Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-02-21 · Heft 8 (21.2.1928) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 8 (21.2.1928)
Date
1928-02-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053761--0129-3055388
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite S DIE STIMME Nr. 8 Das jüdische Leben Der „trockene Pogrom“ Bei der soeben stattgefundenen Hauptversammlung des Central Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt Staatssekretär?.. D. Brot. Dr. Julius Hirsch ein Referat über Wirtschaftsprobleme des deutschen Judentums. Darin teiite er einige wirtschaftsstatistische Daten von allgemeinem Interesse mit. Er sagte unter anderem; ,,Die Juden in Deutschland bilden kaum noch ein Prozent der allgemeinen Bevölkeiung. weil der Gcburtenrück gang unter ihnen hoher ist als unter den Nichtjuden (12% gegen 8%). Fast der dritte Teil aller deutschen Juden, 173.000, vvoihnt in Berlin. (Die Zahl der Juden Berlins dürfte über 200.000 betragen. — Die Red.) Die deutschen Großstädte zus immengenommen beherbergen zwei Drittel des deutschen Judentums, ein Drittel lebt in Kleinstädten und auf dem flachen Lande. Sie sind meist im Handel sowie im IB a n k - w e s e n beschäftigt; eine Zunahme in der I n d u s l r i c ist zu verzeichnen. Im öffentlichen Dienste, wo vor dem Kriege 25.000 Juden beschäftigt waren, hat jetzt eine Vermehrung stattgefunden, dagegen sind in der Armeeverwaltung, wo vor dem Kriege mehr als 2000 Juden beschäftigt waren, jetzt nur noch 12 tätig. Die Zahl der jüdischen Rentner hat sich von 25.000 auf 16.000 vermindert. Der größere Teil der jüdischen Erwerbstätigen ist gegenwärtig in abhängiger Stellung." Trotz seiner optimistischen Anschauung über die wirtschaftliche Zukunft der deutschen Juden mußte Prof. TLiseh auf den sich stetig verstärkenden wirtschaftlichen Boykott hinweisen, Die Wirkungen dieses „troclkenen Pogroms" wurden in einer öffentlichen Versammlung des Central-Vereines von einem der Redner, Dr. Ludwig Holländer, charakterisiert. Er führte dabei >aus: „Namentlich in kleineren Städten werden jüdische Geschäfte, der jüdische Arzt und'der jüdische Anwalt von einem Teile der nichtjüdischen Bevölkerung gemieden. Sogar .durch gesellschaftlichen Boykott wird die nichtjüdische Bevölkerung angehalten, jüdische Geschäfte zu meiden. Noch einschneidender ist der zunehmen.de Boykott gegen die Anstellung von arbeitsuchenden jüdischen Bewerbern urd Bewerberinnen." Die scharfe Note schlägt jetzt der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an. Die Gegnerschaft gegen das jüdische Palästina-Aufbauwerk hat diesem Abwehrverein sehr geschadet und insbesondere das Tendenzbuch über Palästina, das sein Vorstandsmitglied Dr. Alfred Wiener herausgegeben hat, übte die Wirkungen, die es nicht beabsichtigt hatte; es führte viele deutsche Juden, die erst durch den gehässigen Angriff auf die zionistische Palästinaarbeit, auf diese aufmerksam gemacht wurden, in das Lager der Palästinafreunde, Auf der soeben; tattgefundenen Hauptversammlung des Centralvereins wurde das auch, obwohl verblümt, zugegeben. Der sichtliche Mitgliederschwund, an dem der Centralverein leidet, gab Anlaß, daß nach Mitteln gesucht wurde, um die verlorenen Positionen zurückzugewinnen. Man griff nun wieder zum verkehrten Mittel: zum Kampf gegen den Zionismus. Einige Redner führten der Hauptversammlung wohl recht deutlich vor Augen, daß der Kampf gegen den Zionismus vergeblich sei, so der Chefredakteur der »Vossischen Zeitung« Georg Bernhard, der erklärte, es müsse