Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1928)
- Date
- 1928-03-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053763--0168-3055429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
Nr. 10 DIE STIMME Seite 13 s ja _ _ :: ----- - -J4 ti t: 21 BÜCHERSTUBE M. RATH II. TABORSTRASSE 20a, TELEPHON 43-1-58!i - Ü jj MODERNE LITERATUR / WISSENSCHAFT fl 22 JUOENDSCHRIFTEN / JUDAICA UND HEBRAICA |j froh werden; damals wußte man, daß der Weiße für alles sorgte; da tönte fröhlich das Banjo und von Meilen weit kam man auf dem Felde zum Tan2 zusammen. Doch seit dem Bürgerkrieg ist es anders. Alles wird teurer, das Leben immer schwerer, Die Jugend ist wild und ausgelassen, fürchtet weder Gott noch den Weißen, will nicht mehr ins Joch, ist träge... Früher, da hatte der Weiße die Peitsche und das „Lynchen“ kannte man nicht... Aber der Krieg war ein wahrer Fluch für den Neger; er hat ihm — so hat es Pastor Harper einmal ausgedrückt — die Hände abgeschnitten und ihm befohlen, ohne die Hilfe des Kopfes zu arbeiten. In seinem schwerfälligen Hirn wiederholte er sich zum tausendsten Male die Geschichte, wäe Gott den Neger und den Weißen erschuf, er stellte zwei Bündel vor sich hin, ein großes und ein kleines; dann rief er den Neger und befahl ihm, sich eines der beiden Bündel zu wählen. Der Neger mit seinen großen habgierigen Augen wählte das große Bündel, Der Weiße fand in dem kleinen Bündel, das für ihn geblieben war, ein Fläschchen Tinte und eine Feder, der Neger aber in dem seinen — eine Pflugschar und einen Rechen. Seither bearbeitet der Neger die Felder und der Weiße führt die Bücher. Dann und wann schüttelte der Neger im Halbschlaf den Kopf, öffnete den Mund oder knirschte mit den vom Alter zerfressenen Zähnen, als wollte er eine Fliege verjagen. Dann schlummerte er wieder ein. Der alte Neger war Jim, Vom Walde her zog der schwere Geruch von Gummi und Terpentin und mischte sich mit dem Duft der blühenden Baumwolle, der wie Dampfwolken, die sich über einem Fluße ballen, über den Feldern hing. Die Düfte berauschten den Neger und machten seine von der Arbeit müden Gliedei noch schwerer. Er öffnete den Mund, schloß das linke Auge und schaute mit dem rechten in die untergehende Sonne, Einsilbige Laute von Vögeln und Tieren verstärkten noch die Stille, sie drang und klang wie ein Flüstern über die weiten Felder und schläferte alles ein. Die Sonne war verschwunden. Jim saß noch immer mit offenem Mund und sein rechtes Auge starrte unverwandt auf den Fleck, wo die Sonne verschwunden war; der Schmerz über die Leere machte sein Gesicht stumpf und hilflos. Es begann dunkel zu werden. 2. In der offenen Tür, die vom matten Schein einer Lampe beleuchtet war, saß Jims älteste Tochter, eine Negerin mittleren Alters. Mit einer Hand wiegte sie ein Kind in den Schlaf, mit der anderen aß sie kalten gekochten Mais aus einer blauen Schüssel. Das Kind wollte nicht einschlafen und schrie. Sie stellte die Schüssel auf den Ziegelboden, beugte sich über die Wiege und begann leise und traurig, mit einer dünnen, hohen Stimme, die wie die eines jungen Mädchens klang, ein Wiegenlied: Go Tong to sleep My little baby. Mama gone to town, Papa runnig roun', Left nobody with the baby! Ein etwa achtjähriger