Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-03-15 · Heft 11 (15.3.1928) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 11 (15.3.1928)
Date
1928-03-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053764--0180-3055442
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8 DIE STIMME Nr. 11 Ist das Wort „Jude“ eine Beleidigung? Int November des vorigen Jahres fand im Hause Habichergasse 16, dessen Inhaber der Knopffabrikant Ire Schiffmann ist, eine Mieterversammlung statt, an der fast sämtliche Mietparteien des Hauses teilnahnien. In dieser Mieterversammlung machten einige Vertrauensmänner den Vorschlag, eine Reihe von notwendigen Reparaturen im Hause vornehmen zu lassen und die Kosten auf die Mieter, deren Zahl sich auf etwa 30 beläuft, aufzuteilen. Eine Mieterin, Frau Hermine Brandt, war mit diesem Vorschlag nicht einverstanden und soll ihrem Unmut darüber mit folgenden Worten Ausdruck gegeben haben: ,,Ich zahle keinen Groschen; wir werden doch dem Saujuden nicht die Bude aufrichten.“ Diese Aeußerung veranlaßte den Hausbesitzer, gegen Frau Brandt die Ehrenbeleidigungsklage einzubringen. Vor dem Oberlandesgerichtsrat Dr. Nehoda im Bezirksgericht Fiinfhaus erklärte Frau Brandl, sie habe bloß den Ausdruck „Jude" und nicht „Saujude" gebraucht und überdies ihn in ruhigem, durchaus nicht beleidigendem Tone vorgebracht. Der Richter vernahm eine Reihe von Zeugen, von denen ■ zwei den Ausdruck „Saujud" bestätigten, während die übrigen im Sinne der Geklagten aussagten. Der Richter verurteilte die Angeklagte zu einer Geldstrafe von 30 Schilling mit der Begründung, daß das Wort Jude im Zusammenhang, in dem es von der Klägerin gebraucht wurde, eine Ehrenbeleidigung darstelle, abgesehen davon, daß auch der unter allen Umständen beleidigende Ausdruck „Saujud" ebenfalls bestätigt worden sei. Wir sind, erklärte der Richter in seiner Begründung, in Oesterreich noch nicht so weit, daß man jüdische Mitbürger ungestraft mit dem in herabsetzendem Sinne gebrauchten Worte „Jud" belegen könnte. — Es ist das traurige Verdienst der antisemitischen Hetzer, daß das Wort „Jude", ein Name, auf den jeder Angehörige des uralten Judenvolkes mit Recht stolz sein darf, durch schnarrenden Ton und durch Weglassung des Suffix-e in herabsetzendem Sinne gebraucht werden kann. Nur durch die Identifizierung mit jenen Vorstellungen, die das antisemitische Hirn damit verbindet, kann das Wort „Jud" als Beleidigung empfunden werden. Aehnlich wurde ja im Kriege das Wort „Deutscher" mit „Boche“ identifiziert und erhielt dadurch eine herabsetzende Bedeutung. Die herrlichsten Frühjahrs- Modelle aus edlem Material, feinst ausgeführt, in noch nie dagewesener Auswahl. Bekannt seriöse niedere Preise Sch uh m öden haus 9cfh II, Tdborstrdße 8 d Nochmals: Briand, Brandeisz und Hirsch In Nummer 8 unseres Blattes berichteten wir von den gemeinen Ausfällen und Verleumdungen, die sich der „Frontkämpfer" gegen zwei Schwerinvalide nur aus dem Grunde geleistet hat, weil sie Brandeisz und Hirsch heißen und Juden sind. Der Hinterländler im „Frontkämpfer" konnte es nämlich nicht verschmerzen, daß der französische Ministerpräsident Briand eine Abordnung der internationalen Vereinigung der kriegsbeschädigten und ehemaligen Frontkämpfer empfing, unter denen sich die Genannten als österreichische Delegierte befanden, und er nahm dies zum Anlaß, Brandeisz und Hirsch in der ungebührlichsten Weise anzurempeln. Einer der Angegriffenen, Herr Brandeisz, hat nun auf diese unsägliche