Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-02-16 · Heft 7 (16.2.1928) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 7 (16.2.1928)
Date
1928-02-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053760--0109-3055367
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DIE STIMME Seite 5 Es war während des Wellkrieges an der deutsch-russischen Front. Nach blutigem Kampf war es den deutschen Armeen gelungen, das jüdische Städtchen Baranow i c * e zu besetzen. Kaum waren aber die zu Tode ermüdeten Soldaten in den Quartieren untergebracht, als ein großangelegter russischer Angriff gemeldet wurde. Die Uebermacht war erdrückend, und so mußte widerwillig und ermatteten Leibes der Rückzug angetreten werden. Rasch wurde auf&ebrochen, und wenige Minuten später war das Städtchen verlassen. Nur einen Offizier, der auf deutscher Seite gegen die Russen mitkämpfenden polnischen Legionen, hatte der Rückzugsbefehl nicht erreicht. Nichtsahnend trat er, nach mehrstündigem Schlaf, aus seinem Quartier auf die Straße um zu seinem größten Schrecken wenige Schritte weiter russische Soldaten zu erblicken. Kurz entschlossen stürzte er in das nächste Haus, riß die Tiir zur ersten besten Stube auf und bat einen bärtigen Juden, der ihm entgegentrat, um Schutz, denn wenn die Russen ihn fänden, so würde er unzweifelhaft erschossen werden. Der Jude — es war der Rabbiner des Städtchens — hatte gerade, trotz Krieg und Kriegsgeschrei, an seinem Talmud gesessen und „gelernt". Schnell zog er nun seinen Tallis aus, reichte ihn dem Offizier, drückte ihm eine große Pelzmütze, wie sie die Juden im Osten tragen, tief ins Gesicht, und hieß ihn, sich mit an den Tisch setzen. Inzwischen hatten die Russen den Offizier bemerkt und nahmen die Verfolgung auf. Sie kamen in die Stube des Rabbiners und fragten: „Habt Ihr keinen polnischen Offizier gesehen?" „Nein," antwortete der Jude mit ruhiger Stimme. „Und wer ist der. da?" fragte ein besonders fürchterlich aussehender russischer Kosak und wies auf den Offizier, der in seiner Verkleidung am Tisch saß, eine Seite des Gebetbuches nach der anderen eifrig umhlätlerlc, sich dazu, wie es betende Juden tun, hin und her bewegend, und Unverstand" liehe Gebetworte vor sich hinmurmelte. Der Rabbiner blickte dem Russen fest ins Auge und sagte: „Der? Das ist mein Schüler." Der Offizier war gerettet. Wer es war? Kein anderer, als der heute mächtigste Mann in Polen — Pilsudski. Deshalb ist auf der Kandidatenliste des Regierungswahlblocks, der das künftige polnische Parlament für Pilsudski erobern soll, der Name: Elias Sack heim, Talmudist aus B a r a n o w i c z e, zu finden. Österreich „Judendämmerung“ in Wien? Dr. Friedmann, der Wortführer der Zionistischen Fraktion in der Wiener Kultusstube, hat während der eben abgeführten Budgetdebatte einen Kassandraruf ertönen lassen: „Das Ende dieser Gemeinde als jüdischer Großgemeinde ist abzusehen!" Nüchterne, klare Zahlen warf der kühle Rechner in den Saal, jede einzelne, die ganze Judennot in ihrer vollen Tragik in sich verkörpernd. Die altehrwürdige Wiener Judengemeinde, die zweitgrößte Europas, ist in Gefahr. Die unerbittliche Sprache der Zahlen beweist, daß die Wiener Judenschaft in einem Jahre 2040 Seelen, d. i. ein Prozent ihrer Gesamtzahl verloren hat. Und dann kamen wieder Zahlen, die beweisen, daß die n a - türliche Bevölkerungsabnahme bei den Juden fünfmal so groß ist als bei der nicht jüdischen Bevölkerung, daß auf tausend Menschen bei den Juden nur 5.8 Eheschließungen entfallen, während auf dieselbe Anzahl Nichtjuden 9.5 Eheschließungen entfallen, daß infolgedessen auf die gleiche Anzahl von Menschen 7.4 jüdische Geburten entfalten, während auf 1000 Nichtjuden 13,5 Geburten, also fast die doppelte Anzahl Kinder entfallen. Die Zahl der jüdischen Geburten ist nach der vorliegenden Statistik seit dem Jahre 1924 im steten Abnehmen begriffen. 