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Die Stimme · 1928-02-16 · Heft 7 (16.2.1928) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 7 (16.2.1928)
Date
1928-02-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 7 DIE STIMME Seite 7 den, hat sich die Bevölkerung der früheren Hauptstadt des russischen Reiches um mehr als 50 Prozent vermehrt. Im Frühjahr wird in W a r s c h a u ein Weltkongreß der jüdischen Studenten stattfinden. Als Nachfolger des vor kurzem verstorbenen demokratischen Abgeordneten Dr. R a s c h i g kommt der Berliner Rechtsanwalt Dr, Richard Frankfurter in den deutschen Reichstag. Dr, Frankfurter, der Sohn eines Bielitzer Rabbiners und der unter dem Pseudonym Ulrich Frank bekannt geweint Spiegel Wir wissen: es ist kein schönes Gesicht, das der Anlisemitenspiegel zeigt, ialber von Zeit zu Zeit tut es doch not, sich die schlaffen, durch iHaß entstellten Züge des antisemitischen Antlitzes zu merken. Wir wollen -gegen die geborenen Demagogen, die die ewige Wiederkunft menschlicher Schlechtigkeit bezeugen, keinen Kampf führen, zumal da wir uns überzeugt haben, daß der Erfolg der Abwehr zu der angestrengtesten Abwehrtätigkeit, die seit Jaihr und Tag hierfür aufgewendet wird, in einem gar zu argen Mißverhältnis steht. Wir wollen lediglich zeigen, wie sie aussehen, damit man erkenne, wie si e sind. Freilich kann mitunter die Apologie eine Notwendigkeit sein, männlich, wo es gilt, unbegründete Anklagen, falsche Beschuldigungen mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen oder den Lügenbau verleumderischer Andichtungen mit der Kirtaft der Wahrheit zu zertrümmern; in solchen Fällen werden iwir uns billigerweise der Abwehr nicht entziehen und jene Aufklärungsarbeit leisten, die innerhalb der Grenzen des Notwendigen erforderlich ist. Meistens aber dürfte zur Kennzeichnung des antisemitischen Ungeistes der einfache Tatsachenbericht genügen. Wenn mian indes vom antisemitischen Ungeist spricht, so darf gerechterweise die Tatsache nicht verschwiegen werden, daß gerade in jüngster Zeit auch einige Geistige ins judenfemdliche Lager gestoßen sind, ernstzunehmende 'Männer, die, durch eine falsche Einstellung zum Judenproblem verleitet, den Antisemitismus zu einer Art Weltanschauung gemacht haben. Mit diesen Antisemiten im Geiste werden wir uns, soweit es unsere Selbstachtung erheischt und Recht und Gerechtigkeit es erfordern, mit aller notwendigen Schärfe, aber ohne Erbitterung auseinandersetzen. (Ihnen gegenüber werden wir unsere eigene Sache vertreten, indem wir der Wahrheit dienen. Der Steglitzer Schülerprozeß, der vergangene Woche in Berlin begann, ist symptomatisch für das freventlich gezüchtete „'Heldentum" einer deutsc-hvölkiischen Jugend. Der Angeklagte, Paul Kriantz, ISjährig, deutsohivölkisch, jugendbündlerisch, dazu noch frühreif und überfrei, ist eine Zeiterscheinung, die uns die Gefahrenzone zeigt, in die eine wahnwitzige Ideologie diese Jugend hineinhetzt. Das Wahrzeichen dieser Jugend ist der Revolver, in der Regel gegen den „Vaterlandsverderber“ schußbereit (siehe Rathenau); in der Steglitzer S'chiülertriagödie hat sich lediglich die Zielrichtung geändert, da traf er den 'Freund und den Neibenibuihler. Es ist psychologisch ganz nebensächlich, ob hier Mord, Selbstmord oder nur Aufreizung zu beiden vorliegt; für alle Fälle Meilbt es bezeichnend, wie leicht solch ein junger iMensch nicht nur mit dem Wort, sondern zuweilen auch mit dem Leben fertig wird. Es gehört zur iHeldenpose solcher jungen Leute, sich von jeder inneren Hemmung zu befreien, keine äußere Aufsicht auf ihren Abwegen zu dulden, allerlei (Lüsten zu fröhmen und dabei weltschmerzlerisch zu sein, das Leben, das sie noch gar nicht kennen, zu mißachten und sich den Tod auf ihre eigene Weise zu bilden. „Ihr" Tod trägt eine Faschistenkappe