Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE STIMME Nr. § Kleine Nachrichten In Dydtow, einem Oertchen im galizische« Kreis Lioko, ist der älteste Jude Polens, Leiwe Feld, im Alter von 125 Jahren gestorben. Seine ihn überlebende Frau, mit der er 100 Jahre verheiratet gewesen war, ist jetzt 119 Jahre alt. Der Ehe sind drei Söhne und drei Töchter entsprossen: die eilt es t e Tochter ist 80 Jahre alt. Im Gebäude der Warschauer .,Bnei-Brith‘‘-Loge wurde ,un 20. Februar das von Prof. M. Belaban, Senator Dr. Braude und Dcp. Griinbaum begründete Institut für jüdische Wissenschaft, in Anwesenheit von Vertretern der polnischen Regierung und der Warschauer Universität feierlich eröffnet. Der Rektor der Warschauer Universität, Professor Szlagowski, ein höherer katholischer Geistlicher, hielt eine Ansprache, in der er i. a. darauf hinwies, das Institut nir jüdische Wissenschaft habe außer für das Judentum, auch für die Warschauer Universität eine große Bedeutung, weil es die Lehrtätigkeit der Universität vervollkommnet. Das lrtstitut wird die Wissenschaft eines alten Volkes pflegen, das alle Kulturen beeinflußt hat. Das britische Joint Foreign Committee teilt in seinem letzten Bericht mit, daß die türkische Regierung auf eine Infervention der ICA und des American Jewish Committee hin. sich damit einverstanden erklärt habe, den in Konstaniinopcl weilenden 750 aus Rußland geflüchteten Juden, deren Ausweisung in diesem Monat hätte erfolgen ‘ollen, eine weitere Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr zu gewähren. Die Regierung stellte aber zur Bedingung, daß Anstalten getroffen werden. die Flüchtlinge allmählich aus dem Lande zu ziehen. « Der Oberrabbiner von Großbritannien, Dr. J. Hertz, hat das Vizepräsidium des Nationalen Rates zur Verhinderung vor Kriegen übernommen. Verjudung, Vertschechisicning, Vemegenwg In Wien stehen die Wahlen in die Studentenkammer bevor Die Wahlkampagne der deutschen Studentenschaft begann damit, daß sich zunächst deutsche Studenten auf der Rampe der Universität zu einer ,,spontanen" Kundgebung versammelten. Dabei wurde zum wiederholten Male versichert, daß die deutsche Studentenschaft fest auf ihrem Platze stehe, um deutsches Wesen vor jeglicher Ueberfremdung zu schützen. Einige Tage vorher hielt der bekannte Hakenkrenzier Körber, Diplomkaufmann von Beruf und Germanenrecke von,Ansehen, einen Vortrag mit Lichtbildern über das Thema1 „Die Ueberfremdung unseres Volkstums". Er beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Gastspiel der Josefine Baker und forderte die Regierung auf, dieses Gastspiel rechtzeitig zu verhindern, da sonst „Folgen emtreten könnten, die alle sehr bedauern würden1*; zum Schlüsse rief er das deutschgesinnte Volk in Oesterreich zum Kampfe gegen die Verntggerung von Kunst und Literatur auf. Man sieht, die Herren vom Hakenkreuz kommen aus der Furcht vor Ueberfremdung gar nicht heraus. Wenn „Jonny aufspielt", so fürchten sie die Verjudung, und wenn Josefine tanzt, so fürchten sie die Vernegerung. Un Krantz-Prozeß hat ein Sachverständiger von „degenerierten Germanen** gesprochen, Die Ueberfremdungsfurcht scheint Ausfluß der Degeneration zu sein, das Symptom einer Unterlegenheit, die dem Gefühl der Schwäche entspringt. Die alten Germanen waren ein tapferes Geschlecht; sie fürchteten Gott und sonst niemand auf der Welt, Ihre heutigen Nachkommen dagegen furchten sich schon vor den Fußtritten einer tanzenden Negerin. Und an diesem furchtsamen Wesen soll einmal die Welt genesen? Furcht ist wie das Gähnen, es steckt an. So haben es denn auch die den Hakenkreuzlern geistesverwandten magyarischen