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Die Stimme · 1928-03-01 · Heft 9 (1.3.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 9 (1.3.1928)
Date
1928-03-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 9 wieder in seinem alten Glanze erstehen. Wir haben dort einen Tempel der Wissenschaft errichtet und wir haben bewiesen, daß wir uns selbst verwalten können, daß wir ebenso wie die anderen den Boden bebauen können, wir haben die hebräische Sprache zu. neuem Leben erweckt. Als das Projekt auftauchte, da., tahd wieder aufzubauen, da hatte ich keine Sorge, wohe* wir das Geld nehmen werden, ich hatte nur die eine Sorge* ob wir die geeigneten Menschen finden werden. Wir haben diese prächtigen Menschen gefunden, die mit Hintansetzung ihres eigenen Lebens den Boden entsumpfteh, den Kampf mit der Malaria aufnahmen, die mit ihrer Hände Arbeit das Land zu neuem Leben erweckten. Es ist kein Projekt mehr, man kann es sehen, es ist kein Experiment mehr’ man kann cs greifen* die neuen Menschen erzeugen den neuen Geist* sie schaffen die Heiligkeit des Lebens* die Religion der Arbeit. Sie weinen nicht, sie singen den neuen Psalm; es ist ein wahrhaft prophetisches Leben, das sich in Erez Israel ent* wickelt. In Palästina hört man als Gruß nur ..Schalom1*, das Wort „Friede". Die ganze Welt durstet nach „Schalom", wir wollen im Lande des „Schalom*1, den ewigen Frieden für uns und für’ die ganze Welt erreichen. Dazu wurde der Zionismus gef|bj^eti.“ (Stürmischer, sich immer wieder erneuernder Beifall.) +‘; (Per der Massenversammlung folgende Tag, der 21* pebruar, war Konferenzen des Präsidenten mUt hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten glns über Fragen des Keren Hajessod gewidmet. 1^2. Februar stattete Präsident Sokolow dem di sehen Realgymnasium einen Besuch ab und wohnte dem hebräischen Unterricht in der 5. Klasse der Anstalt bei. Er ließ sich den Lehrkörper vorstellen und verweilte längere Zeit mit den Schülern, welche ihm zu Ehren Spalier bildeten, in angeregtem Gespräch. Präsident Sokolow erklärte, er habe von der Anstalt, welche eine wichtige Kulturinstitution darstellt, die besten Eindrücke empfangen und unterstrich ganz besonders ihre Bedeutung für die Wiener Judenschaft. Am gleichen Tage besuchte der Präsident auch das Wiener Jüdische Museum, um dort für sein enzyklopädisches Werk, .an dem er zur Zeit arbeitet, Material anzuziehen. Der Kustos des Museums, Dr. Bronner, führte den Gast durch die Räume und zeigte ihm eine Reihe kostbarer Stücke des Museums, welche wegen Raummangels nicht dem Publikum zugänglich gemacht werden können; er gab Herrn Sokolow auch einen kurzen historischen Ueberblick über die Geschichte des Wiener Jüdischen Museums., Präsident Sokolow erklärte, daß das Wiener Museum an Reichtum und Füllc keineswegs hinter den jüdischen Museen in Deutsch” land und Amerika zurückstehe, die er kennen gelernt habe. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Zeit kommen möge, wo das Wiener iüdische Mu” seum in entsprechenden Räumen untergebracht werden kann, und'Gelegenheit haben wird, seine reichen Materialien zur Geschichte des Zionismus, die es besitzt, in einem eigenen Raume zur Aufstellung zu bringen. Am Abend des 22. Februar sprach Sokolow im Hdfel^nCbn^inentäl,,^zuF Wrerier jüdischen Jugend. Sid-war in Scharen5 herbeigeeik, um Sokolow zu sind;; * mit inf > Kauf ■ nehmen.: 1 > >*Im Prinzip« sind natürlich '.i alle -II jüdischen- »Mädchen schön und der königlichen' Kröne wüfcdigii— und' doch muß man sagen’, daß igerade-iri-der Wahl der