Negerknabe, der bäuchlings auf dem Boden lag und in einer illustrierten Bibel blätterte, ließ das Buch liegen, schob sich leise auf allen Vieren zur Schüssel und stopfte mit vollen Händen Mais in den Mund. Eine gelbe Katze, die neben der Wiege schlief, reckte sich und sprang mit einem Satz über die Negerin. Die fuhr erschreckt zusammen, spuckte dreimal aus und sandte der Katze einen Fluch nach. Dabei bemerkte sie, wie der Junge hastig den Mais verschlang; sie hielt im Wiegen inne und schalt den Jungen, wobei sie die Worte im Singsang zerdehnte: „Sofort die Schüssel wegstellen, Fred! Hast du nicht deinen Teil gehabt, du Fresser? Hör' au?, sonst komme ich über dichf Daisy und Dina haben sterben müssen. Alle braven Kinder sterben, aber dieser Teufel hat zweimal die Pocken gehabt und lebt! Was bleckst du die Zähne? Geh' lieber die Blumen begießen!“ Der Negerjunge zog grinsend den Mund von einem Ohr zum anderen und beleckte die Lippen mit seiner roten Zunge; er erhob sich träge, nahm einen Krug und begoß die blutroten Geranien, die in Tontöpfen in allen Fenstern standen. Dann stellte er den Krug wieder an seinen Platz, blieb mitten im Zimmer stehen und betrachtete das grelle Plakat eines Zirkus, das an der Wand hing; seine Augen wurden größer. Unschlüssig, was er weiter beginnen sollte, gähnte er laut. Dann schlich er leise hinter dem Rücken der Mutter aus dem Zimmer und setzte sich neben dem Großvater auf die Schwelle. Lautlos hatte sich auch die Katze eingefunden, rieb sich an Jims nackten Beinen und schnurrte. Fred fing eine Fliege nach der anderen und hielt sie der Katze entgegen. Die warf den Kopf empor, schnappte und verschlang die lebenden Fliegen; dann beleckte sie sich zufrieden, wusch sich mit der Zunge das Maul und die Pfoten und streckte sich neben Jims Füßen hin. „Fred,“ wandte sich der Großvater lächelnd an den«Enkel, „weißt du, warum die Katze sich nach dem Essen wünscht? Hör’ auf, Fliegen zu fangen, wenn ich zu dir spreche!“ „Ich höre zu, Großvater!“ „Well. Wie die Katze zum ersten Male eine Maus gefangen hat, da hat die Maus gesagt: ,Mir liegt nichts daran, daß du mich fressen wirst, du bist stärker als ich und hast mich gefangen, — so friß mich! Aber beleidigen lasse ich mich nicht von dir! Bei ordentlichen Leuten ist es Sitte, sich vor dem Essen zu waschen; doch du willst mich fressen, gleich nachdem du mich gefangen hast, mit deinen schmutzigen Pfoten!' — ,Du hast recht', antwortete die Katze, ,warte hier, bis ich mich gewaschen habe.* Doch bis sich die Katze gewaschen hatte, war die Maus längst fort. Seither traut die Katze niemandem mehr; sie frißt erst und dann wäscht sie sich. Hi, hi, hi, sie ist ein falsches Geschöpf, die Katze! Sag, mal, Fred, hast du den Kaninchen Futter gegeben?“ schloß der Großvater in unverändertem Ton. „Ja, Großvater.“ „So geh* schlafen!“ „Buckert ist doch noch nicht von der Arbeit zurück!“ „Er macht gewiß Ueberstunden.“ Die sonnendurchgltihte Erde kühlte langsam aus und erfüllte die Luft mit einer Wärme, welche die Kehle austrocknete und auf die Augenlider drückte. Auf dem sandigen Weg tauchten einige Schatten auf, die ineinander flössen; sie verschwanden und tauchten wieder auf. ,.Kommen da nicht Leute vom Feld, wie?