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Die Stimme · 1928-02-21 · Heft 8 (21.2.1928) · page 13

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 8 (21.2.1928)
Date
1928-02-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 8 DIE STIMME Seite 13 j Guter Herd /$/ Qoldes Wert! Die bc9trenommierte I. Wiener orlh. Mazzothfabrik ISRABL VORfRirfUCH j gibt bekannt, daß überall täglich frisch gcbacktn« Hdzzoth und Mazzothgrieß mit Stempal „VORTR4FM.ICH“? erhältlich sind. Austritte aus dem Judentum Boris V a n s t e i n, 18. 7. 1883, Petrograd, ger. gesch., II., Invalidenstr. 1. Ernestine Thal er geh. Kohn, 12. 7. 1900, X'ien, II., Hagenmüllerg. 7. Eduard K o h u I, 8. 11. 1906, Wien, d., X., Perncrstorferg. 75. Edith Locker geb. Stängel, 31. 7.;001, Wien, verh., X., Quellenslr, 154. Ignatz Rauchwcrc r, 28. 9. 1906, Krakau, led., II., Zirkusg. 39. Anton Josef ’ I a m a 1, 16. 4, 1899, Weltruss, verh., V., Leitgebg. 13. Sandor w'eisz, 8. 9. 1900, Neuhäusel, led,, XVI., Neulerchenfelderiraße 4. Dr. Moriz Schneider, 2, 1. 1881, Schönau a. d. riest,, led., XVI., Hofferplatz 1. Else Sonnenberg geb. Xosenberg, 21. 11. 1880, Berlin, ger. gesell., XVIII., Hcizingerassc 47. Anna Ncumann, 8. 4. 1905, Wien, led., XVI,, Iley-; icrleg. 23. Sophie L ü n z, 3. 9. 1896, Wien, Mauer, Heudörfeli.sse 4. Oskar Adler, 1. 7. 1885, Wien, Graz. Richard G o 1 di c r, 23. 6. 1908, Krajovec, led., XVII., Andcrg. 67. Otto Gott* 1 i e b, 1. 10. 1897, Wien, led., II., Kurzbauerg, 1. Anna Steinii e t z, 11. 7. 1901, Waschbach, led., VIII., Strozzig. 2. Louise lischer, 15. 1. 1911, Znaim, led., VIII., Wickenburgg. 3. Awram Ber Goldner 27. 9. 1876, Peatra, verh., XVII., Anck rg, 67, Hanni Jetti T i t e r m a n n geb. Markovicz, 11.2. 1866, Wien, verw., VIII., Laudong. 46, Bernhard Ignaz Singer, 2f>. 5. 1892, Wien, led., XVIII., Theresieng. 51. Hugo Weiß, 10. 2. 1888, Wien, led,, II., Blumauerg. 13. Bertha Rosenberg, 2. 5. 1900, Wien, led., II., Vorgarlenstr, 195. Dr. Walter Brunr e r, 2. 3. 1899, Wien, led., XVIII., Weimarerstr, 91, Hans S u c h a r i p a, 20. 3. 1889, Wien, led., VIII., Josefstädterstr. 87, I.copold L ö w i n g e r, 13. 5. 1878, Wr.-Neustadt, verh., VIII., losefstädterstr. 33. Marja Johanna Frankel geb, Grossmann, 3. 4. 1898, Wien, verh., VI., Haydng. 4; Kind: Eltrude Frän- Zum Problem der jüdischen Musik Von Max Brod. Das Problem der jüdischen Musik ist in der Monatsschrift „Der Jude“ in letzter Zeit von Arno 'Nadel und Hein- : ich 'Berl mit großem Ernst ibehaindelt worden. Vor kurzem erschien ein bedeutsames Quellenwerk: „Gesänge der Babylonischen Juden" von A. Z. Idelsohn {IBenjamin-lHarz-Verlag) und eine interessante 'Broschüre: „Alte jüdische Spielleute und Musiker" von Paul Nettl (Verlag Dr. Josef iFlesc'h, Prag), Diese Neuerscheinungen sind geeignet, das Problem des „Judentums in der Musik“ einen Schritt vorwärtszu- 1 ringen. Idelsohns Werk ist. entscheidend für die Frage nach der Originalität der jüdischen Musik. Es bringt ein geradezu überwältigendes Material, aus dem hervorgehl, daß die Grundformen der Synagogalmusik, insbesondere der zur Rezitation des Pentateuch (benützten Welsen, bei den babylonischen .luden dieselben sind wie bei den marokkanischen, sepihardischen, italienischen Juden und im wesentlichen auch bei den deutschen (asohkenasischen) Juden. Da nun die ,Babylonische Ju-denheit „die älteste geschichtlich beikannte Ansiedlung außerhalb Palästinas verkörpert, die ununterbrochen lortbestanden