Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1928)
- Date
- 1928-02-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 DIE STIMME Seite 11 HOTEL-RESTAURANT RUTH Wlto II.» Nollandstrafte 14 t Tal. 49-3-70 Gut bürgerliches Haus mit an- ]l|iH<l(r«.ilVAf1116 S 9 erkannt vorzüglicher Küche. llllllltgö llltillUS U Jeden Sonntag abends Publikums-Tanz bei nicht erhöhten Preisen! Gesellschaftlich tritt auch Dorothea von Schlegel (1763—1839), die Frau des Dichters Friedrich v. Schlegel, hervor, die mit kurzer Unterbrechung von 1808 bis 1830 in Wien Jebt, wo ihr Mann zuerst im Hauptquartier Erzherzogs Karl und dann in der Hofkanzlei einen Posten bekleidet. Sie ist die Tochter des berühmten jüdischen Philosophen und Vorkämpfers der Reform des Judentums Moses Mendelssohn aus Berlin und heiratet den Berliner Kaufmann Simon Veith, dem sie dann entläuft, um sich mit Schlegel zu vereinigen, den sie später in Paris heiratet. Das in all* diesen Salons pulsierende gesellschaftliche Leben überschreitet um die Zeit des Wiener Kongresses seinen Höhepunkt, Nach den Befreiungskriegen tritt in den gesellschaftlichen Verhältnissen eine vollständige Aenderung ein. Die Polizei, zu dieser Zeit die drückendste Macht in Österreich, läßt selbst die harmlosesten Kreise scharf überwachen, das gegenseitige Vertrauen schwindet allmählich, so daß sich die meisten scheu vor der Oeffentlichkeit zurückziehen. Es kommt noch der Umstand hinzu, daß ein Teil der führenden Klassen zufolge der Geldentwertung und der damit verbun- Jüdische Musik Synagogale Musik (Das Problem der synagogalen Musik wird seit einem Jahrhundert mit wissenschaftlichem Ernst behandelt, ohne daß seine Lösung in greifbare 'Nähe gerückt ist. Wir wissen heute, daß die hebräische iMusiik in enger Verwandtschaft zu arabischer Musik stellt, daß sie überhaupt den orientalischen Geist ihrer Umwelt in sieb gesogen hat, aber es ist uns bis heute nicht gelungen, alttestamentarische Weisen in edler Reinheit aus den überlieferten Melodien herauszuscihä'len. Auch daß die Kirchenmusik vom einfachen gregorianischen Choral an bis zu den komplizierteren Gebilden sich von den Schätzen des hebräischen Tempelgesanges genährt hat, ist eine feststehende Tatsache, aber selbst die exakten Untersuchungen eines I d e 1 s o ih n haben nur auf bestimmte Parallelen zwischen gregorianischen und hebräisch-orientalischen Gesangsweisen hinweisen können, die hebräische Tonstmktur läßt sich aus den überlieferten orientalischen und christlichen Gesängen mehr gefühlsmäßig erraten als begrifflich umreißen. iDie Versuche eines S'alomon iS u 1 z e r, Moriz Deutsch u. a„ den "jüdischen Tempelgesiang zu regenerieren, mußten daher nur auf die Ueberlieferungen des Mittelalters zurückgreifen, wenn sie ein jüdisches iGesangsbuch sdhaffen wollten, und mußten ihre eigenen Kompositionen dem Charakter anpassen, in dem sie die Tempelmusik vorfanden. Sie haben mit sehr großem Geschieh sich dieser Aufgabe unterzogen und eine maßgebende Sammlung jiddischer Temipelgesänge geschaffen, die den ganzen jüdischen Gottesdienst befruchtet hat. iDaß lalle neueren Versuche von der Arbeit dieser Männer zehren, bewiesen die 'Darbietungen der neugegründeten „Kon z e r t,g e s e 11 s cha-'f t für synagogale Moi'Siik", die jüngst ein abwechslungsreiches iProgramm anläßlich des Chamischo-Osor-Festes darbot. Außer Gesängen rein ariosen Charakters wurden Kompositionen imitatorischen Stiles, in denen rezitativische Stellen mit weitgesponnenen lyrischen Kantilenen ähwechseln, zum Vortrag gebracht, außer Vertonungen von