“ — der Alte legte die Hand ans Ohr — „Sollte das Buckert sein?“ „Großvater, das ist nicht Buckert.“ Fred faßte den Großvater an der Hand. „Das ist der Sheriff mit einigen anderen Leuten.“ ..Wer, der Sheriff?“ Der Alte erhob sich mit einem Seufzer, nahm eine demütig-erwartende Haltung an und rief die Tochter herbei. „Kitty, Kitty, was sagst du, der Sheriff kommt noch so spät zu uns, wie?“ Erschrocken blieb Kitty, die Schüssel mit Mais in der Hand, stehen. Sie wußte in ihrer Verwirrung nicht, was sie anfangen, wie sie die Schüssel loswerden sollte; endlich stellte sie sic mit einer ruckartigen hastigen Bewegung auf den Boden und trat vor die Tür. (Fortsetzung folgt.) Schach Aron Niemzowitsch In dein soeben zu Ende gegangenen Berliner Meistertumier hat Niemzowitsch gegen starke J'urnierspieier den ersten Breis errungeih dies gibt Anlaß, diesen eigenartigsten aller modernen Meister eingehend zu würdigen. Unter den Meistern, welche sich in der Nachkriegszeit durch große Erfolge allgemeine Anerkennung verschafft haben, kann Niemzowitsch neben dem neuen Weltmeister Dr. Aljechin als der interessanteste angesehen werden. Dieses Charaktecristikon will nidht auf dias iKraftverhältnis etwa izu Bogoljubow und anderen hindeuten, sondern bezieht sich vor allem auf die Art des Spiels, auf den Stil. Nur Niemzowitsch hat einen 80 eigentümlichen, urpersönlichen Stil wie kein anderer Meister überhaupt. Neue, immer wieder neue, oft ganz verblüffende Ideen kennzeichnen ihn. Während andere Meister ihre Erfolge hauptsächlich durch Kraft und Ausdauer u. dgl. erringen, Siegt Niemzowitsch vor allem durch seine Ideen, durch seine Eigenart. Gewiß — jeder große Meister hat Ideen, muß Ideen haben, findet ab und zu Verbesserungen der üblichen Varianten und Eröffnungen, findet eine neue Variante oder gar eine neue Eröffnung, wie z. B. die „Aljechin-Verteidigung1*. Aber das alles ist nicht Marke Niemzowitsch. Was diesen unermüdlichen Denker und Neuerer besonders auszeichnet, ist eine vollkommene Vorurteilslosigkeit, welche ihn befähigt, alles Feststehende kritisch zu untersuchen, vieles davon ganz anders zu qualifizieren und dadurch seinen Ideen ganz neue Grundlagen zu schaffen! Das Grübeln und Zweifeln, das Mißtrauen gegen die Konvention mag ihm schon im Blute liegen. Er stammt aus einer Familie von Denkern. Sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater, waren Talmudisten. Ihr Lieblingsspiel war das Spiel der Gedanken, die Schärfung des Verstandes. Der Vater, ein praktischer, lebenstüchtiger Mann, hat seinen Denkkünsten im Schachspiel gerne freien Lauf gelassen. Dem Sohn ist es Religion und Lebenszweck geworden. Es muß jedoch betont werden, daß er dabei kein einseitiger Schachspieler geblieben ist, sondern sich reines ernstes Empfinden für Kunst und Schönheit bewahrt hat. Er ist nicht nur ein Meister der Kunst Schach zu spielen, sondern auch ein Meister der Kunst Mensch zu sein. Niemzowitsch stammt aus Riga, ist 42 Jahre alt und blickt auf eine mehr als zwanzigjährige Schachlaufhahn zurück. In jungen Jahren hatte er schwer zu kämpfen, sowohl was die Verteidigung seiner Existenz, als auch was die Verteidigung seiner Ideen anbelangt. Die Meister der sogenannten klassischen Epoche, die mit dem Weltkrieg so ziemlich