1924 noch 2557 Geburten, 1925 schon 2190, 1926 1725, 1927 nur mehr 1479. Bei Sterbefällen und Austritten die umgekehrte Reihe. Von 2695 Todesfällen im Jahre 1924 stieg die Kurve auf 2739 Sterbefälle im Jahre 1927, von 881 Austritten aus dem Judentum auf 1063 im Jahre 1927. Von diesen 1063 Abtrünnigen waren in Wien geboren 665, d. s. 63 Prozent. Nach der von Dr. Goldhammer verfaßten statistischen Studie über die Juden Wiens gibt es in Wien aber nur 38.24 Prozent Juden, die in Wien geboren sind. Das Mißverhältnis ist zu kraß, als daß man darüber stillschweigend zur Tagesordnung hinweggehen könnte. Die Wiener Judenschaft ist krank. Die Statistik, das sicherste Thermometer für die Krankheit eines Volkes, zeigt auf Fieber. Wir wollen daran gehen, die Krankheitserreger bloßzulegen. Diejenigen, denen die Obsorge über das Volk anvertraut ist, werden die richtige Therapie finden müssen. Vier Ursachen sind es, die den steten Bevölkerungsrückgang bei den Juden Wiens bedingen! Verminderung der Heiraten, als Folge davon Rückgang der Geburten, das Ueberhandnehmen der Mischehen und die zunehmende Abfallsbeweg ung vom Judentum. Die Resultante dieser vier Komponenten ist ein Prozent Bevölkerungsabfall in einem Jahr. Die Verminderung der Heiraten ist eine Erscheinung, die nicht auf das Judentum allein beschränkt bleibt. Auch bei fr au Gisela flesch, geb. Deller Ingenieur frnst Taub Vermählte Wien, im fefniuir 1929 der nichtjüdischen Bevölkerung ist dieses Krankheitssymptom zu beobachten, das in allen Ländern auftritt, die von der Wirtschaftskrise heimgesucht wurden. Die Juden aber als selbständig erwerbendes Handelsvolk sind von den Wirtschaftsschwankungen mehr als alle anderen betroffen. In der Heiratskurve kommt dieser Umstand deutlich zum Ausdruck. Eine unausbleibliche Folge der verminderten Heiratsfähigkeit ist der stete Geburtenrückgang, denn uneheliche Geburten sind bei den Juden viel seltener, als bei keinem anderen Volke. Das Ein- und Zweikindersystem ist bei den Juden zur Regel geworden, weil sie hauptsächlich in Städten wohnen und dort die Verminderung der Kinderzahl auch bei den anderen Konfessionen Platz gegriffen hat. Eine Großstadterscheinung, die sich bei den Juden besonders fühlbar macht. Welcher Umstand aber verschuldet es, daß sich gerade bei der Wiener Judenschaft der Heiraten- und Geburtenrückgang in der Bevölkerungszahl besonders kraß ausdrückt? Wien hatte vor dem Kriege aus der Provinz einen steten Zustrom von Juden, die in der Hauptstadt eines 52-Millionenreiches leichter Erwerb zu finden glaubten. Dieser Zustrom, der den Bevölkerungsabfall um ein Vielfaches paralysierte, hat begreiflicherweise ganz aufgehört. Die Wirtschaftsverhältnisse in Wien sind derart geworden, daß es wohl niemand verlocken wird, hier sein Brot zu suchen. Ueberdies schiebt die Gesetzgebung der Einwanderung fremder Staatsbürger einen Riegel vor. Wie stark die Wiener Judengemeinde durch Juden aus dem „Reservoir“ der Provinz immer wieder aufgefüllt wurde, beweist der bereits erwähnte Prozentsatz von 38.24 der in Wien geborenen Juden. Alle anderen waren aus der Provinz zugewandert. In absehbarer Zeit wird das Verhältnis sich wohl in das Gegenteil verkehren. Der dritte Krankheitserreger