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Die Stimme · 1928-03-01 · Heft 9 (1.3.1928) · page 13

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 9 (1.3.1928)
Date
1928-03-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 9 DIE STIMME Seite 13 SCHLACHMONES Von M. Spektor. Der Winter des Jahres 18.. brachte ungeheure Schneefälle; alles freute sich der „guten Schlittenirege" und am meisten waren die Holzhändler zufrieden. „So einen Winter hat uns Gott schon lange nicht gegeben,“ begann der Jude, welcher mir gegenüberän Eisenbahncoupg saß. „Das ist ein Winter, unberufen!“ „Warum macht Ihnen der strenge Winter solche Freude? Weil die armen Leute frieren?“ „Gott bewahre! Ich meine es nicht so. Ich bin ja selbst ein armer Mann, aber diesen Winter habe ich, Gott sei Dank, nicht zu klagen.. Sie müssen nämlich wissen — ich bin Holzhändler. Im vergangenen Sommer habe ich ein paar schöne Klafter Holz gekauft — ich nenne es .gekauft'; habe ich denn so viel Geld, um es bar zu zahlen? Ich habe ein paar Gulden Angabe gegeben. Ist der Winter schlecht, 90 verfällt meine Angabe, denn bei schlechten Wegen ist die Zufuhr so teuer, daß es sich nicht lohnt, das Holz zum Verkauf in die Stadt zu bringen. Heuer, bei den guten ,Schlittenwegen' ist aber die Zufuhr billig und das Holz wird in der Stadt mit Gold aufgewogen, selbstverständlich, bei so einem Winter!” Der Waldiude warf einen Blick durchs Coupefenster: „Sehen Sie doch hin, was für ein prachtvoller Schlittenweg — ein Vergnügen!" Ich sah durchs Fenster zu dem glatten, ausgefahrenen Weg hinüber, der hart an der Eisenbahnlinie wie ein glitzerndes Band auf der silberweißen Fläche lag; ein kleines Bauernrößlein lief leichtfüßig vor einem hochbeladenen Wagen her, auf dem ein Bauer mit einer großen Pelzmütze saß; das Tier trabte spielerisch vorwärts und schlug vergnügt den Schweif an die Flanken. „Sehen Sie", — begann der Jude wieder — „auf einem guten Schlittenweg läuft selbst so eine Mähre mit einer schweren Last leicht, wie von selbst.“ Der Jude legte seinen alten Bauernpelz ab und stand in seinem schäbigen Kaftan da, unter dem eine wattierte Weste hervorsah. „Es ist höchste Zeit, einen Bissen in den Mund zu nehmen; den ganzen Tag habe ich gefastet“ — mit diesen Worten verschwand er, um Wasser aufzutreiben und sich die Hände zu waschen. Als er zürückkam, zog er unter der Bank einen alten Korb hervor; ihm entnahm er einen riesigen Salzhering und ein großes Schwarzbrot. Das schnitt er an, riß den Hering mit seinen dunklen, abgearbeiteten, dicken Händen entzwei und begann zu essen, nachdem er ein Gläschen Schnaps hinuntergegossen hatte. Beim gegenüberliegenden Fenster saß ein christlicher Gutsbesitzer mit seiner Frau; sie sahen mit sichtlichem Abscheu dem Juden beim Essen zu. Auch die übrigen Passagiere legten Distanz zwischen sich und den Juden. Ich merkte, daß aus dem Korb, den der Jude offen auf der Bank stehen ließ, eine große geflochtene Sabbatbarches bräunlich hervorlachte. „Wohin fahren Sie eigentlich, daß Sie einen ganzen Eßwarenladen mit sich führen?“ „Das hat mir meine Alte mitgegeben“, — antwortete er lächelnd — „Sie nennen's einen Eßwarenladen? Schön, aber kann man denn ohne Essen auf die Reise gehen?“ „Man fährt doch nicht in die Wüste!