Studenten ebenfalls mit der Furcht zu tun bekommen. Wie aus Budapest gemeldet wird, haben dort die nationalen ungarischen Burschenschaftsverbände beschlossen, gegen die Aufführung der KFenekschen Oper, „Jonny spielt auf'*, zu demonstrieren. Merkwürdigerweise" haben diesmal — ausnahmsweise — die nationalen ungarischen Studentenverbände Furcht nicht vor der Verjudüng, sondern vor der Vertschechisierung; sie halten nämlich den Wiener KFenek für einen Tschechen. — So verschieden nun die reaktionären nationalistischen Elemente in den verschiedenen Ländern auch sind, — in Haß \md Furcht gleichen sie einander. Die amerikanische Pilgerfahrt und der Numerus clausus Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Oberpräsidialrat Dr. Anttn Radö einen Artikel, worin er die Amerikareise der ungarischen Abordnung zur Enthüllung des Kossuth- Denkmales in New York zum Anlaß nimmt, abermals auf die offenkundige Verletzung der Rechtsgleichheb. hinzuweisen, die die von der ungarischen Regierung im Parlament eingebraehte Novelle zum Numcrus-clausus-Gesetz enthält. Einige Stellen aus seinen beachtenswerten Ausführungen seien hier wiedergegeben. Radö schreibt: „Am 5. März tritt eine fast dreihundert Köpfe starke Abordnung von Ungarn die Reise nach New York an, um der feierlichen Enthüllung des dort errichteten Kossuth-DenkimJs beizuwohnen. Oberhaus und Abgeordnetenhaus, Komitatc*. und Körperschaften, prominente Pen önlichkeiten unseres öffentlichen Lebens werden sich in Cheibourg einschiffen und nach fünftägiger Fahrt den Boden der Vereinigten Staaten betreten. Es werden dort gewiß aucri Auf Veranlassung der „Bnei Brith ‘-Loge und der Vereinigung „Achduth Hasephardim" in Beirut hat die Vereinigung der sephardischen Juden Jerusalems beschlossen, ein Komitee einzusetzen, das sich mit der Organisation und der kulturellen Förderung der sephard'- sehen Juden Beiruts befassen soll. Das Komitee, dem u. a. auch David Yellin und Abraham Almaliach angehören, ist bereits von weiteren großen Gemeinden Syriens aufgefordert worden, seine Tätigkeit auszudehnen. Zwecks Fühlungnahme mit der sephardischen Judenheit Aegyptens hat sich eine spezielle Kommission, die von der „Hitachduth Hasephardim" in Jerusalem bestellt worden ist, nach Aegypten begeben. C Am 21. Februar ist das schwedische Mitglied der Mandatskommission des Völkerbundes, Frau Dr. A. Bugge- W i c k s e 11, gestorben. Sie hat in der Mandatskommission speziell auf dem Gebiete des Palästina-Mandates gearbeitet, fungierte u. a. als Berichterstatterin über die Petition der Agudus .Tisrocl. * Am 8. und 9. April d. J. wird in Budapest die erste Konferenz der erst vor kurzem von der Regierung legalisierten zionistischen Organisation Ungarns stattfinden. * Vom 3. bis 5. März findet im Jugendland Zossen bei Berlin die Jahrcskonferenz des deutschen Hcchaluz statt. In der Stadt Fall River in U. S. A., im Staate Massachusetts, ist der erst im September v. J. eingeweihte Tempel »Beth El« bei einem Riesenbrande, der sechs Häuserblocks vernichtete, bis auf den Grund abgebrannt. Als der Tempel schon in hellen Flammen stand, stürzte der Rabbiner der Tempelgemeinde, Norton G o 1 d b e r g, in den ganz in Rauch gehüllten Gebetraum und barg die gefährdeten Thorarollen unter Gefahr des eigenen Lebens. Kurz nachdem er mit den geretteten Thorarollen das Gebäude verlassen hatte, stürzte die Decke ein. im Namen der „old country" schöne Reden gehalten werden; man wird die bebre Gestalt Kossuths glorifizieren, man wird den Geist, der sein Wirken beseelte, heraufbeschwören, man wird sich der amerikanischen Dichter erinnern, die ihn seinerzeit in