ist die in letzter Zeit überhandnehmende Mischehe. Immer häufiger werden die Fälle, daß Juden andersgläubige Frauen heiraten, der umgekehrte Fall ereignet sich wohl viel seltener. Die Kinder aus solchen Mischehen gehen dem Judentum meist verloren, da sie doch meist dem Einfluß der christlichen Mutter ausgesetzt sind. Die Statistik beweist, daß drei Viertel der aus Mischehen stammenden Kinder dem Judentum verloren gehen. Das vierte Symptom für den steten Rückgang der jüdischen Bevölkerung ist die zunehmende Abfallsbewegung. War es vor dem Kriege die Tauft, die viele Juden ihrem Glauben entriß, so ist es heute die in Mode gekommene Konfessionslosigkeit, die unter den Wiener Juden grassiert. Die politische Abfallbewegung findet gerade im Judentum große Resonanz und gerade Juden sind es, die einen großen Prozentsatz der Konfessionslosen stellen. Muß dieser Rückgang der jüdischen Bevölkerung ein dauernder sein? Gibt es Mittel und Wege, ihn einzudämmen? Jüdische Erziehung, die Obsorge für die neue Generation, wird wohl viel dazu beitragen können, daß Mischehen und Austritte aus dem Judentum wieder zur Seltenheit werden. Der Rückgang der jüdischen Eheschließungen aber ist eine Folge der schlechten wirtschaftlichen Lage der Juden, die durch die Krise mehr als die übrige Bevölkerung betroffen werden, weil der Handels- und Gewerbestand, in dem ein Großteil der Juden Erwerb findet, davon am meisten betroffen wurde. Die Verelendung der jüdischen Massen hat zu einer völligen Pauperisierung des jüdischen Mittelstandes geführt. Geeignete wirtschaftliche Maßnahmen werden auch hier Wandel zum Besseren schaffen können. Nicht zum wenigsten sind an den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen der Juden die wirtschaftspolitischen Tendenzen von Rechts und von Links schuldtragend, die, wenn sie auch nicht immer direkt gegen die Juden gerichtet sind (was aber vielfach vorkommt), so doch auf die Wirtschaftsverhältnisse der Juden absolut keine Rücksicht nehmen. Durch geschlossene eigene Verteidigung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Position können die Juden der fortschreitenden Pauperisierung Einhalt gebieten. Wir ersuchen allen Manuskripten, die uns nicht über Verlangen eingesendet werden, Rückporto beizulegen, da sonst Rücksendung nicht erfolgt. Zuschriften und Manuskripte, die für unser Blatt bestimmt sind, mögen nicht an einzelne Personen sondern ausschließlich an die Redaktiqn (I., Rauhensteingasse 1) gesendet werden, da nur so rechtzeitige Erledigung bezw. Veröffentlichung gewährleistet ist. Wochen-Kalender Februar 1928 Gedenktage -HK-B3«? 1 rrmn 16 Donnerstag 25 — *3 17 Freitag 1785 — Nathan Krochmal, einer der hervorragendsten Vertreter der ostjlld. Aufklärung sowie einer der Begründer der jüd. Geschichtswissenschaft in Brody (Galiz;en) geboren. 1856 — Heinrich Heine in Paris gestorben. 26 — 18 Samstag 1851 — der berühmte Mathematiker Prof. Karl Gustav Jakobi in Berlin gestorben. 27 - 72 Sabba: Schekalim Haftarah s ben schewa schonim 19 Sonntag 1865 — der Bakteriologe Prof. Alexander Marmorelt, Abtellungsvorstand im Pariser Pasteur-Institut, bekannter zionistischer Führer, zu Miclnica (Oalizien) geboren. 28 — HD 20 Montag 29 - M 21 Dienstag 1677 — Baruch Spinoza in Scheveningen bei Haag gest. 1838 — der Sozialphilosoph Josef Popper-Lynkeus in Kolln geboren. 1866 — Professor August von Wassermann, der Entdecker der Wassermann’schen Reaktion zu Bamberg geboren. 