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Die Stimme · 1928-03-01 · Heft 9 (1.3.1928) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 9 (1.3.1928)
Date
1928-03-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 9 DIE STIMME Sette 7 Die Macht der frühen Kind» heitseindrücke In einem Winkel meiner Schreibtischlade liegen seit drei Jahren hunderte Schüleraulsätze von jüdischen Wiener- und Flüchtlingskindern, Die Themen lauteten: 1. Ein Ereignis aus meinem Leben. 2 Ein Aufsatz freier Wahl oder eine selbsterfundene Erzähluhg, Es ist nun auffallend, wie häufig in den Arbeiten der Flüchtlingskinder, wenn schon nicht ihre Kriegs-oder Pogromerlebnisse, die damals 6 bis 8 Jahre zurücklagen, so doch Mord, und andere blutrünstige Geschichten auftauchen. Hier sehen wir in gewissem Normalmaße allgemein eine schädigende Wirkung, die sich bei schwächerer geistiger Konstitution ins Krankhafte steigert. Im östlichen Kriegsgebiet wird von dem bekannten Psychologen Prof. Dr. Schneerson und seinen Schülern heute vielfach der Fall beobachtet, daß im Gedankenleben eines Kindes, das ins Pubertätsalter tritt, plötzlich das gräßliche Ereignis der frühen Kindheit, welches früher an ihm spurlos vorbeigegangen zu sein schien, eine schädlich beherrschende Rolle spielt. In W i e n konnte ich einen Fall von Wahnsinnsausbruch bei einem früher lustigen Pogromwaisenknaben beobachten. Dae Waimgebilde, das ihn am meisten quälte, bestand daiin, daß er sich auf einem Schiffe wähnte. In der Meeresflut sah er die blutigen Leichname seiner Eltern schwimmen und immer wieder schrie er gellend auf, man möge das Schiff anhalten, damit es die Leichen nicht überfahre. In diese Reihe müssen wir auch den sechzehnjährigen Jungen stellen, dessen diebische Veranlagung vor kurzem ein Psychoanalytiker darauf zurückführte, daß er sich im Alter von 5 bis 6 Jahren, in der Zeit der größten Kriegsnot, in einem Heim befand, in welchem es unter den Kindern als größte Ehre galt, Lebensmittel zu stehlen. Selbstverständlich wirken nicht nur einmaliges krasses Erleben oder schlechte Eindrücke in früher Jugend auf die spätere Entwicklung; auch wenn die Erziehung in ruhigen Bahnen normal dahinfHeßt, sind die ersten Lebenserfahrungen nicht selten richtunggebend für das spätere Denken und . Fühlen. Man wird es daher verstehen, wenn ein jüdischer Lehr junge, der die ersten sieben Jahre seines Lebens bei christlichen Bauern verbrachte, die zweiten sieben in einem jüdischen Waisenhause, das Bauernhaus meint, wenn er „zu Hause" sagb und daß ein anderer, der zehn Jahre bei bäuerlichen Pfiegeeltern, dann aber in einem Wiener städtischen Waisenhaus lebte, wo doch gewiß keine Missionsarbeit geleistet wird, sich an seinem 14. Geburtstage taufen lassen wollte. Aber man wird es auch verstehen, weshalb der denkende Jude fremdreligiöse Eindrücke auf sein kleines Kind unbedingt zu meiden sucht und es bekämpft, wenn jüdische Familien ihre Kinder christliche Feste feiern lassen. Gewiß, die Eindrücke, welche Ge“ schäftsauslagen, Kindergarten und Schule zu Ostern und Weihnachten vermitteln, sind, ohne Gegenwirkung, für unsere Kleinen überwältigend. Diese ist aber so einfach! Mein vierjähriger Junge weiß schon, daß Abraham unser Urur-usw.