Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1928)
- Date
- 1928-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12 DIE STIMME S.-te 7 Nachdruck gefordert werden, daß endlich der Beschluß des letzten Kongresses durchgeführt werde, wonach wenigstens 1500 Chaluzim, die eine hervorragende chaluzische Ausbildung genossen haben, die Einwanderung ermöglicht werde. An der Schwelle des zweiten Jahrzehntes chaluzischer Bewegung wollen wir die fünfte Alijah mit dem Aufbruch dieser strammen. disziplinierten, opferbereiten Chaluzimgarde einweihen.“ Die Palästina-Anleihe diskutiert „Haarez“ in einem eingehenden Aufsatz, in dem zunächst darauf hingewiesen wird, daß offenbar in den entscheidenden zionistischen Kreisen noch wichtige Meinungsverschiedenheiten in bezug auf die Höhe, die Garantie, die Verzinsung und Amortisation und vor allem über den Verwendungszweck der Anleihe bestehen. Als Summe finde man gewöhnlich ein bis zwei Millionen Pfund genannt, Garantie sollten die im zionistischen Eigentum befindlichen Werte in Palästina und die Einnahmen der nationalen Fonds bilden. Ueber den Verwendungszweck höre man nur, daß die Londoner Exekutive über diese Frage ein Memorandum ausgearbeitet habe. Zur Frage nach der Höhe des Anleihebetrages müsse darauf hingewiesen werden, daß die Anleihe wirklichen konstruktiven Aufbauzwecken zu dienen habe und nicht nur zur Beseitigung der gegenwärtigen Krise dienen dürfe. Deshalb dürfe man den Betrag nicht zu niedrig ansetzen. Selbstverständlich aber müsse bei der Bestimmung der Größe des Anleihebetrages nicht nur das Bedürfnis, sondern auch unsere finanzielle Möglichkeit in Betracht gezogen werden. Wir müßten bei Aufnahme der Anleihe absolute Gewißheit dafür haben, daß in der Zahlung der Zinsen und Amortisationen niemals die leiseste Schwierigkeit eintreten würde. Wenn wir bei der Verwendung der Mittel des Keren Hajessod vielleicht nicht immer nach den Regeln einer ordentlichen Finanzwirtschaft verfahren sind, was mit dem Spendencharakter dieser Einnahmen zu tun hatte, so müsse das bei der Anleihe ganz anders sein. Die Anleihe dürfe nur für produktive Anlagen verwendet werden, zur Kreditgewährung an Landwirtschaft und Industrie. Es sei deshalb zu wünschen, daß der Bericht der Expertenkommission publiziert werde, bevor die Anleihe aufgenommen werde. Das Jubiläum des „Hechaluz“ wird in der palästinensischen Presse in besonderer Weise gefeiert, „Dawar“ hat aus diesem Anlaß eine Festnummer herausgegeben, in der Entstehung, Entwicklung und Bedeutung des „Hechaluz“ in zahlreichen Artikeln dargestellt werden. In einer Betrachtung B i a 1 i k s heißt es u. a.: „Die Hechaluz-Bewegung ist die erste, die die Angst vor nationaler Selbständigkeit und Verantwortung durch eine große sittliche Kraftanstrengung überwunden hat.... Ich habe die jungen Leute gesehen, die zehn Jahre lang gegen Hindernisse und Gefahren ankämpfen, ich sah ihren Heroismus, fühlte ihre brennende Sehnsucht, ihren stürmischen Willen, ihren nationalen Schöpferdrang — und ich gewann die Ueberzeugung, daß diese neuen lebendigen Kräfte des Judentums die große Regeneration bringen, daß sie die große jüdische Tat setzen werden. Wir haben in der Galuth hervorragende Männer des Geistes, der weltbewegenden Ideen hervorgebracht. Aber weit größer als diese geistigen Leistungen in der Galuth erscheint mir der schöpferische Wert jeder geringsten nationalen Tat, die in Verbundenheit mit Erez Israel erwuchs. Zehn Jahre vergingen nun seit der Entstehung des „Hechaluz“, Wir alle wissen, wie sie vergingen. Aber es gehört zum Wesen des „Chaluz", über seine eigenen Opfer nicht viel Worte zu machen. Ehren wir unsere großen Opfer durch Schweigen. ... Erez Israel ist, wie Brenner sagte, unsere letzte, einzige Zuflucht. Es gibt für uns keine Wahl, keine Umkehr..., Und in diesem Augenblicke, da wir das Andenken des heldenmütigen Schöpfers der Chaluz-Bewegung, Joseph Trumpeldors, feiern, wollen wir es unseren jungen Brüdern in Rußland und in anderen Ländern sagen, daß wir noch die alten geblieben sind, daß wir zu unserem großen Werke stehen, daß es für uns keine Umkehr mehr gibt: An Erez Israel wollen wir unsere große Hingabe bewähren, hier wollen wir leben und sterben.