Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1928)
- Date
- 1928-02-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053760--0112-3055370- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 DIE STIMME Nr. 7 Palästina Das Tote Meer Von Perez Hirschbein. Der berühmte jüdische Schriftsteller hat auf seiner drei Jahre währenden Weltreise auch Palästina besucht. Von seinen Eindrücken im jüdischen Lande, die er ebenso wie die aus den anderen Ländern der Erde in einer Reihe farbiger Skizzen künstlerisch geformt hat, geben wir hier einiges aus dem Abschnitt über das Tote Meer wieder, das gegenwärtig durch die Vorbereitungen zur Gewinnung seiner Kali* salze im Mittelpunkt des Weltinteresses steht. Die Volksphantasie hat diesen Landstrich als verwünscht bezeichnet. Hat hier doch in fernen Zeiten Uebeltat geblüht. Alles Böse haben die Menschen dieser Gegend in sich auferzogen. Da hat Gott der Herr dieses Tal verwüstet, das ein Paradies gewesen, und hat es mit Feuer und Schwefel übergossen. Sodom! Ist auch die Sodom-Gegend so tot wie das bittere Salzmeer, das sich dort befindet? Unser inneres Sein ist ja mit dem grünblühenden Leben verknüpft, aus dem Reflex der lebendigen Schönheit. Wir sind mit dem Geruch der Natur verbunden, dem Wechsel der Jahreszeiten. Das Salzmeer aber haben schon die Römer zum schauerlichen Namen verurteilt: das Tote Meer. Mehr als siebzig Kilometer lang und an seiner breitesten Stelle an die siebzehn Kilometer breit ist das Tote Meer. Es macht den Eindruck eines bescheidenen Sumpfes. Frische Rosigkeit strahlt im Licht des frühen Morgens in sein blasses Grün. Eingezwängt zwischen den Bergen liegt es mit zufriedenem Lächeln da. Seine Flüssigkeit ist alles, was ihr nur wollt, nur Wasser nicht. Einen so tödlich giftigen Geruch kann man sich schwer ausmalen. Ich kostete mit der Zungenspitze vom ,.Toten Meere"« Einen ganzen Tag lang brannte es mich auf der Zunge. Der Geschmack ist salzig und pfefferig. Jod und Schwefel. Wo bist du hingeraten, süßes Jordanwasser? In der Tiefe spielen allerlei Mineralquellen, die das Jordanwasser in sich aufnehmen und es in eine Art bittre Medizin umwandeln. Das Wasser ist dicht; ein Mensch könnte sich eher damit vergiften als in ihm ertrinken. Ich versuchte zu schwimmen und blieb oben wie ein Pulver im Wasserglas. Das Was" ser ist schwer und läßt den lebendigen Leib nicht sinken. Als ich Schwimmbewegungen machte, trieb es mich hinauf wie einen Holzspan. Der Körper wurde steif, als ob du so auf dem Wasser liegen bleiben und einschlafen müßtest. Es gibt noch eine solche Stelle auf der Erde. Das ist der salzige See im Staate Juttah in Amerika, wo die Mormonen leben. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts gab sich ein Mann mit dem Namen Smith als Propheten aus und gab seinen Anhängern die mormonische Lehre. Die christlichen Fanatiker vertrieben ihn und seine Anhänger aus den Oststaaten bis nach dem damals wilden Juttah. Die Die Mormonen entdeckten in ihrer erhitzten Phantasie in Juttah ein zweites Palästina. Vor allem anderen fanden sie den Doppelgänger des Salzmeeres. Nicht weit davon fanden sie einen Süßwassersee, dem Kinereth-See ähnlich, auch den Jordan fanden sie, der im Kinereth-See entspringt und bis zum Toten Meere fließt. Dort in Juttah gibt es auch einen Berg Zion und zuguterletzt fand der Prophet Smith ein paar Tafeln mit den zehn Geboten. Ja, wilde Wunder hat die Welt; nur darauf kommt es an, über wieviel Zeit der Mensch noch verfügt, seinen Geist spielen zu lassen. Und wenn gar der Geist zu schlummern und einen Traum zu weben beginnt, dann sucht die Wirklichkeit Unterschlupf in den Ruinen der alten Erfahrungen. Totes Meer oder Salzmeer — man ist aus dem Schlaf erwacht und hat jener Gegend den romantischen Schleier heruntergerissen. Am Ufer des Toten Meeres sitzen schon geraume Zeit Chemiker und messen und wägen die Flüssigkeiten des Sees. Man zerlegt alle seine Elemente chemisch und man rechnet aus, wieviel Millionen oder Billionen alle seine chemischen Stoffe bringen werden. Wie wach ist doch der Geist derer, die in unserer Zeit nicht schlafen