Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 9 Austrian Legation. 18 Del Grave Square SW 1. London, 23. Februar 1928. An das Präsidium des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich Wien. Für das geschätzte Schreiben vom 7. Februar und die ehrende Aufforderung, dem österreichischen Pro-Palästina-Komitee beizutreten, spreche ich meinen besten Dank aus. Ich leiste Ihrer Aufforderung gerne Folge und bitte Sie, meine besten Wünsche für das von so viel Mut, Tatkraft und Idealismus getragene bedeutungsvolle Werk des Aufbaues der jüdischen Heimstätte in Palästina entgegenzunehmen. Mit dem Ausdrucke meiner vorzüglichen Hochachtung der Gesandte Franckenstein m. p. * Wie wir erfahren, wird das österreichische Pro- Palästina-Komitee in zirka vier Wochen mit einer großen Versammlung in die Oeffentlichkeit treten, bei der der Präsident des Komitees »France-Palestine«, Senator Godard, der Präsident des deutschen Pro-Palästina-Komitees, Graf Bernstorff und Dr. Konstantin D u m b a, Mitglied des Präsidiums des österreichischen Pro-Palästina-Komitees, über die Bedeutung des Palästina-Aufbauwerkes für die Menschheit sprechen werden. Die Kraft der Überzeugung Die Sokolow-Woche ist vorüber. Sie hat dem Zionismus in Oesterreich vieles gegeben. Sie hat ihn aus der Sphäre der Tagesarbeit herausgehoben und nach innen wie nach außen seinen Charakter als alljüdische, allmenschliche und weltbedeutende Bewegung zum Ausdruck und zum Bewußtsein gebracht. Schon die Persönlichkeit Sokolows hat eine so bestimmte Färbung, daß sie diesen Charakter des Zionismus in sich selbst verkörpert. Der Mann, der als Hebraist und moderner hebräischer Schriftsteller, als Gestalter der ersten hebräischen Tageszeitung schon in einer Zeit bedeutend war, in der die hebräische Bewegung und der Zionismus noch auf einen ganz kleinen Kreis russischer Juden beschränkt waren, hat in sich die Sprachen und Kulturen aller — buchstäblich aller — großen europäischen Nationen des Ostens, Westens und Südens aufgenommen und damit ein lebendiges Beispiel dafür gegeben, daß der nationale Jude, der Hebräer, an Universalität dem sogenannten Assimilanten nicht nachsteht. Sokolow war dadurch, wie kaum ein zweiter, dazu prädestiniert, politische Unterhandlungen mit den Staatsmännern der Nationen zu führen, mit ihren erlesenen Geistern in innigen Kontakt zu treten und ihnen die Verbundenheit der Judenfrage mit den letzten Menschheitsproblemen deutlich zu machen. Dazu befähigt ihn besonders seine reine Humanität, seine I Original englische Herren-Stoffe in großer Auswahl finden Sie sehr preiswert im TUCHHAUS S. ENGLER | Wien, I. Laurenzerberg S | (Ecke Adlergasse, gegenüber Caf6 Silier) MNMMin«IHMHMHMnai**MNMnnMMHMtMIHHnn echt jüdische Friedensgesinnung, sein im besten Sinn weltmännisches Auftreten und sein kluges und wohlwollend einfühlendes Verständnis für die Meinungen und Bedürfnisse der anderen. Durch diese seine Eigenart hat er große Sympathien für sich selbst und den Zionismus erweckt. Die Gründung des Pro-Palästina-Komitees, der seine Anwesenheit vor allem galt, ist ein für unsere Sache sehr wertvoller Schritt nach vorwärts. Die Aeußerungen von Vizekanzler Breiski, Gesandten Dr. Junkar, Professor Peter sowie die des Vertreters des Unterrichtsministeriums Dr. Fohr zeugen dafür, daß der Zionismus in den leitenden politischen Kreisen das vollste Verständnis und die wärmste Sympathie gefunden hat. Von größter Wichtigkeit ist die Erklärung des Bundeskanzlers Seipel, der nicht nur Regierungschef, sondern auch eine im Völkerbund in höchstem Ansehen stehende Persönlichkeit und außerdem ein bedeutender Exponent des Katholizismus ist. Wenn ein solcher Mann, der gewöhnt ist, seine Worte aufs genaueste zu wägen und sie seinen Gedanken aufs subtilste anzupassen, den Zionismus als eine vernünftige, aussichtsvolle Lösung für eines der schwierigsten politisch-sozialen Probleme der Gegenwart bezeichnet, so gibt er damit gerade das, worauf es uns im wesentlichsten ankommt: nicht bloß Sympathie »für das Aufbauwerk«, die er ja auch l9osto|ewskif Balzac, Flaubart, Tolstoi, Nietzsche usw. zu S 1, 2, 3 Kunstbücher ln größter Auswahl BUcherschwemnte „VIENNA“, I. Bognerg. Nr. 4 stark betont, sondern darüber hinaus Bekräftigung unseres Grundgedankens: Aufbau unserer Heimstätte als Lösung der Judenfrage. Diese Erklärung Dr. Seipels nimmt deshalb unter den vielen, die wir von leitenden Staatsmännern bisher erhalten haben, einen besonderen Platz ein, weil sie nicht nur den Palästinaaufbau, sondern dpn Zionismus in seinem Kerne mit Sympathie bejaht. Angesichts all dieser erfreulichen Erklärungen ist die Hoffnung berechtigt, daß sich aus dem Kreise der Männer, die dem österreichischen Pro-Palästina- Komitee beigetreten sind, ein Führer für dieses finden wird, der es ähnlich, wie Graf Bernstorff das deutsche und Senator Godard das französische, so leiten wird, daß es zu einer lebendigen und aktiven Körperschaft gestaltet wird, und den derselbe leidenschaftliche Wille zur Mithilfe beseelt, wie er aus den prachtvollen Zuschriften der beiden Genannten an das österreichische Palästina-Komitee hervorleuchtet. Durch Schaffung des Komitees wird auch nach innen dazu beigetragen, den Geist des Kleinmuts zu bannen, der vielfach in unseren Reihen zu finden ist. Wieder einmal ist uns vor Augen geführt worden, welch wertvolles Gut wir zu hüten haben: eine Idee von höchster Spannweite, die imstande ist, die besten Männer aller Nationen zu begeistern, und ferner: daß unsere stärkste Waffe die dieser Idee innewohnende Ueberzeugungskraft ist! Das vergessen jene Zionisten, welche in der Art und Weise unseres Kampfes um die Durchsetzung der Idee die bei weitem wichtigste Angelegenheit erblicken. Diese Erkenntnis macht auch die Quintessenz der Reden Sokolows aus, der mit jugendlicher Elastizität unermüdlich Vorträge gehalten hat, die geeignet waren, nicht nur das zionistische Selbstvertrauen zu stärken, sondern auch den tiefsten Gehalt des Zionismus ins Bewußtsein zu rufen: daß er nämlich die jüdische Renaissanceidee ist, der Wille zur Wiedergeburt und daß die politische Zielsetzung dazu nur ein Mittel/ ist; daß die Schaffung eines nationalen Zentrums der Juden die revolutionierende Tatsache ist, die schon in ihrem heutigen kleinen Umfang ungemeine Wirkungen hervorruft, und nicht ein politischer Maximalismus, der von realen Gegebenheiten absieht und durch Aufrichtung formaler Ziele der Politik den Zionismus veräußerlichen und entseelen könnte. Reiche Anregung und eine kräftige Aufrüttelung hat die Wiener Zionistenschaft durch den Besuch Sokolows erfahren, der die nunmehr einsetzende Keren-Hajessod-Kampagne wirksam eingeleitet hat. Es gilt jetzt, mit erneuter Kraft und unerschütterlicher Zähigkeit diesen Feldzug zu führen. Sokolow hat uns wiederholt aufs eindringlichste klar gemacht, daß der Keren Hajessod, selbst wenn auch die Anleihepläne in nächster Zeit reifen würden, eine unabänderliche Notwendigkeit für den Aufbau ist und bleibt. Die Kampagne muß daher bei den Zionisten selbst beginnen, diese