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Die Stimme · 1928-03-22 · Heft 12 (22.3.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 12 (22.3.1928)
Date
1928-03-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 12 DIE STIMME Seite 3 »9 LLOYD TRIESTIHO EUROPA UND PALÄSTINA über Ägypten mit den Luxusdampfern „VIENNA“ UND „HELOUAN“ För Freunde längerer Seefahrten empfehlen wir unsere herr* liehen, billigen 28-tKgigen Rundfahrten nach Griechenland, Ägypten, Palästina, Syrien, Cypern und Rhodtts (mit Berührung von 23 Häfen). I. Kl. S 1616» — , II. Kl. S 1043'— inklusive vorzüglicher Verpflegung und Außenkabine. Zahlreiche andere, kürzere und noch billigere Reisekombinationen. Wöchentliche Abfahrten! Auskünfte: PassagebDro, Wien I, Kärntnerring 6 Rascheste Verbindung zwischen Ausweisung von Juden aus dem griechischen Grenz» gebiet? Aus Saloniki meldet die Jüdische Telegraphen-Agentur: Das in Athen erscheinende kommunistische Organ »Rizopastis« meldete vor einigen Tagen, daß die griechische Regierung die Landesverweisung aller Juden, Türken und Armenier griechischer und ausländischer Staatsangehörigkeit aus dem Grenzbezirk Evrou in Thrazien verfügt habe und gab einen vom 17. Jänner 1928 datierten Befehl des Präfekten A. Djanetos an den Generalgouverneur von Thrazien in Comotini wieder, in welchem gesagt wird, daß die Juden, Türken und Armenier Kommunisten seien, und daß darum ihr Aufenthalt in einem von den bulgarischen und türkischen Feinden bedrohten Gebiet gefährlich werden könnte. Auf Initiative der jüdischen Gemeinde von Athen sandten die jüdischen Mitglieder des griechischen Parlaments folgendes Telegramm an den Innenminister: Die jüdische Bevölkerung Griechenlands ist empört über die Mitteilung der »Rizopastis« betreffs der Austreibung der Juden aus dem Bezirk Evrou und über das Verbot des Aufenthaltes von Juden in diesem Bezirk, und bittet Sie, die Mitteilung der »Rizopastis« zu dementieren, wenn sie nicht zutrifft, oder das publizierte Ausweisungs- und Aufenthaltsverbots-Edikt außer Kraft zu setzen, falls die Mitteilungen von »Rizopastis« stimmen sollten. Inzwischen haben die jüdischen Parlamentarier eine Untersuchung eingeleitet und festgestellt, daß tatsächlich ein Verbot des Aufenthaltes von Juden im Bezirk Evrou erlassen worden ist, und daß auch schon Maßnahmen zur Ausweisung der Juden aus diesem Bezirk getroffen worden seien. Abgeordneter Bessantchi brachte die Angelegenheit im Parlament zur Sprache und erklärte, es handle sich um eine antisemitische Aktion der Regierungsbehörden, die dem Lande großen Schaden bringen könne. Unter dem Vorwände, den Kommunismus bekämpfen zu müssen, soll die jüdische Bevölkerung von Evrou, die niemals mit Kommunismus etwas zu tun gehabt hat, des Landes verwiesen werden. Dagegen müsse jeder rechtlich denkende Mensch protestieren. Die Rede des Abgeordneten Bessantchi machte großen Eindruck. Der Minister ließ ihn bitten, zu ihm zu kommen, um die Angelegenheit näher zu besprechen. Die „Weisen von Zion" in Griechenland Zwei vielgelesene Zeitungen in Saloniki, »Macedonia« und »Phos«, drucken gegenwärtig die »Protokolle der Weisen von Zion« in Fortsetzungen ab. Die Bnei-Brith-Logen und der Vorstand der jüdischen Gemeinde Salonikis wiesen in Zuschriften an diese Zeitungen darauf hin, daß der Abdruck der Protokolle die antisemitische Bewegung stärken werde und erboten sich, Beweise dafür zu erbringen, daß es sich bei den Protokollen um grobe Fälschungen handle. Die Zeitungen drucken diese Zuschriften ab, setzen aber gleichzeitig den Abdruck der Protokolle fort. (»Macedonia« ist ein venizelistisches, >Phos« ein royaiistisches Organ. Die Red.) „Kleiner Zwischenfall“ Wie die offiziöse rumänische Telegraphen-Agentur »Orient-Radio« unterm 14. März meldete, verhinderten an der Bukarester Universität die Studenten in zwei Vorlesungen jüdische Hörer am Betreten der Hörsäle, was »einen kleinen Zwischenfall zur Folge hatte«. Die vier Rädelsführer — heißt es in dem für die so druckwillige europäische Presse bestimmten Telegramm weiter — wurden verhaftet und dem Gericht übergeben. Der Dekan der juridischen Fakultät ließ mitteilen, daß das Unterrichtsministerium entschlossen sei, beim ersten weiteren Zwischenfall die Universität zu schließen. Man