Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-03-15 · Heft 11 (15.3.1928) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 11 (15.3.1928)
Date
1928-03-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053764--0184-3055446
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 12 DIE STIMME Nr. 11 V Musikalien-Handlung und Antiquariat < OTTO MAASS G. m. b. H. Bestassortiertes Lager aller Editionen. — Klassische and moderne Musik. — Studienwerke für alle Instrumente. — Spezialgeschäft für Orchestermuslk. Prompter Proilmersaad. Verlangen Sie Prospekte kostenlos- , > WIEN VI., MARIAHILFERSTRASSE NR. 91 / **SMWSMasBs*sHasssssM(s>sBstsaamstsBNasssnii*4>* sind die Veröffentlichungen von Josef Achron bemerkenswert, die bereits sehr populär gewordene „Hebräische Melodie" (nach einer alten Synagogenweise), der .^Hebräische Tanz" (komponiert 1912), Tanzimprovisation (1914) und „Scher" (1917). Die Art. wie Achron diese einfachen Melodien und Rhythmen fortspinnt, sie vergrößert und verkleinert, sie harmonisch unterbaut und auswirken läßt, wie er, bei aller Wahrung des Charakters des motivischen Materials, die Steigerungen und die Durchfii'hrungsteile mit phantasievoller Kontrapunktik und abwechslungsreicher Rhythmik herausarbeitet, zeigt von ebensoviel Können wie Inspiration, von einer Fülle immer neuer Eingebungen, von einem stark ausgeprägten Formgefühl. Dabei sehr geigerisch und bei Ueberwindung technischer Anforderungen wirkungssicher. Hier ist auch die hübsche Canzonetta op. 52 („Licht so träumend") einzureihen, die Achron selbst für die Violine übertragen hat, eine selbsterfundene Melodie volkstümlicher Prägung, die durch ihre unmittelbare Natürlichkeit tiefen Eindruck hinterläßt. Issai Dobrowen, der weniger aus innerem fDrang, als aus Interesse am Stoff zwei jüdische Motive künstlerisch verarbeitete, „Melodie Hebraique" op. 12 (Universal-Edition), bringt eine anders geartete, persönliche Note hinein und zeigt welch verschiedene Emotionen und Auswirkungen diese Motive auslösen können. Hier werden zwei Motive — verquikend und sich gegenseitig ablösend — entwickelt, logisch aufgebaut und mit überlegenem Formsinn überzeugend gestaltet. Paul Kirman veröffentlicht vier leicht faßliche Stücke mit zum Teil weniger bekannten Volksmelodien, „Chanson Palestinienne", „Chant du Yemen", „Chant des S'ephardim", „Danse galicienne" (Schott-Verlag). Jede dieser Bearbeitungen reiht, gut kontrastierend, je eine im Charakter ruhig getragene und bewegte Melodie aneinander, ohne sie besonders zu verarbeiten oder zu paraphrasieren. Die Harmonisierung ist einfach, unaufdringlich, nützt aber die Eigenheiten, den Kolorit dieser Gesänge und Tänze nicht voll aus. Interessant durch den 7U Takt und die melodische Linie, ist der Gesang der jemenitischen Juden, Diese Stücke eignen sich gut zum Musizieren im privaten Kreise. In weitem Abstand von den eben besprochenen Kirmanschen Bearbeitungen stehen Emest iB 1 o c h s drei chassidische Stimmungen „Baal Sehern" (Universal-Edition). iBloch, der für -die Weiterentwicklung des neuen Stils in der jüdischen Musik sehr viel bedeutet und bereits viele große Werke geschaffen bat, ist unabhängig von der Renaissance-Btrömung, die von den russisch-jüdischen Musikern ausging, ganz aus eigenem Trieb und Bewußtsein zum eigenen, jüdischen Charakter seiner Musik gelangt. Symptomatisch ist, daß ungefähr um die gleiche Zeit, in weit voneinander entfernten