armen Yemenitin. welche diei Gegenkärididatirinen* die; blonde »Russin« und; die ’ arideren/;: reichen 'A Kronprätendantinnen spieleridräus dem Felde^sch'hig;keinefbesondere Art der' jüdischen- Solidarität; in reinster Form; zum Ausdruckkatn. f/ Es liegteintiefer nationaler Sinn in der ■; Einsetzung/ der kleine^ 'bräunen, bodenständigen; i <h>e b r ä-is c h e n Yemenitin in die -Würde der* Königin Esther. ick ,: ■ -1 -kFür^den Historiker der jüdischen Könige und Königinnen dürftees aber doch - von besonderem Werte sein, zu! erfahren, daß diese yemenitische Königin ausschließlich' voll »Schiknäsim« 1 (so sprechen die; Yemehiten das Wort »Asöhkenärim« aus) designiert wurde; zufnaL eben:diei Yemeniteh 'an1 der Wahl gar nicht -t eil genommen; hatten. Sie ahnten einfach nicht, daß es dai um so große Dinge - gehe; schliefen; wie immer, den Schlaf der Gerechten i und Abgeräckerten, Während' die kleine Yemenitin, ihre Schwester, über Nacht zur Königin erhoben wurde. Am Morgen-nach der Wahlnacht standen die yemenitischen Lastträger/ wie alltäglich, an den' Straßenecken in Tel-Aviv und warteten auf •— die Ladt. Andere wieder trugen in der Stadt Kurszettel aus und stellten den verschiedäntlichen Büros Schriftstücke zu. Und kleine schlanke Yemenitinnen hihgen, wie immer, in den' Fensterrahmen der besseren Häuser und scheuerten die Scheiben blank. Aber es war trotzdem angenehm, gerade an diesem Tage den Yemeniten zu begegnen; und daibei das Gefühl zu haben, daß der schmerzliche Gegensatz zwischen >>arm« und »reich« in der letzten Nacht aufgehoben wurde> Und es war ebnso angenehm, am Morgen nach der Wahlnacht, der »Königin« selbst zu begegnen; wenn sie, wie immer, mit Milchkrügen beladen, auf ihrer kleinen Eselin durch die Straßen reitet und in ihren schönen, schwarzen, noch etwas schlaftrunkenen Augen— der königliche Traum glüht .... ERMÄSSIGTE MITTELMEER^ FAHRTEN JEDEN MONAT S I TMAR^, WIEN KÄHNTNERRINO I» hören; viele Hunderte von jungen Menschen konn* ten keinen Einlaß mehr finden, da der Saal wegen Ueberfüllung polizeilich gesperrt werden mußte. Sokolow hatte das Thema „Unsere Kulturbestrebungen" gewählt; wie glücklich die Wahl, wie meisterhaft die Behandlung des Themas war, bewiesen di® leuchtenden Gesichter der vorwiegend aus jungen Menschen bestehenden Zuhörerschaft, bewies der stürmische Beifall, der den Redner immer wieder unterbrach und am Schlüsse seiner Ausführungen schier nicht enden wollte. Sokolow sagte u. a.: „Dr. Leo P i n s k e r hatte, kurz nachdem seine „Autoemanzipation" erschienen war, eine Unterredung mit dem berühmten Wiener Prediger Adolf J e 11 i n e k. Dabei sagte Jellinek, er sehe die Bestrebungen Pinskers ungefähr für dasselbe an, wie die Unabhängigkeitsbestrebungen der Bewohner Bosniens und der Herzegowina. Jellinek hatte in gewissem Sinne das Richtige getroffen, denn das bloße Bestreben, di£ Juden oder einen Teil von ihnen aus ihren Wohnsitzen in der Galuth nach einem so genannten eigenen Lande zu bringen, ist ein reines Emigrationsbezw. Kolonisationsproblem und nicht an Erez Israel gebunden. Würde es bloß darum gehen, so genügte es wohl auch, die wirtschaftliche Lage der Juden in ihren Wohnländern zu bessern. Zionismus aber ist etwas anderes: Es geht darum, die Entwicklung der jüdischen Kultur wieder dort fortzusetzen, wo sie aufgehört hat. Unsere Kultur ist in Palästina entstanden und dort muß die Anknüpfung wieder erfolgen. Es gibt eben nur eine Mutter, für den einzelnen Menschen, sowohl, wie für ein Kollektivum. Wenn man fragt, worin die Kulturelemente bestehen, welche