-Großvater ist, wir Juden also eine große Familie bilden. Er versteht, daß er die schönen Bräuche des Geburtstages. Weihnachten der anderen großen Familie nicht mitfeiern kann und ist schon deshalb ohne Neid, weil auch unsere große Familie schöne Geburtstags- und Erinnerungsfeiern besitzt. In Erkenntnis der Wichtigkeit der frühen Kindheitserinnerung bildet schon seit langem die U nterbringung der vorschu1pf 1 ichtigen Pflegekinder eine besondere Sorge der Kultusgemeinde. Ein jüdisches Heim für dieses Alter gibt es nicht und das unter: jüdischer Leitung stehende interkonfessionelle Heim vermag nür eine verhältnismäßig geringe Anzahl jüdischer Kinder zu erfassen. Jüdische Pfiegeeltern melden sich kaum, denn die wissen nicht, wie sie das Kind, bei dem geringen Pflegegeld, das übrigens dem der Gemeinde Wien zumindest gleich ist, ernähren und pflegen sollen, wenn sie daran noch etwas verdienen wollen. Christliche Erwerbspflege gibt es aber genügend. Die Anmeldungen von Ehepaaren, die ein Kind adoptieren wollen, zeigen uns, daß es viele bürgerliche Kinderlose gibt, die gerne ein Kind annehmen würden. Wer aus materiellen oder sonstigen Gründen nicht an die Adoption eines Kindes denken kann, möge ruhig einen Pflegebeitrag ansprechen und sich der schönen Aufgabe widmen, ein verlassenes jüdisches Kind, das viel leicht aus Elendskreisen kommend, zuerst nicht immer den besten Eindruck macht, gut und jüdisch zu erziehen. Siegfried Abeies. Aus den zionistischen Ortsgruppen Wien Zionistische Sektion IV/V. Die sich aui alle Wiener Ortsgruppen erstreckende Neuorganisierung fand ihren Niederschlag in einer Versammlung, welche für die Bezirke IV/V am 8. v, M. stattfand. Einem zahlreich erschienenen Publikum referierten die Herren Adolf Böhm und Dr. E. M. Zweig (Jerusalem) über den derzeitigen Stand innerhalb der zionistischen Bewegung und in Erez Israel. Eine größere Zahl neuer Mitarbeiter wurde gewonnen. Als nächste Veranstaltung findet am 10. März eine Purimfeier statt. pillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllinilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllillllllillllllllllllllllllllllllllllllliiilllllllililllj H Die weltberühmten und bevorzugtesten | Amerikanischen 1 Manischewitz Matzos Grieß QooooaaaoouDoocoooo acaca § mxia"rD,nj>»,2so § aaaaaaaaoanaaDaaoaaoaaaS Farvel Ejj treffen in den nächsten Tagen ein und werden in H allen besseren Lebensmittelgeschäften erhältlich sein 1 Manischewitz Matzos-Vertrieb | Wien, II., Fuebachgasse 24 (Nordbahnstraße 38) H Telephon Nr. 75-9-32 und 42-3-58 Zionistische Sektion Hietzing. Dieser Bezirk hat in den letzten Jahren keine wesentlichen Erfolge in der zionistischen Arbeit aufzuweisen gehabt. Das Zionistische Landeskomitee traf alle Vorbereitungen, um auch in diesem Bezirke eine geregelte zionistische Arbeit zu sichern und berief für den 13. ds. eine Besprechung ein, an welcher eine große Anzahl Zionisten teilnahm. Nach einem ausführlichen Referate des Präsidenten Dr. Leo Goldhammer über den derzeitigen Stand der Arbeit in der Organisation besprachen die Anwesenden die zu unternehmenden Schritte, um die Sektion zu reaktivieren. Prof. Dr. Wilhelm Stein referierte über Arbeitsplan und organisatorische Maßnahmen. Für die erste Märzhälfte wird bereits die erste große Veranstaltung vorbereitet. Die einmütige Zustimmung der Versammelten und ihre Bereitwilligkeit zur Arbeit lassen gute Erfolge erhoffen. Parteirat der österreichischen Zionisten Samstag den 25. Februar konstituierte sich der Parteirat der österreichischen Zionisten. Er zählt nach der Verifizierung der Wahlen durch das Parteigericht, wie dessen Vorsitzender Dr. Desider Friedmann berichtete, 53 Mitglieder; davon waren 35 Mitglieder anwesend. Zum Obmann des Parteirates wurde Dr. Israel Tauber, zu seinem Stellvertreter Dr. Dagobert Rybaczewski, zur Schriftführerin Frau Rebekka Weiner gewählt. Vor Eingang in die meritorischen Beratungen verlas Generalsekretär Dr. Gelber das an den Präsidenten des Landeskomitees Dr. Goldhammer gerichtete Schreiben des Präsidenten der Zionistischen Exekutive, Nahum S o k o 1 o w, das wir an anderer Stelle im Wort, laut veröffentlichen; es wurde mit