Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-03-15 · Heft 11 (15.3.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 11 (15.3.1928)
Date
1928-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053764--0175-3055437
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 11 DIE STIMME Seite 3 wollender Seite an die Vorgänge in Arabien und Aegypten knüpfen, sind also graue Theorie; sie sind bedeutungslos für die wirkliche praktische Arbeit, durch die allein Tatsachen geschaffen werden können. Schaffen wir nur wirklich zielbewußt und methodisch das Werk des Palästinaaufbaues! Diese Tatsache wird sich schon entsprechend in die hohe Politik einfügen lassen, die ja letzten Endes eben nur durch Tatsachen bestimmt wird! Spectator, Palästina und der nahe Osten Von A. Barisac (Paris), Die Verhandlungen mit den einzelnen Regierungen zur Gewinnung ihrer Sympathien und Unterstützung des großen Werkes: der Gründung eines nationalen Heims für das jüdische Volk in Palästina, waren ursprünglich die einzige Sorge der zionistischen Politik. Jetzt hingegen heißt es vor allem, die Kräfte des jüdischen Volkes zu organisieren, ökonomische, kulturelle und politische Positionen zu besetzen und zu schützen und das nationale Heim der Juden mit den Nachbarländern in Kontakt zu bringen. Damit sei nicht etwa behauptet, daß jede politische Tätigkeit von nun an überflüssig geworden ist. Ganz im Gegenteil: es zeichnet sich jetzt die wahre Richtlinie der Politik ab, die — übrigens aus einleuchtenden Gründen — bis nun im Hintergrund geblieben ist. Es handelt sich ietzt darum, die Interessen des jüdischen Nationalheims gegen seine nahe Umgebung abzugrenzen und sie in solche Richtungen zu leiten, daß sie dem Fortschritt der jüdisch-palästinensischen Gemeinschaft dienen. Selbstverständlich sind unter den nächsten Nachbarn der jüdischen Kolonie in erster Linie die palästinensischen Araber zu verstehen. Und doch hat man in den die zionistische Bewegung leitenden Kreisen erst in den letzten dem Weltkrieg vorangegangenen Jahren begonnen, von einer „arabischen Frage" zu sprechen. Es ist bezeichnend, daß z. B. in den drei Bände umfassenden „Tagebüchern" Herzls der Araber mit keinem Wort als eines wichtigen Faktors in der Frage Erwähnung getan wird. In Palästina selbst aber hat man es vor langem schon unternommen, eine Annäherung an arabische Persönlichkeiten herbeizuführen. In Konstantinopel hat die frühere zionistische Delegation — unter den von den damaligen Verhältnissen bedingten Vorsichtsmaßnahmen — versucht, mit einigen arabischen Mitgliedern der türkischen Kammer und des Senats sowie mit arabischen Journalisten in Kontakt zu treten. Es kam auch zu Zusammenkünften und Besprechungen der zionistischen Führer mit arabischen Politikern in Syrien. Nie jedoch ist es zu dem Versuch gekommen, die endgültige Lösung des Problems in einer großangelegten politischen Aktion zu suchen. Erst nach der Deklaration Lord Balfours begann die Leitung der zionistischen Bewegung der Frage unserer Beziehungen zu den Arabern erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Eines ihrer größten Verdienste wird es sein, erkannt und klar ausgedrückt zu haben, daß diese „arabische Frage", mit der das jüdische Nationalheim es in Palästina zu tun hat, leicht dem Uneingeweihten einen Zusammenhang mit Wilhelm Teil vermuten lassen könnte. Recht zahlreich sind diesmal führende jüdische Persönlichkeiten, jüdische Gelehrte und Forscher, jüdische Künstler, Schriftsteller und Dichter, insbesondere aus jüngster Zeit, im „Meyer” vertreten. Es würde zu weit führen, sie alle hier aufzuzählen; nur einige wenige sollen beispielshalber erwähnt werden. Wir finden im neuen Meyer: Schalom Jakob Abramowitsch (Mendele Mocher Sforim, „war für Volksbildung unter den russischen Juden durch Uebersetzung deutscher Werke ins Hebräische tätig und schrieb dann im Jargon Romane und Novellen"), Simon Bernfeld, M. Joseph Berdyczewski (Deckname irrtümlich i b n Gorion angegeben, Berdyczewski schrieb sich bin Gorion), Chajim Nachman B i a 1 i k („nationaljüdischer