Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1928)
- Date
- 1928-02-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 8 ■i i i . ■? | i! '!■! i i Das Grabmal des großen Moses ben Maimon bei Tiberias, das sich, wie auch auf dem nebenstehenden Bilde ersichtlich, in arg verfallenem Zustand befindet und deshalb jetzt durch ein neues prächtiges Grabmal aus weißem Marmor ersetzt wird. Die Kosten für die Herstellung des neuen Denkmals haben der spaniolische Philanthrop J. Bauer und die Brüder J. und B. Tobedanu, reiche spaniolische Kaufleute in Bagdad, übernommen. In Tiberias und dessen Umgebung befinden Bich die Ruhestätten zahlreicher Gaonim des jüdischen Volkes; die meisten Stätten sind stark vernachlässigt und bedürfen dringend einer Restaurierung. Teilen ausgestoßen) steht der getaufte oder konfessionslose Jude, der oft in Situationen kommt, die einer gewissen Tragik, manchmal auch Tragikomik nicht entbehren. Dafür fehlt den Täuflingen allerdings größtenteils das Empfinden, sonst wären sie wahrscheinlich Juden geblieben. In» Verkehr von Provinzjuden untereinander herrscht ein gewaltiger Kastengeist. Zunächst wird unterschieden, ob man zu den »Buben« (sprich Zionisten) gehört, oder ob man wirklich etwas auf »altes« Judentum hält. Nur in Ausnahmsfällen ontwickelt sich ein regerer Verkehr zwischen Zionisten und Konservativen. Dieser Gegensatz erzeugt mitunter unerhörte Leidenschaften, der Kampf wird auf das Persönliche hinübergeleitet, und wenn' schließlich nicht beide Parteien von dem Standpunkt ausgingen, der feindlichen Oeffentlichkcit kein Schauspiel bieten zu wollen, würden die lokalen Gerichtsbehörden oft in arge Bedrängnis geraten. Da weiters noch bedeutende Unterschiede zwischen Arm und Reich, Geistesprotz und Bildungsproletarier usw. gemacht werden, entsteht ein gewisses „Cliquenwesen1*, d. h. man verkehrt nur in ganz kleinem Kreis, in diesem aber so stark, wie es in der Großstadt kaum denkbar wäre. Da$ Verhältnis der jüdischen Familien zur Gemeinde ist rieht gerade herzlich, aber weit inniger als in Wien. Wenn man die Dinge klar sieht, so weiß man, daß die Wiener Juden mit 90% ihrer Kultusgemeinde gegenüber kaum in einem anderen Verhältnisse stehen, als etwa wie zur zuständigen Steuerbehörde, Sie zahlen Ruiltussteuer, um der Exekution zu entgehen, kennen sonst keine Gemeinde und kommen zu ihr nur, wenn Hochzeit ist, wenn jemand begraben werden soll, kurzum bei Anlässen, wo eben die Kultusgemeinde »Behörde« ist. Teilweise mag dies ein natürliches Charakteristikum der Großstadt sein, zum großen T-eiL aber ist dieser Zustand auf das Schuldkonto einer verknöcherten Majorität zu schreiben, die, taub und blind für das pulsierende Leben im Judentum, ihre ganze Aufgabe darin sieht, die Steuergelder recht und schlecht zu verwalten und gewisse Formen zu erhalten. Das ist die ungeheure, in ihren Folgen noch gar nicht absehbare Schuld, die Männer auf sich laden, welche vermeinen, für die Erhaltung des Judentums tätig zu sein. Der konservative Geist in der kleinen Kultusstube der Provinz unterscheidet sich von dem seines großen Bruders gar nicht. Nur die Auswirkung scheint insofern milder, als der Jude dennoch einen gewissen Kontakt mit seiner Gemeindevertretung behält, trotz Kastengeist, trotz Befehdung ' und Kampf. In dem auf das Einzelindividuum—wesentlich stärker lastenden Druck des Antisemitismus dürfte der Grund für diese Tatsache zu suchen sein. . Materiell und moralisch führt die kleine Kultusgemeinde in der österreichischen Prjjyinz einen ungemein schwierigen Existenzkampf. Sfiff muß (feti kleineren Steuerträgern unerhört starke Lasten aufbürden, um das kleine