Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1928)
- Date
- 1928-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 11 \AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAkAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA£ 3 Vereinigte Jüdische Weinbauerngenossenschaft 1 Richon-le-Zion & Zichron-Jacob (Propr. Baron Edmonde de Rothschild) Palästina empfiehlt ihre SORTEN WEINE in Fässern und Flaschen Repräsentanz und Alleinverkauf GUSTAV WILDER WIEN, IV. Bezirk, Blechturmgasse Nr. 12 — Telephon Nr. 53*5-92 Die Weine entsprechen den rituellen Vorschriften ^Y77TVVTT7TT7T7TT?77T77TTTTT7T7TTT7TTTTrTTTYYTTTT77TTTTT7T?TT77TT7T7V?TTT7T7TT7TV Phantasie und Wirklichkeit In Arabien, dem „Wetterwinkel“ des nahen Orients, ist über Nacht Krieg entbrannt. Der Wahabiten-Sultan Ibn Saud, König des Hedsehas, dessen Herrschaft er im Jahre 1925 dem Oberhaupt der Haschamiten-Dynastie, König Hussein, entrissen hatte, hat den heiligen Krieg gegen die Beherrscher der unter englischem Mandat stehenden Gebiete von Transjordanien und vom Irak, Husseins Söhne, Abdallah von Transjordanien und Feisal von Irak, ausgerufen und damit eigentlich die Waffen gegen England erhoben, das durch das Mandat verpflichtet ist, die Ordnung in den beiden Gebieten aufrechtzuerhalten. Dieser Kriegserklärung, welche offenbar ziemlich überraschend kam. war ein Grenzkonflikt mit arabischen Banden vorausgegangen, welche mit dem heute schon üblichen Abschreckungsmittel englischer Fliegerbomben in Schach gehalten wurden. Auf eine so weittragende Wirkung der wieder einmal zu rasch explodierten Bomben scheint man nicht gefaßt gewesen zu sein, ein Beweis mehr, wie gefährlich das Spiel mit Bomben ist. Die Absichten des Sultans Ibn Saud, gegen den England jetzt seine ganzen Grenztruppen aus den Mandatsgebieten mobilisiert, sind noch ziemlich dunkel. Ibn Saud, der Herrscher einer arabischmohammedanischen Sekte, der Wahabiten, welche die „Puritaner des Islam“ genannt v/erden, da sie die Vorschriften des Koran streng auslegen, hatte lange Zeit im Exil gelebt, da sein Reich unter die Botmäßigkeit des Sultans von Nedschd geraten war. Im Jahre 1912 entfesselte er einen Aufstand der Wahabiten, besiegte den Sultan von Nedschd und wurde auch Herrscher dieses Gebietes. Ibn Saud wollte seine Eroberungszüge auch auf andere Teile von Arabien ausdehnen (woran ihn die Türkei schwerlich hätte hindern können) — da brach der Weltkrieg aus. Ibn Saud gab eine förmliche Neutralitätserklärung ab und als die Westmächte mit seinem Widersacher, dem Emir Hussein, dessen religiöse Stellung den Gegensatz zum Wahabitensultan noch vertiefte, paktierten, blieb Ibn Saud abseits, lediglich durch einen Scheinvertrag gebunden, den er sofort zerriß, als sich Gelegenheit dazu ergab. Er störte das englische Konzept, den Emir Hussein, der inzwischen König des Hedsehas geworden war, durch die Erhebung zum Kalifen mit der im Orient wichtigen religiösen Weihe zu umgeben, und vertrieb Hussein schließlich vom Throne. England fand sich mit den vollzogenen Tatsachen ab und schloß vor nicht langer Zeit einen Vertrag mit Ibn Saud, in welchem er als König des Hedsehas anerkannt wurde. Vorsichtig, wie die englische Politik nun einmal ist, tat sie noch ein übriges: Sie räumte Italien ein „Interessengebiet“ im südwestlichen Teile Arabiens ein, wo sich das von Ibn Saud noch unabhängige Reich des Imam von Jahia und einiger anderer kleiner arabischer Stämme befindet. So ist die Möglichkeit gegeben, daß Ibn Saud auch vom Süden her in Schach gehalten wird. Jetzt scheint dieser Fall eingetreten zu sein. Die europäische Presse knüpft an die Kriegserklärung des Ibn Saud bereits allerhand phantasievolle Kommentare über das künftige großarabische Reich und die Bedrohung des britischen „Weges nach Indien.