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Die Stimme · 1928-03-01 · Heft 9 (1.3.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 9 (1.3.1928)
Date
1928-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 9 DIE STIMME Seite 3 Für den Schekel 1 Ein Manifest der Zionistischen Exekutive. Zionisten! Die Schekelarbeit hat überall begonnen. Es ist an der Zeit, daß sie in den kommenden Wochen mit verstärkten Kräften betrieben und auf ihren Höhepunkt geführt wird. Die Schwierigkeiten, mit denen wir in den letzten beiden Jahren in Erez Israel zu kämpfen hatten, werden von Widersachern unserer Bewegung im jüdischen und nichtjüdischen Lager in steigendem Maße ausgebeutet, um böswillige Nachrichten über den Niedergang des Zionismus und seines Werkes auszustreuen. Wir wissen wohl,. daß die Kraft und die Größe der zionistischen Bewegung von der Zweifel- und Eifersucht ihrer Gegner nicht berührt wird. Der Zionismus erweist sich heute mehr denn je als stärkste bewegende Kraft im geistigen Leben des jüdischen Volkes. Auf seinen Ruf folgen Hunderttausende, zu schweren materiellen und persönliche« Opfern für das Aufbauwerk bereit. Seine politische Stellung ist fester denn je. Unsere Arbeit in Erez Israel schreitet, allen Hindernissen zum Trotz, vorwärts. Unser Glaube an den Sieg des Zionismus ist ungebrochen. Aber es ist heute bedeutsamer als je, daß wir diese innere Geschlossenheit unserer Organisation ein sichtbares Zeugnis ablege n. Ein solches Zeugnis unserer Kraft ist eine erfolgreiche Schekelarbeit. Ihre Vorbereitung, Leitung und Durchführung ist eine zionistische Aufgabe von ernstester Bedeutung und Verantwortung. Daher ergeht unser Ruf an alle Zionisten: Verbreitet den Schekel, werbet der zionistischen Idee neue Anhänger, der zionistischen Organisation neue Mitglieder, helfet, daß die zionistische Organisation als größte Organisation im jüdischen Volke ihren Platz behaupte und in immer steigendem Maße alle ihrer Art und Würde bewußten Volksgenossen an sich ziehe. Die Exekutive erklärt hiedurch die Monate Nissan und I j a r 5688 — April und MLai 1928 — zu Schekelmonaten. Es ist Pflicht der Landes- und Sonderverbände, unverzüglich alle Anstalten zu treffen, um in diesen Monaten einen wesentlichen Teil der zionistischen Energien auf die Schekelarbeit zu lenken. Die Schekelblocks müssen, soweit es noch nicht geschehen ist, unverzüglich verteilt und unterverteilt werden. Die Jugend und die Frauen sollen in der großen Schekelkampagne mltwirken. Massenschekelversammlungen müssen organisiert, durch Wort und Schrift soll für die zionistische Idee gekämpft und geworben werden. Ein jeder Zionist muß fühlen, daß er für die Ausbreitung des zionistischen Gedankens mitverantwortlich ist. Zionistenf Nach Ablauf eines Jahres werden wir bereits wieder in der Vorbereitung des XVI. Kongresses stehen. Die Stärke der Kongreßdelegation. jedes Landes richtet sich nach der Anzahl der in den beiden zwischen zwei Kongressen liegenden Jahren gesammelten Schekalim. Nur die Länder, in denen die Schekelarbeit in diesem Jahre nicht weniger energisch betrieben wird als in dem kommenden Kongreßjahre können auf eine angemessene und würdige Vertretung auf dem XVI. Kongreß rechnen. Exekutive der Zionistischen Organisation: Chaim Weizmann, Nahum Sokolow, Dr. M. D. Eder, F. H. Kisch, L. Lipsky, F. Rosenblüth, H, Sacher, H. Szold, London, Februar 1928. Jerusalem, Schebat 5688 Die Religion der Arbeit, das Ideal der Jugend Nahum Sokolows Ansprachen in Wien — Der Aufenthalt des Präsidenten in Graz — Abreise nach Sofia