Psalmen, Chorwerke, in denen die fSoli responsorienartLg mit den Chören dialogisieren. Unter Leitung von Simeiroifski wurden alle Gesänge mit einer dynamischen Fein/heit exekutiert, die mit Recht Bewunderung erweckte. Die „Konzertgesellsöhaft für synagogale Musik“ reiht sidh ebenbürtig an die berühmten Chöre an, die ifür die Schütze der Kirchenmusik in allen Ländern Europas werben. Hoffentlich wird auch jetzt die synagogale Musiik das Interesse weiterer jüdischer Kreise auf sich ziehen, welche die Kunst des eigenen Volkes kennen lernen wollen. Alfred San dt. Ein Buch von jüdischen Musikern Soeben ist in New York (Bloch Publishing co.) ein reich illustriertes Buch von Gdal S a 1 e s k i, unter dem Titel „Berühmte Musiker eines wandern“ den Volkes“ erschienen, däs beim jüdischen und nichtjüdischen Publikum Amerikas starkem Interesse begegnet. Saleski, ein aus Kiew stammender, jetzt am New Yorker Symphonieorchester wirkender, sehr begabter Cellist, hat den Versuch unternommen, fast alle bekannten Musiker jüdischer Abstammung (auch die getauften) im Bild mit kurzem biblio-biographischen Text dirzustellen, Man ist erstaunt, über die riesige Zahl hervorragender jüdi" scher Musiker, überrascht über die fast durchwegs überdurchschnittlichen, zum großen Teil einzigartigen schöpferischen und nachschöpferischen Begabungen, die das jüdische Volk, besonders in den letzten Jahrzehnten, hervorgebracht hat. Das Buch enthält über 400 Biographien, ca. 300 Portraits, eine Fülle an Material und interessanten Lebensdaten. Komponisten, Dirigenten, Geiger, Pianisten, Cellisten und Sänger marschieren auf. Manche der bekannten Musiker von Weltruf werden vielleicht denen trostlosen finanziellen Lage Oesterreichs materiell zu Grunde geht. So verebbt allgemach der gesellige Verkehr in Wien, in dem die Juden eine bedeutende, mitunter sogar führende Rolle spielten. f N, - Dorothea Schlegel, die Tochter Moses Mendelssohns. (Nach einer Zeichnung ihres Sohnes Philipp Veit.) durch diese Publikation etwas peinlich berührt sein und sie als eine „Herausforderung“ bezeichnen, besonders natürlich diejenigen, die ihre jüdische Abstammung geflissentlich zu verbergen suchen. Und ihre Zahl ist leider nicht gering. Für uns ist dieses Buch eine Manifestation. Eine Manifestation jüdischer Begabung, jüdischen Geistes, jüdischen Musikertums. Der Verfasser hat sich eine große und fruchtbare Aufgabe gestellt. Inwieweit es ihm gelungen ist, sie zu lösen, werden wir erst beurteilen, bis wir das Buch eingehend studiert haben. Zu wünschen wäre, daß das Werk recht bald in deutscher Uebersetzung erscheint, da anzunehmen ist, daß auch außerhalb Amerikas diese Veröffentlichung in weiten Kreisen lebendigen Nachhall finden wird. j. st. Kunstbücher reicher Auswahl zu den billigsten Preisen in der Bttchersehwemme „VIEMA“, I. Bognergasse 4 Darius Milhaud, der bekannte jüdisch-französische Komponist, hat ein Violinkonzert vollendet, dessen Erstaufführung in Paris am 26. d. M. erfolgen wird. „Hatikwah“ als Missionshymne Naftali Herz Imbers hebräisches Lied „Hatikwah", das zui jüdischen Nationalhymne geworden ist, wurde von einem Missionär in Jerusalem, einem Judenstämmling, umgedichtet; der neue hebräische Text glorifiziert die „wahre Erlösung1' durch das Christentum und wird zu der bekannten Melodie der „Tikwah" in Missionsversammlungen zum Christentum übergetretener Juden in Jerusalem gesungen. Von Büchern Bücher, Dichter, Verleger Jakob Wassermanns neuestes Werk „Der Fall Maurizius", welches das Justizproblem in spannender Weise um einen Mordprozeß aufrollt, ist