Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1928)
- Date
- 1928-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 7 (ö Palästina begonnene Werk aus ethischen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gründen zu fordern. Der Bericht wurde einstimmig genehmigt und dem Büro Decharge erteilt. In die leitenden Körperschaften des Komitees wurden neu gewählt: Geheimer Regierungsrat Dr. K a s 11, deutscher Vertreter in der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes, Dr. Peter- * e n, erster Bürgermeister von Hamburg und Generalkonsul Eugen Landau. Sodann berichtete Oskar Wassermann, Direktor der Deutschen Bank, im Anschluß an seine Palästina-Reise ausführlich über das jüdische Siedlungswerk. Die Schwierigkeiten des letzten Jahres erklärte er aus dem natürlichen Wirtschaftsprozeß, wies übertreibende Berichte zurück und schilderte die zuversichtliche Stimmung der Bevölkerung und die Bedeutung der jüdisch-kulturellen Leistungen. Die achon älteren, Jahrzehnte bestehenden Siedlungen zeigen, was aus dem Lande gemacht werden kann. Die Resultate der Nachkriegszeit wird man wegen der kurzen Zeit des Bestehens der Siedlungen erst in einigen Jahren abschätzen können. Der Hafenbau in Haifa und die Elektrifizierung des Landes eröffnen weite wirtschaftliche Perspektiven. Auch die Toten haben keine Ruhe Wieder eine Friedhofsschändung in Rumänien Wie aus Bukarest gemeldet wird, ist wieder eine barbarische Friedhofsschändung erfolgt, als de-: ren Urheber wohl auch diesmal wie in Jassy und anderwärts Studentenbanden anzusehen sind. In der Kleinstadt D r a n c e n i bei Husi wurde der jüdische Friedhof fast vollständig verwüstet. Nahezu sämtliche Grabsteine wurden umgeworfen und zertrümmert, viele Gräber geschändet. Die Täter wurden bisher nicht ermittelt, Die Bukarester Universität schützt die Synagogenschänder Unter dem Vorsitz des Rektors der Bukarester Universität, Pangrati, fand eine Sitzung des Universitäts-Senats statt, in der beschlossen wurde, alles Material, das zur Entlastung der verurteilten Studenten dienen könnte, zu sammeln und dem Unterrichtsministerium zuzuleiten. Es wurde der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß die Urteile zum größten Teil ungerecht und zu revidieren sind. Das J a s s y e r Appellationsgericht hat die Strafe des Studenten Buzueanu von zwei Monaten auf 15 Tage, die des Bardulescu von vier Monaten auf einen Monat herabgesetzt. Verurteilung der Thora-Diebe Das Kriegsgericht in Klausenburg hat von den vier Personen, die eine in der Synagoge geraubte Thorarolle zum Kaufe angeboten haben, zwei Studenten zu je vier Monaten, einen Buchdrucker zu der vereinfachten Handhabung sonst gebräuchlicher Worte („verdrießen“ statt „Verdruß bereiten“). Daß auch die Diktion manchmal, gerade um die gleiche Wirkung auszuüben, vom Original erheblich abweicht, zeigt sich z. B. darin, daß die Anreihung der Sätze durch „und", wodurch das Zeitwort gerne an die Spitze tritt, anscheinend bewußt durch das Gegenteil ersetzt wird, wodurch die Sätze blockartig aneinandergestellt erscheinen. Aus wahrem etymologischem Geiste sind Wendungen und Worte geschöpft, wie: „deine Augen verlangen sich ab" (Deut. 28, 32); „der große, der heldische, der umschauerte Gott“, der Schrein der „Vergegenwärtigung“ (nicht nur „des Zeugnisses"), „Wahrschreiber Aegyptens“ (nicht: Wahrsager), „Wolkenstand“ (statt: -säule), „Gleichwort" (für „Maschal“, übrigens auch im Jiddischen gebräuchlich), „jubeldanken“ (das Zeitwort hodoth vereinigt wirklich die Begriffe Jubel und Dank). — Daneben stehen freilich bedenkliche Uebersetzungen, wie: „Spähläufer“ (statt Kundschafter), „bedecken“ (für „sühnen“), „abgelten“ (für erretten, auslösen), sowie der „Braus Gottes" dem schon eine kleine Literatur gefolgt ist. Und am bedenklichsten erscheint 2s, wenn die Kürze hebräischer Rätselworte im