hat und 'keinen merklichen Einflüssen anderer iiitlisclhen Gemeinschaften unterlegen war“, ist die Tatsache, daß bei den babylonischen und deutschen Juden dieselben Motive .auftreten, von größter Wichtigkeit. Es kann und darf min mach diesem streng wissenschaftlichen Nachweis nicht mehr daran gezweifelt werden, daß es ein uraltes jüdisches \ olksgut in der Musik gibt, Idelsohn sagt: ,Daß die Weisen aoer tatsächlich hohen Alters und Volksgesang sind, geht lurvor aus dem Umstande, daß sämtliche alten jüdischen /■ entren dieselben 'halben, trotz jahrtausendlanger Abgeschiedenheit voneinander, demnach müßten sie bereits vor der / rstörung des zweiten Tempels Volksgesang gewesen sein." Hier ist endlich eine Frage eindeutig und exakt Ibeant- 1 ortet, die so oft mit Sentiments und Sophism'en diskutiert »orden ist. Namentlich jüdische Musikschriftsteller, wie z. B. 1 osela Seiden Goth im „Prager Tagblatt“, (halben immer wieder dhren (Stolz darei-ngesetzt, nac'hzuweisen, daß es eine scihö-p'fesche jüdische Musik gar nicht gibt, daß wir alles, was wir oigen, anderen Völkern, den Arabern oder den Russen oder ien (Deutschen, entlehnt haben — oder gar den Zigeunern, > ie eine (bei Nettl zitierte) Schrift Emil Breslauers noch im Iahre 1898 allen Ernstes nachzuweisen wünschte. Um einen W u nsch handelt es sich tatsächlich Ibei solchen grotesken Mutmaßungen: um den typischen Assimilantenwunsch, alles /u vergessen, was im edlen schöpferischen Sinne jüdische Ligenart ist. Als jüdische Eigenart erscheint solchen Autoren lichts als etwa ein gewisser kommerzieller Sin» oder sonst in aus antisemitischen Handbüchern bezogenes diffamierendes Kennzeichen, Eine eigene jüdische (Musik dagegen, eine organisch aus dem jüdischen Volkstum hervorwaahsende iKuiturtat 'vird nicht zugestanden. IDer Abfall von einem wertvollen ludentum ließe sich ja nicht so leicht rechtfertigen, wie das Verlassen einer ohnehin unwürdigen Gemeinschaft. In dieser Hinsicht bieten die „wissenschaftlichen“ (Forschungen heutiger -luden ein trauriges Gegenlbild zu den allerdings ebenso unerk e 1, 25. 12. 1926, selbe Adresse. Frieda Schwarz, 15. 12. 1890, Budapest, led., II., Unt. Donaustr. 23. Anna Braun thal geb. Papernik, 24. 11. 1876, Brody, verh. IX., Liechtensleinstraße 56. Isak Othmar B r a u n l h a l, 14. 7. 1874, Wien, selbe Adresse. Friedrich K u b i n s k y, 26. 12. 1893, Wien, led., IX., Meynertgasse 6. Heinrich Steiner, 15. 7. 1914, Wien, led., XVI, Gaullacherg. 39, Henriette Hochwald, 14. 1. 1905, Brünn, led. XX., Marchfeldstr. 12. Erich L e n g y e 1, 7. 12. 1899, Szegedin, led., Beamter, XVIII., Währingerstr. 118. Alexander Holic z e r, 14. 10. 1888, Warschau, led., IX., Wieseng, 20. Wilhelm Preis, 28. 9. 1886, Wien, getr., XX., Marchfeldstr. 12. Josef S t r a s s b e r g, 1. 9. 1894, Czernowitz, verw., II., Negerleg. 9. Adolf Rawitz früher Reiwitz, 26, 1. 1895, Lemberg, VIII., Hernalsergürtel 4. Gattin Rosa Rawitz geb, Tezner, 25. 8. 1897, Wien, verh., selbe Adresse. Kind: Elisabeth Maria Rawitz, 6. 5. 1922, selbe Adresse. Albert Blum, 23. 3. 1892, Wien, ger. gesch., VIII., Lercheng, 7. Alfred Holländer, 19. 5, 1906, Wien, led., XIX., Heiligenslädterstr. 9. Sidonie Hirsch geb. Goldscheider, 7. 10. 1871, Preßburg, verw., XIII., Firmiang. 41. Richard Wolf, 7. 8. 1878, Wien, verh., II., Rembrandtstr. 15. Gattin Anna Wolf geb. Sittig, 25. 11. 1891, Wien, verh., selbe Adresse. Kind: Hilda W o 1 f, 5. 6. 1921, Wien, led., selbe Adresse. Samuel Schreiber, 9. 