Gemeinheit in der März-Nummer der Zeitung „Der Invalide" geantwortet, und zwar in Form eines offenen Briefes an den verantwortlichen Redakteur des Frontkämpferblattes. „Redakteur Anton Seifert, Sie sind ein Schuft!" apostrophiert er ohne Umschweife den Verantwortlichen und fügt dann hinzu: „Daß Sie aus eigener Wahrnehmung nicht wissen können, daß mein Freund Hirsch und ich Invalide sind, überhaupt wie wirkliche Invalide aussehen, finde ich begreiflich, waren Sie doch im Kriege sicherlich dort, wo die Dekorationen verteilt, und wir dort, wo der Tod wütete und Verwundungen erworben wurden. Gehörten Sie doch sicherlich zu jenen, die im Verordnungsblatt in dem Teil, wo die Ernennungen und Dekorationen publiziert wurden, standen, und w i r zu diesen, deren Namen in der Verlustliste als Verwundete ausgewiesen wurden. Manche meiner Freunde, die wahren Frontkämpfer, die nicht stolz darauf sind, an der Front gewesen zu sein, sondern darauf stolz sind, daß nach dem Zusammenbruch der Front die Republik entstand, sind der Meinung, daß auf die unerhörten Verunglimpfungen mit der Hundspeitsche geantwortet werden soll. Ich liebe Hunde so sehr, daß ich einen Gegenstand, dessen Bezeichnung mit einem Hunde ein zusammengesetztes Wort bildet, nicht an Ihnen beschmutzen will," — Ob der verantwortliche Redakteur des Frontkämpferblattes wegen Ehrenbeleidigung klagen wird, ist recht zweifelhaft. Verleumder pflegen in solchen Fällen den Hieb einzustecken und sich im übrigen feige zu verkriechen. Die Pilger zum Kossuth-Denkmal Heute, am 15. März, wird in New York das Kossuth- Denkmal feierlich enthüllt. Das Denkmalkomitee, das überwiegend aus amerikanischen Ungarn besteht, dem aber auch viele angelsächsische Amerikaner angehören, hat zu der Enthüllungsfeier das offizielle Ungarn eingeladen und dieser Einladung ist vom offiziellen Ungarn in wirklich großzügiger Weise Folge geleistet worden. Die ungarische Regierung hat die amerikanische Pilgerfahrt organisiert und es ist ihr gelungen, eine Abordnung zusammenzustellen, die, der Zahl nach, von imponierender Größe ist. Eine bunt zusammengesetzte, aus nicht weniger als vierhundert Köpfen bestehende Pilgerschar ist in New York eingetroffen, um bei der Enthüllung des Kossuth-Denkmals auf freiheitlichem Boden Amerikas dem großen ungarischen Freiheitskämpfer zu huldigen. Sicher ist es etwas Schönes, das Andenken eines Freiheitshelden zu feiern, aber es will uns denn doch scheinen, daß der Horthy-Regierung zu solcher Huldigungsfeier die moralische Berechtigung fehlt. Kossuth Lajos, der große Sohn des ungarischen Volkes, ist von den Horthy-Magyaren viel weiter entfernt als Budapest von New York; es ist nicht einer der ihren, den sie da feiern. Schon die Liste der vierhundertköpfigen Abordnung macht es offenbar, welche Kluft zwischen den einstigen Kossuthianern und den heutigen Horthyanern vorhanden ist. Als Führer der Abordnung fungiert Baron Siegmund P e r e n y i, der auch den Nationalverband führt, denselben Nationalverband, in dessen Räumen die gefälschten Franken aufbewahrt worden sind. In der Liste der Kossuth-Pilger findet man auch einen gewissen Istvan H e j j a s, sicherlich ein Mitglied der Hejjas-Familie, deren Name in den Tagen des weißen Schrekkens zur traurigsten Berühmtheit gelangt ist. Auch diese amerikanische Pilgerfahrt zeigt uns, wie int Spiegel, das erschrekkende Doppelgesicht des Horthy-Regimes: In Amerika feiern sie den Kossuth, indes sie in seinem Heimatlande die Grundsätze des großen