Ländern, bei verschiedenen schaffenden Musikern unabhängig voneinander, die gleiche Sehnsucht, das gleiche Problem eine ähnliche Lösung gleichen Geistes gefunden hat. Diese Lösung ist: die Schaffung eines jüdischen Stils in der Musik. In den drei kleinen ■Stücken; „Vidui", „Nigun“, „Ssimchas Torah“ hat sich Bloch vom Volksmotiv ziemlich stark emanzipiert. Sie wirken wie Improvisationen. Die ganze Summe ohassidischer Gläubigkeit, Wehmut und verhaltener, verinnerlichter Ausgelassenheit, die ganze Mystik der chassidischen Seele tönt uns entgegen und berührt uns tief, ln diesen Impressionen spürt man deutlich die Sphäre des jüdisch Empfundenen. Ein neuer Name tritt in der letzten Zeit immer mehr in den Vordergrund: Alexander W e p ri k. Er lebt in Moskau, ist führendes Mitglied der dortigen „Vereinigung zur Pflege jüdischer Musik" und ist eifrig bemüht, einen Zusammenschluß aller jüdisch sc h.a ff enden Künstler aus allen Ländern herbeizuführen, lim Rahmen dieser Besprechung können vorläufig nur zwei Werke von ihm erwähnt wer- 'w&mmrn mkiMi den, die aber schon genügend Aufschluß über sein musikalisches Profil geben. Der „Kaddisch" op, 6, mehr instrumental als vokal (ohne Text) gedacht, kann auf einer Geige, oder Flöte gispielf werden, und die Suite op. 7 (Schott-Verlag). Es ist nicht alles originell, nicht frei von Einflüssen der russischen Musik, man spürt jedoch schon einen ausgeprägten Willen zum Eigenen, eine Begabung, deren Merkmal Vielfältigkeit, jugendliche Spannkraft, die Fähigkeit des lebendigen Einfühlens und starke Geistigkeit ist. Wir werden bei Weprik eine musikalische Kraft gewahr, die sich durch zeitgemäße Klangvorstel- .lungen in Verbindung mit moderner Harmonik und im Bemühen um das jüdische Element auswirkt. Diese zwei Werke sind weit ernster zu nehmen als vieles, was bis jetzt komponiert und veröffentlicht wurde. Man darf seiner weiteren Entwicklung und seinen späteren Werken mit starkem Interesse und großen Erwartungen entgegensehen. In allen hier erwähnten Werken ist eine große Summe von Arbeit und schöpferischem Willen enthalten. Mandhes noch unausgeglichen, unselbständig, Mischprodukte aus innerlich Erfühltem und der Gebundenheit an Erlerntes, Erworbenes. Vieles noch Verheißung. Einiges jedoch schon unter den strengen Begriff der Kunstwerte einzur&ihen. Losgerissen vom Mutterboden, durch Abgrenzung undrEingeschlossenheit in der Fremde eingeengt, sind wir heute in allem Suchende, Pioniere. Aber aus allen diesen Werken leuchtet — von innerem Verantwortungsgefühl getragen — die Sehnsucht, sich seines eigenen Seins, seiner eigenen Welt bewußt zu werden. J, St. BÜCHERSTUBE M. RATH II. TABORSTRASSE 20 a, TELEPHON 43-1-58 MODERNE LITERATUR / WISSENSCHAFT JUGENDSCHRIFTEN / JUDA1CA UND HEBRAICA •••••••tSOssssASSSttSSSftfSSSSSSSXSSSSSSSSSSSaSastSSSSSSSSSBSSSSSSSSSI Die hebräische Suite von Prof. Julius Wollsohn für Klavier und Orchester gelangte jüngst in Wien mit stärkstem Erfolg zur Erstaufführung. In diesem Werk, das der Künstler aus seiner Suite für Klavier op. 8 umgearbeitet und wirkungssicher instrumentiert hat, begegnen wir der gleichen, von den Piaraphtrasen her schon bekannten Schreibweise dieses unermüdlich schaffenden jüdischen Musikers. Wolfsohn sind die alten Lieder und Tanzmelodien der Ostjuden sehr vertraut; ihnen gehört seine Liebe, sein künstlerisches Bewußtsein. Er verwendet diese Melodien fast durchwegs in ihrer ursprünglichen volkstümlichen