schwungvollen Oden begrüßten. Es ist nun wahrscheinlich, das gerade um die 2eit ein neues Gesetz in unser Corpu* juris eingefügt wird, ein Gesetz, das wie ein Hohn klingt auf den Ruf der Demokratie und der Freiheit, der aus dem Hifthorn Kossuths ertönte. Was werden die Delegierten Ungarns antworten, wenn man unter dem Sternenbanner sich bei ihnen erkundigt, ob es wahr ist, daß im Lande Kossuths eine der w:chtigsten Freiheiten, die Freiheit des Lernens, mit Füßen getreten wird? Ob es wahr ist, daß im Lande Kossuths eine gekünstelte Klassifizierung der Bürger ins Leben gerufen wird, nur um eine gewisse Zahl von Talenten aus den höheren Schulen ausschließen zu können?" — Darauf wäre zu sagen; Gewiß werden im heutigen Horthy-Ungarn die wichtigsten Freiheiten, darunter auch die Freiheit des Lernens, mit Füßen getreten. Aber die Amerikaner sind höfliche Leute, sie werden die ungarischen Gäste durch ähnliche Fragen nicht in Verlegenheit bringen Der Talmud vor Gericht Baron Alfons Luzsenszky hatte den Ehrgeiz, ein ungarischer Rohling zu werden. Er stellte ein Pamphlet zusammen. das er als Uebersetzung des Talmud ankündigte, und worin er nach Rohlingischem Muster durah gefälschte Zitate beweisen will, daß die Juden im Sinne der Urschrift des Talmud Feinde des Christentums seien und nichts anderes im Schilde führten, als die Christen zu vernichten. Natürlich belehre der Talmud den Juden darüber, auf welche Weise man den Nichtjuden betrügen und ihn um sein Hab und Gut bringen könne. Zwei jüdische Kaufleute hatten nun in offenen Zuschriften die Behauptungen des Baien Luzsänszky als unverschämte Lügen und gemeine Unterstellungen bezeichnet. Alfons Luzsenszky klagte darauf beide Briefschreiber wegen Ehrenbcleidigung. Beide Angeklagten wurden vom Budapester Strafbezirksgericht ohne Zulassung des Wahrheitsbeweises zu Geldstrafen verurteilt. Gegen das Urteil meldeten sämtliche Prozeßparteien die Berufung an. Der Appellationsscnat. der sich in diesen Tagen mit der Angelegenheit befaßte, hob das Urteil der ersten Instanz auf und wies das Bezirksgericht zur Durchführung des Beweisverfahrens an, weil es im öffentlichen Interesse liege, festzustelien, ob der Talmud das Christentum verletzende Stellen enthalte. Die Verteidiger der Angeklagten haben die Vernehmung des Fürstprima» Ser 6 di, des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, des reformierten Bischofs Baitazär und des Szegeder Oberrabbiners Dr. Immanuel L ft w als Sachverständige beantragt. — Es gehört schon mehr als gemeiner Unverstand dazu, heute noch den Talmud als christenfeindlich hinstellen zu wollen. Der Talmud ist heute kein versiegeltes Buch mehr; er ist in fast alle Kulturspraches übersetzt, und man braucht ihn bloß aitfzuschlagen, um fesfzustellen, was er enthält. Antisemitische Postler Die Reaktion in Deutschland weist zahlreiche Grandtypen auf, aber immer wieder tritt eine neue Spezies bmesu. Die aller neueste dürfte wohl der j u d e n f e i n d 1 i c h e Postler sein. Sicher gibt es diesen Typus schon seit den Tagen, da die reaktionäre (Strömung in Deutschland Hochging und immer weitere Kreise erfaßte; nur kam es bisher nicht recht zum Vorschein. Erst durch einen iProzeß, der gegenwärtig gegen den Getreidehändler Lippmann vor dem Breslauer Schöffengericht geführt wird, tritt der jadenfeindliche Postler siahtbar in die Erscheinung. Der Anklage liegt folgender Tatbestand zugrunde: Lippmann, ein angesehener Kaufmann in (Breslau, der in Ausübung seines 1Berufes häufig das Telephon benützt und in den letzten vier Jahren nicht weniger als 13.000 Mark an Fernsprechgebühren zahlte, •hatte einige Gespräche wegen Störungen reklamiert. Da jedoch die Postvcrwaltung den Betrag für die nichtgeführten Gespräche nicht zurückerstatten wollte, strengte er gegen sie einen Zrvilprozeß an. Darauf erstattete die Post gegen Lippmann eine Anzeige wegen (Betruges, Beamtenbeleidigung und Nötigung. Lippmann hatte nämlich einige geringfügige Beträge irrtümlicherweise reklamiert und überdies gegen Postinspektor Palm ein Disziplinarverfahren gefordert. 