Deutschen erst recht durch völlig Rätselhaftes (z. B. Deut. 32, 36) oder wenn Wortspiele durch weithergeholte Wortspiele wiedergegeben werden. Nur muß man über Einzelheiten und manchen Seltsamkeiten doch wieder nicht das ernste Pathos und den starken Rhythmus der Gesamtdiktion übersehen, der von einer ungeheuren Sorgfalt im einzelnen begleitet ist. Die Darstellung erhebt sich doch an vielen Stellen (so z. B. in der Erzählung vom Dornbusch, in der Offenbarungsgeschichte und gerade im Buche Dewarim in einzelnen Mosesreden, z. B. cap. 9 und 10) zu erlesener Schönheit und man kann gespannt sein, ob und wie Ton und Geist der Propheten („Propheten" klingt uns doch ergreifender als „Künder“) und der Psalmen in der neuen Uebertragung gewahrt und wirksam bleiben werden. Ernst Müller. ERMÄSSIGTE M ITTpLMEER^ FAHRTEN .JEDEN MONAT frSITMAR., WIEN KAHNTNERRINO 18 zwei Monaten und einen jüdischen Kaufmann, der angeblich eine Vermittlerrolle gespielt hatte, zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt. Die Genfer jüdische Gemeinde interveniert beim Völkerbund Gemäß einem Beschluß des Präsidiums der Genfer jüdischen Gemeinde erschien, wie von dort gemeldet wird, der Rabbiner von Genf S. B a 1 i z e r im Generalsekretariat des jVölkerbundes, um zugunsten der rumänischen Juden zu intervenieren. Er legte dar, daß die Ausschreitungen, die in Siebenbürgen, in Altrumänien und in Bessarabien vorgekommen sind, eine Verletzung der Minderheitenverträge bedeuten und übergab dem Völkerbundsekretariat ein Dokumente n-D o ss i e r über die Exzesse. Der Senat des Staates New York gegen die Exzesse Im Senat des Staates New York wurde, wie aus A 1 b a n y gemeldet wird, eine Resolution des Senators Downing eingebracht, in welcher (ähnlich wie in der Kongreßresolution Sirovitch) der Kongreß der Vereinigten Staaten auf gef ordert wird, gegen die Unterdrückung und Mißhandlung der j üdischen Bevölkerung und anderer religiöser Minderheiten in Rumänien zu protestieren und, wenn keine Besserung eintritt, die Beziehungen zur rumänischen Regierung abzubrechen. Die Resolution wurde dem juristischen Komitee des Netv Yorker Staatssenates zur Begutachtung überwiesen. Protestversammlungen in Brasilien Eine Reihe von jüdischen Organisationen Brasiliens, darunter auch das Zentralkomitee der „Poale Zion" veranstalteten, wie aus Rio de Janeiro gemeldet wird, Protestversammlungen gegen die Vorfälle in Rumänien. Der Denker der-menschlichen Freiheit Josef Poppe r-L y n k e u s wurde vor genau 90 Jahren, am 21. Februar 1838, zu Kolin in Böhmen geboren. Als er dreiundachtzigjährig in Wien die Augen schloß, war ein geistiger Lebensweg vollendet, der in die tiefsten und reichsten Gründe des menschlichen Daseins geführt hatte. Von außenher gesehen, war Popper, was man ein „Universalgenie" nennt. Sein auf Invention gerichteter Geist war auf jedem Gebiete, darin er sich betätigte, schöpferisch. Popper, der von der Technik herkam, war nachweislich der erste, der das für die moderne technische Entwicklung so fruchtbare Prinzip der elektrischen Kraftübertragung entdeckte; er war einer der ersten Vorkämpfer der Flugtechnik. Worauf Poppers Auge blickte, das bekam sozusagen Leben. Denn das Leben war der große Grundakkord in Poppers Denken. Dieses Denken führte in das Reich eines wahren, lebendigen Sozialismus. Das Gesellschaftssystem, das Popper in seinen Schriften („Das Individuum und die Bewertung der menschlichen Existenz“, „Die allgemeine Nährpflicht“, „Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben“) entwarf, war das eines individualistischen Sozialismus, von dem Gedanken ausgehend, daß des Menschen Sehnsucht nach Freiheit natürlicher ist, als der Wunsch nach Gleichheit. Das Recht auf Brot ist wesentlicher als das Recht auf den Stimmzettel; denn das höchste Menschenrecht ist das Recht zu leben. Jedes Leben ist sakrosankt und