untergegangen ist, standen den Revolutionshestrehungen des jungen Niemzowitsch durchaus ablehnend gegenüber. „Bizarr" — mit diesem arroganten Wörtchen trachtete man ihn immer wieder abzutun, die Kritik blieb abfällig. Aber in dem Rigaer Judensohn, dem Sohn des durch Jahrhunderte verfolgten Volkes, vermochten diese Anfeindungen keineswegs Depression verursachen. Im Gegenteil: sein Wille wurde fester, sein Idealismus stolzer, sein Schachgeist immer genialer, seine Erfolge immer größer. Allmählich begann er sich auch als Scbadhschniftsteller zu betätigen, Einer seiner bedeutendsten Artikel erschien 1912 in der Wiener Schachzeitung. Er behandelt die klassische und die moderne Zentrumsauffassung und stellt einen schroffen Gegensatz zu Dr. Tarrasch auf, dessen Lehren bis dahin in der Schachwelt dominierten. Niemzowitsch verwirft den alten, geradezu Axiom gewordenen Grundsatz, daß für die Güte einer Eröffnung die Zahl der in der Brettmitte aufmarschierten Bauern maßgebend ist, predigt statt dessen Zurückhaltung und einen Zentrumsaufbau, der sich nicht auf die Anzahl sondern vor allem auf die Unangreifbarkeit der Zentrumsbauern stützt. Mehr als durch manche seiner „bizarren" Varianten, die er schon in der Vorkriegszeit spielte und die heute von der gesamten Meisterwelt aufgegriffen und weiter verarbeitet wurden, hatte sich Niemzowitsch durch jenen bahnbrechenden Artikel zum Vater der modernen Schule gestempelt. Denn in diesem hatte er zum ersten Male das treibende und allerwichtigste Prinzip der modernen Schule dargclcgt! Was diese auch in der Folge an Varianten und Eröffnungen hervorgebracht hat — das alles sind nur Formen für das revolutionäre Zentrumsprinzip, sind Versuche, diese« oberste Prinzip zu exekutieren. In den letzten Jahren ist Niemzowitsch vollkommen ausgereift, hat viele große Turniererfolge zu verzeichnen und hat sich vor allem endgültig durchgesetzt. Zu besonderem Ruhm gereicht es ihm, daß ihn nicht die Schachwelt freiwillig anerkannt hat, sondern daß er die Schachwelt zwang, ihn anzuerkennen. Lächerlich ist heute der, der ihn noch lächerlich findet! Wir würden sagen, daß er auf dem Gipfel seiner Größe steht — aber es fehlt nach unserer Ansicht noch eines: er muß einen Wettkampf mit dem neuen Weltmeister, seinem' Jugendrivalen Dr. Aljechin austragen. Er ist unter den jüngeren Meistern sicherlich der würdigste und speziell für Aljechin gefährlichste Kandidat. Nächstens bringen wir Proben seiner Eigenart. Im Dr.-Körner-Schachturnier der Hakoath haben die Teäneftumer nach der 6. Runde folgenden Stand erreicht: Reti, Doktor Tartak-ower A%, Becker 4-f-H, Spaelmamn 4, Lichtensteia 3-f-H, Kmoch 3, Döry, Igel 2%, Grünfeld 2-}-2H, Takacz 2-fH; Müller 2, Brutum lX+H, Glaß 1H, S. R. Wolf 1+H. ^iiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiliiiillllilllilillllllllilllllllll^ |Warten $je’S I In unserer | 1 Pessach-Aktion j ■fürs Jüdische Buchl 55 sx 1 bringen wir I I 100.000 Bände l ■jüdischer 1 | Literatur | | zu Preisen von | (1,2,3,4 u. 5 Schilling 1 I zum allgemeinen Verkauf | ü Ü I Weitere Anzeigen folgen | s (Buchhandlung R. LÖWIt) jU/Jen, I, Rotenlurmslr. 22) nilllllllllllllll!lllll!lllllllllllllllllllllinilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllli: