Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1928)
- Date
- 1928-02-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 7 OIE STIMME Seite 3 „Das Bestehende kräftigen“ Eine Rede Weizmanns in London« Bet einem Massenmeeting in London-Whitechapel sprach der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Prof. Weizmann vor vielen Tausenden von Zuhörern über den Stand des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina. Er führte u. a. aus: „Den Hauptanstoß zur Krise, die schon im Jahre 1925 einsetzte, gab der Umstand, daß auf einmal große Massen jüdischer Einwanderer mit nicht genügend Kapital ins Land kamen und das wenige Kapital in unbeweglichem Eigentum anlegten, so daß sich bald ein fühlbarer Mangel an flüssigem Gelde bemerkbar machte. Allein in Tel- Aviv wurden fünf Millionen Pfund immobil gemacht. Es gibt heute 6000 Arbeitslose in Palästina, die auf Unterstützung angewiesen sind. Blickt man aber tiefer, so braucht man vor dieser Tatsache nicht zu erschrecken, denn auf dem Gebiete der Landwirtschaft nimmt alles eine normale Entwicklung. Auf dem Lande merkt man sehr wenig von der Krise. Zusammenfassend ist zu sagen, daß die Lage in Palästina nicht sch Ummer ist als in anderen Ländern. In Palästina wird ein großes Werk getan, es heißt geduldig warten, bis bessere Zeiten kommen. Man hat jetzt mit drei einschneidenden Tatsachen zu rechnen, die auf die Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens des Landes sehr günstig einwirken werden: 1. dem Bau des Haifa-Hafens; 2. der Elektrifizierung des Landes; 3. der Ausbeute der Salze des Toten Meeres. Wertvolle Hilfe ist auch von Seiten der Regierung zu erwarten, die öffentliche Arbeiten durchzuführen und noch in diesem Jahre Steuererleichterungen zu gewähren gedenkt. Es ist wahr, daß die Regierung nicht alles getan hat, was sie hätte tun können und müssen, um das jüdische Werk in Palästina zu fördern, aber man kann die Regierung nicht zwingen, schnellere Schritte zu machen, als sie selbst will. Die zionistische Verwaltung befolgt jetzt die Politik, wenigNeues zu versuchen, sondern das Bestehende zu kräftigen und auf allen Gebieten Sparsamkeit zu beobachten. Dies geschieht nicht aus freier Wahl, sondern aus Notwendigkeit. Die Eingänge des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth aus allen Ländern der alten Welt zusammengenommen ergeben nur um ein weniges mehr als die aus den Vereinigten Staaten fließenden Eingänge. Die Arbeit für Palästina wird noch immer von den armen Juden geleistet. Nur drei Prozent der Gelder für den Aufbau leisten reiche Juden, der Rest wird von den ärmeren und den mittleren Schichten beigesteuert, die Gott im Herzen haben.“ Dr« Weizmanns Amerika-Reise Prof. Weizmann tritt, wie aus London berichtet wird, am 29. Februar an Bord der „Majestic" eine Reise nach den Vereinigten Staaten an. Er wird an der diesjährigen Kampagne des United Palestina KARTONAGENFABRIK 1 3 OE1BANO & Co, WIEN IX. Qriindltfr. S Telephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ALLEN ARTEN KARTONS Appeal der Zionistischen Organisation Amerikas teilnehmen. Das jüdische Leben Selbst dem „Joint“ ist’s zuviel Er lehnt die Judenkolonisation in Sibirien ab« Der Leiter des Agro-Joint, des Instrumentes des American Joint Distribution Committee für jüdische Kolonisation in Rußland, Herr Dr. Joseph Rosen, erklärt in einem Schreiben an die Jüdische Telegraphen-Agentur, daß Agro-Joint dem Plan der Schaffung eines jüdischen Siedlungsrayons im Distrikt Biro Bidschan (Bureya) in Sibirien fernsteht. An der Auswahl des Gebietes im Fernen Osten habe Joint nichtteilgenommen und habe auch darum mit diesem Projekt nichts zu tun. Nach meiner Meinung, fügt Dr. Rosen hinzu, stehen dem neuen Plan noch große Schwierigkeiten entgegen; die Angelegenheit ist n o c h nicht genügend untersucht, um für eine Aktion reif zu sein. Ueber die weitere Kolonisation des „A g r o-J o i n t" erklärt Dr. Rosen: Es wird immer klarer, daß die bisherige Form der Finanzierung der jüdischen Kolonisation in Rußland unvollkommen sei; das gegenwärtige System trägt noch philanthropischen Charakter