Budget im Gleichgewicht zu erhalten, und es ist gar nicht so seifen, daß aus materiellen Gründen Austritte Vorkommen. Der Wanderbeltel belastet die Gemeindekasse ganz außerordentlich. Eine richtige organische Lösung dieser Frage ist so lange unmöglich, als die Wjener Gemeinde den nicht genug zu verurteilenden Standpunkt des Ahseitsstehens einnimmt. Da man aber ohne jede Organisation den wirklich vom Unglück Verfolgten von dem viel häufiger auftretenden Berufsbettler nicht oder nur sehr selten unterscheiden kann, bleibt nichts übrig, als auch den Unwürdigen so weil zu beteilen, bis er in der nächsten Gemeinde weiter schnorren kann. Bedenkt man noch, daß verhältnismäßig wenige Familien doch mindestens die für den Bestand der Gemeinde und Erhaltung des Kultus notwendigen Personen erhalten und ernähren müssen, und daß es auch sonst kulturelle und soziale Pflichten gibt, d.ann wird man wohl begreifen, daß auch die gut geführte Kultusgemeinde in der Provinz alljährlich vor neuen Budgetproblemen steht. Und auch in dieser Beziehung ist die große Wiener Gemeinde, nicht frei j^on jeder Schuld. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die österreichische Juidensc.baift nach den .bestehenden Staatsverträgen ein juristisch fundiertes Anrecht darauf hat, von Stadl, Land und Bund den ihrer numerischen Stärke gebührenden Anteil an jenen Mitteln zu erhalten, welche für die Zwecke der Erhaltung von Kultus und Religion verausgab! werden. Es ist unfaßbar, daß die Majorität in der Kultusvorstehung Wien durch Jahre hindurch jede Gelegenheit verabsäumte, diese Rechte geltend zu machen und solcherart die kleinen Schwestergemeinden täglich vor die Frage »Sein oder Nichtsein« stellt. Und dies nur deshalb, weil sie den Begriff eines Minoritätsrechtes von dem eines geminderten Rechtes nicht zu unterscheiden vermag. Und so ist die kleine Gemeinde eigentlich so lange zum Nichtsleisten verurteilt, schwebt so länge in der Gefalhr des Zusammenbruches, bis sich die Verhältnisse nicht gründlich geändert haben. Da nun einmal eine unleugbare Tendenz vorhanden ist, die Kleinstadt zu verlassen und in die Großstadt zu flüchten, ist manche Gemeinde dem Untergange geweiht, wenn nicht rechtzeitig ein Zusammengehen aller Gemeinden diesem unerträglichen Zustand ein Ende bereitet. Deshalb blicken wir nach Wien und hoffen, daß dort die Sonne aufgehen werde. Amtliche Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien Rechnungsabschluß über die Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde und sämtlicher in der Verwaltung derselben stehender Fonds und Anstalten pro 1927 Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde "Wien hat .gemäß § 91 des Kultusgemeinde'-Statutes die Voranschläge der Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde, sowie sämtlicher unter der Verwaltung der Kultusgemeinde stehenden Fonds und Anstalten für das Verwaltungsjahr 1928 m allen Einnahmen- und Ausgabenposten geprüft und festgestellt. Gemäß § 91 des Statutes liegt dieser Voranschlag durch 14 Tage, vom Tage der Kundmachung gerechnet, zur Einsicht der Gemeindemitglieder ir der Amtsdirektion der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, L, Seitenstetteng. 4, 3. Stock, auf. Die Gemeindemitglieder sind berechtigt, innerhalb dieser Frist Erinnerungen 'bezüglich des Voranschlages bei dem Kultusvorstande schriftlich zu überreichen, welcher dieselben in Erwägung za ziehen hat. Wien, 16. Februar 1928. Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde und sämtlicher in der Verwaltung derselben stehender Fonds und Anstalten pro 1928 Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hat den Rechnungsabschluß über die Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde und sämtlicher in der Verwaltung derselben stehenden Foqde und Anstalten über, das Jahr 1927 fertiggestellt. Gemäß § 92 des Kultusgemeinde-Statutes wird dieser Rechnungsabschluß 14 Tage, vom Tage der Kundmachung gerechnet, vor Prüfung und Erledigung durch den Kultusvorstand zur Einsicht der Gemeindemitglieder in der Amtsdirektion der Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, 3. Stock, aufgelegt. Die Gemeindemitglieder sind berechtigt, innerhalb dieser Frist über den Rechnungsabschluß Erinnerungen beim Vorstande der Kultusgemeinde schriftlich zu überreichen, welche bei der Prüfung des Rechnungsabschlusses in Erwägung gezogen werden, Wien, 16. Februar 1928. Lieierungsvergebung Seitens der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gelangen im Laufe der nächsten Zeit die nachfolgenden baulichen Arbeiten zur Vergebung: 11., Rauscherstraße 16, Errichtung einer hölzernen Baracke mit Nebenräumlichkeiten. Baumeister-, Zimmermeister-, Kanalisierungs-, Tischler-, Schlosser-, Anstreicher-, Glaser-, Schwarzdeoker-, Spengler- und Installationsarbeiten, Jene Firmen, welche zur Offertstellung herangezogen werden wollen, werden eingeladen, dies bis längstens Mittwoch, den 2 9. Februar 1928 dem Technischen Amte der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, I,, Seitenstettengasse 2, 4. Stock, bei welchem auch während der gewöhnlichen Amtsstunden (Samstage ausgenommen) alle näheren Auskünfte erteilt werden, schriftlich bekanntzugeben. — Die freie Auswahl unter den stich meldenden Firmen zwecks Heranziehung zur Offertstellung für die einzelnen Arbeiten behält sich der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde ausdrücklich seinem alleinigen Ermessen vor. . Vom Bau der Zeremonienhalle auf dem Neuen Friedhoie Ueber mehrfache an das Präsidium der Isr. Kullusgemeinde gestellte Anfragen sieht sich dasselbe veranlaßt, mitzuteilen, daß die Arbeiten beim Bau der neuen Zeremonienhalle stetig fortschreiten. Der Jahreszeit und den Witterungsverhältnissen entsprechend, gelangt derzeit die innere Ausstattung zur Ausführung. Im Gegensätze zu Gerüchten, welche von uninformierter und unverantwortlicher Seite in Umlauf gesetzt werden, wird festgestellt, daß bisher die präliminierten Kosten für die Neubauten am Neuen Friedhofe eingehalten wurden und daß mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten ist, daß auch bis zur Fertigstellung derselben eine Ueberschreitung des Präliminares nicht stattfinden wird und somit alle anderslautenden Darstellungen jeder Grundlage entbehren. Statistische Daten aus dem Jahre 1927 Die Zahl der Israelitischen Schüler und Schülerinnen an den öffentlichen Volks- und Bürger- (Haupt-)Schulen im Schuljahre 1926/27 betrug 11.148 und beläuft sich im Schuljahre 1927/28 auf 11.188. Die Mittelschulen in Wien waren im Schuljahre 1926/27 von 6267 israelitischen Schülern und Schülerinnen besucht; im Schuljahre 1927/28 beträgt die Schülerzahl 5986. An den Jugendgottesdiensten haben im I, Halbjahre des Schuljahres 1927/28 19,643 Schüler und Schülerinnen teilgenommen. Die stärkste Frequenz weist der Leopoldstädter Tempel mit 3960 Schülern, die geringste der Vereinstempel im XIII, Bezirk mit 573 Schülern auf, wobei zu bemerken ist,- daß in diesem Bethause der Jugendgottesdienst erst Ende November begonnen hat. Die stärkste Beteiligung bei einem Jugendgottesdienste bezifferte sich mit 400 Schülern, während die ge ringste Beteiligung mit 40 Schülern ermittelt wurde. Das Matrikenamt der isr, Kultusgemeinde verzeichnete im Jahre 1927 1479 Geburten, 2739 S t e r b e f ä 