Der Wiener Aufenthalt des Präsidenten der Zionistischen Exekutive, Herrn Nahum Sokolow, erstreckt sich auf nahezu zwei Wochen. Er war von einer Reihe von Besprechungen und Aktionen für die Propaganda des Palästina-Aufbauwerkes ausgefüllt, nachdem die Konstituierung des österreichi“ sehen Pro-Palästina-Komitees vollzogen worden war. Bei dem Massenmeeting im großen Konzerthaussaale, über dessen glänzenden äußeren Verlauf wir bereits berichtet haben, entwickelte Präsident Sokolow den Gedanken der völkerverbindenden Kraft des Zionismus in packender Darstellung. Sokolow wies einleitend auf den Zweck seines Wiener Besuches, die Gründung des österreichischen Pro- Palästina-Komitees hin, sagte der österreichischen Regierung, ihrem Chef, Bundeskanzler Dr. Seipel, und allen anderen, die sich um das Zustandekommen dieses Komitees verdient gemacht haben, den wärm' sten Dank und teilte mit, daß die Gründung eines Pro-Palästina-Komitees in den Vereinigten Staaten unmittelbar bevorsteht. Sodann führte Redner aus: „Der Zionismus ist kein Projekt mehr, er ist bereits eine vollzogene Tatsache. Wir stehen auf internationaler politischer Basis, Die große Welt hat sich unser Ziel zu eigen gemacht. Und wenn es noch innerhalb der Juden Meinungsverschiedenheiten und Pessimismus gibt, so ist das auf das uralte Gesetz der Trägheit zurückzuführen, das in dieser Frage hoffentlich bald überwunden sein wird. Palästina ist englisches Mandatsland. Es kann nicht anders regiert werden, als durch ein Mandat und das ist gut so für das Land. Palästina wird von Juden kolonisiert, ja es kann von keinem anderen Volk der Welt wieder zu neuem Leben erweckt werden. Der Areopag der Völker, der Völkerbund, wacht über das Mandat und deshalb haben wir Juden die PHicht, diese völkerverbrüdernde Institution nach Kräften zu fördern. Das Palästina-Aufbauwerk geht unter der Kontrolle der ganzen Welt im vollsten Lichte der Oeffentlichkeit vor sich. Wir laden jedermann1 ein zu uns zu kommen, jede Art der Kritik ist uns erwünscht. Wir sind Autodiktaten der Kolonisation und haben von den anderen in dieser Hinsicht noch viel zu lernen. Wir wenden uns nicht an die anderen um Unterstützung in materieller Hinsicht, wir bitten sie nur um ihren wohlmeinenden Rat und um ihre gerechte Kritik. Palästina wird aulgebaut von der großen jüdischen Masse, der Spargroschen der kleinen Leute wird unser Nationalheim wieder errichten. Gewiß, wir werden auch trachten, eine günstige Anleihe aufzunehmen, die uns auch zweifellos gewährt werden wird. Wir werden sie aber nicht als das Wesentliche bezeichnen, sondern nur als einen Schritt nach vorwärts in der Reihe unserer Erfolge. Die Wiedererrichtung des jüdischen Nationalheimes ist eine Reparationsirage geworden, eine Frage der Wiedergutmachung eines schweren Verbrechens, das an dem lebenden Organismus eines Volkes begangen wurde. Wir Juden haben unser Land nicht freiwillig verlassen, eine Katastrophe hat uns fortgerissen. Und dieser Organismus lebt trotz der unsagbaren Schicksalsschiäge, die er während vieler KARTONNAGENFABRIK < < * kttt) ajfjUTT GELBAND & Co, WIEN IX. GrundlStr. 