Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1928)
- Date
- 1928-02-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. B DIE STIMME Seite 9 . r;W*f, Aus dem Wiener Blindeninstitut: Links: deren Sälen wird musiziert, werden fremde Sprachen gelernt, -iiidieren Hochschüler für ihr Examen. Ein großer Lehrsaal birgt von den Zöglingen verfertigte Gegenstände für den Anschauungsunterricht, wenn es nicht paradox ist, das Wort in diesem Zusammhang zu gebrauchen. Häuser, Mühlen, Ackergeräte, ganze Dörfer, dann wieder Fabrikseinrichlungen, die kompliziertesten Maschinen, vermitteln den blinden Kindern die Umwelt. Die kleinen Händchen tasten die Gegenstände ab iind modellieren sie dann aus dem Gedächtnis nach. Ein Zögiing hat die Büste Ludwig August Frankls nachmodelliert, die im Garten steht, des Dichters Ludwig August Frankl, der ils Sekretär der Wiener Kultusgemeinde für seinen Plan, ein jüdisches Blindenheim zu schaffen, den hochherzigen Baron Jonas Königswarter gewann. Mil bewunderungswerter Zähigkeit und Ausdauer wußte Ludwig August Frankl seinen Lieblingsplan in die Wirklichkeit umsetzen. Im Jahre 1872 konnte der Prachtbau auf der Hohen Warte seinen unglücklichen Schützlingen die Pforten öffnen. Ein prächtiger Garten bietet im Sommer die Möglichkeit, den Unterricht im Freien abzuhallen, Die Anstalt genießt in der ganzen Welt einen angesehenen Ruf. Fachleute aus Amerika kommen nach Wien, um nach dem Muster dieser Anstalt ihre eigenen Blindenheime yv, organisieren. Die Anstalt, die in jüdischem Sinne geführt wird — das Hebräische nimmt einen breiten Raum im Lehrplan ein - kämpft, wie alle jüdischen Institutionen, mit schweren finanziellen Sorgen. 90 Millionen Kronen beträgt das Budget der Anstalt im Monat, 10 Millionen sind durch Subventionen der Kultusgemeinde gedeckt. Das andere Geld muß im Wege von Spenden hereingebracht werden. 10 Millionen Kronen gab der unvergeßliche Oberrabbiner C h a ) e s aus Jointgeldern für die Anstalt. Zöglinge, die die Anstalt schon längst verlassen hatten, bekamen immer wieder Gehaltsanweisungen des stillen Wohltäters. Ein goldenes Buch, in das berühmte Besucher der Anstalt ihre Namenszüge setzten, die dann goldumrahmt werden, enthält auch die hebräische Unterschrift des Oberrabbiners Chajes, dessen, Hauptsorge die Erhaltung dieser jüdischen Fürsorgeanstalt war. Chajes ist tot, das Israelitische Blindeninstitut aber muß leben, um blinde jüdische Kinder gegen die Fährnisse des Lebens zu wappnen. Der Leiter der Anstalt zeigt dem Besucher ein in Schmerz und Wut verzerrtes Antlitz eines jungen Knaben in Ton modelliert. »So lebt in diesem Jungen die schaurige Erinnerung an seine Flucht vor den mordenden Pogrombanden fort, denen seine Ellern zum Opfer fielen.« Das Bild des Grauens wird nie aus meinem Gedächtnis schwinden ,.. Das jüdische Blindenheim ist in Not. Helfe, wer kann! Aus den zionistischen Ortsgruppen St. Pölten Am 11. Februar fand die sechste Generalversammlung, der zionistischen Ortsgruppe St. .Pölten unter dem Vorsitze von Dr. Deutsch statt, an der die Mitglieder der Ortsgruppe sowie der Bund jüdischer Jungwanderer, Sektion St. Pölten, vollzählig teilnahmen, U. a. waren auch Herr Oberrabbiner Doktor Schächter und Gemahlin, Dir. Schwager, Ing. Holzer, Herr Schächter jun., Frau Dr. Steiner anwesend. Nach eingehender Debatte über den vorgelegten Bericht des Ausschusses wurde