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Die Stimme · 1928-03-15 · Heft 11 (15.3.1928) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 11 (15.3.1928)
Date
1928-03-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 11 DIE STIMME Seite 9 Blattes wird stark durch den Zeitungsstempel belastet. * Der erste jüdische Hochverratsprozeß in der Türkei fand vor acht Jahren statt und sein Opfer war — Ben Jehuda. Im Jahre 1896 schrieb der Schwiegervater Ben Jehudas in die Makkabäer - Nummer der „Has'kufa" einen Makkabäer-Artikel, welchen er mit der Aufforderung schloß, die heutigen Juden mögen dem Beispiel der Makkabäer nacheifern. Ben Jehuda las den Artikel gar nicht, da seine Frau damals krank im Wochenbett lag. Diesen Artikel sandten die Rabbiner in Jerusalem in einer gefälschten Uebersetzung der Behörde zu. In der Denunziation war der Passus, der zur Nachahmung der Makkabäer aneiferte, so übersetzt, daß von einer Aufforderung zu bewaffnetem Widerstand die Rede sein konnte. Auf diese Anzeige hin wurde Ben Jehuda ins Gefängnis geworfen und ihm der Prozeß gemacht. Viele Freunde verwendeten sich für ihn und suchten ihn durch Bakschisch freizubekommen. Da aber der damalige Pascha, der ein strenger Mann und den Juden nicht sehr wohlgesinnt war, wurde der Prozeß fortgeführt und Ben Jehuda zu einem Jahr Kerker verurteilt. Während des Prozesses affichierten die Rabbiner in Jerusalem ein Plakat, in welchem sie erklärten, daß sie die Verantwortung für den aufreizenden Artikel ablehnen und die jüdische Bevölkerung zur Ruhe mahnen. Auch dadurch erweckten sie den Anschein, als ob es sich um einen Aufstand oder sonst dergleichen handle. Als sie später im Verlaufe des Appellationsprozesses erfuhren, daß sich Baron Rothschild für die Sache interessiere, richteten sie ein Kollektivschreiben an ihn, in welchem sie ihn vor einer Parteinahme für Ben Jehuda warnten, da eine solche der Entwicklung der Kolonien schaden könnte. Rothschild verwendete sich trotzdem für Ben Jehuda und gab seinem Vertreter in Beiruth, wo der Prozeß in zweiter Instanz anhängig war, den Auftrag, er möge alle Schritte zur Freisprechung Ben Jehudas unternehmen. Mit Aufwand von ungefähr 5000 Francs gelang auch die Freisprechung wirklich. * In Sichron Jakob war früher eine Straße nach Ussischkin benannt und Ussischkin hat dort ein Bäumchen gepflanzt. Nach der Charkower Konferenz wurde die Straßentafel abgenommen und das Bäumchen aus dem Boden gerissen. * Geschwister Wilbuschewitsch: Sie stammen aus Rußland, der Bruder ist Maschineningenieur, hat in Cöthen (Deutschland), absolviert und ist seit einigen Monaten in Palästina, wo er industrielle Unternehmungen gründen wird. Noch im Laufe dieses Jahres gedenkt er in Jaffa eine Oelfabrik zu gründen. Ein sehr ernster Mensch. Die Schwester ist Mitbegründerin der unabhängigen jüdischen Arbeiterpartei in Odessa. * Die Araber nennen den Eukalyptusbaum J ud e n b a u m. * Als Baron Edmund Rothschild vor etwa zwölf Jahren die Klagemauer besuchte, entschloß er sich, da dort alles auf ihn einen unsagbar elenden Eindruck machte, den Platz ringsum anzu. kaufen und das Ganze zu adaptieren. In der Umgebung der Klagemauer wohnen die Mogrebiner, Muselmanen aus Marokko ud Algerien. Es wäre auf Umwegen möglich gewesen, die ganze Transaktion durchzuführen und die Mogrebiner in einem anderen Stadtteil oder außerhalb Jerusalems anzusiedelri. Der Baron erklärte sich bereit,.eine Million Francs für diesen Zweck zu widmen und betraute den damaligen Direktor der Allianzschule mit der Durchführung der Angelegenheit. Er selbst reiste mit seiner Frau nach Damaskus. Dorthin wurde ihm ein