“ „Haarez“ schreibt: „Es ist etwas vom erhabenen Symbol in der chronologischen Tatsache, daß der Festtag aus Anlaß des Chaluz-Jubiläums mit dem den Märtyrern von Tel-Chaj gewidmeten Gedenktag zusammenfällt. Die Gräber dieser Märtyrer sind beredte Zeugen des Erwachens des neuen Juden. Das Blut Trumpeldors und seiner Freunde hat den heiligen Bund zwischen dem jüdischen Volk und seiner alt-neuen Heimat für ewige Zeiten besiegelt. Sterbend, vermachten uns diese Helden das Leben, den fortgesetzten Kampf für den Aufbau von Volk und Land.“ * Gegen die allzu behutsamen politischen Leisetreter der zionistischen Bewegung, die es immer „aus gewissen Rücksichten" vermeiden zu müssen glauben, Wünsche und Forderungen an die Palästina-Regierung deutlich und offen auszusprechen, schreibt „Haarez“ mit Beziehung auf die letzte Rede Sir Alfred Monds in Erez Israel: „Dieser große, einflußreiche engliisdhe Politiker“ — schreibt das (Blatt — „d'er zweifellos, genau so wie unsere „Praktiker“ weiß, was man von der Palästina-Regierung fordern darf und was wieder unstatthaft ist, hat sich ohne jegliche „Rücksicht“ getraut, die nachstehenden, in jeder Weise klaren Worte vor Lord Plumer und den Vertretern der Weltpresse zu sprechen: „Es gibt heute auf der ganzen Welt keinen kulturellen Staat, der sich ruhig und tatenlos verhalten könnte, wenn ein ansehnlicher Teil seiner Angehörigen Not leidet. Dies würde auch keineswegs den Traditionen der britischen Regierung entsprechen. Ueberdies sind) ja die Palästina-Immigranten nicht auf Einladung der zionistischen Organisation ins Land gekommen. Die Einladung erging an die Juden der ganzen Welt in Form der B-alifour-Dekilanatiom, gemeinsam mit' der Mandatarmacht an der Realisierung des hohen Zieles mitzuwirken, Es steht also fest, daß die jüdischen Einwanderer mit Zustimmung der Regierung ins Land kamen und daß die Regierung daher verpflichtet ist, auch mit außerordent - liehen Mitteln die schwere Lage zu bekämpfen." Antisemitenspiegel Der Arierparagraph Den deutschvölkischen Schneeschuhläufern in Oesterreich ist großes Heil widerfahren: Sie haben im Oesterreichischen Skiverein den Arierparagraphen durchgesetzt. Eigentlich handelt es sich hierbei nur um die Durchführung eines Beschlusses, den der genannte Verein bereits im vergangenen Herbst gefaßt hatte. Uns kann es recht sein, wenn waschechte Germanen in St. Moritz auf rein arischen Skiern umherlaufen. Wir finden daran nichts Betrübliches und auch keinen Anlaß, sich sonderlich darüber aufzuregen. Empörend wirkt nur die Verlogenheit, die sich im Arierparagraphen ausspricht. Denn dieselben Herren, die auf ihre edelrassige, (nachweisbar) rein arische Abstammung so stolz sind, daß sie die Berührung mit Andersrassigen meiden zu müssen glauben, dieselben Herren würden sicherlich jeden Erwachenden Ungarn mit Ski-Heil als Mitglied ihres Vereines begrüßen, obgleich doch die Magyaren, der Rasse nach, unzweifelhaft der mongolenähnlichen finnisch-ugrischen Völkergruppe angehören. Entsprechend dem Geiste, dem der Arierparagraph entsprang, war auch die Art, wie dessen Einführung beschlossen wurde. Um sich für diesen Beschluß die erforderliche