und neuhebräischer Lyriker und Schriftsteller von Weltruf"), Nathan Birnbaum („judaistischer? Schriftsteller, suchte den Zionismus wissenschaftlich zu begründen"); neben Martin Buber („hat aufklärend und auf die Entwicklung des modernen Judentums befruchtend gewirkt"), wird auch sein Großvater, Salomon Buber („Bearbeiter kritischer Ausgaben der älteren Midraschim") erwähnt; ferner Semion Grigorjewitsch F r u g („russisch-jüdischer Dichter, schrieb zahlreiche Gedichte in russischer und jiddischer Sprache, in denen er die Leiden des jüdischen Volkes und seine große Vergangenheit besingt, auch Erzählungen und zionistische Schriften") und Uscher G i n z b e r g (Achad Haam, „Schöpfer des geistigen Zionismus, wirkte seit 1889 für die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes mit Palästina ais geistigem Mittelpunkt"). — Im allgemeinen ist der neue Meyer ein Nachschlagewerk, in dem man lange suchen muß, um etwas darin nicht zu finden. Aber „unfehlbar" ist auch der neue Meyer nicht, hier und da läßt sich auch schon irgendein Fehlbeitrag feststellen, so z. B. M o s e s Heß; der „Kommunistenrabbi" hätte im neuen Meyer nicht fehlen dürfen. ganz und gar kein lokales Problem ist, sondern sich in den allgemeinen Rahmen der großen arabischen Frage einfügt; woraus — nach einem treffenden Ausspruch Dr. Weizmanns — folgt, daß wir uns vor einem Dreieck befinden, dessen Winkel von den Städten Damaskus, Kairo und Bagdad bezeichnet sind. Mit dieser Feststellung aber darf sich nicht begnügen, wer die politische Seite des zionistischen Problems kennen lernen will. Wir denken dabei nicht etwa an die famosen „panasiatischen" Doktrinen, die in ihrer Verallgemeinerung und ihren* *. Mangel an Gründlichkeit nicht einmal einen Studenten der Staatswissenschaften irrezuführen vermögen, der die unmittelbare Zukunft zu erforschen wünscht. Wir denken bloß daran, daß es nötig ist, die Palästina-Frage im Zusammenhang mit dem Problemen der politischen Entwicklung der angrenzenden Länder des nahen Ostens zu studieren, mit denen das alte Vaterland der Juden zu allen Zeitei* schon durch seine geographische Lage und durch wirtschaftspolitische Beziehungen in enger Berührung gestanden hat. Nur so wird man dahin gelangen, sich eine klare Vorstellung von der künftigen Entwicklung Palästinas zu machen. Denn Palästina ist nicht eine von den andern Ländern abgeschiedene und unabhängige Insel. Weniger als irgendein anderes Land der Erde, könnte man sich Palästina isoliert und auf allen Einfluß fremder Ländern sowie auf alle Beziehungen zum Ausland verzichtend denken. Palästina ist zu allen Zeiten ein Durchzugsland gewesen, eine Brücke der Verbindung oder auch der Trennung, je nach seinen politischen Beziehungen oder dem Verteidigungszustand, worin es sich befand, der Verbindung oder Scheidung zweier Weltteile. Palästina ist der integrierende Bestandteil eines geographischen Komplexes, und es ist unmöglich, über seine Entwicklung nachzudenken, ohne der Zukunft seiner Nachbarn zu gedenken. Diese eigenartige geographische Lage wird bestimmend sein für die Zukunft Palästinas, ebenso wie sie vor Zeiten schon seine Vergangenheit beeinflußt hat. So wie die ersten großen jüdischen Denker und politischen Schriftsteller, die Propheten, stets auf die politische Lage der Nachbarländer angewiesen KARTONNAGENFABRIK 3 < < GELBAND & Co, WIEN IX. GrundlStr. 5 Telephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit* E ► ► ALLEN ARTEN KARTONS waren, wollten sie die politischen Notwendigkeiten ihres eigenen Landes feststellen, ebenso obliegt es auch uns, den ganzen Komplex zu betrachten, um diese Fragen zu studieren. * Bereits in der alten Türkei waren die arabischen Provinzen von den übrigen Teilen des ottomanischen Reiches vollkommen abgesondert. Nur der Macht der türkischen Verwaltung und Armee ist es gelungen, sie im Rahmen des türkischen Staates festzuhalten. Die arabische Bevölkerung blieb in ihrer Masse beisammen, lebte ihr eigenes Leben, bewahrte ihre Sitten, ihre Kultur, ihre geschichtlichen Ueberlieferungen