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Die Stimme · 1928-03-22 · Heft 12 (22.3.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 12 (22.3.1928)
Date
1928-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME M. 12 \AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAkAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA> Vereinigte Jüdische Weinbauerngenossenschaft Richon-le-Zion & Zichron-Jacob (Propr. Baron Edmonde de Rothschild) Palästina empfiehlt ihre RTENWEI ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► der Exekutive leiten, Dr. Berthold F e i w c 1 wird sich mit den?>nar.7.ielien Angelegenheiten, besonders mit dem Problem der Palästina-Anleihe, befassen. Im Zusammenhänge mit der Frage der Palästina-Anleihe weilt gegenwärtig in London c!as Mitglied der palästinensisch-zionistischen Exekutive, Dr. Harrv Sacher. Für eine Minoritätenkommission beim Völkerbund Eine wichtige Resolution der Union der Völkerbundligen, Von Dr. Isidor Margulies. Vom 14, bis 17. März tagten in B r ü ss e 1 einige Kommissionen der Union der Völkerbundligen, darunter die Minderheits- Kommission. Einer unserer Mitarbeiter befragte Herrn Dr. Isidor Margulies, der in Vertretung der jüdischen Völkerbundliga für Oesterreich dieser Tagung beiwohnte, über die Ergebnisse der Sitzung und erhielt von ihm die nachstehenden aufschlußreichen Mitteilungen: Die eben stattgefundene Brüsseler Tagung der Minoritätenkommissionen der Union der Völkerbundligen, an der von den jüdischen Ligen aus Palästina die Herren Disengoff, Motzkin und K 1 e i n b e r g, aus Oesterreich Dr, Isidor M a r g u 1 i e s, aus der Tschechoslowakei Dr. Emil Margulies und aus Bulgarien Dr. M e z a n teilnahmen. fand diesmal unter dem Vorsitze einer Frau, der holländischen Delegierten Frau Doktor Bakker van Bosse, statt, welche die Verhandlungen mit großer Umsicht und Sachkenntnis leitete. Der Grundgedanke, welcher die Sitzung der Minoritätenkommission beherrschte, war der absoluter Notwendigkeit, den Minderheitenschutz auf eine feste rechtliche Basis zu stellen. Dieser Gedanke, der in den Kreisen der Ligen immer mehr an Boden gewinnt, entspringt dem Bewußtsein, daß der Minderheitenschutz vom Völkerbund bisher praktisch in sehr zurückhaltender Weise geübt wird. Diese Anschauung kam schon in dem mit großer Mehrheit angenommenen Antrag des Generalsekretärs der Union, Dr, R u y s s e n, der besagt, der Völkerbund müsse eine allgemeine Enquete über die Behandlung der Minoritäten in den einzelnen Staaten und über die Beobachtung der diesbezüglichen Verträge einleiten, zum Ausdruck, In noch weitgehenderem Maße aber betont dies die von der deutschen Delegation vorgeschlagene Empfehlung an den Völkerbund, die anregt, es möge eine permanente Minderheitenkommission b e i m V ö 1 k e r b u n d eingesetzt werden, welche — ähnlich wie die permanente Mandatkommission des Völkerbundes — alljährlich Bericht über den Stand der Minoritätenfrage in den einzelnen Ländern erstatten und dem Völkerbundrat in allen Minoritätenfragen beratend zur Seite stehen soll. Das von dem deutschen Delegierten Junghanns über diesen Antrag erstattete Referat wies auf die Notwendigkeit hin, eine kontinuierliche Institution für den Minderheitenschutz zu schaffen, welche den Völkerbund ständig an seine Pflichten auf diesem Gebiete erinnert. Der deutsche Antrag wurde in namentlicher Abstimmung angenommen. Von der gleichen Erwägung, daß es notwendig ist, eine feste juristische Grundlage für den Minderheitenschutz zu schaffen, waren die Anträge des holländischen Delegierten Overbeke und der bulgarischen Delegation geleitet, in denen die Ausarbeitung eines Minoritätenstatutes angeregt wird, welches insbesondere das Wesen und den juristischen Charakter einer Minder- Original englische Herren-Stoffe in großer Auswahl finden Sie sehr preiswert Im TUCHHAUS S. E N G L E R Wien, I. Laurenzerberg 5 (Ecke Adlergasse, gegenüber Cafg Silier) fl 3 heit und die allgemeinen Rechte, die ihr zustehen, umschreiben soll. Diese Anträge wurden für die nächste Sitzung der Kommission vertagt, ebenso ein rumänischer Antrag, der verlangt, daß in den Völkerbundpakt selbst das Prinzip des Schutzes der Minderheiten aufgenommen werden soll, so daß es für alle Mitglieder des Völkerbundes in gleicher