'Bei der Vernehmung durch die Kriminalpolizei hatte der Angeklagte auf dem ihn betreffenden Aktenstück, das von dem .Staatsanwaltschaftsrat Speer unterzeichnet war, folgende Randbemerkung gesehen: ^Exemplarische' Bestrafung am Platze, geschäftsmäßiger Betrüger. Haltet den Dieb!" Staatsanwaltschaftsrat Speer ist als deutschvölkisah bekannt. Ebenso ist Rechtsanwalt Halbe, der die Reichspost als Klägerin vertritt, deutschvölkisch. Und der Hauptbelastungszeuge Postinspektor. Palm ist es ebenfalls. Ln der Verhandlung wurde festgestellt, daß Postinspektor Palm den Strafantrag veranlaßt habe, mithin der Anstifter des ganzen Prozesses sei. Nun hat aber der Prozeß plötzlich eine sensationelle Wendung genommen. Die (Breslauer Oberpostdirektion ist vom PbetminÄsterium ersucht worden, den gestellten Strafantrag zurückzunehmen und auf die Einstellung des ganzen Verfahrens hinzuwirken. Man erwartet allgemein, daß unter Hinzuziehung des Bedeutungslosigkeitsparagraphen des Strafgesetzbuches das Verfahren eingestellt werden wird. — Durch Einstellung dös Verfahrens wird dem Juden Lippmann die Möglichkeit tzur Rehabilitierung genommen werden. Den antisemitischen Postbeamten aber, die den Prozeß verschuldet haben, wird sicherlich kein Haar gekrümmt werden. Fiebertranme Die Deutschvölkisahen werden jetzt öfter von Angstzuständen, Alpdrücken, von allerhand quälenden (Halluzinationen heimgesucht, iln ihren herzbeklemmenden Wahnvorstellungen sehen sie die jüdische Weltherrschaft heraufkommen und. den Stern Deutschlands untergeben. Wir wissen micht, aus welchen verdrängten Komplexen solche grausliche Traumgesichte entstehen, wir wissen nur, daß diese Wahnideen bei Ludendorff begonnen, bei seiner kongenialen Gattin sich fortgesetzt und dann allmählich wie eine schleichende Krankheit das “ganze deutschvölkisch-antisemitische Lager-erfaßt haben. In besonders starkem Maße kam kürzlich diese Krankheit bei den völkischen Führern Wulle und v. Graefe zum Ausbruch- Bekanntlich äußern sich' solche Ausbrüche zumeist in „Enthüllungen". Und so „enthüllte" denn jüngst das von Wulle und v, Graefe redigierte „Deutsche Tageblatt" den „Generalstabsplan" der Freimaurer, der folgende Punkte enthält: „Das Hochziel der ijüdisch-freimiaurerischen Verschwörung ist die Beseitigung Deutschlands als Nationalstaat, und zwar nicht nur als Monarchie, sondern auch als Republik, Die 'Mittel zu diesem Hochziel, dem die Aufrichtung der alljüdischcn Weltherrschaft zugrunde liegt, sind Verbrechen, Kriege, Revolutionen und Wirtschaftskrisen, Die jüdisch Jreimaorerische Weltverschwörung 'hat im Kampfe um \AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAkAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAJ£ < Vereini gte J tidische Weinbauerngenossenschaft ► ► Richon-le-Zion & Zichron-Jacob (Propr. Baron Edmonde de Rothschild) Palästina empfiehlt ihre SORTEN WEINE in Fässern und Flaschen Repräsentanz und Alleinverkauf GUSTAV WILDER WIEN, IV. Bezirk, Blechturmgasse Nr. 12 — Telephon Nr. 53*5*92 Die Weine entsprechen den rituellen Vorschriften ► ► ► ► ► ► ► ► ► t ► ► ► X ► ► +Tf'9vvwv'i'fvrvvivvrvvwTfv'fvvwvvTrvrvTfvmwvTvv'rwrwwvvwvwvvvvvwrrrwTVTWWVTfwwxr Antisemitenspiegel