Kollektivtelegramm der Rabbiner nachgesendet, welche ihm vor Augen führten, daß es nicht dafürstehe, für diesen Zweck eine solche Summe auszugeben; es wäre besser, das Geld für Zedokoh zu verwenden. Als der Baron dann zurückkehrte, und sich bei den türkischen Behörden Schwierigkeiten zeigten, ließ er das Projekt fallen. Ein Erfolg der Herren Rabbiner! Freilich hatten sic das Nachsehen! Beispiellose Tatkraft und einzigartiger Unternehmungsgeist halben auf dem Wiener 'Platze eine Leistung vollbracht, welche wohl als einzig dastehend -bezeichnet werden kann. Diesen beiden Eigenschaften ist zuzuschreiben, daß sich aus kleinen, unscheinbaren Anfängen ein Unternahmen entwickelt hat, welches heute in seiner Branche führend dlasteht. Das Warenhaus Brüder Schiffmann, II., Taborstraße 48, noch vor wenigen Jahren eine kleine Modewarenhandlung, kann heute mit Fug und Recht als das maßgebende Warenhaus Wiens angesehen werden. Dieser Aufschwung, welcher an amerikanische Vorbilder erinnert, ist vor allem der eisernen Energie und der großzügigen kaufmännischen Begabung des Herrn Max Schdffmainn zu danken, welcher auch jetzt, täglich und stündlich auf wohlfundiertes Wiaclhstum seines Unternehmens bedacht, seine unermüdliche Tätigkeit entfaltet,, die nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern auch für das gesamte österreichische Geschäft sieben, vorbildlich ist. So ist denn das Warenhaus Brüder Schiffmiann im wahren Sinne des Wortes eine Zierde echten österreichischen Geschäftsgeistes. Die Tafeln vom Sinai Ein Jahr vor dem Kriege wurden im Gebiete des Sinai, des iBerges der jüdischen Offenbarung, einige mit Inschriften bedeckte Steintafeln gefunden, deren Bergung und Entzifferung durch den Weltkrieg verhindert wurde. Auf Grund von Abklatschen, die nach Europa kamen, ging der Archäologe Professor (Hubert Grimme in München an die Entzifferung der Inschriften und überraschte im Jahre 1925 die wissenschaftliche Welt durch die Mitteilung, er habe die Inschriften als altsemitische tfeststellen können; eine von ihnen (es handelt sich in der Hauptsache um Weih- und Grabinschriften) brachte Prof. Grimmes Lesung in 'Beziehung -u Moses. Die Deutung ist freilich etwas kühn, da auf der betreffenden Votivtafel vielleicht der Name Manasseh zu lesen ist und Grimme eine oder zwei Bibelsteillen, wo Moses auch Manasseih genannt wird, heranzog, um die Weihinschrift auf Moses zu beziehen. Um diese Tafeln setzte ein heftiger wissenschaftlicher Streit ein, da die Deutungen Grimmes vielfachem Widerspruch begegneten. Vor kurzem wurden nun durch eine amerikanische Expedition die Steintafeln geborgen und ins Museum nach Kairo gebracht. Dazu kamen noch drei neue In¬ MILLINGERS Wiener Heilteemischungen bei Zuckerkrankheit, Gallen-, Nieren-, Biasenstelnen und Magenleiden sind vorzüglich. Preis per Paket S 6*50. Postversand. Wien, XVII, Lackwergasse Nr. 37/3schriftsteine, welche die Expedition gefunden hatte. Es soll nun iim Jahre 1929 eine neue Expedition der Universität Boston ins Gebiet des b'inai entsendet werden, da man auf weitere Funde hofft. Auch eine deutsche Expedition ist geplant. Das Interesse an diesen Inschriften ist deshalb so stark, weil es sich, wenn die Deutung der Inschriften sichergestellt ist, um bedeutsame 'älteste Kulturdokumente handelt, die mit biblischen Geschehnissen in Beziehung stehen. Die Sinai-Inschriften haben außer der wissenschaftlichen Bewegung, die sie hervorriefen, auch eine andere Wirkung geübt. 