30 — Rosch chodesch 22 Mittwoch TIS 1 - K Die Aktion für das Chajes- Werk Wie bereits berichtet, konstituierte sich am 7, ds. M. das Komitee zur Fortführung der von Oberrabbiner Dr. Chajes s. A. erhaltenen und geförderten Fürsorge- und Kulturinstitutionen. Es wählte den Präsidenten der Kultusgemeinde, Professor Pick, zu seinem Vorsitzenden, die Vizepräsidenten dei Kultusgemeinde Dr. Jakob Ornstein und Dr. Josef Löwenherz zu Stellvertretern und Herrn Sekretär Meißner zum Schriftführer. Der Vorsitzende, Professor Pick, wurde mit der Einsetzung und Einberufung des engeren Arbeitsausschusses betraut, der aus diesem Komitee gebildet wird. Der Arbeitsausschuß setzt sich aus dem Präsidium der Kultusgemeinde und der B n e i Brith-Logen, den Herren Dr. Leo Goldhamr m e r (als Präsident des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich), Hofrat Dr. S. Frankfurter und Börsenrat Glück zusammen. Die erste Sitzung des Arbeitsausschusses fand am 13. Februar statt. Es wurde die Textierung eines Aufrufes an die jüdische Bevölkerung Wiens beraten, der die Schaffung eines Fonds für die Fortführung des Chajes-Werkes propagiert. Ferner erörterte der Arbeitsausschuß verschiedene Mittel, um dem Chajes-Werk die für seinen weiteren Bestand nötige Basis zu sichern. Bei dieser Gelegenheit wurde auch zur Kenntnis gebracht, daß Professor Dr. K o h u t in New York, ein Freund und Verehrer des verstorbenen Oberrabbiners Dr. Chajes, sich bereit erklärt hat, die Hälfte der Druckkosten für eine Chajes-Denkschrift mit Beiträgen der jüdischen Gelehrtenwelt zu übernehmen. Die Redaktion dieser monumentalen Publikation wird in den Händen des Rektors der Wiener Israelitisch- Theologischen Lehranstalt, Hofrat Prof. Schwarz, liegen, der das Redaktionskomitee bestellen wird. Ein neuer Rekord an Billigkeit wird vom populären Leopoldstädter Warenhaus Brüder Schiffmann, 2. Bez. Taborstraße 48, ab heute während der verblüffenden Verkaufsokkasion des „Wirtschaftsrummels" aufgestellt. Sämtliche Qualitätserzeugnisse, in Weben, Leinen, Chiffons, Haus- und Bettwäsche, Damen- und Herrenwäsche werden zu noch nie dagewesenen Preisen abgestoßen. Unter anderem gelangt österreichische Spezialbettwäsche der weltbekannten Marke „R. S.‘‘ mit herrlichen Toledo-Stickereien zu Originalfabrikspreisen zum Verkauf. Mengenabgabe Vorbehalten! Nachstehend einige Beispiele aus der Preisliste: Reklamewebe, per Meter 55 Groschen, Geschirrtücher, per Stück 39 Groschen, Scheuertuch 54 Groschen, Batist-Taschentücher, gestickt, per Stück 20 Groschen, Damenwäschegamituren, Hemd oder Hose, 90 Groschen, Damenwäschegarnituren, ajouriert und gestickt, Hemd oder Hose, S 1.98, Hemdhose, gestickt und ajouriert, S 2.90, Miederleibchen 50 Groschen, Herrenhemden, weiß und färbig, neueste Mode, alle Halsweiten, S 2.90, Herren-Unterhose, prima Qualität, lang, S 1,90, Herren-Kragen, weich, alle Halsweiten, 20 Groschen, Prima Blaudruck, 78 breit, per Meter 98 Groschen, Prima Seidenbatist für Wäsche, 78 breit, per Meter 98 Groschen, Prima Bettuch, 140 breit, S 1.69, Prima Atlasgradl, 80 breit, per Meter S 1.25, Madras-Stoffe, für Vorhänge, per Meter 70 Groschen, Prima Wirtschaitshandtuch 89 Groschen, Prima Frottierhandtuch S 1.25. Gleichzeitig wird der sensationelle Sonderverkauf in Seidenwaren fortgesetzt. Jeder Kunde erhält ein Geschenk. Provinzversand per Nachnahme. Zur Vermeidung des Andranges wolle auch der Vormittag zuin Einkauf beniitzt werden. (Entgeltlich.) Tuchhaus Münz Wien I Irtlgasse 4 und ■ Kramergaiae 11 Zugang: Rotenturmatraße 11—13 Import original englischer und schottischer Damen- und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.