Stimmenmehrheit zu sichern, wurde vom Präsidenten des Oesterreichischen Skivereines, Dr. Klein-Doppler, eine Menge hakenkreuzlerischer Windjackenjungen als „A kademische Sektion" in den Verein eingeschmuggelt und mit diesen Herrschaften der Arierparagraph durchgedrückt. Diese „Akademische Sektion" soll übrigens, wie mitgeteilt wird, aus Nichtariern bestehen, deren Burschenschaften und Turnvereine die Mitgliedschaft bei einem Verein nicht gestattet, der Juden als Mitglieder aufnimmt. Mit den Stimmen dieser Nichtarier wurde in der letzten Generalversammlung der Beschluß gefaßt, aus dem unpolitischen Allgemeinen Skiverband auszutreten und somit den Arierparagraphen aufrechtzuerhalten. Der Verein hat bereits die Segnungen dieses Paragraphen zu spüren bekommen: Von den 330 Mitgliedern sind seit dem November 142 —darunter auch viele arische Mitglieder — ausgetreten und 102 haben ihre Beiträge nicht bezahlt. — In diesem arischen Wirrwarr kennt sich kein Mensch mehr aus: Nichtarier stimmen für den Arierparagraphen und arische Mitglieder treten aus dem Verein aus. Zudem besteht die Ersatzmannschaft der „Akademischen Sektion“ aus Mitgliedern, die weder die Einschreibgebühren noch die Mitgliedsbeiträge bezahlt haben. In letzter Stunde spendete ein „Freund" 1000 S und mit diesem Gelde wurde für 200 Hakenkreuzler der Mitgliedsbeitrag bezahlt und somit das Abstimmungsergebnis sichergestellt. Der »gemäßigte« Hitler Für gewöhnlich werden Jubiläen nach Dekaden gefeiert. Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei in München hat mit diesem alten Brauch gebrochen und vor wenigen Tagen das Jubiläum ihres acht jährigen Bestehens gefeiert. Im Münchener Bürgerbräukeller, wo vor acht Jahren die Nationalsozialistische Partei durch Adolf Hitler begründet worden ist, fand die Gedenkversammlung statt. Alfred Rosenberg (der Name klingt nicht gerade echt germanisch), der Verfechter des internationalen Zusammenschlusses der Antisemiten, erklärte in seiner Begrüßungsansprache: „Heute seien alle Mächte des Untermenschen losgelassen, um im Deutschtum die letzte Substanz in moralischer und rassischer Hinsicht zu vernichten." Die Gedenkrede hielt Adolf Hitler. Er sagte u. a.: „Man kann den Juden niemals wirtschaftlich vernichten. Nur eine politische Bewegung kann das tun. Daher haben unsere Vorfahren, als der Jude ihnen Grund und Boden nahm, erklärt: ,Da wir sehen, daß hier ein Fremdkörper sich unseres Bodens bemächtigt hat, um ihn als wirtschaftliches Druckmittel gegen uns zu verwenden, verbieten wir diesen Fremdkörpern die Erwerbung von Grund und Boden.' Wer Deutschland freimachen will von der heutigen internationalen Pest, kann es nicht durch wirtschaftliche Konkurrenz, sondern nur durch Einsatz der politischen Machtmittel, indem man dem Juden klarmacht, daß wir der Herr im Hause sind; führt er sich gut auf, kann er bleiben, wenn nicht, dann hinaus damit!" — So spricht Adolf Hitler, wenn er sich in seinen antisemitischen Aeußerungen Reserve auf erlegt. Jedenfalls scheint ihm das Licht der Erkenntnis aufzugehen, daß man die Juden nicht vernichten könne. Viel Mächtigere als Adolf Hitler — wie z. B. der persische Minister Haman — haben es auch nicht gekonnt " FRAUEN verwenden Verhüt-Kugeln (Vaginal-Desiniiciens) Ärztlich empfohlen u. glänzend begutachtet. — Nachnahmesendung (1 ütz.) S 3.50. — In allen Apotheken erhältlich. Generaldepot: Marienapotheke, Wien, VI., Schmalzhofgasse 1. Ersatzpiäparate weise man entschieden zurück. Nationalistische Freimaurerei Sooft die .Antisemiten mit ihrem Latein zu Ende sind, werfen sie den Notanker „Freimaurerei-Judentum" aus. Man muß es ihnen lassen: sie verstehen ihren Leuten das Gruseln beizubringen