müssen beispielgebend vorangehen, dann werden auch die weiteren Kreise der Judenschaft zum Keren Hajessod steuern. Wir zweifeln nicht daran, daß der unter so günstigen Auspizien eingeleiteten Aktion ein voller Erfolg beschieden sein wird. „Palästina“ Monatsschrift für die Erschließung Palästinas Das einzige Organ, das alle den Ausbau des jüdischen Palästina betreffenden Fragen behandelt und das ganze sonst weithin zerstreute darauf bezügl. Material konzentriert. Redaktion: Adolf Böhm / Zu beziehen durch die Administration: Wien I, Kärntnerstraße 28 Bezugspreise für Österreich S 10*—, für Ausland S 12,~ Ein Noachide Die Geschichte eines religiösen Erlebnisses. Von S. Meiseis, . Was ein Noachide ist, das wird im Verlauf der nachstehenden Geschichte erklärt werden. Die Geschichte selbst aber handelt von einem religiösen Erlebnis mit all dem Rätselhaften und Seltsamen, das solchem Erlebnis anhaftet. Die Stadt Lyon, berühmt durch ihre Seidenindustrie, ist eine alte katholisch-fromme Stadt, als deren äußeres Merkbild und Wahrzeichen der Fourviereberg mit seinen Klöstern und Kapellen und der prächtigen Basilika erscheint. Eben auf dem heiligen Berge dieser fromm-katholischen Stadt wurde Aime Palliere, der Noachide, als Kind frommet katholischer Eltern geboren. Frühzeitig wurde in dem Knaben der religiöse Sinn geweckt. An den langen Wintertagen, wenn der Rhönenebel ihn nicht zur Schule gehen läßt, wird ihm als Bilderbuch die Doresche Bibel gezeigt. „Und die lieben Finger der Mutter wenden langsam die Blätter um. um an den Augen des Knaben die prächtigen Bilder vorüberziehen zu lassen, eine ganze Welt von epischer Größe und köstlicher Poesie.“ Es ist wichtig, dies besonders zu vermerken, denn die Jugendeindrücke, die der Knabe von den Doreschen Bibelbildern empfing, waren für die religiöse Entwicklung Pallieres von weittragender Bedeutung. Der frühgeweckte religiöse Sinn des Knaben veranlaßte die Mutter, ihren Sohn in eine geistliche Lehranstalt zu geben. Aime selber fühlte sich für den geistlichen Stand berufen und bereitete sich mit Eifer auf das Priesteramt vor. Bis zu seinem siebzehnten Lebensjahre hatte er nicht den geringsten Zweifel an der Göttlichkeit der Kirche, „dieser einzig logischen Form des Christentums“, die er als die Verkörperung der Wahrheit auf Erden betrachtete. Nun trat ein Ereignis ein, das für sein ganzes Leben von entscheidendem Einfluß werden sollte. Es war an einem späten Herbstnachmittage, die Juden feierten gerade Jom Kippur, das große Versöhnungsfest, da ging er zufällig mit einem Kameraden über den Tilsit-Kai, wo die Synagoge steht. Obschon ein frommer Katholik ein Gotteshaus Andersgläubiger nicht besucht, geschweige den ihrem Gottesdienste beiwohnt, so konnte er doch einer gewissen Neugierde nicht widerstehen und er trat mit seinem Begleiter in den Tempel. Der Anblick der betenden Juden wirkte auf ihn überwältigend. Er fühlte: dieser einzige Augenblick entschied für sein ganzes Leben. Es war noch nicht religiöses Erlebnis, aber es war ein lebendiger Eindruck, der unauslöschlich in seiner Seele haften blieb. „Was sich mir in diesem Augenblick offenbarte,“ schreibt Palliere, „war durchaus nicht die jüdische Religion, sondern das jüdische Volk. Der Anblick, den diese zahlreiche Versammlung von Männern mit ihrem Talith über den Schultern bot, machte mir plötzlich eine sehr ferne Vergangenheit wieder lebendig. Die Hebräer der Doreschen Bibel standen vor mir.