und selbst den Nutzen eines Regentropfens kennen, wenn man es nur heraus hat, ihm richtig den Weg zu weisen. So wird, scheint es, die Zeit kommen, da sich der Jordan mit dem Toten Meere nicht mehr verbinden und ihm nicht mehr seinen Wasserüberschuß bringen wird. Nicht mehr wird er dem Toten Meere lebende Fische als Geschenk bringen, die in den scharfen Mineralien ersticken. Man wird den Jordan künstlich ablenken und ihm einen Weg bahnen zu Getreidefeldern und Fruchtgärten. Hier irgendwo sind die Juden über den Jordan gegangen. Vor den Tritten Israels erschrak der Jordan und „kehrte um". Jetzt gehen die Kinder Israels wieder einmal daran, ihm den Weg zu verstellen, daß seine Wasser nicht mehr die Ufer des Toten Meeres erreichen. Schön ist dort die Natur, wo Leben und Tod einander begegnen. Wüste und Oase, Das ist auch für den Wanderer ein Geheimnis. Und hier, rings um das Tote Meer hat die Hand des Erbarmens ihren Weg des Lebens gezeichnet. Die kalten süßen Quellen haben aus der Tiefe die Oberfläche erreicht. In jenen Zeiten noch, da Palästina in so viele Staaten geteilt war, als das Land große und kleine Berge besaß, als es Täler und Felsenspalten besaß, damals gab es um das Tote Meer, im Jordantale, an jeder frischen Quelle ein Königreich. So war schon seit uralten Zeiten die Oase in Jericho berühmt, so auch die Oase E j n G a d i, die im Lied der Lieder besungen wird. Jericho ist heute noch die große Oase. Von der Ferne springt das tiefe schwere Grün in die Augen, das den kalkigen Schimmer des wüstenartigen, leergebrannten Tales auseinanderreißt. So muß es gewiß vor tausenden Jahren ausgesehen haben, als das Grün Josua und die jüdischen Stämme anzog, Jericho zu belagern. Auch dorthin hatte man Kundschafter gesandt, die ausforschen sollten, was drum und dran sei. Und damals hat eine Tochter Jerichos ihr Land an das Volk verraten, das vom Moab-Gebirge niedergestiegen war. Dieses alte Jericho ist vor nicht langer Zeit ausgegraben worden. Teile Das Haus eines Arabers in Palästina, das von einem jüdischen Architekten entworfen und von jüdischen Arbeitern erbaut wurde, Vf «ft der Mauer um die Stadt sind bloßgelegt worden, Häuser und Gassen entdeckt. Erfüllt hat sich der Fluch Josuas, da „verflucht für immer der sei, der hingeht und Jericho wieder aufbaut". Nein, der Fluch hatte über die Quellen, die aus der, Erde sprudeln, keine Macht. Heute eben so wie vor tausenden Jahren hängen schwer die Früchte der Dattelpalmen. Fette, süße, saftige Datteln bieten die Einwohner Jerichos den Reisenden an und niemand vermutet, daß ein Fluch über der Süßigkeit steckt. Um dieser Datteln willen hat es sich verlohnt, ein Königreich zu gründen und solche Datteln, hat man sich an ihnen satt gegessen, konnten einer leichtsinnigen Tochter Jerichos die Begier eingeben, die jüdischen Kundschafter bei sich zu verbergen, als sie nach Jericho gezogen kamen und sich an Jerichos Süßigkeiten gelabt hatten, zusammen mit den Bienen, die umherschwirren.. . Das Wasser in Jericho ist kalt und schmackhaft. Wahrscheinlich vermag auch ein solches Wasser Gesicht und Hände reinzuwaschen und für ein ganzes Leben lang ein Bad zu ersetzen. Nichtsdestoweniger ist Jericho ein Muster an klebrigem Straßenschmutz. Und weil alles, was in dieser subtropischen Oase wächst, honigsüß ist und weil die Menschen — ihre Gesichter und Hände — süß verzuckert sind, herrschen hier die Fliegen, wo ihr nur wollt. Bei den Kindern in den Augenwinkeln und Mundwinkeln sitzen Scharen von Fliegen, ebenso auf den Händen und auf dem ganzen Körper. Ich glaube, die klebrige Süßigkeit macht dem Menschen hier Vergnügen. Ich habe mich mit Datteln und Weintrauben versorgt und bin auf den Berg hinaufgestiegen, wo man die Ausgrabungen gemacht und nach den Ueberresten Ält-Jerichos gesucht hat. An einem Sommertag gegen Mittag ist hier die Hitze erbarmungslos. Es ist einfach lebensgefährlich, so im Freien zu sitzen. Dennoch wird man von einem eigenartigen nie gekannten Gefühl ergriffen, wenn man auf den Ruinen Jerichos sitzt, den Blick „HANSA“ WIEN I., FRANZ JOSEFS-KAI 13 TELEPHON 75-409 