die Juden fortsetzen und ausbilden sollen, so läßt sich keine bestimmte Definition geben. Denn die jüdische Problematik is-t so reich differenziert, daß sie nicht auf eine einzige Form gebracht werden kann. Ebenso wie es für die Entwicklung der eigenen Kultur nur ein Mutterland gibt, so gibt es auch nur eine Muttersprache. Auch sie kann nicht ersetzt werden, auch nicht durch die schönste internationale Sprache, die man erfinden würde. Diese Differenzierungen gehen weit über das hinaus, was sich in der in der letzten Zeit so gern verwendeten Forderung des Judenstaates erschöpft. Wir alle wollen den Judenstaat. Es handelt sich aber darum, w i e man ihn fordert. Mit dem bloßen Lippenbekenntnis ist es nicht getan. Das ist dasselbe wie das siebenmal tägliche Gebet der Frommen für Zion, für das Jahrhunderte lang kein Finger gerührt wurde. Zum Fordern muß die Tat, vor allem die Tat gesetzt werden. Zur Schaffung des Judenstaates gehört Kenntnis des jüdischen Problems, seine geschichtliche Entwicklung und seine Erscheinung. Es macht nun den Eindruck, als ob gerade diejenigen die Forderung nach dem Judenstaat am lautesten erheben würden, denen die Kompliziertheit und das Wesen des jüdischen Problems am meisten fremd ist. Zur Schaffung des Judenstaates gehören auch Mittel. Diese Mittel müssen da sein, müssen herbeigeschafft werden. 3 W.M ’j.üi i‘:>, Nahüm SoU.Jow Grabe Theodor Her/Js auf dem Döblinger Friedhof (Rpchls; Präsident Sokolow, links; H. Adolf Scherzer und Dr. N. M. Gelber). Ihre Herbeischaffung ist sicher kein Vergnügen, aber sie muß geschehen. Es ist eben mit dem ibloßen Fordern nichts getan. Wenn wir aber unser Endziel in seiner vollen kulturellen Bedeutung erfassen, dann werden «vir die jetzt so modern® Klage, daß die Jugend uns verloren geht, weit weniger hören» als jetzt. Dl« Jugend hat weniger für Schlagworte Interesse ab für wohlfundferte Erfassung und Erklärung des Problems, um des es sieb handelt. Diejenigen, welche sich mit dem Schlagwort begnügen» sollten aus der Tatsache, daß die Jugend ihnen nicht folgt, erkennen, daß bei ihnen, nicht bei der Jugend, etwas nicht in Ordnung ist. Ich sehe in diesem Saale bei einem Vortrag über jüdische Kulturbestrebungen so viel Jugend, daß ich nicht besorgt darüber bin, ob die Jugend noch bei uns ist. Meine größere Sorge ist, ob alle Führenden bei uns wissen» was sie der Jugend zu geben verpflichtet sind. Das Pioniertum der Jugend, die Chaluziuth, ist nicht in Palästina, sondern in der Galuth entstanden, für Palästina entstanden und nicht für die Krim oder ein anderes Siedlungs- und Emigrationsland, entstanden eben aus jenem Ideal der Anknüpfun' gen die eigene Kultur, welches die Jugend verstanden hat und auch sicher immer verstehen wird. Wenn nun auf diesem Gebiet etwas geschieht, so soll es nicht durch kleinliche und verkleinernde Kritik herabgesetzt werden. Wir Juden sind wohl ein kritisches Volk und bedürfen auch einer strengen Kritik bei allen Tatsachen, die uns begegnen. Herabsetzen ist aber nicht Kritik; denn dadurch werden niemals Fehler und Mängel, die gewiß häufig Vorkommen, aufgedeckt und niemals Methoden zu ihrer Beseitigung angegeben. Die Methode des Herabsetzens erreicht das Gegenteil dessen, was die Kritik bezweckt, denn das Herabsetzen leistet nur destruktive Arbeit, während die Kritik der produktiven Arbeit dient. Die Jugend ist sicher nur für produktive Arbeit zu haben und mit ihr werden wir durch diese produktive Arbeit dem jüdischen Volke das jüdische Land und die jüdische Sprache wiedergeben." Enthusiastischer Beifall