'Die Fälscher von G 1 o >z e 1 in Frankreich (die heute bereits als Fälscher ifestgestellt sind, dia eine genaue Untersuchung der Funde von Glozel ergab, daß sämtliche Ritzungen und Kerbungen mit modernen Staihlwerkzeugen ausgeführt sind) (haben in dem (Bazar von archäologischen ,.Funden", den sie herrichteten, offenbar, um „das europäische Primat in der Kulturentwicklung" i(wie sich ein französisches Blatt mehr überschwenglich .als schön ausdrückte) zu beweisen, auch zwei Steine zurechtgemacht, auf denen sich Zeichen der Sinai-llnschriften befinden. iMan horcht eben auch als Fälscher auf den dernier cri der Wissenschaft! Arbeiterzählung in Tel-Aviv und Jerusalem Das statistische Büro der palästinensischen Arbeiterorganisation hat am 19. Jänner eine Z äh 1 u n g der in Tel-Aviv beschäftigten Arbeiter und Angestellten durchgeführt, um die im letzten Krisenhalbjahr eingetretenen Aenderungen festzustellen. Bezüglich Industrie, Handwerk und Transportwesen hat die Zählung ergeben*. In 81 privaten Industrieunternehmungen wurden 1465 beschäftigte Lohnarbeiter gezählt, gegen nur 1077 im Mai 1927, davon in 9 der Metallbranche 250 (Mai 255), in 7 der Lederbranche 90 (48), in 10 der Nahrungsmittelbranche außer Bäckereien 327 (241), in 15 Druckereien 120 (86), in 4 mechanischen Tischlereien 84 (71), in 5 der Baumaterialienbranche 23 (0), in 12 der Textilbranche 277 (22t) und in 14 verschiedenen anderen Unternehmungen 94 (67). Außerdem waren in 23 industriellen Arbeitergenossenschaften 213 Arbeiter beschäftigt und in 13 kooperativen Transportarbeiter- Kwuzoth 282 und 30 einzelne Fuhrleute. Auch beim Handwerk sind nur die Lohnarbeiter und nicht die Eigentümer, die selbst mitarbeiten, gezählt worden, außer den allein arbeitenden Handwerkern, die keine Lohnarbeiter beschäftigen und Mitglieder der Histadruth sind. Es wurden 234 Handwerksbetriebe mit 460 Lohnarbeitern gezählt, gegen 234 im Mai, wo jedoch die Zählung keine vollständige war. Davon waren 18 Bäckereien mit 40 Arbeitern, 44 Tischlereien mit 76, 33 Schusterwerkstätten mit 66, 55 Schneiderwerkstätten mit 107 und 16 Friseurläden mit 24 Arbeitern usw. Insgesamt waren in Industrie, Handwerk und Transport im Jänner 1928 in Tel-Aviv 2441 Lohnarbeiter als ständige Arbeiter beschäftigt. Am 20. Jänner fand auch in Jerusalem eine Zählung iba JedeTaschenuhr-Repara* | 9v Cur OltlHI Bruch bei 1-jähriger 1 Garantie | Mit Wien, IX., Liechtensteinstraße 30 | M “ Wien, IX., Berggasse 3/4a | 1 Uhren- und Antiquitäten-Klinik, Optische Werk- | | Stätte. Reklameatelier. \ § Alle einschlägigen Reparaturen und Neuanschaffungen § | zu konkurrenzlosen Preisen. \ statt, jedoch keine allgemeine, sondern nur in den industriellen Unternehmungen, den Handwerksbetrieben und den bei öffentlichen Arbeiten und in der Bautätigkeit Beschäftigten. Bei beiden letzteren Gruppen wurden auch die arabischen Arbeiter mitgezählt, ebenso auch einzelne arabische Arbeiter bei jüdischen Handwerkern. In Industrie und Handwerk waren 1258 Lohnarbeiter tätig, darunter 120 Arbeiterinnen, 259 jugendliche Arbeiter, 47 jugendliche Arbeiterinnen und 5 arabische Arbeiter. Insgesamt wurden registriert bei Industrie, Handwerk, Bau- und öffentlichen Arbeiten 2353 jüdische Lohnarbeiter und 746 arabische Arbeiter. Insgesamt wurden in Tel-Aviv 5605 beschäftigte Lohnarbeiter registriert, gegen 5107 im Mai 1927, von denen 3234 Männer und 1254 Frauen über 18 Jahren und 344 Männer und 359 Frauen unter 18 Jahren waren. Bei 414 Registrierten ist das Alter nicht angegeben. Neue Industrie-Unternehmungen in Palästina Unweit von Tel-Aviv wird auf einer Fläche von 25 Dunara neben Mikweh-Israel eine große Gerberei errichtet. — Vor wenigen Tagen hat in Tel-Aviv eine neue Parf ümeriewarenfabrik unter der Firma „Bösem", begründet von der Vereinigung „Lemaan Tozereth