Himer, Büros, Wohnungen, Hypotheken, Verwaltungen Unter wenigen Tagen beste Resultate Eigene Kredltabteilung nur für grolle Transaktionen dem Moabgebirge zugewandt. Wieviel bin ich doch in der Welt in den letzten Jahren umhergewandelt. Ich war lange genug in der Wüste und habe oft genug gespürt, wie die Schweißtropfen über die nackte Schulter hinunterrollen, weiterrollen bis in die Schuhe ... aber nirgends haben sich meine Gedanken in meine eigene Traurigkeit so hineingewoben wie diesmal auf den Ruinen Alt-Jerichos. Ich nahm phlegmatisch eine Traube nach der anderen, löschte mit ihrem Saft meinen brennenden Durst und mir schien es, daß das Moabgebirge sich mir näherte, immer mehr sich zu mir niederbeugte, so daß ich die oberste Fläche sehen konnte. Ich glaube, daß ich die nackten Füße unserer einstigen Wandler kenne, die es zu den Füßen der Oase hingezogen hat und deren Traum damals das Gefühl von Herrschen und Beherrschen geworden war . . Auch jetzt noch sieht das kleine Land größer aus wie jeder Jude größer erscheint, der nach Palästina kommt und mit sich ein Häuflein Samenkörner bringt, sie nahe einer Quelle zu pflanzen. Palästina ist noch immer das Land, wo Traum und Wahrheit eng nebeneinanderschreiten, so nahe wie das Süßwasser des Jordans neben der bitteren Flüssigkeit des Toten Meeres, wie die Wüste sich der Jericho-Oase nähert, ihre trockene Lippe an der kalten Quelle zu benetzen ... Die Gräber der Erzväter In den letzten Wochen steht die Höhle Machpelach bei Hebron im Mittelpunkt des Interesses, da die — seither freilich berichtigte — Meldung verbreitet wurde, der Oberste mohammedanische Rat hätte das für Nichtmohammedaner geltende Verbot, die Höhle Machpelach zu betreten, aufgehoben. Die Oertlichkeit, welche den Bekennern des Islam so heilig ist, hat für die Juden große Bedeutung; denn in der Höhle Machpelach befinden sich nach der Bibel die Grabstätten der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, das Grab Josefs, sowie die Gräber der Erzmutter Sarah, Rebekka und Leah. Die Höhle Machpelah liegt in einer Moschee, die im 12. Jahrhundert von den Kreuzfahrern als „St. Abrahams- Kirche‘‘ erbaut worden war. Der jüdische Orientreisende Benjamin von Tudela erzählt in seiner Reisebeschreibung, bei der Höhle Machpelah sei einmal eine Synagoge gestanden. Von dieser finden sich keine Spuren, doch dürfte zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian an dieser Stelle eine Kirche gestanden sein. Um das Gebiet der Höhle ziehen sich zwei Mauern. Die Treppe zwischen ihnen, die in den inneren Hof, den „Haram" genannten heiligen Raum, führt, dürfen Ungläubige nur bis zur siebenten Stufe besteigen. Die Juden pflegen sich auf den ersten sechs Stufen zu Klagegebeten zu versammeln, ähnlich wie an der Jerusalemer Klagemauer.!lm Innern der Moschee führen zwei Oeffnungen im Fußboden in die Höhle Machpelah hinunter, die aus mehreren Kammern und Korridoren besteht. Ueber den nördlich gelegenen Gräbern von Abraham und Sarah, sind zwei achteckige Kapellen errichtet. Das Grab Josefs hat eine besondere Umfriedung. Alle Gräber sind mit golddurchwirkten grünen Decken und Teppichen, Meisterwerken altarabischer Arbeit, bedeckt. Die Mohammedaner, welche zu den Gräbern pilgern (das „Haram‘‘-Gebiet ist eines der drei mohammedanischen Heiligtümer erster Ordnung), legen auf die Gräber Bittschriften, da sie der Fürbitte der Erzväter und Erzmütter stärkste Wirkung zusprechen. Wie streng die Mohammedaner den Zugang zur Höhle Machpelah bewachen, davon erzählt der Wiener Dichter Ludwig August Frankl in seiner palästinensischen Reisebeschreibung eine bezeichnende Episode: Der preußische Kronprinz Friedrich (später Kaiser Friedrich III.) kam im Jahre 1869 mit einem Ferman des Sultans aus Konstantinopel nach Heibron, der ihm den Eintritt in die Grabesmoschee gestattete* Der fanatische Scheik, der die Moschee zu bewachen hatte und darüber sehr erstaunt war, daß man aus diplomatischen Gründen an der hohen Pforte einem „Ungläubigen*1 das Betreten der Moschee gestattet hat, sagte zum Pascha von Jeru- Dlskret Prompt Zugang zur Höhle Machpelah in Hebron,