Weise verbindlich wäre, nicht nur für diejenigen Staaten, denen diese Verpflichtungen in den Friedensverträgen speziell auferlegt wurden. Von der umfangreichen Tagesordnung der Minoritäten-Kommission wurde noch die wichtige Frage der Staatenlosigkeit erledigt. Nach einem eingehenden Referat von Sir Walter N a - p i e r, das im einzelnen nachwies, daß die S u k z e ssions Staaten, besonders Polen und Rumänien, sich bei der internen Regelung der Staatsbürgerschaft über die Bestimmungen der Friedensverträge hinweggesetzt haben, wurde mit großer Mehrheit eine Resolution angenommen, die besagt, der Völkerbund möge ersucht werden, zur Prüfung dieser Fragen das Votum des Haager Schiedsgerichtes einzuholen. Die anderen Punkte der Tagesordnung, welche Fragen der Minoritäten auf dem Balkan betrafen, konnten, obwohl die Kommission am 17. März noch eine Sitzung einschob, wegen der Kürze der Zeit nicht mehr behandelt werden und wurden auf die nächste Sitzung der Minoritäten - Kommission und die allgemeine Versammlung der Union der Völkcrbundligen, die im Juli d. J. im Haag stattfinden wird, verschoben. Zu diesem Termin wird auch die Erörterung der antijüdischen Exzesse in Rumänien erfolgen, zu der es diesmal infolge Zeitmangels ebenfalls nicht kam. Die jüdischen Ligen haben für diese Erörterung der Minoritäten-Kommission ein Memorandum unterbreitet, in welchem diese Frage unter Anschluß eines reichen Dokumentenmateria. 1s eingehend behandelt ist. Den Vertretern der jüdischen Ligen wurde über ihr Verlangen zugesichert, daß dieses Memorandum vom Büro an die einzelnen Ligen versendet werde und daß ihnen eine allfällige Gegendarstellung von rumänischer Seite rechtzeitig zugehen wird, so daß bei der Haager Tagung diese Frage entsprechend vorbereitet sein wird. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der Gedanke des Minoritätenschutzes in den Ligen in seiner Bedeutung immer besser erkannt wird. Daher wurden auch die von einzelnen Ligen gemachter! Versuche, die Tätigkeit der Minoritäts-Kommission einzuschränken, entschieden zurückgewiesen; ein Antrag der rumänischen Delegation, daß in den Sitzungen der Minoritäten-Kommission grundsätzlich nur die gegenwärtig bestehenden Minderheitsverträge behandelt werden dürfen und daß daher Anträge, welche über den Rahmen dieser Verträge hinausgehen, nicht zuzulassen seien, wurde nach einet lebhaften Diskussion, in welcher dieser Versuch, die Freiheit der Diskussion in der Minoritäten-Kommission einzuschränken, von den Vertretern der meisten Ligen, besonders auch der jüdischen, bekämpft wurde, mit großer Majorität abgelehnt. Die letzte Sitzung der Minoritäten-Kommission bedeutet ohne Zweifel einen starken Schritt nach vorwärts, insbesondere, wenn es gelingen sollte, die Anregung auf Schaffung einer permanenten Minoritäten- Kommission beim Völkerbund durchzusetzen. Die marokkanisch-jüdische Zukunft Von Dr, Nadja Stein. Wunderlichste Arabeske, die die Geschichte sich ersonnen hat und die wir vor unseren Augen sich entwickeln sehen: Europas Eindringen in den Orient, in die Länder alter, seit Jahrhunderten verfallener Kultur zwischen der Straße von Gibraltar und dem Euphrat, aus denen es selbst einst seine geistigen Fundamente geholt hat — und überall die Begegnung mit versprengten Teilen des Volkes, das als einziges aus jenen fernen Jahrtausenden sich herübergerettet hat, und das, obwohl oft bis zur Unkenntlichkeit an seine Umgebung assimiliert und durch Unterdrückung und Armut entstellt, auf jeden Kulturappell leidenschaftlich antwortet, sich zum Rezipienten und Träger jeder westlichen Zivilisationsidee macht, sich dabei aber gleichzeitig in seinem eigenen Volkstum regeneriert. So in Marokko. Leben dort 150.000 Juden, Seit undenklichen Zeiten, Die Legenden behaupten, schon seit phönizischer Urzeit. Die Geschichte weiß gewiß: seit Justinians Verfolgungen im fünften und seit der Austreibung aus Spanien im fünfzehnten Jahrhundert. Leben inmitten der muselmännischen Mischbevölkerung als geschlossene Gruppe und abgesondert wie einst inmitten der christlichen Bevölkerung in eigenen Ghettovierteln, Mellahs genannt, mauerumgürtet, mit einem einzigen Tor als Ausgang aus der steinernen Festung, zusammengepfercht in unsäglicher Enge, unsäglichem Elend, unsäglicher Verwahrlosung, vergewaltigt, mißhandelt, ausgeplündert und bespien von dem »rechtgläubigen« Herren volk, mit dem sie sich in einem arabisch-jüdischen Jargon verständigen und vor dem sie ihre wenigen Reichen vertreten. Zäh klammern sie sich an ihre Traditionen, an die heiligen Bücher, deren Studium in Fes einst einen berühmten Mittelpunkt hatte und die ihre einzigen, nach primitiven Methoden von Geschlecht zu Geschlecht überlieferten Kulturschätze sind. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts setzen sich die Franzosen im benachbarten Algier fest. Jüdische Händler und Kaufleute bringen eine erste Ahnung von dem Reichtum der europäisch-französischen Welt und glücklicheren, freieren jüdischen Lebens. 1862 ist nach langer, langer Zeit wieder ein historisches Jahr für die marokkanischen Juden: die Alliance Israelite eröffnet ihre erste Schule. Nicht mehr der dumpfe, düstere, schmutzige Raum, wo zerlumpte, kränkliche, grindige Kinder unter der Fuchtel des Melaned tagsüber ihren Singsang leiern, sondern helle, luftige Zimmer mit sauberen Bänken und Büchern, in denen man sich auch um Kleidung, Nahrung und Hygiene der Schüler kümmert und in die durch das Fenster der französischen Sprache die große, profane, herrlich interessante Welt französisch-europäischer Kultur und Geschichte eindringt. Doch nur mißtrauisch begegnen die Gesetzestreuen den jungen bartlosen Idealisten, die als Lehrer und Pioniere Europas sich zu der mühseligen Kulturmission unter ihren marokkanischen Brüdern einfinden, die es wagen, die Kinder zu registrieren (!) und ihnen wissenschaftliche und praktische Kenntnisse zu vermitteln. Auch vertraut man sie ihnen meist erst an, nachdem man sie religiös und hebräisch entsprechend sattelfest gemacht hatte, oft erst nach der Bar Mizwah und dann nur für drei, vier Jahre. Trotzdem geht unter dem Einfluß dieser Schulen eine, wenn auch langsame, so doch tiefgehende Umwandlung der heranwachsenden Generation vor sich und als Frankreich 1912 sein Protektorat in Marokko aufrichtet, da sind große Teile der marokkanischen Judenheit geistig dafür schon präpariert. Die einheimische Bevölkerung kann sie beschuldigen, daß ihre Schulen und ihr Handel die Europäer nach Marokko gebracht haben und sich dafür in blutigen Pogromen an ihnen rächen. Es war natürlich, daß die fortgeschrittenen marokkanischen Juden mit der größten Begeisterung und den hochgespanntesten Hoffnungen d i e Kulturnation zum Protektor Marokkos werden sahen, die gleichzeitig mit den Menschenrechten die Befreiung und Gleichstellung der Juden proklamiert und in Europa durchzusetzen geholfen hatte. Sie überfluten die französischen Schulen, die nun eröffnet werden imd die ihnen die Fortsetzung ihrer Studien und auch gewerbliche Fortbildung zu garantieren scheinen, und die weibliche und männliche Jugend sieht kein erstrebenswerteres Ideal vor sich, als Franzosen zu werden. Die reichen Kaufleute schicken ihre Kinder zur Ausbildung oder auf Reisen nach Paris, bauen moderne Häuser in den neuen europäischen Vierteln, die nun in den größeren Siedlungen, insbesondere in Casablanca, entstehen und wetteifern darin, ihren Patriotismus zu zeigen. Aber wenn auch das französische Protektorat eine neue und erfreulichere Epoche für die marokkanische Judenheit eingeleitet hat, so hat es in den vergangenen 15 Jahren seines Bestandes Anlaß zu mancherlei Enttäuschungen gegeben. Die französischen Behörden feiern zwar jede Entwicklung in den jüdischen Gemeinden mit und begleiten sie mit schwungvollen Reden, aber es geschieht sehr wenig, um die rechtliche Stellung der marokkanischen Juden zu verbessern und ihre soziale Lage zu heben. 1924 wurden sogar die mit soviel Enthusiasmus begrüßten französischen Schulen den marokkanischen Juden verschlossen und sie werden auf ihre Allianceschulen verwiesen. Das hat mit dazu beigetragen, um bei der marokkanischen Judenheit eine Besinnung auf sich selber eintreten zu lassen. Der zionistische Gedanke hat sie auf ihre eigene Würde wieder stärker bedacht gemacht, sie mit der Judenschaft der ganzen Welt wieder inniger verbunden und sie vor einem völligen Einschmelzen ihrer eigenen Persönlichkeits- und Kulturwerte bewahrt, Die marokkanisch-jüdische Zukunft wird somit

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