oder einen Stahlhelm oder ein Hakenkreuz und ist schwarz-weiß-rot bebändert; er steht daj, von Alkoholdunst umgehen, mit einem Revolver in der Rechten und mit glimmender Zigarre in der Linken; er drückt ab und trifft — den „VaterlandsVerderber“ oder bloß den Freund und den Nebenbuhler. . . . Ludwig Hatvany, der wegen einiger, in der ungarischen Emigrantenpresse veröffentlichter politischer Artikel zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, kam nunmehr für die im heutigen Horthy- Ungam herrschenden Zustände, die er eben in den erwähnten Aufsätzen scharf kritisierte, mit seiner eigenen Person Zeugnis ablegen. Was war denn eigentlich Hatva-nys Verbrechen? Er hat als ein (Mann von freiheitlicher Gesinnung und 'als ungarischer Patriot gegen die wütige Willkürihierrschaft des iHortihy- -Regimes, also gegen (Horthy-TJngarn, geschrieben. Sie alb er, die Horthy-Untertanen, nennen es „Schmähung der ungarischen Nation". Offenbar glauben sie, die gesamte ungarische Nation zu repräsentieren. Ist dem so, so muß gesagt werden, daß sie diie ungarische Nation sehr schlecht repräsentieren, so schlecht, daß sie (Ungarn vor aller Welt diskreditieren — wofür eben der -Hatvany-Prozeß einen neuen Beweis lieferte. Zu den „Umfallen", die Baron Hatvany in diesem Prozeß erlitten, gehört auch seine Erklärung, daß er das heutige Ungarn für konsolidiert halte, daß er der gegenwärtigen ungarischen Regierung zulbillige, von den unverantwortlichen Elementen des weißen Terrors abgerückt zu sein. Wie sehr Ludwig Hatvany mit dieser seiner Erklärung unrecht hatte, beweist gerade das Unrecht, das ihm durch das harte Urteil geschehen ist. .In einem „konsolidierten" Ungarn wäre ein solcher (Prozeß, zum mindesten 'aber ein solches Urteil unmöglich gewesen: wegen einiger politischer Artikel sieben ‘Jahre Zuchthaus und obendrein Konfiskation eines Milliardenvermögens! Daß im heutigen Ungarn bei einem solchen Prosenen Romanschriftstellerin Ulla Wolff-Fnankfrrter, ist selbst Verfasser vielgelesener Romane. Soeben ist in Berlin W 15, Meniel<eslral3c 10, d e erste Nummer einer neuen Monatsschrift der deutschen zionistischen Jugend, „Jungzionislische Blätter", erschienen. In Paris ist soeben die erste Nummer einer in deutscher Sprache erscheinenden Monatsschrift der Zioristen- Revisionisten, „Die Welt", erschienen. Die Redaktion haben Wladimir J? b o t i n s .k i, Dr. Max Az'kin und Doktor Sc hechtmann inne. zeß der Judenpunkt nicht fehlen darf, versteht stich am Rande. So suchte Herr Töleiky die „Haltung“ Hatvanys damit zu erklären, daß Ludwig Hatvany zwar -u n g >a r i scher Bürge r, aber als Nachkomme jüdischer Eltern nicht b lut ha ft er So ihn der m 'a g y a r i s c h e n Heimat sei. Diese Aeußerung (illustriert am besten, wie es beute in Ungarn um das Recht derjenigen bestellt ist, die wohl ungarische Bürger, -aber keine ,bluthiaften" Magyaren sind. Sehr richtig vergleicht das „(B. T." das Urteil im Hatviamy-Prozeß mit dem Numerus clausus in Ungarn; beides zeugt von einer Verkümmerung des R e dh t sbe wu ß t s e in s, Wieviel ist der „Internationale Jude“ wert? Den materiellen Wert des „Internationalen Juden" hat Theodor Fritsch, der Besitzer des Hammerverlages in Leipzig, wie ein tüchtiger Kaufmann genauestens errechnet. Ein ganzes Leben lang hat dieser „Altmeister" unter den Antisemiten, der heute im 75. Lebensjahre steht, für deutsche Ideale und Geistesgüter, nach dem Vorbild des germanischen Gottes Donar, gekämpft, indem er mit seinem, vom altgermanischen Gewittergott entlehnten „Hammer" auf Juden und Judentum losschlug: er erzeugte und propagierte antisemitische Literatur. Jetzt, auf seine alten Tage, erklärt er sich bereit, -auf einen Teil dieser Propaganda zu verzichten, wenn ihm für diesen Verzicht der Betrag von 40.000 Mark bar ausbezahlt würde. Wie man erfährt, hat Theodor Fritsch, der erst kürzlich in einem offenen Schreiben Henry Ford aufforderte, zur antisemitischen Bewegung zurückzukehren, nunmehr dem amerikanischen Milliardär in einem Schreiben die Bedingungen bekanntgegeben, unter denen er bereit wäre, auf den Vertrieb des Fordschen Werkes zu verzichten. Fritsch verlangt als Entschädigung nicht weniger a 1 s 40.000 Mark, denn gerade so hoch beziffere er den Verdienstentgang bei der Aufgabe des Vertriebs des Fordschen Buches. Der Vorschlag Fritsch1 war befristet, und die Frist scheint ergebnislos abgelaufen zu sein, denn Fritsch veröffentlicht jetzt im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" eine auffallende Annonce, in der er ankündigt, daß er, gestützt auf die urheberrechtlichen Gutachten prominenter deutscher Juristen, berechtigt sei, seine Ausgaben des Fordschen Buches weiter zu vertreiben; er biete also dem geehrten Publikum die ungemein bedeutungsvollen Betrachtungen Henry Fords zum Kaufe an. — So sind sie nun in Wirklichkeit: Sie wollen mit dem Judenhaß ein Geschäft machen, am Judenhaß verdienen, gleichviel ob durch einen Verzicht oder durch einen Vertrieb. Der Stalin-Kurs in SowjetruBland scheint eiime Richtung einzuschliagen, wie sie Kenner der russischen Mentalität längst vorausigesehen und vor-ausgesagt haben. Zwar suchen die russischen Machthaber, die gegenwärtig am Sta'ats-steuer sitzen, mach außen hin den -Schein der Sachlichkeit zu wahren, lassen -aber dafür, gewissermaßen unterirdisch, ihre 'Handlanger -und Helfershelfer nlach jener altbekannten Methode arbeiten, die sich | Toiletten für die | 1 elegante Dame 1 | Hautes coutures j | Hodenpalais flj | JULIUS KRUPNIK I | NUR VII-, KAISERSTRASSE NR. 115 | Größtes und führendes Spezialhaus Oesterreichs Ü| | Achtung! Kein« Filiale! AchtungI |§ (Scifttgc uttö förperlidje 9Jrbeit6fraft bei älteren ‘(ßerfonen crl)öl)t frei ucrföitflidjes, rnbutmijaltigcs „‘Jtaötofflcrin", 5ns bic TluL äirfulaticm förbert, ‘Bcrfalftttin ber TMutflcfäjje uorbeugt. giabiumgcbnlt omtliri) geprüft. Qlpo* tf)cf'c Topcr, IBicn, I., Sollacile 13. von jeher zur Aufreizung und Verhetzung der 'breiten Volksmassen als besonders geeignet erwies. So artet der mit aller Unerbittlichkeit geführte Kampf -gegen die Opposition zusehends in eine regelrechte J u d e n-h e l z e aus. Offiziell werden die Führer der Opposition, die T r o t z k i, S i n o w j e w, R a d e k, nach Sibirien verbannt, in der Presse jedoch und in Versammlungen kann man es lesen oder -hören, daß doch eigentlich bloß die Volksverräter Braunstein, Zederbraun und Sobelsohn deportiert worden seien. Es stört die (Bolschewiken nicht, daß sie vor Tisch ganz anders lasen; jetzt halten sie es für -förderlich und zweckentsprechend, im antisemitischen Fahrwasser zu segeln und das russische Volk zu verhetzen. Sie scheinen es von ihren zaristischen Vorgängern gelernt zu haben, daß so ein bißchen antijiidische Stimmung gut tut; es hetzt auf und lenkt ab. Die Hetze gegen -die Juden wird auch offiziell gefördert. Das Züricher sozialdemokratische Blatt „Volksrecht" veröffentlichte dieser Tage einen aus zuverlässiger Quelle stammenden (Bericht über den Stalin-Kurs in Rußland. Darin ist von der Verbannung Tirotzkis, Sinowjcws und -Radeks die Rede; zum Schluß heißt es: „Die Hetze gegen die Opposition geht Hand in -Hand mit einer eigentlichen Attacke gegen die Juden, die unter der Opposition ein starkes Kontingent bilden, und gegen die darum der Haß des Volkes offiziell geführt wird.