erinnert sich bei der Lektüre dieses Telegrammes sofort an die ebenfalls von der Orient- Radio-Agentur verbreitete Meldung über die Studentenexzesse in Großwardein, bei denen Synagogen geschändet. Restaurants und Geschäftsläden geplündert, jüdische Bewohner der Stadt schwer verletzt wurden; damals teilte die offiziöse rumänische Agentur mit, daß sich »unbedeutende Zwischenfälle« ereignet hätten, bei denen genau »zwei Fensterscheiben in Trümmer gingen«. Es hat den Anschein, als ob es sich hier wieder darum handelt, das Ausland zu beschwichtigen; ein »kleiner Zwischenfall«, bei dem rasch hinzugefügt wird, daß »vier Rädelsführer« verhaftet wurden, ist einigermaßen verdächtig, noch verdächtiger ist, daß über den kleinen Zwischenfall die rumänischen Blätter nicht berichten durften. KARTONNAGENFABRIK 4 4 4 4 4 4 GELBAND & Co, WIEN IX. GrundlStr. 5 ISTelephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ► ► ► ► ► ALLEN ARTEN KARTONS WARNUNG! Lassen Sie sich nicht andere Erzeugnisse aufdrängen! verlangen Sie Oberen nur Strum-MazzoftH u. -Grieß die als vorzüglich, schmackhaft, hygienisch einwandfrei erzeugt, bestbekannt sind und wegen ihrer Qflte und Billigkeit allgemein bevorzugt werden! Froher Pessach - nur mit ftrum-Mazzoth Wer einmal Strum-Mazzoth genießt, nimmt keine anderen! Die Mazzoth-Bäckerei H. STRUM, II., Rotensterngasse 11, steht unter Aufsicht des ehrw. Rabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien. 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Bezeichnend dafür ist das, was der französische Advokat Henri Torres, der Verteidiger Schwarzbarths, bei der ersten öffentlichen Kundgebung der vor kurzem in Paris zur Bekämpfung der Hetze gegen die Juden gebildeten »Antipog r o m 1 i g a« berichtete, der angesehene Persönlichkeiten der Gelehrtenwelt und des öffentlichen Lebens Frankreichs angehören und deren Ehrenvorsitz Prof. Einstein angenommen hat. Torres, der neben dem Publizisten Lecache, den Gelehrten Hadamar und L a n g e o i n bei dieser von mehr als 6000 Personen besuchten Kundgebung sprach, führte u. a. aus: »Mich besuchte vor kurzem ein Führer der rumänischen Bauernpartei, der mich davon zu überzeugen suchte, daß die Propaganda gegen die Pogrome den rumänischen Juden keinen Nutzen bringen wird. Wir aber wissen, daß die Antipogrompropaganda einen Schlag auf den rumänischen Säckel bedeutet.« Um den Säckel geht es jetzt der rumänischen Regierung ganz besonders und deshalb wurde auch von der rumänischen Vertretung in Paris bei der französischen Regierung interveniert, der Antipogromliga den dem französischen Staate gehörenden Trocadero-Saal in Paris nicht nur von Paris, sondern auch von Jerusalem stark mitbestimmt und das marokkanische Judentum mag dazu berufen sein, jene einzigartige Synthese zu schaffen zwischen diesen beiden Metropolen des Geistes, die Joseph Salvador in seinem Buch: »Paris, Rom, Jerusalem« voraussah, worin er Paris wohl die Glorie zuspricht, am innigsten die von Jerusalem ausgegangenen politischen Ideale aufgenommen zu haben — es war 1864 — aber zu seiner religiösen Vertiefung es doch auf das neue Jerusalem angewiesen sieht. Das marokkanische Judentum, das bis vor kurzem und während vieler Jahrhunderte nur eine trostlose Gegenwart kannte, fühlt sich wiedergeboren in der Aussicht auf eine Kraft und Phantasie befeuernde Zukunft. Das richtige Stichwort trägt darum die marokkanisch-jüdische Zeitschrift an der Stirne, die nun ins dritte Jahr ihres Bestandes eingeht und in französischer Sprache in Casablanca, der 20.000 köpfigen und wohlhabendsten jüdischen Gemeinde von dem aus Galizien stammenden Juden Thursz herausgegeben wird, wenn sie sich »L'Avenir«, die Zukunft, benennt. Sie spiegelt das Dasein und die Interessen der aus dem Gefängnis des Ghetto in die Freiheit und Bewußtheit modernen Lebens taumelnden marokkanischen Tudenheit in ihrer Assimilationstrunkenheit und erwachtem Nationalstolz in interessanter Weise wider. Wir finden darin Beschreibungen der jammervollen, aufreizenden Zustände in den alten Mellahs, die die Stadtverwaltung teilnahmslos weiterbestehen läßt, den Bericht über den Bau eines neuen Mellahs in Meknes für die 7000 Juden dieser Gemeinde, und Beschwerden darüber, daß dieses Reformwerk von der Stadtverwaltung nicht