“ — mengte sich eine junge jüdische Frau mit einem großen Hut ins Gespräch — „Man fährt doch, Gott sei Dank, mit der Eisenbahn, es gibt Bahnhöfe, fast jede halbe Stunde hält der Zug in einer Station, wo, Gott sei Dank, alles zu haben ist. Man muß nur ein paar Kreuzer haben, dann findet man, Gott sei Dank, alles, was man braucht." „Bahnhöfe und Stationeh“, — erwidert der Jude lächelnd — „das ist nichts für mich. Und dann, man kann nie wissen, was auf einer Reise geschieht; auf eine Reise soll man nie ohne Essen gehen! So halte ich es auch seit je." „Ach Unsinn!“ — die junge Frau wendet sich wieder ihren Nachbarinnen zu. „Ein Jude läßt keinen Kreuzer locker. Er nimmt sich Essen vom Hause mit, um nur ja keinen übrigen Groschen ausgeben zu müssen; deshalb haben die Juden das ganze Geld“ — diese Worte richtete die Gutsbesitzersfrau an die übrige Reisegesellschaft. Die Christen lachten spitz. „Ihr könnt mir's glauben", — sekundierte der Gutsbesitzer seiner Frau — „der ,arme Betteljud'. der Hering mit Brot ißt, die er vom Hause mitgenommen hat, der hat einen dicken Sack mit Geld und bewuchert damit unsere Brüder.“ „Alle Judenfeinde mögen das im Vermögen haben, was ich habe“ — murmelte der Jude vor sich hin, während er weiter seinen Hering mit Brot kaute. ( „Kümmern Sie sich nicht um das Gerede!“ — greife ich tröstend ein — „Sie können im Vermögen naben,-wieviel es Ihnen beliebt; das geht keinen etwas an, wenn Sie es nicht gestohlen haben. Sagen Sie mir lieber: wohin fahren Sie?“ „Meinen Sie, daß ich mir etwas daraus mache? Diese ihre Reden bin ich gewöhnt. Mich ärgert nur, warum ich wirklich nichts habe!? Sie fragen, wohin" ich fahre? In einen *Wald fahre-ich? Dort-habe ieh - eiitige Stunden zu tun und morgen fahre ich wieder nach Hause zur Purimmahlzeit; heute habe ich, wie es Vorschrift ist, gefastet; die Megillah*) habe ich nicht lesen gehört, was tut man nicht alles, um des bißchen Brotes willen? Aber die Mahlzeit am Purim soll mich Gott wenigstens zu Hause verbringen lassen!“ * Der Abend brach herein und der Schnee schlug an die Fenster. Das Pfeifen der Lokomotive brach in das anhaltende Brausen des Windes. Der Zug verlangsamte sein Tempo immer mehr, nahm in der Station längeren Aufenthalt als sonst und blieb end“ lieh um Mitternacht auf freiem Felde stehen. Die Schaffner teilten den Reisenden mit, der Zug kann nicht weiter, da der Sturm ganze Berge von Schnee auf die Geleise wehte; man werde bis zum Morgen halten müssen, dann würde eine Partie Arbeiter eintreffen, um das Geleise freizulegen. Es war eine unruhige Nacht. Als die Passagiere aus ihrem späten Schlummer erwachten, war es heller Tag. Der Schneefall und der Sturm hatten nicht nachgelassen. Die Waggons standen bis über die Räder im Schnee. Die Arbeiter, welche das Geleise freilegen sollten, waren nicht eingetroffen. Die Passagiere fragten unaufhörlich, wie lange der Aufenthalt noch dauern würde. Niemand konnte Auskunft geben. Wer etwas Eßbares bei sich hatte, suchte damit * seinem Hunger beizukommen, einer kaute an einer alten Semmel, ein anderer lutschte an einem Bonbon. Doch solcher Glücklicher gab es wenige; alle warteten auf die Schaffner, welche zu Fuß zu der nächsten Station gegangen waren, um Essen zu holen. Einige Passagiere machten ihrem Aerger über die Wirtschaft auf den Bahnen unverhohlen Luft; man schimpfte auf den Eisenbahnminister; der Gutsbesitzer und seine Frau ließen kein gutes Haar an ihm. „Wo ist der Minister und wo sind wir?“ — fragte einer lachend — „Das Reden nützt genau so viel wie wenn man zur Wand spricht.“ Es war schon spät am Vormittag, als der Wald“ ju.de mit dem Beten fertig wurde. „Was sagen Sie zu dem Purim heute?