soeben im Verlag S. Fischer in Berlin erschienen. — Max B r o d s jüngster Roman „Die Frau, nach der man sich sehnt" (Paul Zsolnay Verlag, Wien), liegt bereits im 35. Tausend vor. — Im Verlag der Asia Maior erscheint als erster Band der Veröffentlichungen der deutschen Alexander Kohut-Stiftung ein Werk von Michael Schlesinger, „Satzlehre der aramäischen Sprache des babylonischen Talmuds". — Die „Neue Rundschau" veröffentlicht in ihrem neuen Jahrgang eine großangelegte Jesus-Monographie von Emil Ludwig unter dem Titel „Der Menschensohn, Geschichte eines Propheten". — Das neuentdeckte, bisher unbekannte Drama von Anton Tschechow „Der unnütze Mensch Platonow" erscheint jetzt bei R. Piper & Co. in München. Eine jüdische Buchgemeinschaft in Wien Das Kulturamt des Zionistischen Land'eskomitees hat im Vorjahre eine Jüdische Buchgemeinschaft geschaffen, deren Aufgabe es ist, ihren Mitgliedern hebräische, jiddische, sowie sonstige Bücher jüdischen Inhaltes in anderen Sprachen zu ermäßigten Preisen zu liefern. Außerdem gibt die Buchgemeinschaft an ihre Mitglieder jährlich ein bis zwei Bücher unentgeltlich oder gegen Zahlung eines minimalen Beitrages ab. Mitglied kann jedler Jude werden, der einen Jahresbeitrag von 5 Schilling zu Händen des Kulturamtes entrichtet. Jedes Mitglied kann neben dem Bezug jedes jüdischen Buches, gegen eine Ermäßigung von 15—25 Prozent, im Wege der Buchgemeinschaft sämtliche Veröffentlichungen der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, mit einer 25prozentigen Ermäßigung, die im Jüdischen Buch- und Kunstverlag Brünn erschienenen Werke bedeutend ermäßigt, sowie die Publikationen der S o n c i n o-Gesellschaft zu ermäßigtem Preise erhalten. Als erstes an alle Mitglieder abgegebenes Werk der Buchgemeinschaft erschien das im Phaidon-Verlag herausgegebene Buch Dr. N. M. G e 1 b e r s, „Die Vorgeschichte des Zionismus'1, in dem der bekannte Historiker bisher unbekannte Kapitel zur Vorgeschichte des Zionismus auf Grund neuer archivarischer Materialien beleuchtet. Nach kurzem Intervall ist bereits ein zweites Werk in Vorbereitung, Anmeldungen nimmt das Kulturamt, Wien I., Kärntnerstraße Nr. 28 (Telephon 77-4-85, 77-4-86), entgegen. Hermann Cohen's Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte Unter dem Titel „Hermann Cohen's Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" ist eine neue Sammlung aus dem Geistesschaffen des genialen Philosophen soeben erschienen. Herausgeber sind im Aufträge der Hermanm-Cohen-Stiftung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums die Professoren Albert Görland und Ernst Cassir e r. Diese Schriften bilden eine sprachschöne und gemeinverständliche Ergänzung zu den schweren Büchern der Cohenschen Systematik, Sie gliedern sich in vier Teile: „Systematisches", „Politisches und Zeitgeschichtliches", „Persönliches", „Rezensionen", Ueberdis erscheint Ungedruckles und Verschollenes. So das längst vergriffene und viel gesuchte „Prinzip der Infinitesimal-Methode", das hier den zweiten Band eröffnet. Die Schriften erschienen im Akademieverlag in Berlin. Ein Romanzyklus von Schalom Asch Der berühmte jüdische Romancier Schalom Asch, hat soeben einen Romanzyklus in drei Bänden vollendet, dessen Handlung in der Vorkriegszeit, in der Aera der Revolution und in der Nachrevolutionszeit spielt. Der erste Band des großangelegten Werkes, der den Titel „Vor der Sintflut" führt, erscheint in Kürze im Original im New Yorker „Vorwärts". Ein Preisausschreiben für jüdische Lyrik Die Redaktion des New Yorker jüdischen Tagblattes „Vorwärts" veranstaltet ein Preisausschreiben für das beste lyrische Gedicht in jüdischer Sprache* an der Konkurrenz dürfen sich auch europäische Dichter beteiligen, Das Gedicht darf nicht länger als 50 Zeilen sein. Der erste Preis beträgt 100 Dollar, der zweite 50 Dollar. Der Termin für die Einsendungen läuft bis zum 1. März. Goethes „Reineke Fuchs“ hebräisch Der berühmte hebräische Dichter iSaul Ts eher nichowski, der jetzt in Berlin, wohnt, hat Goethes „Reinelke Fuchs" ins Hebräische übertragen. (Tscherntiohowski hat auch Homers „Ilias" und die JOdyssee" im ursprünglichen Versmaß ins Hebräische übertragen. Beide Werlke erscheinen im Stybel-Verlag.) „Die Sensation“ Zur Premiere von „Jaakob und Rahel" im „Ohel". Wie sie begonnen haben, ist heute schon bekannt. Wie eines Tages Moscheh H a 1 e v i, ein Jünger der „Habiinah" nach Palästina kam, ein Bündel Energie und Wille, wie er innerhalb der Arbeiterschaft die Schauspielschule „Ohel" schuf. Im Lande wurde zum Eintritt in die Schule aufgefordert. Denen, die die Prüfung bestanden, wurden Posten in Tel-Aviv verschafft, so dem Bauarbeiter aus Jerusalem beim Hausbau hier, usw. Das waren die Stipendien, Dann begann man zu arbeiten. Tagsüber im Beruf, abends und am Sabbat im Studio. Es fanden sich bald Hilfskräfte, die mittaten und an dieser wohl einzigartigen Schauspielschule der Welt als Lehrkräfte wirkten, unter ihnen der allzufrüh verschiedene Joel Engel. Als Erstes brachten sie vor bald zwei Jahren eine Reihe Einakter heraus, Novellen von Perez, dramatisiert von Halevi, Später folgten die „Dajagim" (Heyermanns „Fischer") in Halevis1 Bearbeitung. Und nun haben sie die Bibel dramatisiert und auf die Bühne gebracht. In diesen zwei Jahren hat „Ohel" einen weiten Weg zurückgelegt, von Perez über die „Dajagim" zur Bibel. Aus Schülern sind Schauspieler geworden und der Regisseur, einstens sichtbar in jeder Bewegung, in jeder Einzelheit, hat den Individualitäten mehr Raum gewährt, um aber desto mehr dem Ganzen das Siegel seiner schöpferischen Persönlichkeit aufzuprägen. Halevi und sein Werk, das darf heute ohne begeisterte Ueiberschätzamg konstatiert werden, würde auch in Europa seine Anerkennung finden. Noch ist manches unausgeglichen, „unkultiviert". In das Pastorale platzt das Satyrspiel wie eine Bombe und erzielt so eine, wohl unbeabsichtigte, Groteske. Man wird in manchem pro oder contra sein, man muß sich aber damit auseinandersetzen. Und das ist schon Anerkennung. „Jaakob und Rahel", Schauspiel in idrei Akten, einem Prolog und Epilog von N. Kreschninikof, So steht es im Programm. Der Name des Autors ist unwesentlich, vielleicht der ganze Text. Es dominiert die Regie. Dennoch verdient der Text Beachtung. Er ist dramatisierte Bibel. Wortwörtlich oft. Was kein Nachteil ist, denn auf der Bühne erst kommt uns die ganze Schönheit der Sprache zum Bewußtsein. Und ein Weiteres. Das Hebräische wird gesprochen, wie es die Yemeniten, die Araber sprechen, guttural. Wodurch vielleicht der Klang gemindert, der Stil des Ganzen jedo,ch erhöht wird. Stilecht ist auch die Musik, die sich melodramatisch durch das ganze Stück zieht. Rosovsky, der Forscher kantoraler Musik, der von einer kantoralen Hochschule in Jerusalem träumt, hat es meisterhaft verstanden, im Stile altchasanischer und arabischer Musik zu schaffen. Da mit der Schutzmarke „Chaluz", „Volk" usw„ auch in der musikalischen Produktion unerhörter Mißbrauch getrieben wird, dürfen wir wieder einmal, vielleicht zum ersten Male seit Joel Engels Tod, dankbarst anerkennen, Hervorragend sind Wissenschaft, Literatur, Kunst