zugegeben werden, daß das durch die Balfour-Deklaration verkündete national home historische Tatsache ist, daß daher der Ccntralverein dies zugeben und am Palästina-Aufbau mitwirken müsse. Doch die intransigente Richtung behielt die Oberhand und wenn auch ein Antrag der sächsischen Centralvereinsgruppe, die Hauptversammlung möge erklären, daß die Zugehörigkeit zum Centralverein mit der Zugehörigkeit zum deutjj Schon jetzt finden Sie bei uns eine reich- §j| §§ haltige Auswahl der allerletzten und groß- §1 M artigsten Pariser und eigener 1 | FrUhjahrsmodelle I | in Mänteln, Complets, Kostümen, §J jH Nachmittags-, Abend- und Gesellschaftstoi- §j| H! letten in unerreichter Pracht bei durchwegs U hervorragender Qualität zu Vorsaisonpreisen, 1§ | Modenpalais | 1 JULIUS KRUPNIK 1 | NUR VII., KAISERSTRASSE NR. 115 | Größtes und führendes 3pezialhaus Oesterreichs ü AchtungI Kein« FilialeI Achtung! .sehen Pro-Palästina-Komitce unvereinbar sei, abgelehnt wurde, so wurde doch beschlossen, daß der Centralverein wirksamer als bisher den zionistischen Anschauungen entgegentrete. Der Centralverein begibt sich also offen auf ein Gebiet, das ihm nicht liegt. In der Abwehr des Antisemitismus hat er seine -~ freilich heute mehr historischen — Verdienste; aber sein Kampf gegen die Bestrebungen der Judenheit, ihr gemeinsames Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wird nie (wie es die Rfesolution ausdriiekt, wirksam werden, sondern muß unwirksam bleiben; das hat sich im Centralverein selbst schon gezeigt und daher ist die scharfe Note verfehlt. Die Juden in der Slowakei In einer größeren statistischen Arbeit, die als Aufsalzreihe in der Bratislavaer „Jüdischen Volkszeitung" erscheint, untersucht der Prager Nationalökonom Dr. Franz Friedm a n n die Berufsschichtung der Juden in der Slowakei, Aus seinen Untersuchungen, die auf dem Material des staatlichen statistischen Amtes beruhen,- ergibt sich, daß die Berufsgliederung der slowakischen Juden sich wesentlich von der der Juden in den historischen Ländern des Staates, d. i. Böhmen» Mähren und Schlesien unterscheidet. Schon der prozentuelle Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ist in der Slowakei höher als in den historischen Ländern, In der Slowakei leben 135.918 Personen israelitischer Konfession (davon bekannten sich 70,529 zur jüdischen Nationalität), d. i. 4.53 Prozent der GesamtbevölkVerung; die 125.083 Israeliten (davon 30,267, die sich zur jüdischen Nationalität bekannten) in den historischen Ländern bilden 1.25 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von den Juden in der Slowakei sind 34.62 Prozent im Beruf tätig (um 51.3 Prozent weniger als in den historischen Ländern), 4,62 Prozent aushelfende Familienmitglieder, 0,43 Prozent Hausbedienstete und 60.33 Prozent Angehörige ohne Beruf (um 31.7 Prozent mehr als in den historischen Ländern, was auf den größeren Kinderreichtum der Juden in der Slowakei und die geringere selbständige Berufsttäigkeit der Frauen dortselbst zurückzuführen ist). Von den im Beruf tätigen Juden der Slowakei sind 65.83 Prozent Selbständige oder Pächter (d. i, um 10 Prozent mehr als in den historischen Ländern), 11,91 Prozent Beamte, 17.61 Prozent Arbeiter, 3.58 Prozent Lehrlinge und 1.07 Prozent Taglöhner. Bei der Betrachtung der einzelnen Berufe ergibt sich, daß bei den Juden in der Slowakei die Landwirtschaft eine weit höhere Rolle spielt als in den historischen Ländern; in der Slowakei sind 10.8 Prozent der Juden in dei; Landwirtschaft tätig und sie steht in ihren