“ — wandte er sich mit einem Seufzer an mich — „Gestern gefastet, die Megillah nicht lesen gehört und BOCHEBSTUBE m. BATH | II. TABORSTRASSE 20a, TELEPHON 43-1-58 sl :.! MODERNE LITERATUR / WISSENSCHAFT ~~ 9 jj JUGENDSCHRIFTEN / JUDAICA UND HEßRAICA j{ ** •« heute — nichts; Purimmahlzeit im Wagen und es heißt warten, Gott weiß wie lange. Nun — es ist Zeit, die Purimmahlzeit zu beginnen. Eigentlich ist's noch ziemlich früh, aber das Herz braucht ein bißchen Aufmunterung." Während dieses Gesprächs, das eigentlich ein Monolog war, holte er seinen Korb hervor, stellte ihn auf die Bank, legte seinen Pelz zusammen, der als Tisch dienen sollte, und breitete ein. Blatt Papier darüber. „Dem Festtag zu Ehren, muß die Barches angeschnitten werden. Ich erlaube mir, Sie zum Festmahl einzuladen“ — fügte er witzelnd hinzu und nötigte mich, an den „Tisch“, da er bemerkt hatte, daß ich nichts Eßbares bei mir hatte. Dann richtete er eine Flasche Schnaps, die Barches und einen Herrnher und fuhr in dem lustigen Ton fort: „Sie müssen verzeihen, daß das Festmahl nicht allzu vornehm ist und daß aus einem Glas getrunken werden muß." Unsere Mahlzeit war prächtig und wir aßen mit Appetit. Als der Gutsbesitzer und seine Frau, welche während der ganzen Reise mächtig Distanz zwischen sich und den Waldjuden gelegt und den „dreckigen 2yd“ mit offenem Ekel betrachtet hatten, uns jetzt essen sahen, standen sie auf und verließen das Coup6. Doch der Geruch des Härings schien sie magnetisch anzuziehen und sie nahmen mit düsteren Mienen wieder ihre Plätze ein. Als der Waldjude bemerkte, daß sie keinen Proviant mithatten, lud er den Gutsbesitzer ein, sich zu bedienen, wenn er hungrig wäre. Die Mienen des Ehepaares erhellten sich. Beide schwiegen. „Willst du vielleicht etwas nehmen?“ — wandte sich dann der Mann an seine Frau. „Nein; möchtest du etwas?" — antwortete sie. Kurz darauf streckten sie die Hände nach der Bar* ches aus.... Als der Gutsbesitzer den Schnaps versucht hatte, wurde es sehr gemütlich an unserem „Tisch“. Mann und Frau wurden freundlicher und ließen sich auch dazu herab, den Hering zu „kosten“. Die Barches, deren Lob die Frau des Gutsbesitzers in den höchsten Tönen sang, war verschwuren bvjtf lÖasEfctli&rtHädi», •"dis-'iah'' .wird.--- ■ ■.-----—.. .. unser Gastgeber das große schwarze Roggenbrot hervor. Der Duft des Roggenbrotes und des Herings war offenbar Über unser Coup£ dritter Klasse hinaus auch In die übrigen Coupes gedrungen. Dort war durch den Schaffner bekannt geworden, daß sich in unserem Coupe ein Jude befand, der Brot, Heringe und Schnaps mithatte; und so kamen unaufhörlich ..Deputationen" zu uns, die mit Flaschen und Gläsern ausgerüstet waren und von dem Juden Schnaps, i?rot und Hering kaufen wollten. „Ich handle nicht mit Lebensmitteln, sondern mit Holz“ — antwortete er jedesmal — „wer will, kann an meinen Tisch kommen und essen, solange noch etwas da ist." Nach und nach war der „Tisch“ des Juden von einem lichten Kreis von Gästen umgeben; er schnitt das Brot in kleine Stücke, holte aus dem Korb noch einen Häring hervor, zerteilte ihn und reichte jedem eine Schnitte Häring mit Brot mit den Worten: „Hier hast du Schlachmones’.“ Ein junger Mann aus dem nächsten Waggon trat ein und wandte sich an den Waldiuden: „Wenn Sie nichts verkaufen wollen, so leihen Sie mir etwas Brot und ein Stückchen Hering; bis wir zur nächsten Station kommen, gebe ich es Ihnen mit Dank zurück.“ „Bitte, setzen Sie sich zum Tisch!