Haarez", ihren Betrieb aufgenommen. — Die Stadtverwaltung von Tiberias hat mit der Ruthenberg-Gesellschaft einen Vertrag auf Lieferung von 40.000 Kilowatt elektrischen Kraftstrom abgeschlossen. — Zwei jüdische Unternehmer aus Polen haben die Konzession für die Errichtung einer Spiritusfabrik im Libanon erhalten. Miszellen Schalom Schwarzbart darf nicht nach Palästina. Die Palästina-Regierung hat das Ansuchen Schalom Schwarzbarts, ihm ein Visum für die Einreise nach Palästina zu geben, nach vorausgegangener Verständigung mit dem Kolonialamt in London abschlägig beschieden. Dieser Bescheid trifft Schwarzbart, der in Palästina seßhaft werden wollte, schwer, da er in Erwartung der Einreiseerlaubnis bereits nach Syrien gereist war, um von dort nach Palästina ZU1 kommen. In Syrien genießt Schwarzbart als französischer Bürger volle Bewegungsfreiheit. * Die palästinensische Industriebank. Laut „Haarez“ hat die Amerikadelegation der palästinensischen I nid'U s t r i e 11 e n ihre Tätigkeit (beendet. Ein, 'Mitglied dler Delegation, Rabino witsch .aus Haifa,, .ist aim 1. (März nach Palästina zurückgekehrt, während das andere Mitglied, W e id e n f e 1 d, nach Abschluß der wichtigsten Arbeiten noch in Amerika zurückgeblieben ist, .um weitere minder wichtige Fragen zu erledigen. Die Delegation hat ihre Arbeiten mit Erfolg diurchgeüü'hrt. Das für die Eröffnung einer Industriebank nötige Geld soll bereits in barem vorhanden sein, und zwar 250.000' Dolliar, welche (die hierfür in. New York gegründete Gesellschaft zur Verfügung stellt, mit dem Ziele, insgesamt für die llndustrieibank eine MiiIlion 'Dollar zu schaffen. 'Einen Teil des Geldes halben auch die palästinensischen Industriellen allein aufzubringen. * Die Palästina-Regierung gegen die „Hadassah“. Die „Hadassah" sollte von der Stadtverwaltung Tiberias ein Grundstück zur Errichtung eines Sanatoriums zur Verfügung gestellt erhalten; die Regierung hat aber dem Beschlüsse der Stadtverwaltung ihre Genehmigung mit der Begründung versagt, daß Sanatorien nur einem Teil der Stadtverwaltung zugute kommen. — „Haarez" kritisiert die Haltung der Regierung und bezeichnet sie als unverständlich und kleinlich. Die Regierung weiß, daß die „Hadassah’* in Ramleh, Beth Schan und Ludd Aerzte unterhalte, die ausschließlich nichtjüdische Kranke behandeln, daß die jüdischen Säuglingsstationen zwischen Juden und Arabern keinen Unterschied machen. * Die Reise des italienischen Kronprinzen nach Palästina wird in der arabischen Presse lebhaft kommentiert. Die in Damaskus erscheinende Zeitung „Alif bia" schreibt: „Es wäre sonst wohl nicht verwunderlich, daß der junge italienische Prinz, einer alten Tradition gemäß, zu Ostern ins heilige Land kommt. Es klingt aber etwas merkwürdig, wenn die italienische Presse mit besonderem Nachdruck betont, daß dieser Besuch nicht allein den heiligen Stätten, sondern auch den politischen und wirtschaftlichen Orientinteressen gilt. Welche tatsächliche Bedeutung dieser sonderbaren Formulierung zukommt, erscheint uns nicht völlig klar." * Der italienische Generalkonsul in Palästina, der bekannte Schriftsteller und1 frühere Deputierte 'P e d r a z z i, verläßt Palästina und geht .als Generalkonsul nach Tunis. Er wird nur noch bis zum Besuch .des italienischen Kronprinzen in Palästina im Lande verbleiben, der in den nächsten Tagen erwartet wird, « Im Jänner 1928 sind in Palästina 259 Personen, unter ihnen 176 Juden eingewandert. In dem gleichen Monat wan« derten 217 Personen, unter ihnen 185 Juden, aus. (Im Dezember 1927 zählte man 253 Einwanderer, unter ihnen 170 Juden).

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