“ Nun begann seine innere Wandlung. Gleich am nächsten Tage kaufte er sich eine hebräische Grammatik und machte sich an das Studium des Hebräischen. Er verschaffte sich einen* alten Schmöcker „Ceremonies et coustumes qui s’observent aujjourdhuy parmy les Juifs" von dem Rabbiner in Venedig Leon da Modena, um sich mit den religiösen Zeremonien und Gebräuchen der Juden, mit ihren Sitten und Gesetzen und mit ihrer ganzen Lebensführung vertraut zu machen. Er ließ sich ein Machsor, ein Gebetbuch für die Festtage der Israeliten, aus Paris kommen, und in den folgenden Jahren konnte man jeden Jom Kippur in der Synagoge zu Lyon mitten unter den betenden Juden einen jungen Katholiken sehen, der mit Andacht in sein Gebetbuch vertieft war. Sein Lehrer Abbe N e y r e t, der den katholischen Glauben seines Lieblingsschülers gefährdet sah, riet der Mutter, ihren Sohn dem Abbe Augustin Lemann, einem katholischen Priester jüdischer Herkunft, als Zögling und Beichtkind zuzuführen; gerade diesen „Juden im katholischen Priesterrock, der seinen Rosenkranz hersagte und seine Herz-Jesu-Andacht verrichtete,“ hielt Neyret für den geeigneten Seelenhirten, in einem jungen Gemüt die Neigung für die Synagoge im Keime zu ersticken. Abbe Lemann war Professor für Bibelkunde und Hebräisch an der katholischen Universität von Lyon. Er schlug Palliere vor, an seinem Lehrgang als Laie teilzunehmen; außerdem empfahl er ihm geistliche Uebungen, um den ein wenig ins Wanken geratenen Sinn für den katholischen Glauben wieder zu kräftigen. Allein die Wirkung blieb aus; die fremde Sphäre, in die Palliere seit seinem ersten Synagogenbesuch geraten war, hielt ihn fest in ihrem Zauberbann. So näherte er sich immer mehr dem Judentum, ohne sich eigentlich vom Christentum ganz zu entfernen. Einen Wendepimkt in dieser religiösen Krise brachte eine Reise nach Nizza. Hier lernte er den Vorbeter Simon L e v y kennen, einen Mann von mustergültiger Frömmigkeit, und dieser war es auch, 'der ihn den eigentümlichen Familiencharakter des jüdischen Kultus verstehen lernte. In Nizza hörte er auch zum erstenmal den Namen jenes Mannes, der ihm ein wahrer Seeleniührer auf Lebenszeit werden sollte, nämlich: Elia Benamozegh, Rabbiner in Livorno. Mit diesem Meister trat er, zunächst brieflich, in Verbindung. Ihm öffnete er sein ganzes Herz, schilderte er seinen Seelenkampf, die gewaltige religiöse Krise, die er durchlebt, ihm gegenüber äußerte er zum erstenmal den Gedanken, Jude zu werden. Benamozegh riet ab. Er faßte die Sache, wie es scheint, mehr vom psychologischen als vom religiösen Standpunkt auf. Ihn dünkte es ypr allem wünschenswert, daß jeder in der Religion seiner Geburt verbleiben soll. „Gewiß“, schreibt ihm Benamozegh, „wenn Sie sich unwiderstehlich dazu getrieben fühlen (nämlich Jude zu werden), wenn Sie es unbedingt verlangen, weil Ihre Seele sonst keinen Frieden fände —: wenn Sie es um jeden Preis wollen, so sea es denn so, wenn kein Gegenargument Sie zurückhält, dann seien Sie im Namen Gottes willkommen, Benedictus qui venit in nomine Domini. Aber merken Sie wohl, lesen Sie diese Worte, überlegen Sie sich, lesen Sie sie wieder, überlegen Sie sich noch einmal, denn der Knoten der ganzen religiösen Frage ist für Sie in ihnen enthalten: um, wie Sie es sein wollen, unser Bruder zu sein, brauchen Sie das Judentum keineswegs so anzunehmen, wie Sie es glauben, ich will sagen, sich dem Joch unseres Gesetzes zu unterwerfen.“ Benamozegh findet einen Ausweg, wie Palliere, ohne 'sein Christentum zu verlassen, dem Judentum nahekommen, wie er gleichsam Jude und Christ in einem sein könnte; er rät