lebhaftem Beifall aufgenonxmen. Sodann erstattete Präsident Dr. Goldhammer dem Parteirat Bericht über die ersten drei Monate der Tätigkeit des auf dem letzten Delegiertentag gewählten Landeskomitees. Dieses hat sich, wie der Redner ausführte, am Tage des Ablebens des unvergeßlichen Oberrabbiners Dr. Chajes konstituiert und mußte seither den größten Teil seiner Arbeitskraft daransetzen, um einen Zusammenbruch des Kultus- und sozialen Hilfswerkes, welches Oberrabbiner Dr. Chajes geschaffen bat, zu verhüten. Es ist auch gelungen, diese Institutionen für das Jahr 1928 zu sichern. Für die weitere Sicherung ist eine auf breiter Basis unter Heranziehung der gesamten jüdischen Bevölkerung Wiens gedachte Aktion im Zuge, welche über Initiative des Landeskomitees eingeleitet wurde. Die von Dr. Chajes s. A. initiierte Arbeit für die Gründung des Pro-Palästina-Komitees ist vor kurzem zu Ende geführt worden. Die von Herrn Adolf Böhm noch vor dem Delegiertentage eingeleitete Werbeaktion zur Auffüllung der Sektionen und Ortsgruppen wurde in den drei Berichtsmonaten mit Hilfe einiger neugewonnenen Kräfte fortgesetzt. In Sankt Pölten, Krems und Hietzing wurden die Ortsgruppen reaktiviert. Die Verbindung mit den anderen Ortsgruppen wurde enger gestaltet. Für die Monate Nissan und Ijar steht die Schekelarbeit bevor, weshalb die Landesschekelkommission ehestens zu bilden ist. Die von der Zionistischen Organisation in Wien begründeten Kindergärten standen, da die Kindergärtnerinnen den gesetzlichen Anforderungen in Bezug auf die Staatsbürgerschaft und die Dauer der Praxis nicht voll entsprachen, vor der Gefahr, geschlossen zu werden. Diese Gefahr konnte das Landeskomitee im Einvernehmen mit dem Wiener Stadtschulrat beseitigen, in Kürze wird die E röffnung zweier neuer Kindergärten im 2, Bezirk erfolgen. Es ist dem Landeskomitee gelungen, fast sämtliche vorhandenen Jugendgruppen zu vereinigen; diese Vereinigung hat bereits ihre Leitung gewählt, Redner wies dann kurz auf die bevorstehende Arbeit für die Kultusgemeindewahlen, über die gesondert referiert werden soll und auf die Notwendigkeit der Bildung der vom Baseler Kongresse angeregten Arbeitsgemeinschaft der zionistischen Fraktionen hin. Die vom Landeskomitee herausgegebene Zeitschrift “Palästina“, führte Dr. Goldhammer weiter aus, die im In- und Auslande besten Anklang gefunden hat, ist, wie der noch separat erstattete Bericht zeigt, so weit, daß sie heute eine Aktivpost des Landeakomitees bildet. Das frühere Landeskomitee sowie der frühere Parteirat haben wiederholt die Schaffung eines eigenen Woehenorganes beschlossen und dieser Beschluß wurde auch vom letzten Delegiertentag ratifiziert. In seiner Durchführung erscheint seit Anfang dieses Jahres an jedem Donnerstag dar. Wochenblatt ,,D ie Stimme', das sich bisher überraschend gut durchgesetzt hat. An den Tätigkeitsbericht knüpfte sich eine eingehend« Debatte, die infolge vorgerückter Zeit nicht zu Ende geführt werden konnte, weshalb die Beratung in den nächsten Tagen fortgesetzt werden wird. Vereinsnachrichten Jüdische Volksbibliothek „Zion“ (Wien II.. Glockengüsse Nr. 30). Sonntag den 11. März halb 8 Uhr abends im Festsaal des österreichischen Plandelsmuseums, IX., Berggasse 16, Purim-Akademie mit reichhaltigem Programm. Jüdischer Verein Nord-Ost. Donnerstag den 1. März 8 Uhr abends im Vereinslokale II., Taborstr. 21 a Vortrag Doktor Alex. Neuer über Individualpsycbologie. Gäste willkommen. Zionistische Frauenorganisation IX. Samstag den 3. März um halb 9 Uhr abends in den Prunksälen des Handelsmuseuni? IX., Berggasse 16 Gesellschaftsabend mit Tanz. Zionistische Sektion XX. Samstäig, den 4. März, %8 Uihr abends, im Lokal XX., Jägerstraße 30, Vortrag des Herrn Löbl Taubes. Thema: „Jocthaaaan ben Sakkaii.