5 Telephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ► ► ► ► t ALLEN ARTEN KARTONS Jahrhunderte zu erdulden hatte und ruft: „Vereinigt uns wieder Volk und Land, wir wurden gewaltsam von einander gerissen!1* Das amerikanische Volk hat die Anerkennung dieser gerechten Forderung besonders deutlich zum Ausdruck gebracht. Senat und Kongreß haben einmütige Resolutionen gefaßt, die noch viel weiter gehen, als die „Magna charta' des jüdischen Volkes, die Balfour-Deklaratipn. Es ist ein Glück, daß der Zionismus kam, denn nur durch ihn konnten wir das Verständnis der anderen Völker wieder erringen, die uns Jahrhunderte hindurch verkannt haben. Es handelt sich keineswegs um die momentane Besserung unserer Lage, es handelt sich um weit mehr. Es handelt sich um die Tragödie, daß wir solange Zeit keinen Mittelpunkt hatten, daß unsere Seele kein Zentrum hatte. Es handelte sich um die Frage: „Sind wir noch?" Ja wir sind und wir haben auch einen Mittelpunkt gefunden, und der kann nur Palästina sein, ich habe mich mein ganzes Leben lang bemüht, den Nichtjuden das Judentum näher zu bringen. Ich muß eingestehen, mit wenig Erfolg. Sie werden pie begreifen, w»s ein konservativer Jude ist, sie werden nie begreifen, war ein Chassid ist, sie werden nie begreifen, was ein liberaler Jude ist, Sie begreifen aber alle, was ein Chaluz ist. Nur als Ackerbauer und Handwerker können wir dem Verständnis der anderen Völker näherkommen und nur so sind sie unsere Freunde geworden. Jerusalem wird ihm, Noachidc zu werden. Benamozegh hat nämlich eine Menschheitsreligion entdeckt, die er Noaebismus nennt, In den jüdisch-religiösen Schriften wird öfter ein Bund erwähnt, den Gott mit Noah für seine Nachkommenschaft geschlossen habe. Freilich ist da nie von einer noachidischen Religion, von einem noachidischen Bekenntnis die Rede; es wird immer nur von den „sieben Vorschriften“ gesprochen, zu deren Befolgung die „Söhne Noahs“ verpflichtet wären, und es wird zudem erklärt, daß wer die „sieben Vorschriften der Söhne Noahs“ erfüllt, jeglicher Beziehung als Gottesgläubiger zu gelten habe. Benamozegh meint nun, der Noachismus sei eben „die Religion, die für die ganze Menschheit bestimmt ist“. Wer sich zum Noachismus bekennt, der steht eigentlich zwischen den Bekenntnissen und darf allen als ein Bruder gelten. Natürlich weiß es Benamozegh, daß es in der heutigen Menschheit unzählige Arten von Bekennern, aber keine Noachiden gibt, aber er möchte gerade mit Palliere den Anfang machen. Ihn hält er für berufen und ausersehen, der Apostel des Noachismus zu werden. Für Palliere aber war es ein schwerer Weg, den ihm der Meister wies; aber er ist diesen Weg gegangen. Nur einmal war er nahe daran, diesen Weg zu verlassen und förmlich den Uebertritt zum Judentum zu vollziehen. Das war zu der Zeit, als ihm von den Leitern der jüdisch-liberalen Vereinigung von Paris das Angebot gemacht wurde, eine gewisse Lehrzeit in einer Rabbinerschule des Auslandes durchziunachen, um dann in ihrer Gemeinde das Amt eines Seelsorgers zu bekleiden. Dies Angebot war um so sonderbarer, als man ihm damit ein Rabbineramt anbot und gleichzeitig erklärte, daß man von ihm „in keiner Weise eine religiöse Umstellung“ verlangte. Palliere wandte sich in dieser Sache mit einer Umfrage an mehrere Rabbiner des Auslandes; aber alle Rabbiner, die befragt wurden, erklärten den Pariser Vorschlag für undiskutierbar. Am klarsten und zutreffendsten ist die Antwort des Rabbiners Dr. Jacob aus Dortmund; er schreibt unter anderem: „Der Weg, der ihm (Palliere) vorgeschlagen wird, förmlich zum Judentum überzutreten und womöglich Rabbiner zu werden, ist der allerungeeignetste. Dann ist er ein Jude mehr und ein Rabbiner wie alle andern, höchstens als Proselyt eine Kuriosität .. ..Zu den hunderten Rabbinern, die jahraus, jahrein vor ein paar Dutzend Juden über die Vorzüge des Judentums und seine weltgeschichtliche Mission predigen, wird noch einer hinzugekommen sein... Mein Rat ist: Herr Palliere bleibt was er ist, das heißt, er stehe zwischen Judentum und Christentum ...