und dabei auch ein Geschäft zu machen. Eine Teufelsspukgeschichte von der „jüdisch-internationalen Freimaurerei'* verfehlt seine Wirkung nie. Ein Traktätlein darüber wird immer gern gelesen und, was wichtiger ist, auch gern gekauft. Und hat zudem das Gute, daß es die antisemitische Literatur um eine Nuance bereichert. Auch Erich Ludendorff hat es kürzlich unternommen, das Schreckgespenst von der „jüdischen“ Freimaurerei zu malen. Nachdem er lange genug gegen die Juden gewettert und wahrscheinlich reichlich genug seine antijüidischen Schriften ahgesetzt hatte, versuchte er es zur Abwechslung mit einer Streitschrift gegen die Freimaurer, einer durch wÜ6te Ausschweifungen einer pathologischen Phantasie gekennzeichneten Schrift, die doch wiederum nur gegen die Juden gerichtet ist. Denn was kann (nach Ludendorff) die Freimaurerei denn etwas anderes sein als ein internationaler jüdischer Geheimbund, der durch allerhand Teufelskünste die Welt aus den Angeln heben möchte? Wenn- Erschöpfung, neivöse Zustands für* 9IItcrscrfd)cimmgcn, öie bitte!) ^alfablctne" ruttgeti entfielen, merbeit tiotgebettgt butd) frei üertäuffidjes „9labioftlcrin" bas bas Blut ouffrifrijt, bic Albern cfoftifcf) madjt, bic Bhttftirfulatton hebt. ‘Üabiuntgebalt amtlicf) geprüft.?lpotf)efe 'Bager ffiiett, I., ©ollaetle 13. gleich heute kein Ernstdenkendei diesen Mann mehr ernst nimmt, so hat dennoch merkwürdigerweise sein antifreimaurerisches Pamphlet eine Anzahl von Abwehrschriften gezeitigt, und zwar sind es deutsche Freimaurerlogen, die sich gegen die Ludendorffschen Angriffe wehren. Aus diesen Abwehrschriften erfährt man so manches, was bisher nur den Eingeweihten bekannt war. So erfährt man, daß es deutsche Freimaurerlogen gibt, wie die altpreußischen Großlogen, die Juden niciht aufnehmen und daß sich in der deutschen Freimaurerei in jüngster Zeit judenfeindlichc Strömungen bemerkbar machen. Erst kürzlich hat die Große National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln" gegen das Ludendorffsche Geschwätz eine Abwehrschrift veröffentlicht, die eigentlich im Ludendorffschen Geiste geschrieben ist. Die Große Natiönal-Mutterloge gebärdet sich darin ganz nationalistisch. Da heißt es z. B. an einer Stelle: „Wir würden den Deutschen verachten, dem die Ehre seines Volkes so wenig gilt, daß er die Schmach und die Unbill, die Deutschland durch und nach dem Versailler Diktat erlitten hat, so vergessen kann, daß er mit dem Angehörigen eines anderen Volkes in Verkehr treten kann, ehe dieser nicht das uns zugefügte Unrecht rückhaltlos anerkennt.“ Text und Melodie sind bekannt; der Deutschvölkische sagt es auch, nur mit ein bißchen anderen Worten, Dem Sinne nach trifft dieser Bann auch alle Neutralen. Das bedeutet eine Absage an den freimaurerischen Gedanken und eine Annäherung an die Deutschvölkischen. Mit dieser Feststellung fällt das ganze Lügengebäude von der „jüdisch-internationalen Freimaurerei" in sich zusammen. Das wird indessen die Leute um Ludendorff nicht hindern, auch weiterhin die Freimaurerei als jüdisches Teufelswerk hinzustellen Der Bakkalaureatsprozeß Die Czernowitzer „Ostjüdische Zeitung" bespricht in einem Leitartikel die Wiederaufnahme des seit bald anderthalb Jahren eingeschlafenen Bakkalaureatsprozesses, der am 16. April vor dem Gerichtshof in Suczawa zur Verhandlung kommt. Die Vorgeschichte dieses Prozesses mag hier in kurzen Strichen in Erinnerung gebracht werden: Im September 1926 sind bei den Bakkalaureats-(Maturitäts-)Prüfungen in Czernowitz von 184 Kandidaten nicht weniger als 124 Schüler durchgefallen; darunter waren die Schüler des jüdischen Staatsgymnasiums am meisten betroffen. Als das Resultat bekannt wurde, kam es zu