und bildet nicht eine genügende Grundlage für systematische Kolonisierung in der Zukunft. Die Finanzierung müsse einen geschäftlich-sozialen Charakter annehmen. Zu diesem Zwecke erwägt man die Schaffung einer jüdischen Agrarbank, mit einem Kapital von 20 Millionen Dollar, von welchem die Sowjet-Regierung 10 Millionen zur Verfügung stellen wird und die restlichen 10 Millionen von den amerikanischen Juden im Verlaufe von 5 Jahren aufgebracht werden würden. Sollte das American Joint Distribution Committee — schließt Dr. Rosen — mit den Geldzuschüssen aufhören müssen, oder sollten die Geldeingänge sich verringern, so wird es doch möglich sein, mit Hilfe der von den bisherigen Kolonisten zurückerstatteten Vorschüsse das Werk weiterzuführen. Generalversammlung des Deutschen Komitees Pro-Palästina Berichte von Graf Bernstorff und Direktor Wassermann, Die Generalversammlung des Deutschen Komitees Pro-Palästina zur Förderung der jüdischen Palästina-Siedlung fand, wie bereits berichtet, in Berlin am 9. Februar unter Vorsitz des Grafen Bernstorff statt. Graf Bernstorff legte im Namen des Präsidiums einen Tätigkeitsbericht vor, aus dem u. a. ersichtlich ist, daß die Mitgliederzahl in der Berichtsperiode von 71 auf 124 gestiege.n ist. In seinen Ausführungen betonte Graf Bernstorff noch einmal die NeutralitätdesPr o-P alästina- KomiteesiminnerjüdischenMeinungsk a m p f. Die Balfour-Deklaration, die die Schaffung einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina proklamiert, sei die selbstverständliche Grundlage für die Arbeit des Komitees; ein integrierender Bestandteil dieser Deklaration sei aber die Feststellung, daß in Sachen des Palästina-Aufbaus nichts geschehen werde, was die staatsrechtliche Stellung der Juden in allen Ländern irgendwie beeinträchtigen könnte. Das Komitee hat in Ausführung seines klaren und eindeutigen Programms die Aufgabe, das Cesen Sie in unserer schon Dienstag, den 21, Februar erscheinenden Nummer die offiziellen mieden und Berichte über die Gründung des österr. ^ro-Palästina-JComitees! einiges in der konkreten Verwirklichung hinzuweisen. Trotz der zahlreichen deutschen Uebersetzungen nämlich (wir nennen bloß die Gesamtübersetzungen von Luther, Allioli, Bunsen, Reuss, Van Ess, Mendelssohn, Zunz, Philippsohn, Kautzsch, Bernfeld), genügt doch keine in eigentlichem Sinne der gegenwärtigen Geistigkeit, weder von Juden noch von Christen. Auch die Lutherische nicht, weil sie, wenn auch aus tiefem deutschem Sprachgeist schöpfend und gewiß von genialer religiöser Absicht getragen, dem hebräischen Original nicht einmal im Sachlichen gerecht wird; die späteren, zum Teile jüdischen, zum Teile christlichen, nicht, weil sie nur zu häufig, in der Epoche der Aufklärung entstanden, sich gerade an dem spezifisch religiös-poetischen Geiste der Bibel versündigten, die Kautzsch'sche hingegen noch extra alle Sünden der modernen Bibelkritik in sich aufgenommen hat. Und außerdem kann ja eine wahre Bibelübersetzung nicht nur bedeuten: das fertige Literaturwerk wie irgend eines in eine andere Sprache zu übertragen oder es in ihr nachzuschaffen, sondern etwas von jenem stets lebendigen, bildenden und bildsamen Geiste mit herüber" zunehmen, der wenigstens in den Hauptteilen dieses ewige Buch immer auch mit dem schöpferischen Urquell seines Wesens verbunden sein läßt. Konkret scheint dies dreierlei zu bedeuten: das sprachschöpferisch gestaltende Element, das nicht nur in Kunst- und Redeform, sondern fast in iedem einzelnen Worte wirksam ist; das poetische, in welches auch einfachste Schilderungen doch noch irgendwie einverwoben sind, und das religiös-geistige, welches hinter und in beiden wirkt. So war es gewiß ein kühner Impuls, diesmal den Begriff der Uebersetzung in gewissem Sinne* umzukehren, was Franz Rosenzweig in der dem Bibel werk vorangeschickten Broschüre: „Die Schrift und Luther" im Anschluß an eine Bemerkung Schleiermachers so charakterisiert, daß es „Uebersetzungen gibt, welche den Schriftsteller möglichst in Ruhe lassen und den Leser ihm entgegen bewegen, und solche, die den Leser möglichst in Ruhe lassen und den