“ Mit allen diesen Dingen ist es nicht weit her. Am ehesten scheint es, daß Ibn Saud, der sich trotz seines religiösen Puritanismus in der Kommerzialisierung der Pilgerfahrten nach Mekka, welche er seit der Eroberung Hedsehas „kontrolliert“, als I Original englische Herren-Stoffe [ S in großer Auswahl finden Sie sehr preiswert im S TUCHHAUS iS. ENGLERj : Wien, I. Laurenzerberg 5 : § (Ecke Adlergasse, gegenüber Cafä Silier) J iiiiiiit,iiiiamHHHH««i»BaiHNiiHwiniaHiiiiiiiiiiii tüchtiger Geschäftsmann erwiesen hat, jetzt ebenfalls mit dem heiligen Krieg gewisse merkantile Absichten verfolgt. Denn erstens ist in dem erwähnten Vertrag mit England, den Sir Gilbert Clayton als britischer Bevollmächtigter geschlossen hat, die bis dahin an Ibn Saud gezahlte Subvention gestrichen worden und es wäre verständlich, daß Ibn Saud, nach gutem alten Brauch, auf eine Abänderung dieses Vertragspunktes hinzielt. Andererseits sind die Oelquellen an der Irakgrenze immerhin wert, daß man eine Beteiligung daran sozusagen erzwingt. Die Verhältnisse in Arabien scheinen nicht so zu liegen, daß eine orientalische Garibaldi-Bewegung Durchschlagskraft hätte. Man hört auch bereits von neuen Verhandlungen zwischen Ibn Saud und England; den kriegerischen Teil der etwas überraschenden Unternehmung dürfte, wenn es überhaupt zu kriegerischen Verwicklungen kommt, Italien zu tragen haben. Darauf deutet auch das Echo hin. welches Ibn Sauds Kriegserklärung inxder italienischen Presse findet. Bei diesem Stand der Dinge sind die mit allerlei Schadenfreude gemischten Befürchtungen über ein eventuelles Hinübergreifen des „Krieges“ nach Palästina, wie sie schon jetzt in der Presse verschie- Araberdorf in Palästina. dener Richtungen auftauchen, mehr als ungerechtfertigt. Palästina hat sich bei Verwicklungen, die sich in viel größerer Nähe abspielten, als ein Punkt der Ruhe erwiesen. Und der Weg von Mekka nach Jerusalem führt — über London. Dort liegt auch der Schlüssel zu jenen Vorgängen, welche sich gegenwärtig in Aegypten abspielen. Die Verhandlungen über die Verselbständigung des Nilreiches, welche schon seit einigen Jahren zwischen London und Kairo gepflogen werden, sind in ein Stadium getreten, wo der ägyptische Partner nach orientalischem Brauch mehr verlangt, als er zu bekommen erwartet. Die dazugehörigen politischen Gesten, Demission des ägyptischen Ministeriums und Protestresolutionen der Studenten in Cairo, sind, wie es sich gehört, gemacht worden. Sonst ist nichts geschehen und die Kombinationen von der „Bedrohung des englischen Schlüsselpunktes links vom Suezkanal" sind, wie es stets der Fall ist, eine Uebertreibung der Tatsache. Die spaltenlangen Erörterungen, die sich auch von jüdischer wohl- und übel- Jüdisches im neuen Meyer Von S. Meiseis. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß unter dem neuen Meyer „Meyers Lexikon“ zu verstehen ist, das gegenwärtig im Bibliographischen Institut in Leipzig in siebenter Auflage erscheint. Der siebente Meyer ist ein Handbuch des Wissens im vollsten Sinne, ein mit Kenntnissen vollgerütteltes Werk, das alles Wissen und alles Wissenswerte der Zeit nahezu bis zur Vollständigkeit umfaßt, Er erweist sich auch als Meister in der Beschränkung, indem er auf dem gedrängten Raum von nur zwölf Bänden an Stichv/örtern um ein Beträchtliches mehr bietet als in den zwanzig Bänden der vorletzten Ausgabe. Eine ungeheure, beinahe unvorstellbare Stoffmasse, die den gesamten Bestand des theoretischen und des praktischen Wissens enthält, ist darin bewältigt worden. Aber die Reichhaltigkeit des Inhalts konnte nur durch die Bündigkeit der Form zustandegebracht werden; eben weil der neue Meyer sich einer besonderen Kürze befleißigt und auch sonst in der Form jeden Sprachaufwand vermeidet, konnte er seinen Schatz an Sach- und Fachwörtern in erstaunlich reichem Maße vermehren. So ist dieses enzyklopädische Werk ein Auskunftsbuch für jedermann, worin der Befrager auf dem kürzesten Wege unterrichtet wird. Auch die Stichwortsammlung aus dem jüdischen Stoffgebiet hat im neuen Meyer eine wesentliche Bereicherung erfahren. Das bedeutet den früheren Ausgaben gegenüber einen Fortschritt, wenngleich auch hier, wie in allen übrigen Teilen, die Vermehrung der Vermerke nur auf Kosten des Umfanges der einzelnen Artikel bewerkstelligt wurde. Zunächst sind — wie ich auf Grund mehrerer Stichproben in den bisher vorliegenden sechs Bänden feststellen konnte — die großen jüdischen Vereinigungen und Organisationen in einem weitergehenden Ausmaße berücksichtigt, als es in der vorletzten Ausgabe der Fall war. Sodann ist in der Anordnung der einzelnen Aufsätze manche