keinem Menschen steht das Recht zu, das Leben eines Mitmenschen gegen dessen Willen zu opfern. Die große Konzeption von Poppers Lehre ist vielleicht am klarsten in einem Satze seiner Schrift „Das Individuum und die Bewertung der menschlichen Existenz“ dargestellt; er lautet: „Wenn irgendein selbst noch so unbedeutendes Individuum, das keines anderen Leben mit Absicht gefährdet, ohne oder gar wider seinen Willen aus der Welt verschwindet, so ist das ein ungleich wichtigeres Ereignis als alle politischen, religiösen oder nationalen Ereignisse und als sämtliche wissenschaftliche* künsterische und technische Fortschritte aller Jahrhunderte und Völker zusammen.“ Das ist der Erlösungsgedanke für die Menschheit aus dem tausendjährigen Alp ihres Machtwahntraumes. Poppers Denken reicht in die große Zukunft der Menschheit, die sie noch zu erfüllen hat, in ihre neue ethische Zukunft, von der seine wundervollen „Phantasien eines Realisten“ in immer neuen Varianten erzählen. Dieser große Mensch der Zukunft war auch ein Jude der Zukunft, in aller Enttäuschung und Zurücksetzung zukunftssicher, sicher der schöpferischen Kraft seines Volkes, aus dessen Geist er selbst geschöpft, sicher des neuen Lebens, das sein Volk aus eigener Kraft auf eigener Erde baut. Seine letzte „Phantasie“, die er niederschrieb, war „Die Sabbatfeier des Baal-Schem"; sie führt in die Heiligkeit der menschlichen Ruhe, des großen freien Weltensabbat, Im Wiener Rathauspark steht eine kleine Stele mit Poppers Büste; sein Geist lebt heute in wenigen fort. Doch seine Stunde muß kommen, die Stunde, da die Menschheit zu ihrem Selbst erwacht. Die „Quote“ Europas bleibt unverändert Die neuenEinwanderungsbeschränk u n g e n, die von der Regierung der Vereinigten Staaten vorbereitet werden, haben, wie wir bereits berichten konnten, in der öffentlichen Meinung des Landes entschiedene Ablehnung erfahren; besonders die in den Vereinigten Staaten lebenden Iren, Italiener und auch die Polen haben gegen die neuen Drosselungen der Immigration Stellung genommen. Um jedoch den Zufluß fremder Arbeitskräfte, von denen ein Sinken des nordamerikanischen Lohnstandards befürchtet wird, zu verhindern, wird die Drosselung der Einwanderung jetzt auf die außerhalb der Union gelegenen Staaten des amerikanischen Kontinents angewendet werden. Arbeitsminister Davis hat, wie uns aus New York gemeldet wird, erklärt, diu Quote für die Einwanderer aus Europa werde in ihrer bisherigen Höhe unverändert bleiben; die neuen Einwanderungsbeschränkungen würden nicht die Immigranten aus Europa, sondern die Einwanderer aus Mexiko und anderen amerikanischen Staaten treffen. Eine interessante Kandidatur in Polen Für die Wahlen in den Sejm und Senat hat die Regierung Pilsudski einen Wahlblock gebildet, welcher ihr eine» sichere parlamentarische Grundlage schaffen soll. Auf der Kandidatenliste dieses Regierungsblockes steht u. a. auch ein sonst sehr, sehr wenig bekannter Name und sein Träger hat eine Beschäftigung, die sich in der Umgebung von Mitgliedern des Hochadels, Generälen, Großindustriellen, Großgrundbesitzern u. dgl. etwas eigenartig ausnimmt. Die Kandidatur lautet Elias Sackheim, Talmudist in Baranowicze. Um eine Kandidatur der politischen Geschäftemacher der jüdischen Orthodoxie, der Agudas Jisroel, wie solche da und dort auf der Regierungsliste zu finden sind, handelt es sich in diesem Falle, soweit bekannt, nicht. Diese Kandidatur hat vielmehr wenn man der polnischen Presse glauben darf, eine sehr interessante Vorgeschichte: lionlsiiscbes ^andesltozniiee tiiv CesfevrejcZi Wien, I, Kärntnerstraße 28, Ttlephon 77-4-85/86 MONTAG, den 20. Februar 1928, um V28 Uhr abends, im großen Saal des Konzerthauses, III, Lothringerstraße 20 Vovivag iVahum Scbolow, Präsident der Zionistischen Exekutive (London) Karten sind im Zionistischen Büro, I, Kärntnerstraße 28, erhältlich