“ Herr Palliere hat diesen Rat befolgt: er steht heute zwischen Christentum und Judentum — als ein Noachide. Die Geschichte seiner religiösen Erlebnisse hat Palliere in einem Buche niedergelegt, das jetzt in einer ausgezeichneten deutschen Uebertragung unter dem Titel „Das unbekannteHeiligtum“ im Weltverlag in Berlin erschienen ist. Der Berliner Oberrabbiner Leo Bäck hat zu dem Buche ein treffliches Geleitwort geschrieben. Das Buch ist ein wertvolles Dokument. Die Purim-Königin von Tel-Aviv Von A. Z. Ben-Jischai. Gleich Paris, Nizza und anderen berühmten Städten Europas wird auch Tel-Aviv, die jüngste Stadt der Welt, durch ihre traditionellen, glanzvollen jüdischen Karnevalsfeste, die alljährlich in der Purimwoche gefeiert werden, Berühmtheit erlangen. An den Tagen, an denen das arme Waisenmädchen Esther über den Häuptling der Antisemiten in Schuschan, den bösen Haman, einen so triumphalen Sieg davontrug, werden in Erez Israel fröhliche Feste mit Musik und Tanz und Maskenrummel gefeiert, in deren Mittelpunkt ein großes satirisches Autodafe steht, auf dem alle Judenfeinde unserer tausendjährigen Weltgeschichte in effigie verbrannt werden. Ebenso erscheint auch alles Komische, Unzulängliche unseres eigenen Lebens — der Diaspora sowohl wie Palästinas — in unbarmherziger Karikatur in der Form von Puppen- und Maskenzügen in den Festsälen und auf den öffentlichen Schau- und Richtstätten unter freiem Himmel. Und so entwickelt sich das junge Tel-Aviv immer mehr zur klassischen Stadt des palästinensischen Karnevals. Ein wichtiger Programmpunkt der Purimwoche in Erez Israel ist jedoch zweifellos auch die alljährlich an einem Abend vor Purim wiederkehrende Wahl der »Königin Esther«, deren »Herrschaft« in der Regel am nächstjährigen Purim zu Ende geht. Auch diese Königinnenwahl hat in Erez Israel einen besonderen nationalen Anstrich. Es wird streng darauf geachtet, daß die künftige Königin nicht allein durch Schönheit und körperlichen Reiz ausgezeichnet sei, sondern daß sie sich getreu dem Vorbilde Esther — auch in geistiger und nationaler Beziehung — des königlichen Amtes würdig erweise. In der Regel entscheidet, nebst den erforderlichen geistigen Vorzügen, vollkommene charakteristische Schönheit. Manchmal aber scheinen bei den Wahlen auch andere Gesichtspunkte maßgebend zu sein. Die erste, vor zwei Jahren stattgefundene Wahl fiel auf ein schönes aschkenasisches Mädchen, im vorigen Jahre ging eine Sephardin als Königin hervor. Heuer wurde eine reizende, braune Yemenitin aus einer der ärmsten Lehmhütten des Landes »gekrönt« . . . * Noch gibt es Recht und Billigkeit in Tel-Aviv: Das arme yemenitische Waisenmädchen (auch die biblische Esther war bekanntlich eine Waise), Giporah mit Namen, das täglich zur gewohnten Morgenstunde mit Milchkrügen beladen, auf einer kleinen Eselin durch die Straßen reitet, wird nun für die Dauer eines Jahres den »Thron Waschtis« besteigen. Und so fiel jetzt endlich auch schon die letzte Mauer, die zwischen den »vornehmen«, großen Stämmen in Israel und dem kleinen, rückständigen Stamm der Yemeniten stand, dem bislang die bescheidene Rolle zufiel, für den allgemeinen Bedarf an Lastträgern, Dienstmädchen und Köchinnen zu sorgen. Schon um dieses edlen nationalen Sentiments willen muß man wohl auch den Lärm und den traditionellen Wahlwirbel, das kreischende Jazz und die großen Strapazen des Shimmy, die — weiß Gott — den »problematischen Naturen« so recht zuwider

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