Freiheitskämpfers und Demokraten mit Füßen treten. Wenn ein Hakenkreuzler nicht germanisch aussieht Was geschieht, wenn ein Hakenkreuzler nicht germanisch aussieht? Dann wird ein alter Pfarrer blutig geschlagen. Dieser Vorfall ereignete sich tatsächlich vor kurzem in Berlin. Da hatten die Hakenkreuzler eine ihrer Versammlungen abgehalten, wobei es in vorgeschriebener Weise an wüstem Geschimpfe auf die Juden nicht fehlte. Der Berichterstatter Dr. Göbbels zog in der wildesten Weise gegen die Juden los, SIEflM. KORKHEHL, «roflfleisehhauerei Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, Abteilungen für -y^-Fieisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien IX, Berggasse 15 XVIII, WShrlngerstrafie 97 insbesondere gegen einige Schriftleiter, die er als Juden bezeichnete, weil sie da» Auftreten Göbbels lächerlich fanden, und meinte unter anderem, man müßte seinen Gegnern eine „entsprechende Kopfmassage“ zuteil werden lassen. Die anwesenden Hakenkreuzler bekräftigten diese Aeußerung durch Zurufe und Schimpfereien auf die Juden; ein Hakenkreuzler, namens Schultz, tat sich dabei besonders hervor. Zu diesem machte mm der alte Pfarrer Stucke, der ganz zufällig in die Versammlung gekommen war, die Bemerkung, er, Schultze, hätte doch gar keinen Grund, sich dermaßen aufzuregen, er sähe ja auch nicht gerade besonders germanisch aus. Daraufhin stürzten sich Schultze und mehrere Hakenkreuzler auf den alten Mann und richteten ihn so fürchterlich zu, daß er in das Krankenhaus gebracht werden mußte. Diese Hakenkreuzversammlung hatte nun vergangene Woche ihr gerichtliches Nachspiel, Dr. Göbbels wurde wegen öffentlicher Aufforderung zur Begehung strafbarer Handlungen zu sechs Wochen Gefängnis und Schultze wegen gemeinschaftlich begangener Körperverletzung zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. In Palästina zur Uganda-Zeit Aufzeichnungen von Rudolf Nassau. Rudolf Nassau, dessen Persönlichkeit wir tanläßlich der 20. Wiederkehr seiines Todestages an anderer Stelle gedenkend würdigen, hat im März 1904 eine Palästima- Reise gemacht. Seine Eindrücke notierte er meist tin Schlagworten, vielfach aiber auch /ausführlich in einem Notizbuch, das uns sein Bruder, Rechtsanwalt Dr, Oskiar Nassau, in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt hat. Das Notizbuch enthält etwa 50 Seiten stenographischer Aufzeichnungen, die in ihrer klaren Sachlichkeit, verbunden mit tiefem Empfinden für Schöpfung der Natur und Menschen, weit besseres Material für ein Raisetagebuoh abgeben würden, als es so manche seither erschienenen Tagebücher von 'Paläs tina-vR eisenden geben. AUjles, was Nassau sagt, verzeichnete er /unter dem Gesichtswinkel schöpferischer Entwicklung, die Büros der Anglo-Palestine Company, die Wohnungen der Kisdhinewer Waisenkinder, die Kellereien von tRisahon le Zion, .die Arbeit der Kolonisten, die Uniformen der türkischen Soldaten usw. (Besonders interessant sind seine Aufzeichnungen über Begegnungen' mit Menschen; es war gerade zur Zeit, da .dlas englische Uganda-Angebot .die Gemüter stark erregte; die große Kontroverse zwischen Herzl und Ussischkin führte überall zu heftiger 'Parteinahme, Darüber verzeichnet Nassau sehr viel in seinen Notizen und die markantesten, welche auch die Menschen charakterisieren, von denen sie handeln, seien hier neben .anderen interessanten Bemerkungen wiedergegelben. Dr. Hillel Joffe meint bezüglich Charkow*) - daß Fehler von beiden Seiten geschehen seien. Er ist gegen Uganda und im