7. 1856, Preßburg, verh., XIII., Versorgung Lainz. Rosalia Jäger geb. Matuschowitb, Wien, verw,, XIII., Matznerg. 27. Felix Klein, 24. 9. 1910, Wien, led., XIII., Sechshauserslr. 93. Edgar Otto Frankel, 11. 10. 1875, Frankfurt a. M., verh., IV., Hoyosg. 5. Predigten in den israelitischen Gemeindetempeln. Freitag, den 24. Februar 1928, werden bei dem um 5 Uhr 30 Minuten beginnenden Abendgottesdienste in nachbenannten Gemeindetempeln Predigten abgehalten, und zwar: I., Seitenstettengasse 4 (Rabbiner Dr. M. Grunwald); XV., Turnergasse 22 (Rabbiner Dr, I. Taglicht). In den Gemeindetempeln XVIII., Schopenhauerstraße 39 (Rabbiner Dr, D, Feuchtwang) und XXL, Holzmeistergasse 12 (Rabbiner Dr. M. Rosenmann) finden am Samstag, den 25, Februar 1928, beim Morgengottesdiertste (Beginn 8 Uhr 30 Minuten) exegetische Vorträge statt. Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag, den 25. Februar d. J„ findet um 3 Uhr nachm, der Jugendgottesdiensl für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks-Synagogen statt. ^linnNH«NiMHiiinnmNiinuNMniiHHUi|^ / Musikalien-Handlung und Antiquariat \ i OTTO MAASS G.m.b. H. j | Bestassortiertes Lager aller Editionen. — Klassische und ■ * moderne Musik. — Studienwerke für alle Instrumente. — 5 * Spezialgeschäft für Orchestermusik. ■ l Prompter Provinzversand. Verlangen Sie Prospekte kostenlos-; V WIEN VI, MARIAHILF ERSTRASSE NR. 91 J freulichen Darbietungen von Gelehrten anderer Völker. Erscheint etwa eine rumänische oder (bulgarische Literaturgeschichte, so kann man sicher sein, daß in diesen Werken die Leistungen der rumänischen oder bulgarischen Dichter sowohl der Qualität wie der Originalität nach über -den grünen Klee gelobt werden. Anders bei uns Juden. Schreibt ei» Jude über jüdische Musik, so weist er nach: 1. daß es überhaupt keine jüdische Musik gibt, 2. und wenn es sie doch gibt, daß sie anderen originelleren Völkern entlehnt, 3, und wenn nicht entlehnt, daß sie wertlos ist. Idelsohns großes Werk dagegen ist glücklicherweise ganz frei von dieser Psychologie der Assimilationsepoche. Eine merkwürdig schwankende Stellung nimmt Nettl ein. Während er sich gelegentlich dem originellen Charakter der jüdischen Singweisen nicht verschließen kann, betont er a-n anderen Stellen nur die Abhängigkeiten und geht auf den originellen Kern nirgends näher ein, als halbe er eine Angst vor ihm. Aus dem Werk Idelsohns hat er bezeichnenderweise nur herausgelesen, „daß beispielsweise die (babylonischen Juden ganz verschiedene Akzentmotive haben als die Asdhkenazim" — ildelsohn a’ber führt ja genau den entgegengesetzten Nachweis. 'Und daß bei zwei Stämmen desselben Volkes, die durch Jahrhunderte ohne Beziehung zueinander waren, gewisse Motive sich verschieden entwickelt halben, ist doch wa’hrl-idh nicht so merkwürdig umd nicht so beweisend, als daß einzelne (Motive trotz dieser Trennung die gleichen sind! Eine Beweisstelle für das Alter und die Originalität der jüdischen Musik nach Idelsohn zitiert: „Clemens von Alexandria '(150—220) sagt, daß die dorische Skala auf die Seele beruhigend wirkt, und führt Aristoxenos an, welcher von Terpander berichtet, er habe die Psalmweise der Juden und Barbaren, die sich in der dorischen Skala 'befand, (benutzt, vim in dieser Weise eine Hymne an Zeus zu verfassen. Glemens ermahnt die Kirchensänger, die heidnischen griechischen Gesänge zu -beseitigen und die jüdischen einzuführen, denn intur sie seien imstande, das wahre Andachtsgefühl zu erwecken. In derselben Weise spricht auch Augustinus.