Fassung und versucht sie vorwiegend pianistisch miteinander zu verbinden und zu einem Tongemä'lde zu verschmelzen. Aus dem Instrument heraus entstanden, verrät jeder Takt vor allem den glänzenden Pianisten, der durchpulst von einem starken virtuosen Temperament die technischen und klanglichen Wirkungen des Instrumentes genau kennt und auszunützen weiß. Ethan. „The Stringwood Ensemble“ Das in New York bekannte »Stringwood Ensemble« ist eine Gruppe jüdischer Musiker, die sich hauptsächlich der Pflege und Propaganda jüdischer Musik widmen. Im vorigen Jahre veranstalteten die Künstler nicht weniger als zehn Konzerte jüdischer Musik, deren Reinertrag zugunsten eines Fonds für ein Konservatorium in Palästina bestimmt war. In ihrem letzten Konzert in der Town-Hall am 24. Jänner wurde, neben der auch schon in Wien gespielten »Ouvertüre über jüdische Themen« op. 34 des russischen Komponisten Prokofieff, ein neues Werk des in Amerika lebenden Musikers Samuel S t i 11 m a n n »Impressions« für Klarinette, Violine, Bratsche und Klavier mit großem Erfolg uraufgeführt, Dieses kurze Stück, 1927 komponiert, ist ziemlich wim Wwm ■ mm BUS Wm?, Die letzten Theaterereignisse in Wien: Links Szene aus Leiwiks „Golem", bei dem arm 8. März erfolgreich beendeten Gastspiel des hebräischen Theaters „Habimah" in der Rolandbühne. Rechts: Die jüdisch-amerikanische Soubrette Betty König, « welche in den Jüdischen Künstlerspielen (II., Praterstraße 34) gastiert. frei in der Form, lebendig und ungezwungen in der melodischharmonischen Struktur und wirkt durch die feinen Klangschattierungen dieser vier Instrumente außerordentlich stimmungsvoll, Das Werk ist noch ungedruckt, sch. - Der jüdische Minnesänger Neues über die Abstammung des Süßkind von Trimberg. Von Alfred Sandt. Aus der deutschen Literaturgeschichte ist bekannt, diaß sich an die fürstlichen Minnesänger am Anfang und in ider Mitte des 13, Jahrhunderts eine Gruppe vom! Dichtern anschließt, die zum Teil schon die Formen des Meistergesanges verwenden, der 'bald den Miranegesamg gänzlich verdrängte. Die meisten dieser Spätlinge führten ein Wanderleben an den Höfen der Fürsten, um deren Gaben sie warben, und gefielen sich darin, ihre Mitbewerber herabzusetzen. Zu ihnen gehört auch Süßkind vom Trim be r g, dem als einzigen jüdischen Minnesänger eine 'besondere Bedeutung zukommL Die Frage, ob Süßkind wirklich jüdischer Abstammung war, ließ sich leicht beantworten, als sich eine Urkunde in Nürnberg, der Hauptstadt des Franken,landes, iri dem Trimberg liegt, -fand, in der Süßkind ausdrücklich als Jude (angeführt wird, Es handelt sich bei dieser Urkunde aus dem Jahre 1218 um den Kauf eines Grundstückes, d;as Süßkind aus dem Besitz des Spitals vom St, Aegidien erwirbt. Das Spital stand unter geistlicher Aufsicht und der Dompropst Otto knüpfte an die Erwerbung des Grundstückes durch Süßkind die Bedingung, daß er daselbst eine unterirdische Wasserleitung auf seine Kosten einridhten und erhalten müsse. Die Frage der Wasserleitung führte 1225 zu einem Rechtsstreit, der durch den Dompropst beigelegt wurde, die erhaltenen Dokumente bezeugen die jüdische Herkunft des Dichters, Süßkinds Verhältnis zur Geistlichkeit hiat der Maler in der M e n e s s i s c h e n Hand s c ib r i ,f t, in der Süßkind,s Gedichte -auf uns gekommen sind, in den Mittelpunkt seiner Darstellung gerückt, auf den Verlauf des Rechtsstreites zurückgreifend. Wir sehen auf dem Bilde