“ Zwei Freisprüche Das Schwurgericht, z-u Nürnberg hat die Schriftleiter des -Nürnberger national-sozialistischen Hetzblattes „Der Stürmer“, den Landtagsabgeordneten Streich er und den Sta-dtrat Hol z, vcim der Anklage der (Beleidigu-ng des Retichsibundes jüdischer Frontsoldaten, dessen Mitglieder in einem Artikel als „Etappenschweine", „Marketender" und „Zuhälter" (bezeichnet worden waren, freigesprochen. Gleichfalls freiige-s-pro c-hen w-unden bei einer zweiten Schwurgerichtsverihiandl-ung -Redakteure, Verleger und Drucker des „Stürmers“, die wegen Beleidigung der jüdischen Religionsgemeinschaft (Religionsvergehen) unter Anklage standen. In mehreren „Stürmer"-Artikeln war behauptet worden, daß der Ritualmord heute noch im Judentum üblich sei und sogar vom Talmud gestattet werde. Durch obszöne und aufreizende Bilder wurden diese Behauptungen unterstrichen. Ferner wurde das Verbrechen des Leiferder Eis-enlbaihn-attentäters Schlesinger, der als Jude 'bezeichnet wurde, als ein im Sinne des Judentums gottgefälliges Werk dargestellt. Trotz des wissenschaftlichen Gutachtens des als Sachverständigen vernöjmmenem Würzburger Universitätsprofessors Geihieimrat (Dr. Hehn, -der das Absurde der Ritu-almordlegende darlegte und den Behauptungen über die 'angeblichen (Irrlehren des Talmud entgegentrat, und trotzdem der Staatsanwalt den Angeklagten Holz für überführt hielt und zwei iMonate Gefängnis gegen ihn beantragte, erfolgte wiederum -Freisprechung aller Angeklagten. In der Begründung heißt es, daß die Urheberschaft nicht festgestellt sei ulnd außerdem nicht .nachgewiesen werden könne, daß der Angeklagte Holz die jüdische Religionsgemeinschaft -habe angreifen wollen, sondern daß er die jüdische Volksgemeinschaft treffen wollte. Es liege deshalb kein Religionsvergehen vor. Gegen .beide Urteile -wurde Berufung eingelegt. — Diese zwei Freisprüche werden sicherlich den tapferen „Stürmern" Mut zu neuen Attacken gelben. Glosse Adolf Bartels' „Geschichte der deutschen Literatur" legt jetzt der Verlag Weslermann in Braunsohweig in neuer Auflage vor. Diese Literaturgeschichte ist eigentlich als Hauspostille für judenfeindliche Leser gedacht und daher rassentbe-oret-iscih eingestellt. Die Tendenz des Werkes spricht sich in folgenden Bartelsschen (Sätzen aus: „Wir haben es nie verstanden, unsere Großen geltend' zu machen, wir sind lieber die Kolporteure fremder Größen geworden. Wir Deutsche haben nichts Besseres zu tun, als jedem fremden Tausendkünstler, ja, jeder fremden Reklame-große bei uns sofort eine Heimstätte zu geben,“ -Es wäre am Ende nichts dagegen zu sagen, daß der Herr 'Professor auch im Schrifttum auf Rassenreinheit hält. Fragt sich nur, wer eigentlich (nach (Bartels) diese „fremden Tausendkünstler" und „Reklam-egrößen" sind, denen der Deutsche im seinem Schrifttum eine Heimstätte gewährt? Von den vielen, die der Herr Professor aulfzählt, wollen wir hier nur drei Oesterreicher nennen, von denen Herr Bartels meint, daß jüdisches Blut in ihren Adern fließe, nämlich-: 'Ferdinand (K ü r n ib e r g e r, Robert HamerJing und Emil Mario V a c -a n o. Man weiß, daß de-m Literarhistoriker Bartels jeder Schriftsteller mit auoh nur halbjüdisch klingenden Namen als Judenstämm-ling verdächtigt erscheint. Aber bei den genannten drei Oesterreichern versagt selbst das Namenszeichen Wenn sie Bartels trotzdem zu Judenstämmlingen stempelt, so muß man bei der Gewissenhaftigkeit, mit der dieser deutsche Professor arbeitet, voraussetzen, daß er hier die Blutsprobe vorgenommen hat. — Wahrlich, es sind die schlechtesten 'Früchte nicht, die Herr Bartels an den Baum des Judentums hängt!!- OSTJÜDISCHE ZEITUNG $ Organ für die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen | 11 Interessen der Judenschaft. (Herausgeber und Chefredakteur | * Dr. Mayer Ebner) „ Einzige jüdische Zeitung in deutscher Sprache in Osti> europa. - Erstklassiges erfolgreiches Insertionsorgan < | Erscheint dreimal wöchentlich, Samstag, Mittwoch, Freitag \ Redaktion, Administration und Verlag, Cernäutl, (Romania) {> Str. Schiller 5 Antisemitenspiegel

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