nur in keiner Weise unterstützt wurde, sondern daß das Mellah wieder mit einer Mauer umgeben werden mußte — ein Beweis dafür, wie sehr die jüdische Bevölkerung sich auch noch unter der französischen Schutzherrschaft vogelfrei fühlt. Und Illustrationen dazu sind die Tatsachen, die uir Kenntnisnahme der französischen Behörden aufgezählt werden, daß die Zeugenschaft eines Juden vor Gericht nicht gilt, daß der mohammedanische Richter sich ungestraft erlauben kann, Juden in öffentlicher Sitzung mit den ärgsten Schimpfwörtern wie Hundesohn, Eselssohn, Judenaas u. a. zu belegen, daß sie in den Krankenhäusern gleichfalls erniedrigenden Schmähungen ausgesetzt sind, daß bettelarme, nachgewiesenermaßen von der jüdischen Gemeindewohlfahrt ausgehaltene Juden wegen Nichtbezahlung von Steuern ins Gefängnis zu gemeinen Verbrechern gesteckt und ungeachtet Krankheit und Alter zur Zwangsarbeit auf dem Schindanger verurteilt werden u. ä. m. Und wirklich vom 9. September 1927 stammt das Dokument, das von der Stadtverwaltung von Meknes dem Juden Isak Cohen ausgestellt wurde und das ihn bevollmächtigt, an diesem mohammedanischen Feiertag das Ghetto zu verlassen und in der Stadt seiner Beschäftigung nachzugehen. Neben solchen Bildern aus dem frühen Mittelalter sind die Mitteilungen über die sich organisierende jüdische Selbsthilfe umso erfreulicher. Die feierliche Eröffnung der ersten Gewerbeschule der Alliance Israelite hat vor kurzem stattgefunden, ein Ereignis von außerordentlicher Tragweite für die manuell so ungeschulte jüdische Bevölkerung, die Generalversammlung der Schülerhilfe gibt ihren Rechenschaftsbericht und drängt zu einer Ausdehnung ihrer Aktion, eine Veranstaltung zugunsten des jüdischen Spitals und der jüdischen Wöchnerinnenhilfe wird angekündigt und ähnliches aus der jüdischen sozialen Arbeit Marokkos imd des übrigen französischen Nordafrika wird hier publik gemacht. Eine wertvolle Quelle für volkskundliche Forschung bilden Aufsätze der Zeitschrift, in denen allerlei alte Bräuche gewissenhaft beschrieben werden, die heute noch in der jüdischen Bevölkerung bei Hochzeiten und anderen Anlässen befolgt werden und die im Handumdrehen verschwinden dürften. Aber auch die Ereignisse in der gesamten jüdischen Welt finden im »L'Avenir« ein immer stärkeres Echo. Insbesondere schlägt Wellen, was in Frankreichs jüdischem Leben an bedeutenden Geschehnissen vor sich geht, und in Leon Abensour hat die Revue einen ausgezeichneten Pariser Korrespondenten, der z. B. über den Schwartzbard-Prozeß, über das Jabotinsky-Käpitel in A. de Monzies vielbesprochenem Buch: »Ueber dem Mittelmaß«, oder über die »Petite Histoire Juive«, die die Brüder Tharaud jetzt veröffentlicht haben, sehr temperament- und eindrucksvoll zu berichten weiß. In keiner Nummer fehlt ein ausführlicher Brief aus Palästina und J. J. Cohen aus Jerusalem versteht es, die Sache Erez Israels zu vertreten. Zionistische Nachrichten werden auch sonst noch hervorgehoben. Und aus den Vereinsnachrichten entnimmt man, daß sich das zionistische Leben Marokkos und des übrigen französischen Nordafrika bereits stattlich entwickelt hat. Die U. U. J. J. — Union Universelle de la Jeunesse Juive ist besonders aktiv. Bernard Lecache bereiste in ihrem Auftrag in der letzten Zeit Tunesien in einer aufsehenerregenden Vortragstournee. Hebräische Kurse, Bälle, Sportveranstaltungen schaffen engen geistigen und geselligen Kontakt unter der jüdischen Jugend und schließen sie um ihre nationalen Interessen zusammen. Der Keren Kajemeth ist zur Stelle mit seinen Aktionen an den Feiertagen, seinen Büchsen und seinen auf ihn eingeschworenen Arbeitskomitees. Ein kürzlicher Appell des Keren Hajessod hat im Mellah von Fes allein 100.000 Francs ergeben.*) Und die Revisionisten von Tunis haben auch dort — und zwar gemeinsam mit den Agudisten — ihre Trauerfeier um Tiomkin abgehalten, der ihr Delegierter am Zionistenkongreß in Basel war. So durchströmt in unseren Tagen wieder neuer Lebenssaft auch den fast abgestorbenen marokkanischen Ast des weitverzweigten jüdischen Stammes und seine Blüten werden nicht ausbleiben. *) ,,Palestine", Paris, Heft 5. Artikel von Pascale Saissit über ,,'Les Jnifs Marocains et la Gulture Fraapadse“.

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