einem/ Juden in reichem Gewände, mit langem Bart und dem vorgeschriebenen Trichterhut vor dem Thron eines geistlichem Herren stelhen, eine Anspielung auf die geistliche Macht des Stiitsherrn, vor der der Jude bangt. Sprechen schon Urkunde und Bild für die jüdische Abstammung Süßkinds, so bildet eine weitere wesentliche Erkenntnisquelle die Art der Namensbildung. Es gehört zu den gebräuchlichsten Sitten der Juden im -Mittelalter, sich nach Orts- und Landesnamen zu nennen. Was liegt daher näher,, als anzunehmen, daß Süßkind sich, nach seinem Geburtsort Trimberg das Namensprädikat bildete. Der Name Süßkind taucht auch unter den jüdischen Namen des Mittelalters wiederholt auf. Wie der Name Liebermann, gehört der Name Süßkind den „sogenannten sprechenden Namen mit etwias geziertem Beigeschmack", wahrscheinlich Schöpfung einer sich selbst ironisierenden Phantasie. Daß aber eine große Auswahl von Juden vom 13. 'bis zum 15. Jahrhundert sich mit der ritterlichen wie mit der volkstümlichen Heldensage beschäftigten, beweisen auch einige Redensarten, die sich lange am Rhein unter den Juden erhalten haben, wie die bildliche Spradhform „es ist zugegangen wie in König Artus Hof", die im jüdischen Spraclbidiom angewandt wurde, um ein besonders prächtiges /Fest au schildern. Aber auch iSüßkinds Dichtung zeugt für seine jüdische Herkunft. Vor edlem der soziale Unterton, der in allen seinen Gedichten mitsohwingt, ist bezeichnend für den Schüler Walthers von der Vogelweide; die Lyrik ist nicht mehr reiner Minnegesang, sie wendet sich nicht nur an eine zweite Person, sie ruft die Masse zum Kampfe gegen die soziale Un g 1 e i chh eit auf. Und mit überströmenden Wortmelodien wird die Gedankenfreiheit gepriesen. Der /Dichter wird nicht müde, in immer reicheren poetischen Bildern für die neue Zeit der geistigen Unabhängigkeit zu werben, ein Vorbote der späteren Renaissance antiken 'Geistes in einer noch finsteren Umgebung. Vorlesung Uriel Birnbaum. Sonntag den 18, März, genau 7 Uhr abends, im großen Saal des Ingenieur- und Architektenvereines, Eschenibacihgasse 9, Vorlesung Uriel Birnbaum aus eigenen Werken, Vorverkaufskarten Komzertkasse Gutmann. Apollotheater. Alle Kandidaten approbiert. Keine Vorzugsschüler, aber alle befriedigend. Keine Sensationen, aber gute, brave Artistenarbeit. —r. Jüdische Bühne (II., Taborstraße 12, Hotel „Stefanie"). Wochenprogramm: 'Freitag 16. März (Premiere) sowie Samstiag bis Montag „Die jüdische K r o j n". Operette von Tomaschewski, Sonntag, 3 Uhr, Nachmittagsvorstellung „W a h r e Liebe sieg t", Lebensbild mit Gesang. Dienstag, 20. März „Kapital und Arbeit". Lebensbild in vier Akten. Mittwoch, 21, März „Bl ü male" (Die Perle von Warschau). Operette von Lateiner. Donnerstag, 22. März „Der J esc hiw e Buche r". Lebensbild mit Gesang von Rakow, Anfang 8 U-hr, Ende 11 Uhr. Mit Ausnahme Sonn- und Feiertage freier Eintritt. Massenmeeting des jüdischen Hochschulausschusses ■Der jüdische Hochschultausschuß, die Exekutive des Gesamtverbandes jüdischer Hochsdhüler Oesterreichs ^Juidäa" veranstaltet Dienstag den 20. März 1928 halb 8 Uhr abends im Festsaal des Hotel „Continental", II., Tialborstraße 4, ein Massenmeeting mit dem Thema: Die Ausgestaltung der hebräischen Universität in Jerusalem. Sprechen werden Vertreter der jüdischen Öffentlichkeit und der studierenden jüdischen Jugend Wiens. Erscheinen Pflicht!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.