Berufen an viert e r Stelle, während von den Juden in den historischen Ländern 1.83 Prozent Landwirtschaft betreiben und dieser Zweig an achter und letzter Stelle in ihren Berufen steht. Die erste. Stelle nimmt auch bei den.rJuden der Slowakei der Warenhandel ein. darin einschließlich des Handelshilfsgewerbes 36.87 Prozent der Juden tätig sind (ungefähr ebensoviel in den historischen Ländern, wo der Prozentsatz 36.43 beträgt). Im Gast- und Ausschankgewerbe sind in der Slowakei weit mehr Juden tätig als in den historischen Ländern, dagegen sind die Juden der Slowakei entsprechend der geringeren industriellen Entwicklung des Landes, in der I n du s t r i e und im G ewerbe weit geringer tätig als in den historischen Ländern. Auch auf die freien Berufe entfällt bei den Juden in der Slowakei ein geringerer Prozentsatz als bei -den in den historischen Ländern. Die wirtschaftliche Verschiedenheit der bei-, den Gruppen der jüdischen Bevölkerung des tschechoslowakr sehen Staates ist demgemäß augenfällig. Kleine Nachrichten In San R e m o, wo er von schwerem Leiden Genesung suchte, ist, kaum 41 Jahre alt, der Deputierterdes polnischen Sejm Moses Frostig gestorben. Er war der Gründer des jüdischen »Lemberger Tagblatt«, welches dem zionistischen Gedanken in Galizien wertvolle Propagandadienste leistete. Von 1922 bis zum Sessionsschluß gehörte er als Mitglied des jüdischen Klubs dem polnischen Parlament an, wo er in Wirtschaftsfragen treffliche parlamentarische Spezialarbeit leistete. >8» Zur Abwehr der Propaganda der Schächtgegner in Polen, die dazu führte, daß dem_ Warschauer Stadtrat eine Vorlage über Verbot der rituellen Schächtung vorliegt, hat sich die Verwaltung der jüdischen Gemeinde Warschaus an die großen jüdischen Gemeinden, Autoritäten, Gelehrten und Sachverständigen des Auslandes mit der Bitte gewendet, ihr das gesamte im Interesse des Schächtschutzes gesammelte Material zur Verfügung zu stellen. Ein großer Teil des Materials ist bereits in Warschau eingetroffen und der Schächtkommission des Warschauer Stadtrates unterbreitet worden. * In Berlin ist 77-jährig der Mitbegründer und langjährige Präsident der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, Justizrat Dr. Bernhard Breslauer, verstorben. Er war der erste, der Bestrebungen zur Erringung 6 f f e n t - licher Rechte für jüdische Gemeinschaften in Deutschland anregte und einleitete; mit seiner Hilfe wurde auch seinerzeit der Verband der deutschen Juden begründet, Breslauer hat auch eine Reihe von Studien über jüdisches Recht verfaßt. Der Anwalt Norvin Lindheim in New York, Mitinhaber der Firma Actington Schild Company, eines der größten Pelzhandelshäuser der Welt, ist im Alter von 48 Jahren gestorben. Er war in der zionistischen Bewegung der Vereinigten Staaten rege tätig. Seine Gattin Irma Lindheim ist Präsidentin der amerikanischen Frauenorganisation »Hadassah«. Wochen-Kalender Februar 1928 Gedenktage lYS-lfl TW 53 Donnerstag 1488 — erster Druck einer hebräischen Bibel (In Soncino). 1820 — der Lustspieldichter David Kälisch ln Breslau geboren. 2 ■>-. 3 34 Freitag 3,~ i 25 Samstag Ü40 - der Liederkomponist u. Pianist Alexis Holländer In Ratlbor geboren. 1897 — der Literarhistoriker Prof. Michael Bernays ln Karlsruhe gestorben. 4 - 1 Shbba Sochoi' Haflar<ih! Kauomar 26 Sonntag , ( '5 - n 27 Montag 1880 — der Dirigent Prof. Julius * Stern, Begründer des nach seinem Namen benannten . Berliner Konservatoriums gestorben. 190. —■ Gründung der Anglo- Palestine-Company. .6;- i 28 Dienstag Der 7. Adar gilt als Gebutts- , und Steibetag Moses’. 