“ — antwortete der Jude fröhlich. „Meine Frau und die Kinder sind im nächsten Wagen, es ist für sie beschwerlich, herzukommen.*’ „Das ist etwas anderes!“ — erwiderte der Waldjude, schnitt ein großes Stück Brot ab und reichte es samt einem halben Hering dem jungen Mann. — „Da haben Sie und sagen Sie Ihrer Frau und den Kindern, daß Jossel der Waldjude, ihnen .Schlachmones’ schickt. Sie wissen doch, daß heute Purim ist.“ Der junge Mann wollte sich entfernen, doch der Jude hielt ihn zurück. „Warten Sie noch ein wenig!” Er begann langsam ein Paket aus dem Korb zu ziehen. Alle schauten gespannt zu, neugierig, was da ans Licht kommen würde. Alle waren höchlich erstaunt, als der Jude die Papierhüllen entfernte und ein weißes Tuch auf band, darin allerlei Purimnäschereien lagen: Fladen, Johannisbrot, Hamantaschen, Mohnbäckerei und andere Süßigkeiten. Der Jude nahm ein Stück Fladen und einige Mohnbäckereien und reichte sie dem jungen Mann: „Dieser ,Schlachmones’ ist für Ihre Kinderchen; sagen Sie ihnen, daß heute Purim ist und ich ihnen ,Schlachmones' geschickt habe," Beim Anblick der Purimnäschereien wurden alle festlich gestimmt und lachten fröhlich: „Woher haben Sie das Purimgebäck?“ „Alles von meiner Alten, sie soll leben! Sie hat mir das ganze Paket Purimgebäck als Schlachmones für den Juden mitgegeben, zu dem ich jetzt fahre; ich bin mit ihm schon seit unzähligen Jahren in Geschäftsverbindung. Da es aber scheint, daß der Schneefall nicht mehr aufhören wird, so werde ich zu dem wohl erst zu Peßach kommen, da ihm meine Frau Mazzes schicken soll; warum soll ich also nicht hier das Purimgebäck auf tischen?“ Der Jude brach die Johannisbrote und die Mohnbäckeyeien in kleine Stücke und gab jedem von den Umstehenden „Schlachmones“. Wen er beschenkte, Jude und Christ, dankte freudig dem Waldjuden und er hatte alle Herzen gewonnen. Und auch miteinander waren alle in Eintracht und Brüderlichkeit verbunden und so wurde Purim ein Festtag für alle Passagiere, ohne Unterschied ihres Glaubens. Der ärmlich gekleidete Jude mit den braunen, breiten, abgearbeiteten Händen, wurdg der Held des Tages. Und in echter Purimfröhlichkeit wurde die zweite Nacht im Schnee auf freiem Felde verbracht. Der Waldjude kam in so frohe Purimstimmung, daß er aus der leeren Flasche seinen „Gästen“ zutrank: „Lechajiml Gebe Gott, daß übers Jahr von den Hamansleuten kein Stäubchen mehr bleibe und die Juden aus dem Golus erlöst werden!“ „Amen!“ — respondierten die Juden. „Amen!“ — sprachen die Christen fromm nach. Der Waldjude wurde so fröhlich, daß er auf der Coupgbank zu tanzen begann. „Hört zu, ich will euch etwas sagen!“ — begann er von seinem erhöhten Platz aus und seine Füße bewegten sich im Tanzrhythmus — „Glaubt mir, alle Feiertage werden verschwinden, nur der liebe teure Purim wird bestehen bleiben. Ist es denn möglich, an einem anderen Feiertag im Schnee stecken zu bleiben, so wie jetzt am Purim? Nun? Sagt selbst, ist das an einem anderen Feiertag möglich?" Alles klatschte Beifall. „Sagt selber — ist es nicht eine Freude, ist's nicht schön, daß ein schwarzes Brot und ein Hering Frieden zwischen den Völkern gemacht haben, die hier in diesem Zug im Schnee stecken? Warum haßt man einander so, warum? Ich frage euch, warum?" Der Beifall wurde noch stärker; und laut tönte der Ruf. vntvf'uS -j . 'brat und ^ep'i ff*|f ,3^ 1 s Ri-dieser Nacht herrschte im Eisehbahnwä^on) 'fechte Purbnafreitde..*• - * - —.

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