“ Organisation zionistischer Frauen Oesterreichs. Donnerstag, den 1. März, 5 Uhr abends, im Klubhehm der IHWkoaJi, I., WippJAngerstraße 24, EH. Vortrag des „Zyklus für die jüdische Frau“. Referentinnen: Frau Sophie Löwen herz: „Leistungen und Aufgaben der W. LZ. 0.''; Frau Dr. Martha Hoff mann: „Die Konferenz der W. I. Z. O -Verbünde in Prag.“ — Die ursprünglich für den ersten Dienstag eines jeden Monats langesetzte Sitzung der Leitung und der Bexirksvertreterinnen findet diesmal wegen des Purimfestes am MHiwooh, den 7. März, um 6.15 Uhr abends im Sitzungssaale des Landeskomitees, I., Kärntnerstraße 28, statt. Pfadfinderbund „Zirenu“, Donnerstag, den 8. iMärz, um %8 Uhr labends im Vereinslokale, V33I., Bennoplatz la, Jugendaneeting, bei dem Dr. Josef Lowenlherz über das Thema „Assimilation und Zionismus“ sprechen wird. Jugendliche Gäste sind herzlich willkommen. Vereinigung der Absolventen und Hörer des jüdischen Pädagogiums in Wien (I„ Drahtgasse 4, Jüdisches Pädagogium). Alle Absolventen des Pädagogiums in, Wien und auswärts werden dringend ersucht, ihre Adresse dem vorbereitenden Komitee (Adresse oben) eiuzusenden. Für die in Wien weilenden Absolventen und Hörer finden;jeden Mittwoch, H8 Uhr abends, im Jüdischen Zentrum, H., ‘Untere Augartenstrfaße 35, L Stock, Saal 27, geschlossene hebräische Vortrags¬ und Diskussionsabende über Probleme der hebräischen Erziehung und Literatur statt. Zionistische Mädchenvereinigung „Mirfam“. Sonntag, den 4. März, im österreichischen Handelsmiuseum, IX., Berggasse Nr, 16, Purimfest mit Vorträgen und Tanz. Jüdisches Zentrum (BI., Untere Augartenstraße 35). Sonntag, den 4. März, pünktlich um 4 Uhr ntaohmittags, künstlerischer Nachmittag unter Mitwirkung von Thea GottlJeb i(Gesang), Joachim Stutschewsky (Violinoello), Dr. Max Präger (Jüdische Schwänke). Wiener Beth-Hamidrasch (II., Tempelgasse 3). Vorlesungsprogramm: Samstag, den 3. Marz, 4—-5 Uhr, Lektor Dr. Rubin: Rolle Esther; Sonntag, den 4. März, 5-—6 Uhy, Lektor Dr. Gelbhaus: Mechilta; 6—7 Uhr, Dr. Rubin: Midrasch; Donnerstag, den 8. März, 6—7 Uhr, Rektor Hofrat Dr. Schwarz: Mischna; 7—8 Uhr, Dr. Gelbhaus: Sentenzen des Rabbi Nathan. Briefkasten der Redaktion L. Z. Neunkirchen: Ist in jeder Buchhandlung zu beziehen. — K. M. Wien: Besuchen Sie uns an einem der nächsten Tage in der Redaktion. — H.G. Wien; Sie wünschen eine Erörterung darüber, daß die Behauptungen der Wiener Agudah-Leute, die Zugehörigkeit zu ihrer Richtung schütze vor dem Austritt aus dem Judentum und vor Mischehe u. dgl. und schreiben; „Zwei Töchter des Vorstandsmitgliedes der Schiffschule und des Obmannes der (allerdings nur aus Propagandarücksichten auf dem Papier existierenden) Vereinigung der „orthodoxen“ Bethäuser sind aus dem Jude nt um ausgetreten und haben Nichtjuden geheiratet. Ferner haben der Sohn des Kassiers der Schiffschule und so ein Sohn einer führenden Persönlichkeit des Vorstandes der Schiffschule haben ebenfalls Nichtjüdinnen geheiratet und die beiden ersteren haben es nicht einmal für notwendig befunden, auf ihre Ehrenstellen zu verzichten, obwohl es — abgesehen von allen anderen Gründen — schon der gute G*‘ schmack als geboten hätte bezeichnen müssen. die$ zu tun, um der Jugend kein böses Beispiel zu geben.“ — Diese Dinge sind stadtbekannt und bedürfen keiner Erörterung über die Dogmen der Agudisten und ihre praktische Anwendung. — ( T. R. Graz; Bericht erscheint in der nächsten Nummer. 2323532353534848232353232323484823484853232353482353484848484823532323050000005353482353535353535389 5348235348532353232323484823484853532353232348234853

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