1927 — Achad Haam in Tel- Aviv gestorben. ■7 -- 7 29 Mittwoch s - n Österreich Beiden blinden Judenkindern Von Robert Schreier. Mutter, reich' mir Deine Hand. Sag' mir, wie die Blume iblüht, Sag' mir, wie der Him,mel glänzf, Sag' mir, wie die Sonne glüht Seh'n möcht' ich die schöne Welt Und der Sonne gold'nen Strähl, Doch vor talleim möoht’ ich sehm, Mutter, Dich ein einzig' Mal. Dreiundsechzig jüdische Kinder, in ewige Nacht gehüllt, träumen von dieser Welt, vom blauen Himmel, der goldenen Sonne, von roten Rosen, von grünen Wiesen. .. von ihren Müttern. Zweiundzwanzig sind darunter, die keine Mütter mehr haben, die niemandem mehr Vater sagen dürfen. Pogromhorden haben ihnen die Eltern geraubt. Dann wurde es tiefe Nacht um sie. Und doch, die Sonne lacht auch diesen Beklagenswertesten aller Geschöpfe Gottes, sie fühlen die liebevollen Hände, die ihr vom Schmerz gezeichnetes Antlitz streicheln und auch aus ihrem Munde dringt frohes Kinderlachen, Gute Menschen sind um sie, die ihnen sagen, wie die Blumen blühen, wie die Sonne glüht, die sie .verbinden mit dem Leben der Sehenden, die sie widerstandsfähig machen für den schweren Daseinskampf. Im Israelitischen Blindeninstitut auf der Hohen Warte haben sie eine zweite Heimat gefunden, wo sie bleiben dürfen, bis sie tauglich werden, trotz ihres körperlichen Gebrechens den Lebenskampf zu bestehen. Und auch dann noch bleiben sie innig mit der Anstalt verbunden, die ihnen ein zweites Elternhaus wurde. Der Direktor der Anstalt, Professor Siegfried A 1 t m a n n, ein angesehener Fachmann auf dem Gebiete des Blindenerziehungswesens, führt den Besucher in liebenswürdiger Weise durch das geräumige, freundliche Haus. Zwei kleine Knirpse mit furchtbar weißen, glanzlosen Augen, trotz alledem fröhlich, wie nur fünfjährige Kinder sein können, hängen sich an seine Rockschöße und beginnen an ihm emporzuklettetn. »Der Herr Direktor ist eine gute Leiter«, jubeln sie. Der Herr Direktor bestellt sie in seine Kanzlei. Strafe für kindlichen Uebermut? Eine Extrabelobnung winkt ihnen, jedem ein tüchtiges Stück Schokolade aus der Privatschatulle des Herrn Direktors. Das ist der Geist, der in dieser Anstalt herrscht, verkörpert durch ihren Leiter. Aus gleichem Holz ist auch die junge, hübsche Lehrerin geschnitten, die mit Stolz dem Besucher ihre kleinen Schülerinnen vorführt, die in der Blindenschrift geläufiger lesen als die meisten Kinder, die nicht glanzlose Kugeln in den Augenhöhlen tragen müssen: »,.. Als die kleine Prinzessin sechs Jahre alt war, starb ihre Mutter und sie bekam eine böse Stiefmutter. Diese schenkte ihrem Gemahl auch zwei Töchter, aber sie waren häßlich wie die Krähen. . .« So hält rnan’s mit den Jüngsten. Dann geht es weiter zu den Größeren, In die Lehrsäle, in die Lesezimmer, wo sie zu Uebersetzern und Lehrern herangebildet werden, in die Werkstätten, wo aus ihnen tüchtige Handwerker werden, Korbflechter, Klavierstimmer, Bürstenbinder, Modelleure verfertigen Meisterwerke, von denen man ,nie und nimmer glauben würde, daß ihre Schöpfer blind sind. Es ist schier unfaßlich, daß Blinde Kunstwerke mit einer Exaktheit ausführen, die man Sehenden kaum Zutrauen dürfte. Eine eigene Druckerei versieht die Anstalt und darüber hinaus den ganzen Buchhandel mit Werken in Blindenschrift. In an- Pei/ende frühjahrsrnodelle in gediegener feiner Ausführung Infolge rechtzeitiger fiassaeinkäu/e auch weiter billige Preise! Sch uh mödenIutus Dem II, I aborstroße 8

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.