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Die Stimme · 1928-03-15 · Heft 11 (15.3.1928) · page 13

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 11 (15.3.1928)
Date
1928-03-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Seite 13 r. Copyright by Joseph Opatovsky, N«-v York (1. Fortsetzung.) RICHTER LYNCH Von Joseph Opatoschu. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz.) Vor dem Hause stand der Sheriff, ein junger Mann, eher klein zu nennen schmächtig und elastisch, als bestünde er aus Stahldraht. Seine Stiefel mit den gesteppten Schäften waren weiß vom Staub. Auf seinem Arm lag eine Büchse. Drei Farmer in mittlerem Alter standen neben ihm. ,,Good evening, Jim!" grüßte der Sheriff freundlich. ,,Good evening, captain!" Jim verneigte sich und wies auf die offene Tür. ,,Willkommene Gäste!“ „Hör zu, Jim.“ Der Sheriff trat näher. „Wir sind wegen business hier... Die Sache ist die .., Wenn du nicht willst, daß das Dorf Bucker „lyncht“, so liefere ihn sofort aus; es ist keine Zeit zu verlieren, das ganze Dorf kann jeden Augenblick hie: sein, hörst du?“ Die Negerin schlug zitternd ein Kreuz. Sie erinnerte sich ihrer Mädchenzeit, da sie bei einem Farmer die Wäsche wusch; ging einmal ein silberner Löffel verloren, so schrien der Farmer und seine Frau gleich so auf sie ein und drohten sie zu peitschen, wenn sie nicht gestehen würde, daß ihr stets die Furcht die Rede verschlug. Seither hatte sie vor jedem Weißen Angst. Als sie jetzt die Worte des Sheriffs hörte, schlugen ihre Zähne vor Schreck aneinander; doch die übermäßige Furcht gab ihr Mut und sie begann im Singsang zu jammern'. „Guter Herr, was sagt du da. Was hat mein Buckert getan? Er ist ein so ruhiger Junge, keiner Fliege tut er etwas zuleide, mein armer ,boy‘.“ „Buckert hat vor einer Stunde Mc. Clurs Tochter geschändet... Mit Mühe wurde sie wieder zu sich gebracht... Mc, Clur läuft wie ein Rasender mit einem geladenen Gewehr umhfcr und fordert Jung und Alt auf, ihm zu helfen und Selbstjustiz zu üben. Wißt ihr, was das bedeutet?“ Die Mutter und der Großvater wußten, was das bedeutete, wußten auch, daß der ruhige Buckert für seine vierzehnjährige Schwester Regine, die von Mc. Clur verführt worden war, Rache genommen hatte. Verlegen sahen sie einander an, schüttelten hilflos die Köpfe und schwiegen. „Was schweigst du, Jim?“ drängte der Sheriff. „Sag* mir, wo er ist. Ich gebe dir mein Ehrenwort — noch heute bringe ich ihn nach Atlanta und übergebe ihn dem Gericht, sonst lynchen sie ihn.“ „Buckert ist noch nicht von der Arbeit zurück,“ erwiderte der Alte; sein Gesicht hatte dabei einen Ausdruck, als litte er physischen Schmerz. „Du kennst mich und weißt, daß ich nicht lüge.“ „Was denn, sprichst du etwa die Wahrheit?“ warf einer der Farmer, die den Sheriff begleiteten, ein. „Selbst wenn die Posaune des jüngsten Gerichtes ertönt, wird der Neger zur Predigt fromm „Amen" sagen und dabei die Hühner seines Nachbarn klauen! Wir kennen euch!“ Die Negerin fiel mit durchdringendem Weinen, das wie das Heulen eines Hundes klang, dem Sheriff zu Füßen: „Was wollt Ihr von uns unglücklichen Leuten? Mc. Clur hat meine einzige Tochter verführt, ein Kind noch, kaum vierzehn Jahre alt... und er geht frei herum... und mein Buckert, ein so ruhiger, stiller Junge ...“ „Da hilft kein Weinen!“ Der Sheriff befreite seine Füße von den Armen der Negerin, „Liefert ihn lieber mir aus, wenn ihr nicht wollt, daß ihn das Dorf lyncht!