Straßendemonstrationen der durchgefallenen Schüler und ihrer Angehörigen und der Prüfer Professor Diaconescu, gegen den die Schüler am meisten erbittert waren, wurde von einigen Schülern mißhandelt. Obwohl es nahezu erwiesen war, daß kein einziger der jüdischen Schüler an den Professor Hand angelegt hatte, wurden dennoch 15 jüdische Schüler verhaftet und gegen sie eine hochnotpeinliche Untersuchung eingeleitet. Eine Anzahl von ihnen wurde wegen des Verbrechens der körperlichen Beschädigung angeklagt. Der Prozeß erregte damals großes Aufsehen. Die nationalistische Presse in Rumänien schrotete den Fall aus, machte aus der Schüleraffäre ein ganzes Staatsverbrechen und faselte von einer Beleidigung des rumänischen Volkes (als ob Zusammenstöße zwischen Schülern und Lehrern noch nie vorgekommen wären). Die Cuzisten peitschten die Leidenschaften auf. Am 10. November 1926 erschien der Rächer der angeblich beleidigten nationalen Ehre, der junge T o t u, im Czernowitzer Justizpalast und richtete den Revolver, den er aus Jassy mitgebracht hatte, auf den Schüler David Falik, den er als den Hauptschuldigen angesehen hatte. Nach zwei Tagen entsetzlicher Leiden erlag David Falik seiner Verwundung. Einige Monate später wurde der geständige Mörder T o t u von den Geschworenen nahezu einstimmig freigesprochen. Der Zufall wollte es, daß an demselben Tage mehrere Juden, die einige cuzistische Studenten verprügelt hatten, weil diese am Versöhnungstage in eine mit Betern überfüllte Synagoge Steine warfen, zu mehrjährigen Kerkersträfen und zur Zahlung von einigen Millionen Lei an die Exzedenten verurteilt wurden. Allgemein empfand man diese beiden Urteile — die Freisprechung des Mörders ynd die Verurteilung von Juden, die einen Angriff auf die Synagoge abgewehrt hatten — als einen Schlag ins Gesicht der gesitteten Welt. Damals wagte es die rumänische Regierung nicht mehr, den beim Gerichtshof in Suczawa anhängigen sogenannten Bakkalaureatsprozeß fortzusetzen. Die Sache ruhte anderthalb Jahre und jetzt ist das Verfahren wieder aufgenommen worden und am 16. April werden sich die Angeklagten wegen der ihnen zur Last gelegten Mißhandlung des Herrn Diaconescu zu verantworten haben. Wie das genannte Blatt mitteilt, ist man in politischen Kreisen der Ansicht, daß die Wiederaufnahme des Prozesses eine Art von Kompensation sei für den Reichsverband der christlichen Studenten, die wegen der Verurteilungen von Großwardein und Klausenburg demonstrieren. Außerdem soll dieser Prozeß auch ein Schachzug sein gegen die Entrüstungskampagne im Auslande, dem man jüdische Angeklagte vorführen will. Daß dabei der Welt die Tragödie des gemordeten David Falik wieder in Erinnerung gerufen wird, daran denkt die Weisheit eines Stelian Popescu nicht. Der Landfriedensbruch-Prozeß In jüngster Zeit häufen sich in Deutschland die Prozesse gegen Nationalsozialisten, die wegen antijüdischer Ausschreitungen vor Gericht stehen. Aus der Fülle der Prozeßberichte geben wir den über den Nastättener Landfriedensbruch-Prozeß wieder: In Nastätten, einem Städtchen im preußischen Regierungsbezirk Wiesbaden, fand am 6. März 1927 eine von Juden, Katholiken und Protestanten einberufene Versammlung zur Abwehr des Antisemitismus statt. Aus Köln, Koblenz und Wiesbaden waren Nationalsozialisten nach Nastätten gekommen, um die Versammlung zu stören. Sie hielten Hetzreden und verteilten antisemitische Flugblätter. Es kam zu Schlägereien und schließlich zum Sturm auf das Hotel Guntrum. Auch die Landjäger, die die Versammlung schützen wollten, wurden angegriffen. Zum Schluß gab ein Landjäger einen Schuß ab, durch den ein junger Mann getötet wurde. In einem Auto der Nationalsozialisten wurden