11 e, 1036 Austritte aus der israelitischen Religionsgemeinschaft und 283 Eintritte ins Judentum. Unter den Eintritten ins Judentum sind 118 Rücktritte verzeichnet. Von den 2739 Sterbefällen entfällt die größte Zahl — 550 — auf die Altersgruppe 70,—80. Lebensjahr, eine Person hatte das 100, Lebensjahr überschritten. In den israelitischen Bethäusern haben im Jahre 1927 insgesamt 1159 Trauungen stattgefunden, Die Höchstzahl weist der Gemeindetempel der Inneren Stadt mit 413, die geringste Zahl der Gemeindetempel im XXL Bezirk mit drei Trauungen auf. Von den Trauungen sind 615 in Gemeindetempeln (darunter 113 Gratistrauungen) und 534 in Vereinssynagogen vorgenommen wurden. An 95 arme Bräute gelangten im Jahre 1927 S 15.180 als Ausstattungsbeilräge zur Auszahlung, Von den im Jahre 1927 aus dem Judentum Ausgetretenen 1063 Personen waren 598 männlichen und 465 weiblichen s Geschlechtes und. insgesamt 673 Personen ledigen Standes. — Die Höchstzahl der Austritte — 324 — entfällt auf die Altersgruppe vom 24. bis zum 30, Lebensjahr. Sieben von den Ausgetretenen hatten das 70. Lebensjahr überschritten. Wie bei den Austritten, so weist auch bei den Eintritten die Altersgruppe vom 24. bis zum 30. Lebensjahr den größten Anteil — 89 — auf. .. Spitalsbericht Im Spital e der Israelitischen Kultusgemeinde hat der Stand an Patienten am 1. Jänner 1927 159 betragen. Im Laufe des Jahres 1927 wurden 2623 Patienten aufgenommen. 2331 entlassen, 276 sind gestorben, so daß am 31. Dezember 1927 das Spital 175 Patienten zählte. Die Gesamtzahl der Verpflegstage hat 105.662 betragen, wovon 64,568 auf Patienten und 41.094 auf das Personale entfallen. Von den Patientenverpflegstagen entfielen 15.047 auf vollkommen gebührenfrei Verpflegte. Die Kosten für einen Kranken haben insgesamt pro Tag S 13,45 betragen. In der V e r s o r g u n g s a n s t a 1 t der israel. Kultusgemeinde befanden sich am 1. Jänner 1927 329 Insassen. Im Laufe des Jahres 1927 sind 112 neu aufgenommen und 13 entlassen worden, 94 Patienten stahben. Am 31. Dezember 1927 verblielben 3 34 Insassen, davon 143 iMänner' und 22! Frauen* Die Zahl der Verpflegstage belief sich insgesamt auf 145.183, wovon 26.433 auf das Personale und 1T8.750 auf Pfleg linge entfallen. Von diesen wieder beziehen sich 43.800 Ver pflegstage auf vollkommen gebührenfrei Verpflegte. Die Zahl der im Jahre 1927 von der Kultusgemeindedurchgeführten Beerdigungen hat 2632 betragen. iHdevot. sind 697 vollkommen gebührenfrei, 300 gegen ganz (gering ■■ Gebühren und 815 gegen Bezahlung der Geibühren de IV. Klasse zur Durchführung gelangt, wovon zu bemerken is:. daß die Gebühren der IV. Klasse niedriger gehalten sind, ah es den Eigenkosten der israel. Kultusgemeinde entspricht. — Vom Friedhofamte sind 59 Ueberfülhrungen von Leichen un- 16 Exhumierungen durc'hgefiihrt worden. Von den Beerdigungen entfielen 782 auf den Zentral friedhof, 1792 auf den Neuen Friedhof, 21 auf den Florids donfer Friedhof und 37 auf die interkonfessionellen .Friedhöfe Auf den israelitisahen Friedhöfen sind itn Jahre 1927 116 Gralbste'ine neu zur Aufstellung gelangt. Steuervorschreibungen pro 1927 Die Gesamtzahl der Zensiten betrug 54.886 und die Gesamtvorschreibung S 2,329.152.—. Auf 44.886 Zensiten, welche mit Kultussteuern unter S' 50,— bemessen wurden, entfällt eine Vorschreibung von S 597.635.—, sohin eine Kopfquotc von »irka 'S 13,—, während den übrigen zirka 10.000 Zensiten Quoten über S 50.— mit insgesamt S 1,731.517.—, also durchschnittlich pro Kopf zirka S 173,—•, vorgeschrieben wurden. Von den. vorgeschriebenen S 2,329,152.— sind innerhalb des Jahres 1927 insgesamt S' 1,331.913.— eingegangen. n