“ Jim holte eine Bibel aus dem Zimmer und hielt sie dem Sheriff entgegen: „Ihr glaubt mir nicht, Ihr glaubet einem Neger nicht, gut! Ein Neger ist nicht glaubwürdig, ein Mann ist nicht glaubwürdig, auch eine Wolke ist nicht glaubwürdig! Wie oft verspricht eine Wolke Regen und es regnet doch nicht! Hat Jim nicht recht?" „Gewiß!" „Aber die Bibel," Jim hielt sie ehrfürchtig dem Sheriff entgegen, „die Bibel ist glaubwürdig, der Bibel glaubt jeder, denn was schwarz auf weiß gedruckt ist, das ist wahr. . Und so schwöre ich dir, du kennst Jim; ganz, ganz klein warst du noch, da habe ich dich auf Händen getragen, ist das wahr?" „Es ist wahr." „Und ich schwöre dir bei der Bibel, Buckert ist heute noch nicht nach Hause gekommen, so wahr ich ein Christ bin! Glaubst du mir jetzt? Wenn nicht — die Türen sind offen, suche!" „Ich glaube dir, ich glaube dir, Jim!" Der Sheriff faßte sein Gewehr fester. „Das Wichtigste ist jetzt, Buckert zu finden. Wenn ihr eine Spur von ihm habet, lasset es „mich sogleich wissen, verstanden? Good by!" „Gute Nacht!" „Hab‘ Erbarmen mit meinem boy, mit meinem armen Buckert!" Die Mutter verneigte sich tief vor dem Sheriff, Der Sheriff winkte den Farmer und alle vier gingen. Ihre Schritte erstarben allmählich, im weichen Sand versunken. Nur noch einige Schatten schoben sich über den Weg, bis auch sie in den Bäumen verschwanden. Eine erschreckende Stille drückte auf die Herzen, so stark, daß Tränen im Hals aufstiegen. „Sie werden ihn lynchen!" schluchzte die Mutter. „Mein armer boy! Womit haben wir das verdient? Warum? Und ich habe ihn doch so gebeten, er möge schweigen . . . wenn auch die weiße Bestie unsere Regine ins Unglück gestürzt hat. . . Mc. Clur meine ich ... Gott möge ihn strafen ..." „Dein Weinen wird nicht helfen!“ unterbrach Jim die Tochter. „.letzt heißt es Buckert finden und ihm zur Flucht raten. Wäre ich nicht so alt, so würde ich gehen. Es ist nicht gut, alt zu sein, gar nicht gut; die Knochen knacken wie abgeriebene Reifen um ein volles Faß, hi, hi, hi. . ." „Komm, mein Kind!" An allen Gliedern zitternd faßte die Mutter Fred an der Hand, „Komm, gehen wir, wir müssen Buckert retten!“ „Gott möge euch beistehen!“ Der Alte machte ein paar Schritte von den Treppenstufen herab und sah der Tochter und dem Enkel so lange nach, bis sie im Walde verschwanden, Dann blieb er wie ratlos stehen. Er vermied es, nach dem Walde hinzublicken wo die Dunkelheit wie ein ungeheurer Abgrund alles verschlang; er hob die Augen zum sternbesäten Himmel, gewiß, daß jemand von dort herniederschaute und das große Unrecht sah, daß an Jims Hause begangen wurde. Dan setzte sich Jim wieder auf die Schwelle und dachte daran, daß die Hühner schon längst schliefen, während es ihn heute so gar nicht ins Bett zog. Vom Wald und von den Feldern krochen Schatten heran und breiteten sich über den sandigen Weg. Der Mond warf Lichtfetzen ins Gelände und die gefällten Bäume sahen von der Ferne wie Menschen- und Tierfratzen aus. Der alte Neger bog die Beine wieder im spitzen Schach Akiba Rubinstein Vor einem Kaffeehaus in Lodz sieht ein armer Jeschiwahbochur. Sehnsüchtig starrt er durch die Fensterscheiben auf das rege Schachleben, das in den Räumen des Kaffeehauses herrscht. Er fühlt in sich die Schwingen des Genius, er könnte den Spielern da drinnen zeigen, was Schachspielen heißt. Aber wie sollte er, der Bettelarme, sich in das Cafe, das ihm so vornehm dünkt, wagen? Aber der Besitzer des Kaffeehauses, der populäre Schachmeister Salve, der mit allen Menschen nur in der »Marne loscher«, nur jiddisch spricht, bei seinen Meistcrkollegen ob seines echt jüdischen Humors beliebt, als Schachgegner wegen seiner überraschenden Einfälle gefürchtet, hat den armen Jungen bemerkt. Er erkennt dessen Sehnsucht und nimmt ihn ins Lokal hinein. Ach! In der rauhen Wirklichkeit zerflattern die Träume des Jeschiwahjungen. Unter den Schwachen ist