Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1928)
- Date
- 1928-02-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 DIE STIMME Seite 9 Ueberbau über einem Patriarcheugrab. .ir-'*! sailem, der ihm das Handschreiben des Sultans überreichte, folgendes: „Sage dem Prinzen aus dem Abendlande, in dem Ferman steht, daß ich ihn in die Moschee und in die Grabeshöhle hineinlassen möge. Ich muß gehorchen. Es steht aber nicht im Ferman, daß ich ihn auch wieder hinauslassen muß." Der Kronprinz ging nicht in die Moschee. Dem früheren ■merikanischen Botschafter in Konstantinopel, Henry M o r - g e n t h a u, wurde, als er nach Hebron kam,, wohl gestattet, die Höhle Machpelah zu besuchen, doch durfte er sich den Gräbern der Stammutter nicht nähern; dies wurde damit begründet, die Vorschrift des Islams, daß ein Mann keiner Frau in das unverschleierte Antlitz blicken darf, gelte auch für Tote. Miszellen Dos Budget der Palästina-Regierung für 1928 weist bei Einnahmen von 2,322,935 Pfund und Ausgaben von 2,443.677 Pfund ein Defizit von 1 2 0.7 42 Pfund auf. Unter den Ausgabenposten steht an erster Stelle das Polizeiwesen mit zirka 530,000 Pfund, dann folgen die Posten Oeffentliche Arbeiten mH 373.000, Unterricht 144.000, Sanitätswesen 105,000, Land- und Forstwirtschaft 65.000 Pfund. Die Mavromatis-Konzession. Wie die palästinensische Tageszeitung „Dawar" meldet, verhandelt der Grieche Mavr o m a t i s, der noch vor dem Kriege von der türkischen Regierung eine später von England angefochtene, jedoch vom Internationalen Gerichtshof im Haag anerkannte Konzession zur Versorgung Jerusalems mit elektrischem Licht, Kraft, einer Straßenbahn und Trinkwasser innehat, mit der von Ing. Rutheniberg geleiteten Palestine Electric-Company und mit der britischen Baufirma Jackson Ltd. wegen Verkaufes seiner Konzession. Da es Mavromatis nämlich 'bisher nicht gelungen ist, die Arbeiten durchzufiihren, für welche er die Konzession erhalten hat, hat ihm, wie „Dawar" wissen will, auf Grund des Haager Schiedsspruches, der ihn zur Realisierung derselben verpflichtet, das britische Kolonialamt mit der Entziehung gedroht, wenn er seinen Konzessionsverpflichtungen bis Ende 1928 nicht nachkommt. Wie „Dawar" berichtet, hat der Keren Kajemeth von der Versicherungsgesellschaft ,,P h ö n«i x" ein Darlehen von 1 0,0 0 0 Pfund für den Bau eines eigenen Hauses im Redhawia-Viertel auf dem für die Errichtung von Häusern für die Zionistische Exekutive, den Keren Hajessod und den Keren Kajemeth bestimmten Platze erhalten. Wie verlautet, soll demnächst unter den Architekten ein Wettbewerb für den Bauplan ausgeschrieben werden. * Das Haus des vor einem Jahre verstorbenen Philosophen Achad Haatn in Tel-Aviv, wurde vom dortigen Stadtrat als Nationaleigentum in Obhut genommen. Es soll als Depot für alle über Judentum und Palästina erscheinenden Schriften dienen. Das Arbeitszimmer und die Bibliothek Achad Haams bleiben in unverändertem Stand. Die jüdische Gemeinde Der passive Gottesdienst "Fon Viktor Bauminger (Mitglied des Kultusvorstandes). Die Wiener Kultusgemeinde befindet sich in finanziellen Schwierigkeiten. Die Gebarung für das verflossene Jahr dürfte mi; einem Defizit von zirka 300.000 S abschließen. Die Gebühren und Taxen werden in bedenklicher Weise hinaufgeschraubt, die letzten fiskalischen Mittel werden in Bewegung gesetzt, um der Finanznot einigermaßen zu steuern, als ob die Krise auf rein wirtschaftlichem oder finanziellem Gebiete zu suchen wäre. Man vergißt immer, daß die geistige Vernachlässigung der Wiener Juden, die jüdische Interesselosigkeit der Gcmeindemitglieder die eigentliche Ursache bildet und daß die finanzielle Not nur als Folge der geistigen Not zu werten ist. Als solche muß sie immer wieder klar und deutlich gekennzeichnet werden. Diese Interesselosigkeit der jüdischen Menschen tritt auf allen Gebieten der Gemeindetätigkeit in Erscheinung und findet. direkt oder indirekt, auch ihren finanziellen Ausdruck. Ein ganz besonderes und für die Wiener Verhältnisse charakteristisches Kapitel bildet auf diesem Gebiete der Gottesdienst. Man sollte glauben, daß wenigstens auf dem Gebiete des Gottesdienstes die Verhältnisse geordnet liegen. Ist es doch eine Tatsache, daß eine »Schul« noch nie wegen Geldschwierigkeiten in ihrem Bestände bedroht war, daß ihre Existenz in sich selbst gegeben, durch das Interesse und das Bedürfnis ihrer Mitglieder zu allen Zeiten gesichert war. Die Andacht war allerdings keine äußere und künstliche, auch nicht alleinige Sache der Rabbiner und Kantoren. Die Andacht war innerlich und natürlich in der ganzen Masse, das Gebet war Bedürfnis, das Gotteshaus ein Volkshaus. Das in manchem Tempel heutzutage durch bezahlte zehn »Batlanim« geführte Scheindasein, dieses oft fiktiv und mechanisch gefristete Fortleben, ist doch nur ein Ausdruck der Gleichgültigkeit, die auf mangelnde Erziehung stätigkeit der Gemeinde zurückzuführen ist. Das Gotteshaus war nicht immer, wie es vielfach der Fall ist, nur ein Gelegenheitsort für Maskirjuden, eine Ablagerungsstätte für die Pietät der Kadischsager, kein Luxus, aber auch keine Last. Heute ist es aber anscheinend •k* und im Budget der Gemeinde kommt der heutige Zustand in erschreckenden Ziffern zum Ausdruck. Das Passivum des Gottesdienstes beträgt S 265.650.—, wenn von der zum ersten Male erzielten Einnahme aus den temporären Veranstaltungen anläßlich der hohen Feiertage in der Höhe von S 4542.85 abgesehen wird. In diese Summe ist der Mietwert der sechs Gemeindetempel, der zumindest mit S 100.000.— zu veranschlagen ist, nicht einbezogen. Diese unglaubliche Summe für den Gottesdienst, der in sich selbst aktiv sein müßte, ist ebenfalls und wiederum nur ein Ausdruck der geistigen Not. Der Mangel an Interesse, hervorgerufen durch die beispiellose Untätigkeit auf erzieherischem Gebiet seitens der Kultusgemeinde, ist die Mutter aller finanzieller Sorgen. De jüdischen Menschen gehen nicht in den Tempel, weil sie einfach das hebräische Wort nicht mehr verstehen. Es isl uninteressant und langweilig geworden. E$ ist ein Ding der Unmöglichkeit, jemanden dauernd und seelisch mit einer Sache zu verbinden, die er buchstäblich nicht versteht. Der Gottesdienst ist wohl „würdig" und „andächtig", aber das Gebet wird größtenteils mangels hebräischer Sprachkenntnisse nicht mehr verstanden. Wenn die Gemeinde nicht ernstlich darangehen wird, jüdische Menschen und Volljuden zu erziehen, Menschen, die in der Gemeinde ihren kleinen Staat erblicken, und für welche die Gemeindeinstitutionen ein inneres Bedürfnis, eine seelische Notwendigkeit sind, wird sie in ihrer Gebarung trotz aller fiskalischen Maßnahmen, die letzten Endes sehr beschränkt sind, kein Gleichgewicht Herstellen können. Jedes wirklich jüdisch erzogene Kind ist die beste Einnahmsquelle der Gemeinde. Interessant sind aber zugleich die Einzelpostcn dieses enormen Defizites. Die sechs Gemeindetempel ohne Mietwert sind allein mit S 195.650,—■ präliminiert, gegen ein Ergebnis für das Jahr 1927 von S 246.165.35. Die günstige Differenz liegt aber keinesfalls in einer etwa zu erwartenden besseren gottesdienstlichen Konjunktur, sondern in den im verflossenen Jahr vielfach vorgenommenen Adaptierungen, die eine Mehrbelastung .verursachten. Hiebei ist erwähnenswert, daß selbst der Leopoldstädter Tempel, ein im Herzen der jüdischen Gasse gelegenes Gotteshaus, ein Passivum von Schilling 47.000.— aufweist, während sämtliche Vereinsbethäuser in der Leopoldstadt, wegen der dichten jüdischen Siedlung und der geistigeren und religiöseren Struktur der jüdischen Masse, das Gleichgewicht in ihren Haushaltungen, zum allergrößten Teil ohne Inanspruchnahme der Gemeinde, aufrechterhalten konnten. Die restlichen S 70.000.— bilden Subventionen für notleidende Vereinsbethäuser, die der Kultusvorstand im Interesse der Aufrechterhaltung des Gottesdienstes unterstützt, während die Gemeindetempel vom Vorstand gänzlich erhalten werden. Die Tatsache nun, daß das Bauwerk der Gemeinde gehört und daß die Gemeinde zu jener Zeit, als noch keine andere Gebetsgelegenheit gegeben war, diese monumentalen, heute vielfach mangels Interesses leerstehenden Bauten auflührte, berechtigt noch keinesfalls die lokalen Interessenten, sich ein ehrenvolles und sorgloses Verwaltungssystem einzurichten und das Defizit einfach auf die Gemeindekasse zu überwälzen. Es ist vielmehr in dieser Zeit der finanziellen Depression ein Gebot der Pflicht und Gerechtigkeit, die Eigenleistung der Mitglieder entsprechend zu steigern und, gleich den vielfachen Privatbethausvereinen, einen inneren wirtschaftlichen Aufbau, durch Heranziehung des Einzelnen und durch Wachrufen des Interesses herbeizuführen. Die Finanzen der Gemeinde müssen für die Gesamtinteressen der ganzen Judenheit, für die sozialen und kulturellen Bedürfnisse ireigeroacht werden. Die Gemeinde hat diesen Tempeln gegenüber keine größere Verpflichtung als allen anderen Gotteshäusern gegenüber, Es gibt kein Gotteshaus erster und zweiter Klasse. Auf eine Ausnahmsstellung, dahingehend, mit dem jeweils entstehenden Defizit in beliebiger Höhe einfach die Gemeindekasse anzulasten, hat keine Schichte und am allerwenigsten die reichste, berechtigten Anspruch. Viel charakteristischer ist aber die Aufteilung der restlichen S 70,000.—, von denen faktisch nur S 65.500.— in Betracht kommen, weil die Subvention für die »Dajanim« auf Konto des Rabbinals zu buchen sind, da diese mit gottesdienstlichen Funktionen nicht betraut sind und nur unentgeltlichen Bescheid in allen rituellen Belangen des täglichen Lebens (Schaalos paskenen) zu geben haben. Mit dem erwähnten Betrag von S 65,500.— werden von den in Wien bestehenden 62 Privatbethausvereinen nur 28 beteilt, von diesen 5 Vereinsbethäuser allein mit S 35.828,—, während die übrigen 23 Bethäuser insgesamt nur S 29.672,— beziehen. Daß die Frequenz in diesen 23 räumlich kleinen Bethäusern, deren Mitglieder sich größtenteils aus östlichen und ungarischen Kreisen rekrutieren, zahlreicher ist, daß sie wirkliche jüdische Zentren bilden, in denen ohne Aufwand und ohne Luxus tag- Iffliiliilüi In nnmummmniiiiiniiiwimB I ■ | Grundstück I Angelegenheiten | | Kau! * Verkauf jj | Verwaltung 1| L Belehnung ■ betreffend ■ Häuser Villen | Güter §Hf wende£nianj»fc|i^n^Mjrau^^ ÜÜ Realitäten- und Verwaltungskanzlei Dr. jur. Marem Somer I jf Wien, IX. Währingerstraße Telephone: A 26-4-47 * 15-506 I lieh, morgens und abends, gebetet und vielfach auch Thora- und Talmudstudium betrieben wird, daß schließlich in diesen Vereinen auch mannigfache Wohltätigkeit (Krankenpflege, Bekleidung, Kredithilfe, Pessachaktion etc.) geübt wird, isl jedem Sachkenner klar. Auch hier tritt die oben bezüglich der Gemeindetempel bemängelte Erscheinung zutage, die reichen, monumentalen und während der ganzen Woche vielfach leerstehenden Vereinsbethäuser sind immer besser gestellt; die Kultusgemeinde fühlt sich aus unerklärlichen Gründen verpflichtet, in diesen Fällen größere Opfer zu bringen, wenn auch zugegeben werden muß, daß diese Vereinsbethäuser, im Gegensatz zu den offiziellen Gemeindetempeln, auch selbst Anstrengungen machen, um das budgetäre Gleichgewicht zu erhalten. Die Subventionen scheinen aber nach dem äußeren Aufwand und nach der luxuriösen Aufmachung zu erfolgen, nicht nach dem zahlenmäßigen Besuche und nach dem erzieherischen Wert, Je weniger ein Tempel frequentiert ist, desto höher durfte die Subvention sein. Es wäre vielleicht zu erwägen, einen Schlüssel — analog den Bestimmungen bei den Schu!- subventionen, wo Stunden- und Schüleranzahl für die Höhe entscheidend sind — zu schaffen, dem außer der Eigenleistung auch die faktische Frequenz zugrunde zu legen wäre. Ein schönes Bauwerk ist noch kein Wechsel auf den liebe;: Herrgott und auf die Gemeindekasse. Nur wenn es entsprechend benützt und aus genützt wird, erfüllt es den Zweck, den die Gemeinde in erster Reihe zu fördern verpflichtet sein wird. Die Gemeinde aber muß ihr Augenmerk in erster Linie auf die Erziehung jüdischer Menschen richten. Sie muß eine Generation sichern, die ihre Volks- und Gebetsprache versteht. Jüdische Erziehung ist die beste Finanzoperation. Das Kultusgemeindebudget Die Spezialdebatte wurde Dienstag, den 7. d, lM., «abgeführt. Als erster Redner 'forderte iKultusvorstelher Bauminger (IMisrachi) eine ausgiebigere Unterstützung der kleinen IBethausvereine, die beute die hauptsächlichsten Träger des jüdischen 'Geistes sind, und führte Klage darüber, daß die Kultu$gem«e«inde beabsichtige, in diesem Jahre von der bisherigen Gepflogenheit abzugeihen und statt der iMazzoth den Bedürftigen zu den Pessachfeiertagen Geld zum Ankauf der Maizzotb schenken wolle. 'Regierungsrat Oppenheim wies darauf bin, daß diese Maßnahme notwendig geworden sei, weil «sich 'bei «der Verteilung von M.azzoth grobe Unzukömmlichkeiten ergeben hätten. Im übrigen werden auch weiterhin neben der Geldablöse Anweisungen auf Gratis-Mazzoth ausgegeben werden, Professor Rath befaßte sich 'eingehend mit den gänzlich unzulänglichen jüdischen Schulen und forderte von der Gemeinde den Ausbau der bestehenden und die Errichtung neuer B i b e 1 s c h u 1 e n. Die Bibelschulen müßten den Kindern unen t gelt lieh zur Verfügung stehen. Redner empfahl für alle Bihelschulen die Unterrichtsmethode der «Bibelschule in der Othmargasse, die das Hebräische als Unterrichtssprache eingeführt hat. Rednier beantragte die 'Erhöhung der diesbezüglichen Subventionen um S 3 5.0 0 0.—; diesem Antrag gab der Fimanzreferent Folge. Der Obmann der Sdhulkommission, Dr. Ti cho (Union), bemängelte, daß in der «ganzen Debatte der Religionsunterricht dabei arg vernachlässigt wurde, Wenn die Erfolge nicht die gewünschten sind, so «dürfen wir das nicht den Religionslehrern zur Last legen, sagte Dr. Ticbo, das jüdische Elternhaus fehlt eben. (Zwischenrufe ' von seiten der Zionisten: „Dann muß es eben durch die Schule ersetzt werden!") iDie obligatorische jüdische Schule lehnen wir ah und «auch gegen die 'fakultative jüdische Schule halben wir unsere Bedenken, Wenn Sie eine nationale «Schule wollen, dann 'können wir nicht miteinander gehen. Wenn Sie aber die jüdische 'Religionsschule wollen, dann werden Sie uns bereit finden. iKultusvorstelher Dr. Sanel 'Beer befaßte sich mit dem R o t h s c li i 1 d - S p i t a 1, das nur die Einführung der „freien Aerztewahl" sanieren könne, mit der andere Spitäler die besten Erfahrungen gemacht hätten. Auch als AusbiLdungsstätte für jüdische Aerzte müsse das Spital mehr als bisher herangezogen werden. Dr. Beer forderte ferner die Errichtung einer Wöchnerinnenstation im Rothschild-Spital. Schließlich beantragte der Redner eine ausgiebigere Subvention der jüdischen Sportvereine. A.+./+./+^ 587777 5323539053238953534848 01232323235348532353485323234823482348