der neue Obmann Herr Ing. Holzer unter lebhafter Akklamation gewählt. Ihm wurde ein mehrgliedriger Ausschuß zur Seite gestellt, dem auch Vertreter der Jugend angehören. Im Anschluß an die Generalversammlung hielt Frau Dr. Martha ’H u f mann (Wien) einen überaus beifällig aufgenommenen Vortrag über zionistische Arbeit, der zu intensiver Neuaufnahme der Arbeit aufforderte. Frau Dr. Hofmann hielt darauf i ine Besprechung mit den Damen der zionistischen Ortsgruppe ab und veranlaßle sie, der Weltorganisation zionistischer brauen (WIZO) beizulrelen. Es wurde beschlossen, eine Ortsgruppe der WIZO unter Vorsitz von Frau Helene Schach- ' e r zu begründen, Krems Am 6, d. M, veranstaltete die hiesige Ortsgruppe einen Chamischa-Asar-Abend, welcher einen sehr guten Besuch auif- >\ies. Herr Oberkantor Samuel Neubauer erörterte die Bedeutung dieses Tages und sprach im Anschluß daran über einige Kapitel aus dem Schulchan-Aruch, Zum Schlüsse richtete der Obmann, Herr Rechtsanwalt Dr. Paul iB r ü 11, an die Versammelten einen wirksamen Appell, die irrationalen und kulturellen Bestrebungen der Ortsgruppe unterstützen zu wollen, — Als nächste Veranstaltung ist für den 10. März ein Purim-Familie^abend anigesetzt, ferner eine Versammlung, in welcher ein Referent aus W ien über die zionistischen Kultus- Jemeindeforderungen sprechen wird. Bei Schub«Dorn; H„ Taborstraße 8 a, sind die neuesten l iühjahrsmodelle eingelangt. Zufolge günstiger Kassaeinkäufe der renommierten . Firma kann pian'dort das Exquisiteste zu Daunenswert billigen Preisen haben. (Entgeltlich.) Beim Vorlesen. — Rechts: Beim Spiel. Paul Taubet, Industrieller fr Hule in Ilse Örossner Verlobte Bistvit:, Wahren fc. Wien Vlll Ruth Rückhaus Salo Blatt Verlobte lVien, 18. felnimv 1928 fck Dr. Egon Epler, ein Sohn des erst vor kurzem verstorbenen Direktors Sigmund Epler, ist, kaum 36 Jahre alt, einem tragischen Geschick erlegen. Ein ausgezeichneter junger Arzt von reichem Wissen und wahrer, menschlicher Hilfsbereitschaft, hat er schon im Weltkrieg opfermutig gearbeitet, bis ihm ein Granatsplitter eine schwere, nicht mehr heilbare Knieverletzung beibrachte, und in den letzten Jahren am Krankenhaus der Kaufmannschaft vorbildlich gewirkt. Von früher Jugend an betätigte sich Dr. Egon Epler in der zionistischen Bewegung und stellte ihr seinen Arbeitseifer und seine Tatkraft stets zur Verfügung. Er hätte in wenigen Wochen heiraten sollen und hatte weitreichende Zukunftspläne, die sein jähes Ableben zunichte machten. Die überaus starke Beteiligung beim Leichenbegängnisse gab Zeugnis davon, welcher Wertschätzung sich Dr. Epler erfreut hatte. Vereinsnachrichten Organisation zion. Frauen Oesterreichs, Frauengruppe IX. Dienstag, den 21. d. M., um 8 Uhr abends, spricht in der Rede- und Lesehalle, Türkenstraße, im Rahmen des von der Frauengruppe IX. veranstalteten Vortragszyklus über zionistische Bewegung Frau Salome Taubes über »A ssimilation und Zionismus«. Gäste willkommen. Samstag, den 3. März, lA9 Uhr abends, in den Prunksälen des Handelsmuseums Gesellschaftsabend mit Tanz. VkiAWiHfliVA 11. - 11 Kn 1928 (Rotunde: bis 18. März) SONDERVERANSTALTUNGEN: Belgische Aussteifung/Sowjetrussische Ausstellung Reklame-Ausstellung / Wiener Pelzmode-Saton Automobil- und Motorrad-Ausstellung „Das Elektrofahrzeug" „Technische Neuheiten und Erfindungen“ Straßenbaumesse / „Das Wochenende“ Land-, forst- und milchwirtschaftliche Musterschau Kartoffelschau _/ Flachsbau-Ausstellung Kleintierzucht-Ausstellung / Bundesweinkost Erste österreichische Mastvieh-Ausstellung (15.