er der Schwächste und bleibt es lange Zeit. Eines schönen Tages bleibt er aus. Plötzlich, man hat den schüchternen Schachfreund längst vergessen, erscheint er wieder. Unter der stillen Heiterkeit der anderen fordert er keinen Geringeren als Meister Salve heraus. Der nimmt, gutmütig wie er ist, die Herausforderung an und — man stelle sich die Ueberraschung vor — verliert! Fortan gehört Akiba Rubinslein, so heißt der Jüngling, zu den stärksten Spielern der Stadt. Nächst Las leer ist heule Rubinslein der erfolgreichste Turnierspieler der Schachgeschichte. In sieben großen internationalen Meisterturnieren errang er den ersten Preis, Und als er im Jahre 1912 -- das war seine größte Zeit — aus vier Turnieren als Sieger hervorging und M a r s h a 11, Winkel ein, umschlang sie mit den Händen und blickte regungslos vor sich hin. Er sah Sternschnuppen mit feurigen Streifen in den dichten Wald fallen, und in seinem alten Hirn blitzte etwas auf; er erinnerte sich traumhaft, wie ihm in seiner Jugend sein Bruder und seine Schwester geraubt, wie sein Vater gepeitscht worden war. Es war ihm, als sauste die Peitsche pfeifend auf seinen eigenen Leib nieder und saugte sein Blut ein; und die ererbte Angst, die Angst, die seine Urahnen in den Wäldern Afrikas durchlebt hatten, da sie auf allen Vieren ihrem Versteck zukrochen, um nicht von wilden Tieren zerrissen zu werden, dieselbe Angst erwachte in ihm um Buckert, seinen Enkel, den das Dorf zu hängen drohte. Er begann zu zittern, fühlte seine Hände und Füße starr werden und konnte sich nicht rühren, als wäre er an die Schwelle genagelt. Er sah riesige Tiere und Vögel aus dem Wald, von den Feldern heranschleichen... sie jagen über den sandigen Weg, kommen näher, immer näher... in den Ohren klingt es wie das Rauschen von Muscheln ... das Rauschen wird zu Tönen, Schreien .. . stärker, immer stärker . .. bald sind sie ganz nahe, die riesigen Tiere ... sie umringen ihn, wollen ihn zerreißen . . . Er riß sich empor, fühlt einen kalten, stechenden Schauer durch die Glieder rieseln, als hätte er den Tod gesehen, und eilte hastig ins Haus. Das Kind in der Wiege weinte. Jim schlug die Tür zu, als wäre er vor jemandem geflohen, und begann das Kleine einzuwiegen. Das Kind hörte nicht auf zu weinen und streckte dem Großvater die Aermchen entgegen. Jim nahm es vorsichtig aus der Wiege und schmiegte es an sich. Das Kind wurde still. Jim ging, den Enkel im Arm, im Zimmer auf und nieder, sah dem Kinde erst in die Augen und sang leise zur wehmütigen Melodie eines Kirchenliedes: God delibered Daniel from the lions ‘den, Jonah from the belly of the wale, An. ‘the Hebrew Children from the Frery Furnace An ‘why not every man? My Lord delibered Daniel My Lord delibered Daniel My Lord delibered Daniel Why can‘t He deliber me? (Fortsetzung folgt.) T eichmann und selbst den großen Schlechter im Wettkampf bezwang, da galt trotz Capabianca, Schlechter und dem eben heranreifenden Al j ec hin nur einer als würdiger Rivale des Weltmeisters Lasker: Akiba Rubinstein. Aber die Weltmeisterschaft erfordert neben Genialität und geistiger Kraft auch physische Gesundheit und Widerstandskraft, Und gerade damit ist es bei unserem großen Meister schlecht bestellt. Alljährlich muß er eine Zeitlang im Sanatorium verweilen, um wieder halbwegs fähig zu sein, die schwere Kampfestätigkeit des Schachmeisters auszuüben. Auch das Ereignis des Weltkrieges scheint auf Rubinstein eine erschütternde Wirkung ausgeübt zu haben. Wenn er auch noch immer grandiose Leistungen vollbracht hat, mit seinen gewaltigen Vorkriegserfolgen halten sie keinen Vergleich aus. Nur ... 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