Prinzip mit Ussischkin einverstanden, glaubt, daß Herzls Antwort untaktisch war. Die Verspottung des Palästinakongresses nach den warmen Begrüßungen sei unrichtig, weil ihr eine persönliche Fehde vorausgegangen war. Joffe war auch Teilnehmer der El-Arish-Expedition, * Die Araber erzählen untereinander, die Kellereien von Rischon le Zion ziehen sich unterirdisch bis zum Meere und die unterirdischen Gänge seien mit Diamanten gefüllt. Von da aus werden die Juden militärisch operieren, um Palästina zu erobern. * Ich wohne bei Eisenberg, dem Vorstand der Kolonie Rechoboth, er ist sehr gegen Ussischkin, der früher einer seiner besten Freunde war und dessen Gegner er nun ist. Die ganze Gemeinde ist mit, wenigen Ausnahmen gegen Ussischkin und verurteilt aufs schärfste dessen Haltung, die man sich nicht erklären kann. * Unter den Kolonisten gibt es keine Weintrinker. Die Kolonie M o z a ist eine Gründung der Jerusalemer Bnei Brith, die etwa 150 Dunam Land besaßen. Die Anregung zur Gründung der Kolonie kam durch eine Spende von Dr. Nathan Birnbaum im Jahre 1894, welcher 18 Napoleondors sandte. Die Kolonie hat jetzt gegen 1000 Dunam Boden. Sie liegt an der Straße von Jerusalem nach Jaffa, eine Stunde von Jerusalem entfernt. Noch kein Kolonist hat sein eigenes Haus, sondern sie wohnen in Häuschen, welche Arabern gehören, in Miete. * Begegnung mit Ben J e h u d a: Er hat auf der Jaffa-Straße ein eigenes Haus. Ein mittelgroßer Mann, schwächlich, mit rotem Spitzbart und schwarz behorntem Zwicker. An der rechten Hand fehlt ihm der Zeigefinger. Seine Frau ist aus Moskau, hat in sechs Jahren perfekt hebräisch gelernt. Vom Hebräischen spricht sie mit großer Begeisterung. Sie kauft bei keinem Händler und in keinem Geschäft, wo nicht Hebräisch gesprochen wird, hält die Wiedererweckung der hebräischen Sprache auch im Westen für möglich. Ben Jehuda selbst meint, den Juden fehle Land und Sprache und auf die Erlangung dieser beiden Merkmale müsse sich die Tätigkeit der Zionisten . konzentrieren. Die diplomatische Arbeit sei vertrauensvoll Herzl zu überlassen. Im Streit Herzl-Ussischkin steht Ben Jehuda ganz auf Herzls Seite, nur meint er, Herzl habe im zweiten Teile seines Antwortschreibens an Ussischkin einen großen Fehler begangen und untaktisch gehandelt. Der Teil seines. Schreibens, wo er von Ussischkins lärmender Tätigkeit spricht und von der baldigen Ausweisung, sehe nahezu einer Denunziation ähnlich. m Ben Jehuda erzählt mir, daß man in den Anfängen der zionistischen Bewegung in einer türkischen Zeitung den Namen Herzls mit Palästina garnicht in Verbindung bringen durfte. Jetzt kann man darüber ohne weiteres schreiben. Ben Jehuda selbst schreibt in seinem Blatt über Dinge, die sonst in der Türkei nicht gesagt werden dürfen. Aber die Zensur funktioniert nicht, da für die Erhaltung einer Zensorstelle kein Geld vorhanden ist. Ben Jehudas Blatt hat 600 Abonnenten. Während des russischjapanischen Krieges hat es in Jerusalem allein bisher 100 Abnehmer mehr bekommen. Es erscheint wöchentlich. Die Leser verfangen hauptsächlich Nachrichten aus der ganzen Welt. Das Budget des *) Die Ghiarkower Konferenz, welche von Ussischkin gegen das Uganda-Projekt eimberufen wurde. Der Ausschuß der jüdischen Volksbibliothek „Zion“ drückt hiemit ihrem Präsidenten Herrn Dr. David Rothblum anläßlich des Ablebens seiner Mutter das tiefste Beileid aus. mmmBssmmmBOBsmBBKmmmmmmmmmmmmmmmmm Kolonistentochter aus Rechowoth.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.