und ihre Zukunftsträume. Neben den panislamitischen Zielen, die die alte Türkei verfolgte, die der türkische Imperialismus unterstützte und unterhielt, machten sich unter den Arabern mächtige panarabische Strömungen geltend. Schon in den ersten Tagen des jungtürkischen Regimes erschienen die „Kefic" (eine Art besonderer Haartracht bei der arabischen Bevölkerung) in der türkischen Kammer und wurden dort als das Symbol einer unaufhörlichen Drohung betrachtet. Die arabische Welt mit ihrer nach Millionen zählenden Bevölkerung breitet sich von Nordsyrien bis nach Mesopotamien, von Arabien bis nach Palästina aus, sie schließt Aegypten, Tunesien, Algerien, Marokko und Tripolitanien ein, sie reicht einerseits bis an die Küste des Indischen Ozeans, andererseits entlang des Südrandes des Mittelländischen Meeres bis an den Atlantik. Alle Anstrengungen des jungtürkischen Imperialismus, diese ihm nach Rasse, Sprache und Kultur Nur wir können die als vorzüglich besfbekannfen STRUM-MAZZOTH billig abgebeit, da wir für die Mazzoih-Bäckerei eigene paieniierte Maschinen verwenden, die Arbeilskräfte und Zeit sparen! Slrum-Mazzoth entsprechen allen Anforderungen in hygien. und ritueller Hinsicht Verlangen Sie überall nur die Qualitätsmarke „Strum“ . Mazzoth-Bäckerei H. STRUM Wien II, Rote Sterngasse 11 fremde Welt an seine Seite zu ziehen, sich ihrer zu seinen Zwecken zu bedienen, sind gescheitert. Ein eklatanter Beweis dafür war der Fehlschlag aller Versuche, die arabischen Völker während des Weltkrieges an die Seite der Türkei zu ziehen und sie zum Heiligen Kriege gegen die Alliierten zu mobilisieren. Der türkische Imperialismus findet seinen unversöhnlichen Gegner in dem auf die panarabische Bewegung eingestellten arabischen Imperialismus und nur eine Zusammenfassung der politischen und wirtschaftlichen Kräfte dieses geographischen Komplexes bietet ernsthafte Garantien für die friedliche und gedeihliche Entwicklung der beiden integrierenden Bestandteile des „Near East". Jede Einigung, die einen Fortschritt bringen soll, müßte auf die Schaffung einer Entente abzielen, sei es zwischen den Türken und den Arabern oder zwischen den verschiedenen, die große arabische Welt bildenden Stämmen. Der Zusammenhang der arabischen Nation, die Einheitlichkeit der arabischen Bevölkerung, die sich von Aleppo bis nach Jemen und Tanger ausbreitet, ist „magno cum grano salis" zu betrachten» Ebenso wie die einen sich von den andern unterscheiden, die Syrer arabischer Zunge von jenen mit starkem hethitischen Einschlag, die Aegypter mit ihrer koptischen Abstammung, die Marokkaner, sowohl die arabischen wie die Berber, die Beduinen Arabiens, ebenso unterscheiden sich die verschiedenen arabischen Stämme von einander in ihrem Kulturniveau, in ihrer wirtschaftlichen Struktur und ihren politischen Aspirationen. Diesen kategorischen Tatsachen muß jede panarabische Bewegung Rechnung tragen und an dieser Verschiedenheit müßte jede zentralistische Politik der arabischen Imperialisten scheitern. Die arabischen Völkerschaften werden zu politischer Einheit nur durch einen auf föderalistischen Prinzipien aufgebauten Zustand gelangen, wobei sie nebeneinander bestehen können und jede weitgehende Autonomie genießt. Weder Mekka, noch Damaskus, noch Beyruth, noch Kairo kann darin als Hauptstadt figurieren. Natürlich sind die neuen Formen der politischen Organisation des nahen Ostens noch im Werden begriffen. Vieles bleibt noch zu ordnen, und einige Zeit wird verstreichen, ehe man dahin gelangt sein wird, normale Beziehungen zwischen gewissen Teilen Arabiens, Mesopotamiens, Syriens und Transjordaniens herzustellen. Eines erscheint aber schon heute unzweifelhaft: Einzig und allein durch die Föderalisation mancher bereits einheitlich gewordener, in Vereinheitlichung begriffener Elemente, wird die Lösung der arabischen Frage erreicht werden können. Da nun eine Zentralisation sich als undurchführ- 5* ■ mi TJw) tf. Jerusalem. (Links: StraßenbiJd. _ Rechts: Zugang zur Omar-Moschee*)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.