Schriftsteller ihm entgegen bewegen." Das heißt: es käme einmal darauf an, nicht das Original in die Uebersetzungssprache herüberzutragen, in ihr nachleben zu lassen, sondern die eigene Sprache hinübertönen zu lassen in das Originalwerk, in diesem Falle also: nicht bloß etwas vom Hebräischen dem Deutschen einzubilden, sondern das Deutsche dem Hebräischen nachzuformen. Daß freilich von der sprachformenden Kraft des biblischen Hebräisch selber etwas in die anderen Sprachen übergehen kann, in diesen selbst sprachgestaltend weiterzuwirken scheint, zeigt sich ja noch viel stärker an dem wesentlichen Anteil, den die Bibelübersetzungen seinerzeit, getragen von der religiösen Bewegung des Protestantismus, an der Herausbildung des Neuhochdeutschen, wahrscheinlich auch des Neuenglischen hatten. Ja, umgekehrt kann man wohl kaum erwarten, daß die hochkünstlichen Wort- und Satzformungen des Buber-Rosenzweig'schen Werkes die deutsche Sprache lebendig bereichern — was schon in deren historischem Zustand begründet scheint und andererseits darin, daß es doch zum großen Teile Archaisierungen sind oder künstliche Hebraisierungen, der Etymologie und, wie es Buber gelegentlich aussprach, auch dem Klange nach. Das zweite Prinzip kommt deutlich genug zur Geltung: es ist alles in poetischer Form übertragen, das heißt, in jener aus dem Ton der getragenen Rede erklärbaren losen Rhythmik und Strophik, welche die einzige poetische Form der Bibel über-, haupt bildet, übrigens auch sonst fast überall in den Vordergrund tritt, wo das dichterische Element auf freie, halb ekstatische Art an das religiöse grenzt (man denke an griechische Hymnen, an Goethes Vermischte Gedichte, an Nietzsches Zarathustra). Es ist, als ob der Rhythmus noch nicht ganz in die äußere Form eingezogen, dennoch im Verborgenen die Bewegung zwischen Erstarrung und Entfesslung in Harmonie hielte. Nun ist freilich dieses Poetische in der Bibel doch sehr stark variiert und abgestuft: anders in der episch-legendenartigen Urerzählung, anders im Lied, in der prophetischen, weckenden oder strafenden Rede, anders im Tone der Gesetzgebung. Und hierin ist die Mannigfaltigkeit des Originals in der Uebersetzung doch einigermaßen monotonisiert. Ja es wirkt sogar etwas grotesk, wenn der große Redeschwung, etwa auf die Details der Speisegesetze angewendet, eine seltsame zoologische Terminologie zur Folge hat. Wie für das poetische Element die Mannigfaltigkeit der Darstellungstypen, erscheint für das religiöse die innere Verschiedenheit der religiösen Grundbeziehung, die doch in grandioser Weise über die vielen Jahrhunderte der Entstehung der Bibel hinweg wunderbar zur Einheit tendiert, bestimmend. Der direkte Ausdruck eines bestimmten religiösen Verhältnisses kann es sein, wenn Buber-Rosenzweig in keuscher Andeutung, die doch auch wieder dem Lautcharakter des Gottesnamens entspricht, diesen nur durch „Er" wiedergeben. Andererseits wird für das Verständnis des Kultischen nicht viel gewonnen, wenn die kultischen Objekte und Einrichtungen durch besonders fremdartige Bildungen bezeichnet oder gar — wie in der etymologisierenden Wiedergabe des „Altars durch Schlachtstatt" — ins Primitive hingedeutet werden. In derlei Uebersetzungen scheint überhaupt ein an sich nicht genug hoch einzuschätzendes Prinzip: etymologisch ins Innerste des Wortes einzudringen, ins Extrem getrieben und daher oft die Absicht selbst verfehlend, da wir schließlich doch denjenigen begrifflichen Sinn zunächst hinzunehmen haben, den das Wort in der Bibel, an der betreffenden Stelle, bereits bekommen hat, und darüber hinaus nur noch das Lebendige in der Bildung dieses Begriffes mitschwingen fühlen sollen; das parallele Etymologisieren im Deutschen hingegen führt leicht in völlig andere Begriffssphären. So kommt schließlich neben dem Bemühen, das Objektive bis zu den typischen Wendungen der hebräischen Diktion wiederzugeben (z. B. in der Verdopplung der Zeitwörter1, unversehens auch die subjektive Note immer wieder zum Vorschein, gerade. in der Art des Archaisierens und glücklicherweise auch in freien und manchmal treffenden Wortbildungen oder In