“ Hier ist also aus alten Quellen der Einfluß der jüdischen Musik auf die Entwicklung der griechischen und der Kirchenmusik nachgewiesen. Die meisten iMusikgeschichten wollen uns genau das Gegenteil einreden. Terpander lebte im 7. Jahrhundert v. Chr. und gilt als Begründer der klassischen Musik und Lyrik der Griechen. Er stammte aus Lesbos, orientalisch-jüdischer Einfluß ist daher durchaus nicht unwahrscheinlich, Idelsohn begnügt sich nicht dam^ die Ursprünglichkeit des jüdischen Volksgesanges festzustellen. Er gibt auch eine eingehende Charakteristik dieser Ursprünglichkeit. Eines der Hauptmerkmale -findet er darin, daß das jüdische Gebet nicht in steife Formen eingezwängt ist. Es soll freie Herzensandacht Desteiawski, Balzac, Plauberl, Tolstoi, Niotasciia usw. zu s 1, 2, 3 BüchcricHwcmmc „VIENNA“, l. Bogncrg. Nr. 4 vor dem himmlischen Vater sein. „Derjenige, der sein Gebet nach starren Formen hersagt, kann kein Erbarmen erwecken“, heißt es im Traktat Braphoth. Hierzu wird an derselben Stelle folgende Erklärung gegeben-. „Was heißt „starr"? Wenn der Betende in seinem Gebet nichts erneuern kann.“ Und bei Raschi: „Ein Mensch, der seinem Gebet kein eigenes Wort hinzu fügen kann, sondern sein Gehet starr, heute wie gestern und so auch morgen hersagt.“ Hiezu bemerkt -Idelsohn: „Dieser Ausspruch wirkte auch auf den Gesang, auf den improvisatorischen Vortrag der Weisen nach momentaner Gemütsstimmung. Infolgedessen haben die jüdischen Singweisen ihre Lebenskraft und Geschmeidigkeit erhalten." Es dürfte nicht zu gewagt erscheinen, von hier aus einen Hauptwesenszug der Kunst Gustav Mahlers zu erschließen: die uin-ermüliche, herrliche Variationskraft, mit der bei ihm die Motive erscheinen. Mahler verwendet niemals nach Wagner-Methode Leitmotive als feste Spielmarken, 'bei denen es im wesentlichen darauf ankommt, daß m.a-n sie wiedererkennt, ganz mechanisch, wie Wegmarkierungen etwa. Sondern das Motiv Mahlers lebt; es verwandelt sich regellos, eben nur infolge des innewohnenden Lebens, und bei der strophischen Gliederung vieler Mahler-Lieder fühlt man; ganz deutlich, wie immer wieder neue Glut, neue Bewegung den Gesang der Anfangsstrop-hen verändert — mit jener Leichtigkeit verändert, wie nur innigstes Gefühl jenseits aller Schulregeln sie gibt. An anderer (Stelle hebt Idelsohn die Knappheit als Kennzeichen des jüdischen [Musikausdruckes hervor. Hier verwickelt sich der Autor meiner Ansicht nach in einen Widerspruch mit der vorigen Feststellung. „Der alte Israelite, wie denn auch der Semite von heute, sah die Hauptkunst in der Knappheit der Form, alles mit sehr wenigem zu sagen, sowohl in der Poesie als auch in (der Musik. Ein Wort, ein Motiv —. alles andere iden'kt er sich selbst dazu. Er verabscheut Variationen (?), Ausdehnung, Durcharbeitung, Kommentare, sogar, wenn sie vom Verfasser selbst herrühren. Die •europäischen langen Kunstformen sagen dem Semiten niohts; ihn würde das (bloße Thema vollkommen befriedigt haben, ja mehr, sie verwischen die Urwirkung des Themas." Der Widerspruch könnte nur so gelöst werden, daß man an eine besondere Art ^knapper Variationen“ denkt, Die echte Variation muß gewissermaßen ein neues Thema sein, ein neuer Ausdruck desselben Grundgefühls, nicht eine schulmäßig blasse Ausspinnung und überflüssige Zuga'be, Ant den (überraschend knappen Formen Arnold Schönbergs (ihm (folgend, wandte sich ein Teil der Moderne von Beethovenscher „Durcharbeitungs“techinik ab) scheint also eine jüdische Urmusikalität mitbeteiligt zu sein. Daß zu dem ursprünglichjüdischen (Erbgut später fremde Melodien (germanischen und slawischen Ursprungs) hinzugetreten sind, wird natürlich von Idelsohn bestätigt. Er führt die interessa-nte Ansicht einiger iKaiballisten an, die es geradezu als Pflicht erklären, „fremden unheiligen Melodien heilige Texte zu gehen, um sie dadurch aus der unreinen Welt in die Heiligkeit zu retten“. Die alte jüdische Musik -kennt bereits den Halbton. Molltonarten sind die eigentliche iBasis. Sie (klingen idem Semiten nicht traurig. Wo im althebräischen Gesang Trauer ausgedrückt werden soll (z. B. bei Vortrag des Buches Hiob, -der Klagelieder), wird die lydische (Dur-)To-nart verwendet, -die wir unter dem Einfluß europäischer Musik als hart, stark, fröhlich empfinden. Der merkwürdige Gefühlswiderstreit, der sich im ostjüdischen Volkslied und so oft 'bei Gustav Mahler als Schwanken -zwischen Dur und Moll findet, könnte also vielleicht als eine Art Widerstreit zwischen einer natürlichen, ursprünglichen und einer milieugeborenen Musikalität gedeutet werden; übrigens wirkt sowohl 'beim ostjüdiscihen Volkslied wie ibei Mahler dieses Schwanken zwischen Dur und Moll ganz unmittelbar als Symbol für die heutige psychische Unausgeglichenheit und den tiefen Schmerz, in seinem Schmerz aber auch die ganze Tiefe der Welt erfassenden Blick des1 Juden. Altes jüdisches Erbgut ist ferner nach Idelsoihim das häufige Vorkommen der übermäßigen 'Sekunde. „Die Rhythmik ist 'frei von taktischen -Fesseln, -dem orienta-lisch-beduinischen Naturell gemäß, das keine Grenzen kennt.“ Auch das erinnert an manche Melodiebildung 'bei Mahler, die nicht in -den üblichen gleichförmigen Takten, sondern nur durch immerwährenden Wechsel der Taktarten graphische 'Fixierung zuließ. (3. Symphonie, Seite 12/13 des Klavierauszuges, vierhändig u-nd anderwärts.) Zusammenfassend bemerkt Idelsohn: „Wenn wir den hebräischen Volksgesang der Bibelweisen untersuchen, so treten uns Melodien und Tonschritte entgegen, -die originell und sonst in keinem anderen Volksgesange zu -finden sind. Gleichmäßigen Takt kennt der hebräische Gesang nicht und die zahlreichen Verzierungstöne machen ihn leibendig und verleihen ihm Geschmeidigkeit; er verrät Temperament und übersprudelnden Geist. Er hat sozusagen Erdgeruch und profanen Charakter, jedenfalls steht er im Widerspruch zum Geiste der ekkiesiastischen Vermummung, der Kasteiung und der Abwehr von den Herrlichkeiten des irdischen Lebens.“ Ist dem so, dann darf man wohl sagen, daß wenige Völker heute so rücksichtslos gegen ihr altes Kulturgut wüten, wie die Juden. Die ganz elende Chor- und Orgelmusik, die man in den Synagogen -zu hören bekommt und die einem den jüdischen Gottesdienst verleiden kann, ist einfach ein Verbrechen gegen die jüdische Musik, Was alt, würdig, kraftvoll, ursprünglich an unserer Musik ist, wird in der modernen Synagoge durch Pfuschereien in einem sehr verwässerten Mendelsohm-iS'til durch europäische Harmonisierung und ,/Bearbeitung“ bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Jener Teil -des Gottesdienstes, bei dem sich der Charakter alter Musik am reinsten erhalten hat und der also nicht nur seines Inhaltes wegen, sondern auch um dieser erhabenen Musik willen Mittelpunkt sein und lautlos angehört werden sollte — die Vorlesung aus Wissenschaft, Literatur, Kunst

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