sehen Zigarettensorten im Maskenzug. — Rechts: Die Purimkönigin von Tel-Aviv, ein yemenitisches Judenmädchen. Mitte: Die palästineusi-