bewies, wie SokoTöw der Jugend aus dem Herzen gesprochen hatte. Donnerstag, den 23. Februar, begab sich Präsident Sokolow in Begleitung seiner Tochter und des Generalsekretärs Herrn Dr. N. M. Gelber nach Graz, wo er am Bahnhof von den Vertretern der jüdischen Gemeinde feierlich begrüßt wurde. Am Nachmittag fand ein feierlicher Empfang des Kultusvorstandes im Sitzungssaal der jüdischen Gemeinde statt, in der Präsident Sokolow in seiner Ansprache einen Ueberblick über den gegenwärtigen Stand des jüdischen Siedlungswerkes in Palästina und das Leben in den dortigen jüdischen Gemeinden gab. Am Abend sprach Sokolow im Tempel. Die gesamte Judenschaft von Graz war erschienen. Die Versammlung eröffnete der Präsident der jüdischen Gemeinde, Herr Dr. Robert Sonnenwald, mit einer Ansprache, in der er die Bedeutung Sokolows und seine bisherige Tätigkeit skizzierte. Sodann ergriff Präsident Sokolow das Wort zu einer eineinhalbstündigen Rede, in der er unter anderem folgendes ausführte: »Bei Betrachtung der Entwicklung der jüdischen Gemeindegeschichte stößt man überall auf die Tatsache, daß die Galuthjudenheit und ihre Gemeinden stets besonderes Interesse für Erez Israel und für den Pidjon schwujim (Auslösung von Gefangenen) hatte. Zur Zeit ist das jüdische Volk daran gegangen, eine eigene Heimstätte in Palästina auf der Grundlage der Balfour-Deklaration und des Palästina-Mandates zu schaffen. Die Förderung dieser Heimstätte durch Juden ist sicherlich wichtiger und bedeutender, als die seinerzeitigen Spenden für Erez Israel und für die Befreiung von Gefangenen. Heute spendet man für Palästina nicht, um Chalukagelder zu verteilen, oder einzelne Gefangene aus der Gefangenschaft zu befreien. Der jüdische Aufbau, der jetzt vor sich geht, basiert auf ganz anderen Grundlagen. Die' bisherigen Erfolge haben bereits den Beweis erbracht, daß die Juden in Palästina Werke von ewigem Werte geschaffen haben. Die jüdischen Siedlungen im Emek, die jüdischen Kolonien und die neuen jüdischen Städte beweisen, daß die Juden in der Lage sind, durch eigener Hände Arbeit neue wirtschaftliche Formen für ihr Dasein auf gesunden ökonomischen Grundlagen zu schaffen. Seit 2000 Jahren hat es der Zionismus zum ersten Male zustandegebracht, einen wirklichen gesunden jüdischen Bauerntypus mit der eigenen nationalen hebräischen Sprache zu schaffen. Dem jüdischen Chaluz verdankt das Judentum die Verwirklichung dieser Tat. Wie ein Wunder wirkt die Tatsache der Wiederbelebung der hebräischen Sprache, die bisher nur ein Sezierobjekt für Altphilologen und Archäologen gewesen war. Die Sprache der Psalmen ist heute in Palästina und unter dem Einflüsse Palästinas auch in vielen Kreisen der Diaspora eine Sprache des Alltags geworden. Der Zionismus ist nicht nur eine Kolonisationsbewegung, sondern eine ausgesprochen nationale Renaissancebewegung, die dem jüdischen Volk die eigene Scholle, die altneue Nationalsprache und neue gesunde wirtschaftliche Lebensformen verleihen wird. Pflicht aller Juden ist cs daher, sich dem Zionismus anzuschließen, zum Zeichen der Bejahung des Lebenswillens des jüdischen Volkes und das Palästina-Aufbauwerk zu fördern. Nebst der jfidischen Erziehung hat die jüdische Gemeinde auch für die Förderung der Mittel, die das Aufbauwerk finanzieren, zu sorgen. Der Keren Hajessod ist die neue Jadensteuer, die zu leisten jeder Jude, der am Judentum Interesse hat, verpflichtet ist. Nach der Versammlung fand im Festsaale des Hotel Erzherzog Johann zu Ehren des Präsidenten

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