Neuerung getroffen worden, die vom wissenschaftlichen Standpunkt wohl kaum als eine Verbesserung gelten dürfte, dafür aber dem praktischen Zweck eines Nachschlagewerkes besser entspricht. Während noch in der sechsten Auflage unter dem Worte „Juden“ eine zusammenfassende Darstellung der Geschichte des jüdischen Volkes von der ältesten Zeit bis auf die Gegenwart gegeben wurde, zerfällt im neuen Meyer das ganze Stoffgebiet in mehrere kleinere Aufsätze, wie „Juden“, „Judentum“, Israel", „Israelitische Geschichte“ (von der Einwanderung in Kanaan bis zur Zerstörung Jerusalems), „Israelitische Religion“, eine lexikalisch berechtigte Einteilung, die jedoch den historischen Ueberblick nicht unwesentlich erschwert. Eine ähnliche Auflösung in mehrere Vermerke wurde mit dem Artikel „Jüdische Literatur“ vorgenommen; von der jüdischen Literatur in ihrer Gesamtheit handeln die Artikel „Hebräisch“, „Israelitische (althebräische) Literatur“, Jüdische Literatur“ und „Jiddisch“, wobei ein Artikel über „Neuhebräische. Literatur“ noch aussteht. Zu dem Artikel „Jiddisch“, worin zum ersten Male in Meyers Lexikon das jiddische Schrifttum berücksichtigt wird, scheinen mir einige kritische Bemerkungen unerläßlich. Zunächst ließe sich darüber streiten, ob es heute noch sprach- und literaturgeschichtlich unumgänglich ist, „Jiddisch“ unter sechserlei Bezeichnungen anzuführen: Jiddisch, Jüdisch, Jüdisch-Deutsch, Judendeutsch, Jargon und englisch Yiddish. (Dabei ist dieses Register nicht einmal vollständig; in den älteren UeberSetzungen wird Jiddisch auch Iwri-Teutsch, Hebräisch-Deutsch genannt, und es gibt auch noch andere Bezeichnungen.) Dann wird hier mit einer gewissen Gewaltsamkeit versucht, in nicht ganz fünfzig Spaltenzeilenk die Grundzüge der jiddischen Literatur zu umschreiben, ein Versuch, der vollkommen mißlang und mißlingen mußte, weil ein Bild auf solch knappem Raum auch nicht eine blasse Vorstellung von Wesen und Gehalt eines ziemlich reichhaltigen Schrifttums vermitteln kann. Als Hauptvertreter der jiddischen Literatur werden u, a. Juda Leib Gordon und Abraham Bär Gottlober genannt; Gordon und Gottlober waren vor allem hebräische Schriftsteller und schrieben gelegentlich auch jiddisch, sie können demnach als Hauptvertreter des jiddischen Schrifttums nicht angesprochen werden. Wenn in demselben Aufsatz der amerikanisch-jüdische Bühnenschriftsteller Jakob Gordin zweimal hintereinander Gordon geschrieben wird, so mag dieser Schreib- oder Druckfehler noch hingehen. Arg aber ist es, wenn in dem gleichen Artikel der berühmte jiddische Dichter Morris Rosenfeld, beharrlich Morris Rosenthal genannt wird; das dürfte denn doch im „Meyer“ nicht Vorkommen. Das beste an dem Artikel „Jiddisch“ sind die Literaturangaben; darin wird mancher Fingerzeig gegeben, wo man sich über den Gegenstand des näheren unterrichten lassen kann, Neuaufgenommen wurde ein Artikel über „Chassidismus“. Man muß es anerkennen, daß hier in einem unübertrefflichen Kurzstil das Wesentlichste über die im 18. Jahrhundert unter den polnischen Juden entstandene chassidische Volksbewegung ausgesagt wird. Auffallend ist nur, daß von allen Schattierungen und Parteien innerhalb des Chassidismus einzig die Karliner (so genannt nach ihrem Stifter Aron aus Karlin) erwähnt werden. In den Literaturangaben sind die grundlegenden chassidischen Schriften Horodezkys, die zum größten Teil auch in deutscher Sprache vorliegen, nipht aufgeführt. — Trotz der Dichtigkeit des Ausdrucks ist der Artikel „Jerusalem“ sehr aufschlußreich, insbesondere der eigene Abschnitt „Das jetzige Jerusalem", hiezu Plan mit Namenverzeichnis. Unter anderem werden darin als die stattlichsten neuzeitlichen Bauten Jerusalems angegeben: die Kaiserin-Auguste-Viktoria-Stiftung, große katholische und russische Klosterbauten und die Hebräische Universität. (An gehöriger Stelle fehlt indessen das Stichwort „Hebräische Universität“.) — In dem Artikel „Jaffa“ ist selbstverständ-' lieh auch die seit 1910 entstandene neue jüdische Stadt „Tell(f) Awiw“ erwähnt; über Tel-Aviv wird eine gesonderte Notiz an gehöriger Stelle erscheinen, worauf ein „(s. d.)“ hinweist. Zu beanständen wäre die Schreibung „Teil Awiw“ (mit doppeltem 1), die