-18. März) Bedeutende Fahrpreis “Ermäßigungen! Messeausweise ä S 5’— bei der Wiener Messe-Aktiengesellschaft, Wien, VII., Messeplatz 1 / Eintrittskarten (zum einmaligen Besuch der Rotunde oder des Messepalastes und der neuen Burg) ä S 2* *— bei den Kassenschaltern der Messehäuser. Zionistische Frauenorganisation der westlichen Bezirke. Samstag, den 25. d. M„ A9 Uhr abends, im Verefnsheim, VIII., Bennoplatz 1, Teeabend mit künstlerischen Darbietungen und Tanz. Gäste willkommen. Hebräischkurse. Die zionistische Bezirkssektion IV/V veranstaltet drei Kurse unter Leitung des Herrn Braunfeld. Anmeldungen im Unterrichtslokal, V., Siebenbrunnengasse 1 a, an den Unterrichtsabenden: Montag und Donnerstag (um 8 Uhr für Anfänger, um 9 Uhr für Vorgeschrittene). Auskünfte auch telephonisch Nr. 53-81. — Voranzeige. Am 10. März findet in den Gesellschaftsräumen des N.-Oe. Gewerbevereins eine von der Sektion IV/V veranstaltete. Purimunterhaltung mit reichhaltigem Programm und Tanz statt. Moadon Iwri. Samstag, den 25. Februar 1928, 8 Uhr abends, spricht Herr Kapliwansky über Al Hanewuah im Vereinslokal, II., Zirkusgasse 33. Kulturamt des Zionistischen Landeskomitees. In Wien hält sich ein palästinensischer Lehrer auf, der hebräischen Unterricht erteilen würde. Auskünfte im Kulturamt täglich von 10 bis 12 Uhr vormittags. »Haboneh« Bund zion. Absolventen höherer teebn. Lehranstalten (I., Rotenturmstraße 24, Cafe Exzelsior). Der für Montag, den 20. ds. angesagte Vortrag des Herrn Dr. Desider Friedmann, über »Die kommenden Kultuswahlen«, wurde wegen des Sokolow-Meetings für Montag, den 27. ds. verschoben. Akad. Verein jüd. Mediziner (IX., Währingerstr. 15). Dienstag, den 28. Februar, um 8 Uhr abends, im großen Hörsaal des histol. Institutes, IX., Schwarzspanierstr. 7, Vortrag' Univ.-Prof. Dr. Paul Schilder: Das Körperbild. Gäste willkommen! Chewra Kadischa (Verein für fromme und wohltätige Werke, Wien, I., Seitenstettengasse 2). Montag, den 27. d. M., K>7 Uhr abends, findet im Gemeindetempel, I., Seitenstettengasse 2, eine Gedächtnisfeier für die im abgelaufenen Jahre verstorbenen Vereinsmitglieder statt. Kreditkassa für Kleingewerbe und Kleinhandel in Wien, r. G. m. b. H. (IX., Berggasse 7). Montag, den 27. Februar 1928, um K>7 Uhr abends, findet in den eigenen Büroräumen (II., Praterstraße 9, Tür 5) die 5. ordentliche Generalversammlung statt. Stimmen aus aller Welt Die ausgestorbene Träneninsel Ellis Island schildert der New Yorker »Tog«, dessen Mitarbeiter eine Unterredung mit dem amerikanischen Einwanderungskommissär Mr. D a y hatte: »Gegenüber den ungefähr 2000 Emigranten, die vor 1914 die »Träneninsel« täglich passierten, sind es heute im Durchschnitt etwa 125 Personen, die zur Deportation Verurteilten schon miteingerechnet. Der Zwangsaufenthalt auf der »Träneninsel« ist bekanntlich für jene Immigranten bestimmt, deren Dokumente ungenügend oder zweifelhaft sind oder deren Gesundheitszustand nicht ganz einwandfrei ist. Die Zahl der jüdischen Immigranten, die durch Ellis Island ins Land kamen, betrug im abgelaufenen Jahre 15.000 — fast ausschließlich arme, verlassene Menschen, denen die jüdische Emigrantenhilfsgesellschaft »Hias« mit Rat und Tat zur Seite steht. Die zur Deportation verurteilten Emigranten, die auf der »Träneninsel« ihre Abfertigung erwarten, sind zum großen Teil sogenannte »blinde Passagiere«, die ohne Einreiseerlaubnis nach Amerika zu kommen versuchen. Es ereignen sich da sehr tragische Fälle, denen der Einwanderungskommissär vollkommen machtlos gegenübersteht. Die Regierung scheint die Absicht zu haben, Ellis Island, das ehemalige Immigrationszentrum, in ein Deportationszentrum zu verwandeln. Das Arbeitsdepartment in Washington fordert unausgesetzt ein immer größeres Jahresbudget für Deportationszwecke. Die Behörden stöbern im ganzen Lande »Verdächtige« auf, konzentrieren sie auf der »Träneninsel« und setzen sie dann rücksichtslos in einem beliebigen europäischen Hafen ab. Im letzten Jahre wurden von diesem Schicksal über 4000 Personen betroffen.« # Einen Bund der Orientvölker, als Gegengewicht gegen den Genfer Völkerbund, fordert das Organ der orthodoxen Mohammedaner in Jaffa »Alzorat«. Das Blatt bekämpft aufs schärfste die Assimilation der Orientvölker an die westliche Kultur und Zivilisation und appelliert an den Orient, sich inniger zusammenzuschließen und eine starke Front gegen das Eindringen des Westens zu bilden. s>Diö Orientvölker« — meint das Blatt — »sind sich dessen gar nicht bewußt, wie groß die Angst des Westens vor einem Bund des Ostens ist. Noch glauben die Westmächte, daß der Orient ohne ihre Hilfe seine Wirtschaft und Kultur nicht entwickeln kann und daß er daher gezwungenermaßen ewig in ihrem Schlepptau bleiben wird. Durch die Schaffung eines wirklichen Völkerbundes im Osten der Welt wollen wir sie vom Gegenteil überzeugen.« * Ueber die Chalukah und die vierte Alijah schreibt die palästinensische Tageszeitung »Dawar«: »Zwischen den Verwaltungen der großen Chalukah-VermÖgen in Erez Israel und den Ueberresten der vierten Alijah ist ein heftiger Kampf ausgebrochen. Diese, die daheim selbst zur Stärkung der Chalukah-Fonds wesentlich beigetragen haben und nun genötigt waren, zum Zwecke des Wiederaufbaues ihrer erschütterten Existenzen, eine größere Unterstützung anzusprechen, wandten sich mehrmals an die Leitungen der verschiedentlichen »Kolelim«, die Chalukah-Gelder verwalten, und wurde regelmäßig mit der Begründung abgewiesen, daß die frommen »Kolelim« für Zionisten, Bolschewiken, Ketzer u. dgl. kein Geld hergeben können. Die verarmten jüdischen Mittelständler, fast ausschließlich streng orthodoxe Juden, die mit Ketzertum und Bolschewismus aber schon gar keine Gemeinsamkeit haben, wandten sich nun an die Oeffentlichkeit mit Flugzetteln und forderten Rechenschaft über die Verwendung der »Chalukah«, die nach einer Angabe des Präsidenten der Agudas Israel, Dr. P. Kohn, eine durchschnittliche Jahreseinnahme von zirka 500.000 Pfund hat und sagten namentlich den drei größten »Kolelim«, dem ungarischen »Schomre hachomoth«, dem galizischen »Chibath Jeruschulajim« und dem Warschau-Polen- »Kolel« schärfsten Kampf an. In diesem ungleichen Kampf gegen die organisierte Macht von »Präsidenten, Ehrenpräsidenten, Wunderrabbis, Verwaltern, Delegierten und Freunden der Wohltätigkeit«, der vermutlich im Gerichtssaal seine Fortsetzung finden wird, stehen die materiell geschwächten Ueberreste der vierteil Alijah vereinsamt da. Es u(äre Sache des Jischuw, diesem Kampfe sowie dem Chalukahwesen überhaupt erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden.«